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Rezension

„Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon

„Rückkehr nach Reims“ erschien 2016 in deutscher Übersetzung – und gilt inzwischen als ein soziologischer Klassiker. In dem autobiographisch inspirierten Band analysiert der französische Soziologe und Philosoph Didier Eribon am Beispiel seiner eigenen Familie und seiner Herkunft aus der Arbeiterschicht so unterschiedliche gesellschaftliche Phänomene wie die Scham für die eigene Herkunft und Homosexualität, Homophobie, die Vernachlässigung der Arbeiterschicht durch die Linke und den daraus resultierenden Rechtsruck.

Die titelgebende Rückkehr nach Reims beginnt damit, dass Didier Eribon von Paris aus nach dem Tod seines an Alzheimer erkrankten Vaters an den Ort seiner Kindheit und Jugend zurückkehrt. Lange Zeit hatte er sich von diesem Ort distanziert, hatte seine Eltern über 20 Jahre nicht besucht, da er mit Reims die Scham seiner Herkunft aus der Arbeiterklasse verband, mit welcher der soziale Aufsteiger sich nur mit Widerwillen auseinandersetzen wollte, da er diesen Teil seines Selbst „verweigert, verworfen, verneint hatte“.

Didier Eribon ist ein französischer Journalist, Philosoph und Soziologe, der in Paris lebt und durch seine Bücher und Vorträge auch in Deutschland populär wurde. Sein Werk „Rückkehr nach Reims“ ist ein herausragendes Beispiel für die autofiktionale Form der Literatur, die in den letzten Jahren einen beträchtlichen Aufschwung in der Gegenwartsliteratur erlebte, wobei Eribons „Retour à Reims“ aus dem Jahr 2009 sich besonders dadurch hervorhebt, dass es soziologische Analysen etwa mit Rückgriff auf Pierre Bourdieu enthält. Andere Autorinnen und Autoren der letzten Jahre und Jahrzehnte, die ähnliche autofiktionale Werke veröffentlichten, sind Annie Ernaux („Die Jahre“, „Der Platz“ u. a.), Catherine Millet („Das sexuelle Leben der Catherine M.“) und Edouard Louis („Das Ende von Eddy“) für Frankreich, Karl Ove Knausgård für Norwegen („Mein Kampf“-Trilogie) und Clemens Meyer („Als wir träumten“), Clemens Setz („Der Trost runder Dinge“) oder Monika Helfer („Die Bagage“, „Vati“) für den deutschsprachigen Raum.

Es war gerade die soziologische Analyse, die noch eine Ebene zu der Autofiktion hinzufügt, die mir bei Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ gefallen hat. Dabei gerät der Autor nicht oder nur selten in die Gefahr, fachfremde Leserinnen und Leser durch ein zu hohes Maß an Fachterminologie zu überfordern, da die Analyse mit Beobachtungen der eigenen Erfahrungen und Erlebnisse verknüpft werden. Vielleicht ist es die größte Errungenschaft von Didier Eribons durch und durch aufrichtigem Werk, die Bedeutung der sozialen Klasse wieder mehr ins Bewusstsein gerückt zu haben, die im Zuge der den Arbeitsmarkt liberalisierenden Reformen in den westlichen Demokratien in den Hintergrund geraten war.

Die Bedeutung der sozialen Klasse beleuchtet Eribon aus verschiedenen Perspektiven: So erlaubte ihm sein Umzug aus Reims nach Paris als junger Mann zwar, seine Homosexualität frei auszuleben, doch fortan musste er gewissermaßen seine soziale Herkunft verbergen. Das Coming-out ist zwar geschafft, doch fortan ist er in einen „sozialen Schrank“ eingesperrt. Zunächst denkt der Autor, er habe mit seiner Familie Homophobie gebrochen, doch mit den Jahren wird ihm bewusst, dass dies auch mit dem zwischen ihm und seiner Familie entstandenen Klassenunterschied zusammenhängt: Als sozialer Überläufer war Eribon bestrebt, seine Herkunft „auf mehr oder weniger bewusste Weise […], abzustreifen, sie von mir fernzuhalten und dem Milieu [s]einer Kindheit zu entfliehen“.

Jedoch habe er die „Wertvorstellungen der dominierenden Klasse [nie] vollständig […]“ übernommen. Eribon betont, dass er als Kind der Arbeiterklasse die Zugehörigkeit zu einer Klasse immer gespürt habe. Das Ausbleiben eines Klassengefühls hingegen zeichne eine bürgerliche Kindheit aus. Die alltäglichen Probleme und der Kontrast zu anderen Lebensweisen weisen arme Leute unaufhörlich darauf hin, dass sie zu einer bestimmten sozialen Klasse gehören, darauf, „was man ist und was man nicht ist“.

Auf seine Erkenntnis, dass er seine Klasse verleugnet hat, folgt eine Analyse seiner Familie und ihrer politischen und sozialen Situation. Zunächst war Arbeitersein untrennbar damit verbunden, auch links und Mitglied des Parti communiste français zu sein.

Für Arbeiter und Leute aus armen Verhältnissen bestand Linkssein vor allem darin, ganz pragmatisch das abzulehnen, worunter man im Alltag litt. Es ging um Protest, nicht um ein von globalen Perspektiven inspiriertes politisches Projekt. Man schaute auf sich selbst, nicht in die Ferne, und zwar in geschichtlicher wie in geographischer Hinsicht.

