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Comic & Graphic Novel

„Die Ratten im Mäuseberg“ von Léo Malet, Emmanuel Moynot und François Ravard

Léo Malet/Emmanuel Moynot/François Ravard: Die Ratten im Mäuseberg. Schreiber und Leser.

Nach einem 1955 erstmals erschienenen Krimi des Schriftstellers Léo Malet haben der Zeichner François Ravard und der Szenarist Emmanuel Moynot den Comic „Die Ratten im Mäuseberg“ aus der Reihe um den Privatdetektiv Nestor Burma als Comic umgesetzt. Heraus kommt der neunte Fall des Schnüfflers Burma – ein kurzweiliger und unterhaltsamer Band mit überaus überraschendem Ende.

Die Handlung Bandes spielt im Jahr 1955 im 14e Arrondissement von Paris, wo sich der Park Montsouris befindet, von dem sich der titelgebende „Mäuseberg“ herleitet. Wir werden aus der Sicht des Ich-Erzählers Nestor Burma, eines cleveren Ermittlers, der imstande ist, blitzschnelle Schlüsse zu ziehen und rasch und beherzt zu handeln, mitten in die Geschichte – medias in res – hineingezogen.

An einem heißen Sommerabend möchte sich ein Gauner und alter Kamerad Nestor Burmas aus dem Kriegsgefangenenlager Stalag X B namens Ferrand mit diesem in der Billardkneipe Gergovie im 14. Arrondissement treffen. Das Treffen soll unter außergewöhnlichen Umständen stattfinden: Der Detektiv soll verkleidet als Clochard mit Pfeife auftauchen und so tun, als ob er Ferrand nicht kenne.

Burma lässt sich auf das Spielchen ein, das er zuerst nur für eine „Räuberpistole“ hielt. Kaum ist der Detektiv in der Kneipe angekommen, möchte Ferrand ihn für einen nicht auszuschlagenden Coup gewinnen, bei dem es um Millionen gehen soll. Außerdem gesteht Ferrand ihm bei sich zuhause, dass er Teil einer Diebesbande namens die Ratten vom Mäuseberg ist, die im Viertel ihr Unwesen treibt.

Léo Malets Roman „Die Ratten im Mäuseberg“ (Rowohlt, 1993)

Doch kaum dass der Detektiv die heruntergekommene Wohnung des Gauners verlassen hat, hört er einen lauten Schrei. Er macht kehrt. Im Gang kommt ihm eine Dame entgegen, die es eilig hat. Daraufhin findet er seinen ehemaligen Kameraden tot in einer Blutlache vor sich liegen. Ferrand ist ermordet worden. Den Millionencoup kann Burma nun vergessen, doch er beschließt seinen Freund zu rächen. Er nimmt die Ermittlungen auf.

Am selben Tag hatte auch ein Herr Gaudebert den Detektiv kontaktiert, ebenfalls aus dem 14. Arrondissement, um dessen detektivische Fähigkeiten in Anspruch zu nehmen. Denn Gaudebert hat einen Erpresserbrief von einem Ferrand erhalten, in dem dieser 250.000 Franc gefordert werden. Der Erpresste ist nicht ganz ohne Makel: Er hat sich unter der deutschen Besatzung einen Ruf als gnadenloser Oberstaatsanwalt erworben, der ihm den Spitznamen „Monsieur Rübe ab“ einbrachte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges durfte er, der ehemalige Kollaborateur, nicht weiter arbeiten, sodass er nun in finanziellen Engpässen steckt.

Neben Ferrand und Gaudebert sowie dessen Ehefrau treten noch weitere Figuren auf: Da gibt es noch die nymphomane Ehefrau eines Kunstmalers, Marie Courtenay, die mit allerlei verschiedenen Männern von ihrem Ehemann tolerierte Affären am Laufen hat. Dazu kommt der Psychiater Dr. Dalaruc, in dessen Behandlung sich ein Totgeglaubter befindet. Auch ein verbrecherischer Korse hat seine Finger mit im Spiel.

Der Kriminalfall ist spannend und beste Unterhaltungsliteratur. Das gilt wohl für das Original in Romanform von Léo Malet genauso wie für die Comic-Adaptation. Man folgt gerne den Ermittlungen des sympathischen Privatdetektivs Nestor Burma. Der Comic ist souverän gezeichnet und hervorragend umgesetzt – mit schönen und klar gezeichneten Bildern, in einer wohl durchdachten Farbgebung von
Philippe de la Fuente und in einer guten Übersetzung aus dem Französischen von Resel Rebiersch.

