„V13“ von Emmanuel Carrère

Ein Roman über den Prozess zu den Attentaten des 13. Novembers: Was zunächst nach einer langatmigen Lektüre klingt, macht Emmanuel Carrère, der bereits mit anderen Werken als versierter Autor hervortrat, zu einer gleichermaßen berührenden wie lehrreichen Lektüre, die man nicht mehr so schnell vergessen wird.

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Meine Lieblingsbücher der rentrée littéraire 2021

Es ist inzwischen ein Jahr her, und doch denke ich, dass es für einige interessant sein könnte, einen kleinen Überblick über die rentrée littéraire 2021 in Frankreich zu bekommen. In nächster Zeit werde ich ausprobieren, ob es auch für manche interessant ist, Rezensionen französischsprachiger Bücher zu erhalten – und dies ist der bescheidene Auftakt-Beitrag dafür.

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„Eine Liebe in Pjöngjang“ von Andreas Stichmann

Nordkorea ist die letzte Diktatur, die sich vor Einflüssen von außen abschirmt, auch wenn westliche Touristen geduldet werden. Reist man als Tourist in dieses Land, bekommt man nur das zu sehen, was man auch sehen darf und wird von einem Touristenführer oder einer Touristenführerin begleitet. Der mehrfach preisgekrönte Autor Andreas Stichmann reiste 2017 in das Land und machte aus dieser Reise nicht etwa ein Sachbuch oder eine Reisereportage, sondern einen lesenswerten Roman über zwei ungleiche Frauen, die für einen Augenblick in Berührung treten. Bereits mit „Das große Leuchten“ legte Stichmann einen Roman über eine Reise vor, damals über den Iran.

Im Mittelpunkt des Romans steht zunächst die deutsche Kulturattachée Claudia Aebischer, die an der Spitze einer Delegation junger Journalisten und Journalistinnen nach Nordkorea reist, nämlich ein allerletztes Mal, wie nur sie selbst bereits zu Beginn der Reise weiß. Die 50-Jährige erzählt niemandem davon, dass sie ihr Amt nach der Erfüllung dieser letzten Pflicht, nämlich der Rundreise mit den Journalist*innen und der Eröffnung einer Deutschen Bibliothek in Pjöngjang, aufgeben möchte, da sie erschöpft ist.

Sie möchte in ihrem Alter noch einmal neu starten, vielleicht ein Buch schreiben, jenes Buch, das sie im Grunde bereits seit Jahren schreiben wollte und immer wieder aufgeschoben hat. In dieser Phase der Krise lernt Claudia Aebischer die Touristenführerin Sunmi kennen: Diese Begegnung wird zu einer Art Schlüsselereignis, denn danach ist nichts mehr so wie vorher, kein Stein mehr auf dem anderen.

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Meine Lieblingsbücher im Herbst 2022

Inzwischen ist der Herbst dabei, in den Winter überzugehen. Ich dachte mir, ich könnte in einer Art Rückschau auf meine letzten Lesemonate meine Lieblingstitel aus dem Herbstprogramm 2022 vorstellen, da es in letzter Zeit etwas ruhiger um meinen Blog geworden ist. Ich hoffe, dass ich Euch in Zukunft wieder in einiger Regelmäßigkeit auf meinem Blog und bei Instagram an meinen Leseeindrücken teilhaben lasse. Nun also die Revue der vergangenen Monate.

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„Blutbuch“ von Kim de l’Horizon

„Blutbuch“ hat dieses Jahr den Deutschen Buchpreis gewonnen und wurde gefeiert, weil es das Thema Non-Binarität, welches bisher in der deutschsprachigen Literatur nicht ausreichend Beachtung fand, auf eine sprachlich und künstlerisch innovative Weise behandelt. Beide Aspekte habe ich an „Blutbuch“ geschätzt, und doch muss ich im Rückblick sagen, dass ich mich mit dem Roman von Kim de l’Horizon auch schwergetan habe.

Eben weil der Gewinner des Deutschen Buchpreises kein klassischer Roman ist, keiner linearen Erzählstruktur folgt, habe ich mich entschieden, dass auch ich aus dem Raster der klassischen Rezension ausbrechen möchte und stattdessen eine Auflistung von positiven und negativen Seiten gegenüberstellen möchte, die dem Buch hoffentlich gerechter wird als eine reine Inhaltszusammenfassung mit anschließender Meinung/Kritik.

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„Le jeune homme“ von Annie Ernaux

Der Kurzroman „Le jeune homme“ ist das aktuelle Werk der Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux, das bisher nur auf Französisch erschienen ist. Am 16. Januar 2023 wird das dann 48-seitige Buch unter dem Titel „Der junge Mann“ bei Suhrkamp, dem deutschen Hausverlag von Ernaux, auch auf Deutsch erscheinen. Ich rezensiere hier die französische Version des Textes.

Ernaux beschreibt sich als „Ethnographin ihrer selbst“, diese Bezeichnung hat sie sich selbst in ihren vergangenen Werken wie „Die Jahre“ (frz. „Les années“), „Die Scham“ („La honte“) etc. bereits erarbeitet. Ein Kennzeichen von Ernaux‘ Schreibstil ist es, dass sie persönliche Erinnerungen mit politisch-sozialen Ereignissen verbindet und in den persönlichen Erinnerungen an die eigene soziale Herkunft und den eigenen sozialen Aufstieg etwas Allgemeingültiges sucht.

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„Anleitung, ein anderer zu werden“ von Édouard Louis

„Anleitung, ein anderer zu werden“ (frz. „Changer: méthode“) ist das neueste ins Deutsche übersetzte Werk von Édouard Louis, das ich sehr gern und mit großer Aufmerksamkeit gelesen habe, da ich mich in Teilen darin wiedererkennen konnte. Denn Louis erzählt darin die Geschichte einer Flucht vor seiner eigenen Herkunft, in seinem Fall insbesondere vor seiner niedrigen sozialen Herkunft im benachteiligten Norden Frankreichs.

Wie in seinem Erstlingswerk „Das Ende von Eddy“ („En finir avec Eddy Bellegueule“) handelt es sich um ein Werk zwischen Autofiktion und Autobiographie, das mit den Genregrenzen spielt, und um ein Werk der Selbst(er)findung. Louis beschäftigt sich mit seiner Kindheit, Jugend, Familie, seiner Ausbildung zum Akademiker und Intellektuellen, seiner Homosexualität, aber auch, wie immer, mit sozialer Klasse, sozialer Gewalt, Beleidigungen und Homosexualität.

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