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„Agnes“ von Peter Stamm

Peter Stamms Roman „Agnes“ erinnerte mich an den prägnanten, melancholisch-verträumten Schreibstil des französischen Literaturnobelpreisträgers Modiano, bei dem die Grenzen von Erinnern und Vergessen in einer Spurensuche verschwimmen, auch wenn natürlich jeder Schriftsteller seine eigene Art hat. Das 1998 erschienene „Agnes“ des Schweizers Stamm handelt von einer Liebesgeschichte, bei der die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit aufgehoben werden und am Ende immer mehr ineinandergreifen.

Alles fängt zunächst so an, wie viele Liebesgeschichten beginnen – unscheinbar und völlig gewöhnlich, fast als handele es sich nicht um einen Roman, sondern um eine Geschichte aus dem alltäglichen Leben. Agnes und der Ich-Erzähler lernen sich in der Public Library in Chicago kennen. Er schreibt an einem Fachbuch über Luxuseisenbahnwagen, das im Herbst abgeschlossen sein soll und wofür er in Chicago Recherchen anstellt, u. a. die Chicago Tribune liest und sich gerade in Einzelheiten verfängt. Agnes hingegen arbeitet in der Bibliothek an ihrer Doktorarbeit. Die beiden finden sich sympathisch, treffen sich auf einen Kaffee und rauchen zusammen. Es wird mehr daraus.

Doch warum beginnt der Roman mit dem merkwürdigen Satz „Agnes ist tot.“, gefolgt von „Eine Geschichte hat sie getötet. Nichts ist von ihr geblieben als diese Geschichte.“? Der Sinn dieser Bemerkung erschließt sich erst im Laufe des Textes und wird im Grunde erst ganz am Ende klar, wenn sich der Schluss offenbart, der in meinen Augen immer noch relativ offen ist. Der Erzähler und Agnes beginnen nämlich im Laufe ihrer Liebesbeziehung, an einer Geschichte zu schreiben, an ihrer Geschichte. Sie verfassen die Erzählung ihrer Liebesgeschichte von Anfang an bis in die Gegenwart – und darüber hinaus.

Das Schreiben an der Geschichte wird für den Erzähler zu einer Art Obsession, die seine Arbeit an dem Fachbuch-Manuskript ersetzt und ihn völlig in Beschlag nimmt. Er schreibt in der Bibliothek an der Geschichte, schreibt zuhause an der Geschichte – und die Geschichte kommt irgendwann auch in der Gegenwart und Zukunft an. Das Fatale an der Sache ist, dass Fiktion und Realität ineinander übergehen und sich gegenseitig beeinflussen. In einer Art Spiel lassen sich Agnes und der Erzähler in ihrem Handeln zunächst ein wenig von der vom Erzähler verfassten Geschichte beeinflussen – eine Tendenz, die daraufhin überhand nimmt. Die Fiktion gewinnt in gewisser fataler Weise die Oberhand über die Realität. Das Fiktive siegt über das Realitätsprinzip.

So beginnt eine Abwärtsspirale, die nicht mehr zu stoppen ist. Ihren Höhepunkt findet diese Spirale darin, dass der Erzähler nicht Vater werden will, als Agnes schwanger ist. Er schickt sie gewissermaßen weg, indem er seine Vaterschaft nicht akzeptiert – denn letztlich ist der Ich-Erzähler ein Einzelgänger, der, wie sich herausstellt, nur in Texten lebt, ja, der in Texten aufgeht. Doch wie weit darf man diese Einstellung treiben und wo hört es auf, wo wird das Spiel, die Tendenz zur Obsession, zur Sucht, zur Krankheit, zum Abnormen? Gibt es eine Grenze, wo die Realität über das Fiktive siegen muss, wie etwa die Schwangerschaft einer Frau?

Mir war der Erzähler jedenfalls in dem Moment, wo seine Frau ihn verlassen musste, weil er mit der Schwangerschaft nicht zurechtkam, sehr unsympathisch. Man möchte ihn in diesem Moment nur wachrütteln, schütteln und an seine Pflichten erinnern. Die Frau möchte also zurück zu ihrem Ex-Freund Herbert, doch auch das hält nicht lange, denn eigentlich liebt sie den Erzähler, der der Vater des Kindes ist. Der schreibt unterdessen weiter an der Geschichte und denkt darüber nach, was geschehen wäre, wenn er und seine Freundin Agnes zusammengeblieben wären und das Kind großgezogen hätten. Er erfindet einen Namen für das Kind, kauft fiktional Kleidung für das Kind etc.

Ein wenig abgedreht ist all das schon, und tatsächlich fühlt man sich ein bisschen wie im falschen Film, wenn man den zweiten Teil der Geschichte von Agnes und ihrem Freund liest. Wie kann man sich nur so sehr in einem falschen Leben verlieren, wenn man auch das richtige leben könnte? Doch diese Frage stellen sich Agnes und der Geschichtenschreiber nicht mehr, vielmehr haben sich beide, vor allem er, so sehr in der Geschichte versponnen, dass sie nicht mehr aus diesem fiktionalen Labyrinth herausfinden, bis schließlich das Finale droht, wo Fiktion und Realität endgültig aufeinandertreffen.

Mich hat der Roman von Anfang bis Ende gefesselt, da man ebenso sehr wie Agnes und der Erzähler in dem Sog gefangen wird. Dazu tragen auch die kurzen Kapitel bei, die das Lesen erleichtern und zum Weiterlesen anregen. Viel mehr noch ist es aber der besondere, lakonische und zwischen realem Lebensernst, verrücktem Spiel und Melancholie schwankende Stil Peter Stamms, der einen nicht mehr loslässt. Peter Stamm ist ein Autor, der die Sprache beherrscht und der das auch mit seinem Schreiben unter Beweis stellt.

Ich werde sicher noch mehr Bücher von ihm lesen, der auch in anderen Werken immer wieder mit dem Thema der Wiederkehr, Verwechslung und des Aufhebens der Grenzen spielt. Dieses Spiel mit den Grenzen hat mich an Patrick Modiano erinnert, der auch einen ähnlichen Stil pflegt. Vielleicht ist ja Peter Stamms Aufenthalt im Ausland, darunter in Paris und New York, verantwortlich dafür, dass er keinen „typisch deutschen“ Stil pflegt, sondern eher etwas leicht verträumt-melancholisch, aber dennoch nicht unverständlich oder unstrukturiert, sondern prägnant und klar schreibt. Er vereint das schweizerisch Direkte mit dem französisch Leichten.

Peter Stamm, dieser Name ist keineswegs neu in der Literaturlandschaft, doch man sollte ihn lesen und wieder entdecken! Ein Kosmopolit mit Schweizer Wurzeln…

Bewertung: ⭐⭐⭐⭐⭐ 5/5

Peter Stamm: Agnes. S. Fischer Verlag. 11 €. (Taschenbuch-Ausgabe)

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