Nur gegen Ende entwickelt sich die Geschichte so rasant, dass man die raschen Wendungen und die findigen Schlussfolgerungen des Detektivs mehrmals lesen muss, um die Auflösung des Falls völlig zu erfassen. Ein paar mehr Seiten, Bilder und Sprechblasen hätten der Auflösung gut getan.

Was besonders positiv auffällt, ist der Lokalkolorit des Bandes. Straßen, Plätze, Parks und andere Schauplätze des 14. Arrondissements von Paris spielen in diesem Krimi eine wesentliche Rolle, die der der Figuren fast gleichkommt. Hier macht sich bemerkbar, dass Léo Malet während einer Zeit seines Lebens selbst in dem Viertel gewohnt hat, dessen Atmosphäre er mit großer Detailtreue aufruft.

Wer Paris mag, wer vielleicht selbst schon mal im 14. Arrondissement war, wird hier Genugtuung finden und einige Orte wiedererkennen, seien es der Park Montsouris, die place Denfert-Rocherau oder die Katakomben. Im Anhang des Werks erhalten die Orte des Viertels, die in dem Buch vorkommen, eine besondere Würdigung, indem sie mit Bildern und kurzen erläuternden Texten noch einmal vorgestellt werden. Zuletzt folgt eine gezeichnete Karte des 14. Arrondissement, auf welcher die wichtigsten Schauplätze des Krimis markiert sind.

„Die Ratten im Mäuseberg“ ist ein mit viel Liebe zum Detail besorgter Comic, der jeden Krimi- und Frankreichfan erfreuen wird. Eine unterhaltsame Krimi-Lektüre für zwischendurch.

Bewertung: 4/5

Bibliographische Angaben:
Autor: Léo Malet
Zeichner: François Ravard; Szenario: Emmanuel Moynot; Figuren: Tardi
Titel: Die Ratten im Mäuseberg
Übersetzung aus dem Französischen: Resel Rebiersch
Verlag: Schreiber und Leser
Erscheinungsdatum: 08.09.2020
Seitenzahl: 72
ISBN: 9783965820364
Kaufpreis: 18,80 €

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar, welches ich im Rahmen meiner Tätigkeit für TITEL Kulturmagazin erhielt. Die Tatsache, dass es sich um Leseexemplar vom Verlag handelte, beeinflusst meine Meinung nicht.

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Interview

Interview: „Ich schätze Maupassants Wildheit“ – 8 Fragen an Arne Ulbricht

In der nächsten Zeit wird auf meinem Blog ein kleiner Schwerpunkt auf dem französischen Schriftsteller Guy de Maupassant (1850-1893) liegen. Eingeläutet wird dieser durch ein Interview mit dem Maupassant-Freund und -Kenner Arne Ulbricht, der einen biographischen Roman über dessen Leben verfasst hat.

In seinem sehr gut recherchierten Roman erzählt Arne Ulbricht, der in Teilzeit als Lehrer für Französisch und Geschichte arbeitet und nebenbei seit 1997 Bücher schreibt, wie Maupassant zum Schriftsteller wurde. Er berichtet in unterhaltsamer Weise, mit viel wörtlicher Rede, aus dem Leben des jungen Mannes bis ins Jahr 1880, als die Novelle „Boule de suif“ erschien und sein Lehrer und literarischer Patron Gustave Flaubert starb.

Der Roman ist auf Deutsch („Maupassant: Biografischer Roman“, Klak Verlag, 2017) und auf Französisch („Cette petite crapule de Maupassant“, Les Éditions du Sonneur, 2019) erschienen.


Promenades littéraires: Lieber Herr Ulbricht, Sie haben einen biographischen Roman über Guy de Maupassant verfasst. Wie kamen Sie zu diesem Thema?

Arne Ulbricht: Dank meines Französischlehrers. Das war noch ein wahrer Überzeugungstäter, der uns wirklich begeistert hat. Die Novelle „Le Vagabond“ hat mich damals – ich war 18 – tief bewegt. Während meines Studiums habe ich dann einen Maupassant-Band nach dem anderen verschlungen und irgendwann eine Biografie gelesen. Ich staunte, was ich alles nicht über Maupassant wusste, und dachte: Über diesen fulminanten Autor schreibe ich einen Roman!

