„anders fühlen“ von Benno Gammerl

Benno Gammerl verfasst mit „anders fühlen“ eine besondere Geschichte der Schwulen- und Lesbenbewegung in der Bundesrepublik, indem er den Fokus auf die private und öffentliche Emotionsgeschichte der schwulen und lesbischen Menschen zwischen den 1950er und 1980er Jahren legt. Er wirft einen Blick auf das Leben dieser Personen auf dem Land und in der Stadt und zeichnet die Entwicklung der Schwulen-, Lesben- und Frauenbewegung nach, deren Rechte nicht so linear vorankamen, wie es bisweilen dargestellt wird.

Benno Gammerls Sachbuch „anders fühlen“ liest sich für jemanden, der direkt betroffen ist, von Anfang an mit großem Interesse. In drei größeren Kapiteln zu den Nachkriegsjahren („Ausweichen“), den 1970er Jahren („Aufbrechen!“) und den 1980er Jahren („Ankommen?“) versucht der Autor, auf etwas mehr als 300 Seiten eine möglichst erschöpfende, wenn das überhaupt möglich ist, Geschichte der Schwulen- und Lesbenbewegung und -szene in der Bundesrepublik zu zeichnen. Ich hatte zuvor an keiner anderen Stelle auf so engem Raum derart gesammelte Informationen zu Menschen wie mir gelesen, außer vielleicht in der ein oder anderen Ausstellung.

Das Besondere an Gammerls Ansatz besteht darin, dass er sich nicht darauf beschränkt, eine Geschichte des Politischen und Öffentlichen, der Bewegung und der Szene zu verfassen, indem er zum Beispiel schildert, wie sich die Orte, an denen Schwule und Lesben sich trafen, veränderten: Während man sich in den 50er Jahren noch in gediegenen szenebekannten Caféhäusern traf, wurde in den liberaleren Jahrzehnten darauf alles plüschiger und auffälliger. Oder indem er feststellt, dass die Entwicklung hin zu mehr Freiheiten und Liberalisierung keine linear und progressiv verlaufende Einbahnstraße war, wie es manchmal dargestellt wird, sondern dass es trotz aller Fortschritte auch Rückschläge, Ausschläge in beide Richtungen und Pendelbewegungen gab. Hier korrigiert Gammerl eine weit verbreitete Auffassung, die in prägnanten Sprüchen wie „It gets better“ zum Ausdruck kommt.

Zusätzlich zur öffentlichen Seite beleuchtet Gammerl auch die private Seite der Schwulen- und Lesbengeschichte, ohne zu sehr in die intimen Details zu gehen, wie das Stichwort „Gefühls- bzw. Emotionsgeschichte“ vielleicht anklingen lassen könnte. Ihm geht es vielmehr darum, Lebensläufe einzelner Personen mit ihren sozial gesetzten Barrieren und persönlichen Potentialen, selbstauferlegten Einschränkungen und überwundenen Grenzen sichtbar zu machen. Um beispielhafte Biographien in dem Geschichtswerk zu veranschaulichen, wurden 32 Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner 2008 und 2009 von Gammerl zu ihrer Lebensgeschichte befragt. Immer wieder greift er einzelne Facetten und Lebensgeschichten im Laufe des Sachbuchs auf, um seine Argumentation zu untermauern, was natürlich eine gewisse Lebhaftigkeit in den Text bringt. Manchmal wird auch direkt aus dem Transkript eines Gesprächs zitiert, wenn die Stimmung und die Art des Sprechens wiedergegeben werden sollen.

Darüber hinaus gibt es zu Beginn jedes Großkapitels einen von insgesamt fünf „O-Tönen“ (Einleitung und Schluss mitgezählt), in denen jeweils die anonymisierten Gesprächspartner/innen Herr Meyer und Frau Schmidt zu Wort kommen. Die beiden erzählen über ihre Eltern, ihre Familie, ihren Beruf, ihr Leben als Schwuler bzw. Lesbe, ihr Leben auf dem Dorf oder in der Stadt, ihren Bezug zu Religion, Politik etc. Zeitlich sind die Ausschnitte aus den Lebensgeschichten von Herrn Meyer und Frau Schmidt jeweils auf das folgende Kapitel abgestimmt. Besonders spannend sind dabei natürlich die 70er Jahre, in denen sich die Bewegung politisierte – und tatsächlich wird Frau Schmidt zu einer „Polit-Lesbe“, wie sie sich selbst nennt.

Gammerl versucht, in seinem Buch die 80er Jahre ein wenig zu rehabilitieren, denn diese genießen seiner Ansicht nach zu Unrecht den Ruf, dass es kaum wirkliche Fortschritte, sondern eher Stillstand gab. Allerdings hat sich die Gesellschaft in diesen Jahren unter Helmut Kohl eine liberalere Einstellung gegenüber etwa Schwulen und Lesben angeeignet und ist in dieser Zeit demnach in der neuen Freiheit und Normalität angekommen, auch wenn es angesichts etwa der Aids-Krise immer noch ambivalente und zögernde Haltungen gab.

Mir hat die Überblicksdarstellung von Benno Gammerl sehr gut gefallen, da man eine Zusammenschau der Schwulen- und Lesbenbewegung erhält – und zugleich einen breitangelegten Einblick in das Leben Schwuler und Lesben über die Zeit verteilt in der alten Bundesrepublik. Wie haben unsere „Vorgänger“ gelebt? Womit mussten sie kämpfen, ehe sie so leben, wie sie eigentlich wollten? Welche Kampfstrategien erwiesen sich als erfolgreich? Wo haben sich Schwule und Lesben im Laufe der Zeit getroffen? Was hieß es, ein falsches Leben in einer heterosexuellen Scheinehe mit einer Frau oder einem Mann zu führen? All diese Fragen beantwortet Gammerl auf eine mehr als zufriedenstellende, ja sogar anschauliche und mit echten Lebensläufen unterfütterte Art.

Wer sich für die Geschichte der Homosexualität in Deutschland interessiert, liegt daher mit „anders fühlen“ richtig. Was noch aussteht, ist ein Buch, welches dieselbe Leistung mit Bezug auf die DDR vollbringt.

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