„Abschied ohne Ende“ von Wolfgang Hermann

Der österreichische Schriftsteller Wolfgang Hermann hat mit „Abschied ohne Ende“ einen Roman über den Tod seines 17-jährigen Sohnes geschrieben. In lyrischer Sprache und nahegehender Weise verarbeitet der Erzähler das Unvorstellbare und schafft damit in der Literatur einen zeitlosen Raum für das, wofür man sonst nur schwer Worte findet.

Die Zeit verschwand an jenem Morgen. So still war es nie im Haus. Ich schlug die Augen auf und wusste es. Aber konnte ja nicht sein, es durfte nicht sein. Es war doch nur eine Grippe. Es war nur Fieber. Daran stirbt ein junger Mensch nicht. Aber die Stille sagte es, es war die Stille die nur die Anwesenheit des Todes bedeuten kann.

In seinem Roman über den Tod seines jugendlichen Sohnes Florian, dem der Text gewidmet ist, sucht der Autor nach Worten, Begriffen, Bildern, Metaphern, Erklärungen und einem Sinn für das, was niemandem im Leben widerfahren sollte – dem Tod eines Kindes. Es handelt sich nicht um einen rein autobiographischen Text, sondern um eine Verarbeitung des Geschehenen 13 Jahre danach. Dies erkennt man unter Anderem daran, dass der Gestorbene nicht als Florian, sondern als Fabius in die Erzählung eingeführt wird.

Fabius stirbt an einer Krankheit, was das Leben des Erzählers und Vaters komplett über den Haufen wirft. Dort, wo vorher Sinnhaftigkeit vorherrschte, gibt nun nur noch quälende Fragen und Dunkelheit: Hat er als Vater versagt? Haben seine Frau Anna, von der er seit Langem getrennt lebt, und er selbst zu früh ein Kind bekommen? Wie kann es sein, dass ein junger Mensch an den Folgen einer simplen Grippe stirbt?

In diesen „Tage[n] ohne Licht“, wie es einmal heißt, lässt der Erzähler das Vergangene Revue passieren, als ob dadurch etwas ungeschehen gemacht werden könnte. Er denkt an seine Ex-Frau Anna, die er liebte, an gemeinsame Erinnerungen und Zeit, aber auch daran, dass Fabius erst vor kurzer Zeit von der Mutter zu ihm in die Stadt gezogen ist und sich gerade erst eingelebt hatte. Etwas konturlos und vage bleibt die Rolle von Christian, einer dem Erzähler offenbar nahestehenden Person, die eher im Hintergrund bleibt und hin und wieder namentlich genannt wird.

Es beginnt eine Zeit der Zeit- und Wortlosigkeit, des Dahinlebens, in der der Erzähler es schwer hat, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Man verrät nicht zu viel, wenn man vorwegnimmt, dass er keinen Sinn für den Tod seines Sohnes finden wird, nicht einnmal in der Literatur; „Abschied ohne Ende“ ist der Versuch, einen Abschiedsbrief zu verfassen, der nie zu einem Ende geraten kann, da die Erinnerung, solange man lebt, nie enden wird. Der Roman ist das mutige Unternehmen, das erlebte Trauma literarisch zu verarbeiten, der 13 Jahre nach dem Geschehen gelang – und vielen Leserinnen und Lesern, die ähnliche Erfahrungen haben helfen kann.

Dass es für den Erzähler kurz nach dem Tod eine schwere, aufopferungsvolle Zeit war, die nicht spurlos an ihm vorbeigeht, wird bei der Lektüre rasch klar – all seine Versuche, sich an anderen Menschen, Gewohnheiten, Alltagsdingen, Erinnerungen, Beobachtungen, Bildern festzuklammern, scheitern letztlich -, stattdessen erscheint er wie aus der Zeit gefallen und leidet am Ende selbst an einer Herzkrankheit, einer sogenannten Tachykardie, sodass er, nun an der Schwelle zwischen Leben und Tod, ins Krankenhaus eingeliefert werden.

„Abschied ohne Ende“ ist zweifelsohne eine anspruchsvolle Lektüre, doch die Leserinnen und Leser werden dafür belohnt, sich auf das Thema Leben und Tod einzulassen. Am Ende steht die Erkenntnis, wie fragil das Leben, das wir im Alltag viel zu selten für seine Kostbarkeit schätzen, schon in jungen Jahren sein kann.

Wolfgang Hermann hat es geschafft, einen literarischen Roman ohne larmoyante Töne zu schreiben, den man auch in Jahrzehnten noch lesen werden kann, wenn man sich mit dem Thema Tod eines Kindes befassen möchte. Es handelt sich um ein bescheidenes Denkmal für seinen toten Sohn, das an keiner Stelle allzu sehr in die Nabelschau abgleitet, aber doch sehr persönlich ist.

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