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Rezension Schöne Literatur

„Loving: Männer, die sich lieben – Fotografien von 1850-1950“ von Neal Treadwell und Hugh Nini (Herausgeber)

Neal Treadwell/Hugh Nini (Herausgeber): Loving: Männer die sich lieben. Fotografien aus den Jahren 1850-1950. Elisabeth Sandmann Verlag.

Dieser Tage ist im Elisabeth Sandmann Verlag ein außergewöhnlicher Bildband erschienen, dessen Anliegen es ist, die Universalität der Liebeserfahrung über die Zeit, den Raum und soziale Grenzen hinweg abzubilden. Das Besondere an diesem Werk: Die Herausgeber Neal Treadwell und Hugh Nini, die die Bilder auf ihren jährlichen Reisen durch verschiedene Länder in Europa, Kanada und quer durch die USA sammelten, haben 350 Bilder von ausschließlich Männerpaaren zusammengetragen. Insgesamt besitzen sie über 2800 Originalfotos liebender Männer.

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Lyrikkabinett

Aus dem Lyrikkabinett: „was Petersilie über die Seele weiß“ von Alexandru Bulucz

Alexandru Bulucz: was Petersilie über die Seele weiß. Schöffling & Co.

Alexandru Bulucz, geboren 1987 in Alba Julia in Rumänien, legt mit „was Petersilie über die Seele weiß“ seinen zweiten Gedichtband vor. Mit 13 Jahren wanderte er mit seiner Familie nach Deutschland aus. Nach Stationen in Bayern, wo er das Abitur erwarb, studierte Bulucz von 2008 bis 2016 in Frankfurt am Main Germanistik und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Seit 2013 veröffentlicht er regelmäßig Lyrik in Zeitschriften und Anthologien.

Die poetischen Erfahrung merkt man dem vielschichtigen Lyrikband mit dem gewitzten Titel „was Petersilie über die Seele weiß“ an, in dem Erinnerungen, Gegenwartserfahrungen und Bilder aus den verschiedensten Lebensbereichen zusammenfließen. Gleich zu Beginn des Bandes wird in einem einleitenden Gedicht mit losem Programmcharakter – passend zur titelgebendem Petersilie – festgelegt: „Digestion statt Diegese. Schreiben sei Verdauungsstunde, Darmkontrakt. Ich gehe prompt d’accord! Die Selbstverdauung schieb ich weiter vor mir her. Die Verwesung tritt ja schließlich nach dem Tode ein.“

Sowohl die Verdauung, vertreten durch kulinarische und digestive Metaphern, als auch der Tod, die Vergänglichkeit und die Religiosität haben in dem Gedichtband immer wieder ihren Auftritt.

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Rezension

„Allerorten“ von Sylvain Prudhomme

Sylvain Prudhomme: Allerorten. Unionsverlag.

„Allerorten“, der Titel dieses Romans, der im französischen Original „Par les routes“ lautet, ist ein veralteter, aber dafür umso schönerer Ausdruck für das Adverb „überall“. Und tatsächlich bewegt sich einer der Protagonisten dieses leichten und lebensbejahenden Romans überall in Frankreich. Es handelt sich um den Anhalter, der trampend durch das ganz Land reist.

Doch von vorn: Der Schriftsteller und Ich-Erzähler des Textes Sacha hat das großstädtische Lebens in der französischen Hauptstadt satt und zieht daher von Paris in die kleine Stadt V. in der Provence um. Von V. erfahren die Leserinnen und Leser nicht viel mehr als den ersten Buchstaben. In dem Ort wohnt zufällig auch der Anhalter, mit dem Sacha 17 Jahre zuvor während des Studiums in Paris bereits befreundet war, ehe die beiden sich zerstritten und daraufhin getrennte Wege gingen.

Als die beiden ehemaligen Freunde sich in dem kleinen Ort nach fast zwei Jahrzehnten wiederbegegnen, verstehen sie sich besser denn je.

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Buchliste Schöne Literatur

18 schöne Bücher aus unabhängigen Verlagen

Das Netzwerk „Schöne Bücher“ bringt zweimal jährlich ein Magazin mit Lesetipps aus mehr als 50 unabhängigen Verlagen heraus. Auf jeder Doppelseite präsentiert ein unabhängiger Verlag die eigene Philosophie sowie drei Bücher aus dem aktuellen Programm.

Der 100-seitige Katalog hat sich zum Ziel gesetzt, etwas Übersichtlichkeit in die kaum zu überblickende Masse an Neuerscheinungen zu bringen, immerhin ingesamt 80.000 Titel jedes Jahr. Ich möchte euch heute meine Auswahl von 18 Titeln vorstellen, die ich aus diesem Katalog entnommen habe.

Lothar Becker: Als Großvater im Jahr 1927 mit einer Bombe in den Dorfbach sprang, um die Weltrevolution in Gang zu setzen.

Eigentlich hätte Großvater lieber per Dekret die Dummheit verboten. Doch sein Freund Herbert, der im Dorf die Hühner schlachtet und wie er eher versehentlich in die Kommunistische Partei eingetreten ist, hat eine andere Idee, wie man die Weltrevolution in Gang setzt: natürlich mit einer Bombe in einer Machtzentrale der herrschenden Klasse! Nachdem ein erster Anschlag auf eine unschuldige Rathaustreppe im Nachbarort noch nicht ganz den gewünschten Erfolg erzielt, flüchtet er mit seiner neuen Freundin Else nach Wien und gerät in die Fänge von Genosse Schmidt und Genossin Olga, die einen weitaus größeren Beweis für seine Loyalität zur Partei einfordern: Er soll den Stephansdom sprengen. Lothar Beckers liebevoll-grotesker Roman ist eine ironische Abrechnung mit Ideologien, Weltanschauungen und den mit ihnen verbundenen Heilserwartungen.

Carpathia Verlag. 256 Seiten. 20 €

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Gewinnspiel

Gewinnspiel: 6 Bücher zu verlosen

Heute wende ich mich an Euch, weil es etwas zu gewinnen gibt. Genau, richtig gehört. Es findet ein Gewinnspiel statt. Ich verlose sechs Bücher, vier Hardcover und zwei Taschenbücher. Und um teilzunehmen, müsst ihr auch gar nicht viel tun. Die Teilnahmebedingungen folgen weiter unten.

Die Preise

Hier zunächst die sechs Preise im Einzelnen, die unter allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Losverfahren verlost werden.

David Grossmann: Was Nina wusste.

Es gibt Entscheidungen, die ein Leben zerreißen – Wer könnte eindringlicher und zarter davon erzählen als David Grossman

Drei Frauen – Vera, ihre Tochter Nina und ihre Enkelin Gili – kämpfen mit einem alten Familiengeheimnis: An Veras 90. Geburtstag beschließt Gili, einen Film über ihre Großmutter zu drehen und mit ihr und Nina nach Kroatien, auf die frühere Gefängnisinsel Goli Otok zu reisen. Dort soll Vera ihre Lebensgeschichte endlich einmal vollständig erzählen. Was genau geschah damals, als sie von der jugoslawischen Geheimpolizei unter Tito verhaftet wurde? Warum war sie bereit, ihre sechseinhalbjährige Tochter wegzugeben und ins Lager zu gehen, anstatt sich durch ein Geständnis freizukaufen? „Was Nina wusste“ beruht auf einer realen Geschichte. David Grossmans Meisterschaft macht daraus einen fesselnden Roman.

Hanser Verlag. 353 Seiten. 25 €

Jérôme Ferrari: Nach seinem Bilde.

Antonia, eine junge Fotografin, trifft auf Korsika eines Abends unerwartet auf den Söldner Dragan, den sie Jahre zuvor im Jugoslawienkrieg kennengelernt hat. Nach Stunden intensiver Unterhaltung entscheidet sich die junge Frau heim in die Berge zu fahren und verunglückt tödlich.
Die Totenmesse wird von ihrem Onkel, einem Priester abgehalten. Um seine unendliche Trauer über den Tod der innig geliebten Nichte im Zaum zu halten, entscheidet er sich für die strikte Einhaltung der Regeln der Liturgie. Im Glutofen der kleinen Kirche aber steigen Bilder der Erinnerung aus dem Leben der Verstorbenen auf …
Sie führen vom militanten Nationalismus auf Korsika über die verheerenden Kriege des 20. Jahrhunderts ins Herz der Frage nach der menschlichen Existenz, dem Glauben, der Macht von Politik und bringen unsere Vorstellung von Zeit, Wirklichkeit und Tod ins Wanken.

Secession Verlag für Literatur. 208 Seiten. 20 €

Colum MacCann: Apeirogon.

Rami Elhanan und Bassam Aramin sind zwei Männer. Rami braucht fünfzehn Minuten für die Fahrt auf die West Bank. Bassam braucht für dieselbe Strecke anderthalb Stunden. Ramis Nummernschild ist gelb, Bassams grün.
Beide Männer sind Väter von Töchtern. Beide Töchter waren Zeichen erfüllter Liebe, bevor sie starben. Ramis Tochter wurde 1997 im Alter von dreizehn Jahren von einem palästinensischen Selbstmordbomber vor einem Jerusalemer Buchladen getötet. Bassams Tochter starb 2007 zehnjährig mit einer Zuckerkette in der Tasche vor ihrer Schule durch die Kugel eines israelischen Grenzpolizisten.
Ramis und Bassams Leben ist vollkommen symmetrisch. Ramis und Bassams Leben ist vollkommen asymmetrisch. Rami und Bassam sind Freunde.
Apeirogon: eine zweidimensionale geometrische Form mit einer gegen unendlich gehenden Zahl von Seiten.
Während „Apeirogon“ nach und nach seine nahezu unendlichen Seiten auffächert und die beiden Männer in seiner Mitte rahmt, entfaltet sich der Palästinakonflikt in seiner ganzen Historie und Komplexität. Dies ist Colum McCanns überwältigendes Meisterwerk – ein Roman, der das Unbeschreibliche sinnlich und sinnhaft erfahrbar, greifbar macht. Ein kaleidoskopischer Text stellt die zeitlose Frage: Wie leben wir weiter, wenn das Liebste verloren ist? Und: Wie kann der Mensch Frieden finden? Mit sich selbst, mit anderen.

Rowohlt Verlag. 608 Seiten. 25 €

Raymond Queneau: Zazie in der Metro.

Madame Grossestittes will ungestörte Stunden mit ihrem Liebhaber verbringen. Deshalb übergibt sie ihre Tochter Zazie gleich bei der Ankunft an der Gare d´Austerlitz ihrem Bruder Gabriel, der in einem Cabaret arbeitet. Bei ihrem Onkel lernt die freche Zazie Gabriels Frau Marceline kennen, den Taxifahrer Charles, Turandot, dem die Kneipe unten im Haus gehört, die Kellnerin Mado, den Papagei Laverdure und vor allem das überbordende Paris selbst. Zazie hat einen einzigen Herzenswunsch – sie will einmal im Leben mit der Metro fahren. Doch die wird ausgerechnet an diesem Wochenende bestreikt.
Dachten wir bisher! Aber nach sechzig Jahren kommt Zazie in dieser erweiterten Ausgabe des Romans erstmals wirklich in die Metro…

Zazie in der Metro ist einer der beliebtesten französischen Romane des 20. Jahrhunderts – eine wilde, verspielt und deftig erzählte Geschichte über Paris, über die Sprachen des Alltags und über die abenteuerlustige, neunmalkluge Zazie, die so ziemlich ALLES auf den Kopf stellt.

Suhrkamp Verlag. 240 Seiten. 22 €

David Szalay: Was ein Mann ist.

Neun Männer im Alter von 17 bis 73, jeder von ihnen in einem kritischen Moment seines Lebens, jeder auf seiner Reise durch ein Europa ohne Grenzen – von London bis Prag, von Belgien bis Zypern. Sie alle müssen sich beweisen, mit Frauen oder woran sie sich sonst klammern. Raffiniert dringt Szalay in die Psyche des modernen Mannes ein.

dtv Verlag. 512 Seiten. 12,90 €

Franzobel: Das Floß der Medusa.

Juli 1816: Vor der Westküste von Afrika entdeckt der Kapitän der Argus ein etwa zwanzig Meter langes Floß. Was er darauf sieht, lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren: hohle Augen, ausgedörrte Lippen, Haare, starr vor Salz, verbrannte Haut voller Wunden und Blasen … Die ausgemergelten, nackten Gestalten sind die letzten 15 von ursprünglich 147 Menschen, die nach dem Untergang der Fregatte Medusa zwei Wochen auf offener See überlebt haben. Da es in den Rettungsbooten zu wenige Plätze gab, wurden sie einfach ausgesetzt. Diese historisch belegte Geschichte bildet die Folie für Franzobels epochalen Roman, der in den Kern des Menschlichen zielt. Wie hoch ist der Preis des Überlebens?

btb Verlag. 592 Seiten. 12 €

Wie man mitmachen kann

Du möchtest dein Glück versuchen? Mitmachen ist ganz einfach: Du hinterlasst unter diesem Beitrag einen Kommentar, in welchem du folgende zwei Fragen beantwortest:

  • Welche Art von Büchern liest du besonders gern?
  • Welches von dir gelesene Buch hat dir 2020 bisher am besten gefallen?

Du musst beim Kommentieren eine gültige E-Mailadresse angeben, damit anschließend ein Kontakt möglich ist, um Weiteres zu klären. Das Gewinnspiel läuft bis zum 24. Oktober um 23:59 Uhr.

Ich drücke jeder Teilnehmerin und jedem Teilnehmer die Daumen!

Teilnahmebedingungen

  • Die Teilnehmer müssen mindestens 18 Jahre alt sein oder haben das Einverständnis der Eltern.
  • Falls du gewinnst und unter 18 Jahre bist, musst du eine Einverständniserklärung deiner Eltern vorweisen können, damit die Adresse an mich herausgeben darfst.
  • Es besteht keine Haftung, sofern ein Gewinn auf dem Postweg verloren geht.
  • Die Adressen und Daten der Gewinner werden nach dem Versand der Gewinne gelöscht und nicht weiter gegeben.
  • Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
  • Die Teilnahme ist auf Deutschland und Österreich beschränkt.
  • Die Ziehung erfolgt nach dem Zufallsprinzip.
  • Das Gewinnspiel endet am 24. Oktober um 23:59 Uhr.
  • Die Gewinner werden zwischen dem 25. und dem 26. Oktober ausgelost.
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Rezension

„Annette, ein Heldinnenepos“ von Anne Weber

Anne Weber: Annette, ein Heldinnenpos. Matthes & Seitz.

„Annette, ein Heldinnenepos“ von Anne Weber ist ein Werk, das ganz im Zeichen des Widerstands steht. Die 96-jährige französische Medizinerin und Résistance-Kämpferin Anne Beaumanoir, geboren 1923 in der Bretagne, ist die unangefochtene Heldin dieses mit dem Deutschen Buchpreis 2020 prämierten Versepos. Sie stellte ihr Leben in den Dienst des Kampfs gegen Besatzer, zunächst gegen die Deutschen während des Zweiten Weltkriegs, dann, ab 1954, gegen die französischen Kolonialherren im Kampf um die Unabhängigkeit Algeriens.

Zunächst scheint es heute ein kühnes Projekt, einen Roman in Versform in Angriff zu nehmen. Allein für diese formale Herausforderung gebührt der Autorin Anne Weber schon Respekt. Der Text ist in Versen von unterschiedlicher Länge gehalten; ein durchgehend gleichbleibendes Metrum wie der für das Epos typische Hexameter ist dabei nicht zu erkennen, was vielleicht manchen Formalisten enttäuschen wird.

Das Epos stellt traditionell männliche Helden in den Mittelpunkt – Achill in der „Ilias“, Odysseus in der „Odyssee“ oder Aeneas in der „Aeneis“ -, die sich im Kampf, auf Reisen und auf Irrfahrten durch Heldentaten bewähren müssen. Nicht selten dient das Genre zudem als Nationalepos der Selbstaffirmation einer ganzen Nation. Etwas anders liegt die Sache bei „Annette, ein Heldinnenepos“.

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Buchliste

Kanadische Literatur: Gastland/Ehrengast Kanada 2020/21 – die 32 besten Bücher

Unter dem Motto „Singular Plurality – Singulier Pluriel“ ist Kanada im Jahr 2020/21 der Ehrengast der Frankfurter Buchmesse, die von 14. bis 18. Oktober 2020 digital stattfindet. 2021 wird Kanada noch einmal der Ehrengast der Buchmesse sein (20. bis 24. Oktober 2021), dann aber voraussichtlich mit einer echten Messepräsenz an Ort und Stelle in Frankfurt am Main.

Die Literatur und Kultur Kanadas zeichnet sich durch eine charakteristische Vielfalt aus, allein schon aufgrund der unterschiedlichen Sprachen, die in dem Land gepflegt werden: Französisch ist Amtssprache in der Provinz Québec, Englisch wird im gesamten Land verstanden und gesprochen, dazu kommen mehrere indigene Sprachen.

Online findet sich eine Internetpräsenz zum Gastlandauftritt. Im Folgenden werden die besten Bücher des kanadischen Gastlandauftritts mit Bild, Klappentext, bibliographischen Angaben und Link vorgestellt. Viel Freude mit der Literatur und den Texten!

Margaret Atwood: Die Zeuginnen.

»Und so steige ich hinauf, in die Dunkelheit dort drinnen oder ins Licht.« – Als am Ende vom »Report der Magd« die Tür des Lieferwagens und damit auch die Tür von Desfreds »Report« zuschlug, blieb ihr Schicksal für uns Leser ungewiss. Was erwartete sie: Freiheit? Gefängnis? Der Tod? Das Warten hat ein Ende! Mit »Die Zeuginnen« nimmt Margaret Atwood den Faden der Erzählung fünfzehn Jahre später wieder auf, in Form dreier explosiver Zeugenaussagen von drei Erzählerinnen aus dem totalitären Schreckensstaat Gilead. »Liebe Leserinnen und Leser, die Inspiration zu diesem Buch war all das, was Sie mich zum Staat Gilead und seine Beschaffenheit gefragt haben. Naja, fast jedenfalls.Die andere Inspirationsquelle ist die Welt, in der wir leben.«

The Booker Prize 2019.

Aus dem Englischen von Monika Baark. Berlin Verlag. 576 Seiten. 25 €

Margaret Atwood: Der Report der Magd.

Die provozierende Vision eines totalitären Staats, in dem Frauen keine Rechte haben: Die Magd Desfred besitzt etwas, was ihr alle Machthaber, Wächter und Spione nicht nehmen können, nämlich ihre Hoffnung auf ein Entkommen, auf Liebe, auf Leben … Margaret Atwoods „Report der Magd“ ist ein beunruhigendes und vielschichtiges Meisterwerk, das längst zum Kultbuch avanciert ist.

Aus dem Englischen von Helga Pfetsch. PIPER Taschenbuch. 416 Seiten. 12 €

Marie-Claire Blais: Drei Nächte, drei Tage.

Eine sonnendurchflutete Insel, irgendwo im Golf von Mexiko. Hier leben Menschen in Reichtum, andere in extremer Armut. Und hier versucht eine Frau namens Renata sich nach einem Eingriff auszukurieren. Doch ihre Unruhe gilt nicht nur ihrer Gesundheit, Renata schwankt zwischen hedonistischen Ausschweifungen und der Verantwortung für andere, zwischen der Schönheit der Welt und ihrer Ungerechtigkeit. Währenddessen finden auf der ganzen Insel Festivitäten statt – man feiert die Geburt eines Kindes und das Ende des 20. Jahrhunderts –, es versammelt sich ein schillerndes Ensemble an Charakteren: Künstler, Drag-Queens, Ku-Klux-Klan-Mitglieder, Kinder, die in unschuldige Spiele vertieft sind, Geflüchtete der benachbarten Inseln. Sie alle verbindet eine innere Zerrissenheit und das unausweichliche, sie umgebende Meer.

Aus dem Französischen von Nicola Denis. Suhrkamp Verlag. 391 Seiten. 24 €

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„Streulicht“ von Deniz Ohde

Deniz Ohde: Streulicht. Suhrkamp Verlag.

Chancengleichheit würde herrschen, wenn jeder Person unabhängig von Kategorien wie sozialer Herkunft, Abstammung oder Geschlecht die gleichen Chancen bei Bildung und Beruf offen stünden. In Deutschland bleibt die soziale Herkunft laut der PISA-Studie 2015 entscheidend für den Schulerfolg, und zwar nach wie vor stärker als in anderen Industrienationen. Laut der PISA-Studie aus dem Jahr 2018 hat die soziale Ungleichheit in Deutschland sogar wieder zugenommen.

Deniz Ohde hat sich in ihrem Debütroman „Streulicht“ ganz dem Thema der sozialen Ungleichheit und des Rassismus gewidmet, indem sie mit einem klarsichtigen und unverstellten Blick sowie deutlichen Worten, um es mit Bourdieu zu sagen, den feinen Unterschieden in unserer Gesellschaft nachspürt, die sich von der Kindheit über die Jugend bis ins Erwachsenenleben ihrer Erzählerin ziehen.