Eribons Vater schimpfte, wenn der Fernseher lief, auf alles, was ihm im Geringsten rechts oder rechtsextrem vorkam. Eribon zeichnet an dieser Stelle den Werdegang seiner Großeltern, seines Vaters und seiner Mutter nach, die alle durch die Zugehörigkeit zu einer Klasse und die damit verbundenen sozialen Urteile nur beschränkte Möglichkeiten für sozialen Aufstieg hatten. Der Vater erhält keinen Volkshochschulabschluss und arbeitet sein Leben lang in der Fabrik. Die Mutter leidet darunter, dass sie nicht zu einer gebildeteren Frau geworden ist, und wird schließlich Putzfrau. Didier Eribon, der handwerklich überhaupt nicht begabt ist, darf dank seiner Mutter anders als seine Brüder aufs Gymnasium gehen und daraufhin studieren: „[Die] enttäuschten Träume [seiner Mutter] konnten sich durch mich verwirklichen“.

Eribon beobachtet an sich selbst, dass er als Schüler am Gymnasium, Abiturient und später auch als Student die sprachlichen und kulturellen Gewohnheiten seiner Herkunftsklasse ablegen musste und wollte, um nicht zu einer „bildungsfernen“ oder „unteren“ Schicht gezählt zu werden. Obwohl ihn das Pflegen einer Hochkultur mitunter einschüchterte, versuchte er dennoch, sie zu kultivieren. So gab es einen Mitschüler aus seiner Schulklasse aus einer bürgerlichen Familie, den er bewunderte und dessen Kenntnisse in klassischer Musik, Literatur etc. er nachahmte. Eribon merzte fehlerhafte Aussprachen und Wendungen aus, verlernte bewusst den Zungenschlag der Arbeiterschicht und gewöhnte sich ein feines Vokabular sowie ausgeklügeltere grammatische Wendungen an. Das Ziel: seine Herkunft verschleiern. Eine ganz ähnliche Analyse leistet im übrigen der Aufsteiger Edouard Louis in „Das Ende von Eddy“, der zum Umkreis Didier Eribons gehört und ebenfalls in der Tradition Pierre Bourdieus steht.

In einem weiteren Teil seines Werks geht Eribon auf die politische Positionierung der Arbeiterklasse in Frankreich ein: Didier Eribon wirft der Linken von heute vor, die Anliegen der Arbeiter, etwa die Härte ihrer Arbeit und den Protest gegen Ausbeutung, nicht mehr ausreichend in ihren Programmen und ihrer Politik zu berücksichtigen. Während die Familie Eribons früher geschlossen die kommunistische Partei gewählt hat, gibt sie jetzt ihre Stimme dem Rassemblement national (früher: Front national), der rechtsextremen Partei von Marine Le Pen, die Stimmung gegen Einwanderer macht. Eribon empfindet es so, als würden sich seine Verwandten damit gegen alles stellen, woran er glaubt, während seine Familie ihn wegen seiner Ablehnung des Rassemblement national für einen Pariser Intellektuellen ohne Sinn für die Probleme des Volkes hält. Eribon fragt sich angesichts dieser Lage, ob auch er die rechtsextreme Partei wählen würde, wenn er einen ähnlichen Lebensweg wie seine Brüder eingeschlagen und Reims nie verlassen hätte.

Würde auch ich mich über „Ausländer“ aufregen, die in unser Land „einfallen“ und „glauben, dass sie hier zu Hause sind“? Hätte ich ihre Abwehrreflexe und Brandreden gegen das geteilt, was sie als permanente Aggression seitens der Gesellschaft, des Staats, der „Eliten“, der „Mächtigen“, „der Anderen“ usw. empfinden? Welchem „Wir“ hätte ich mich zugehörig gefühlt? Gegen welches „Sie“ hätte ich mich gestellt? Welcher politischen Meinung würde ich anhängen?

Welche Erklärung findet der Soziologe Eribon nun für das veränderte Wahlverhalten seiner Verwandten, die von der kommunistischen Partei zu den Rechtsextremen wechselten? Die erste und offensichtlichste Erklärung lautet, dass die Arbeiter und ihre Bewegung mit der Zeit aus der politischen Debatte verschwunden sind. Vielmehr hat sich die sozialistische Linke in Frankreich und Europa mit den Jahren einer neokonservativen Wende unterzogen, im Zuge derer sie Kerne ihres eigenen bisherigen Programms aufgab.

Nicht mehr von Ausbeutung und Widerstand war die Rede, sondern von „notwendigen Reformen“ und einer „Umgestaltung“ der Gesellschaft. Nicht mehr von Klassenverhältnissen oder sozialem Schicksal, sondern von „Zusammenleben“ und „Eigenverantwortung“.

Eribon kritisiert, dass es fortan auch innerhalb der Linken statt um soziale Klassen um Individualisierung ging, was mit einem Rückbau des Sozialstaats und Deregulierung einherging. Eribon spricht an dieser Stelle von der Sprache der Regierenden und Regierten und dem Unterschied zwischen Beherrschten und Beherrschenden, was ein wenig antiquiert wirkt. Dennoch bleibt seine Analyse scharfsichtig und korrekt: Die Unterprivilegierten fühlten sich von der Linken nicht länger repräsentiert, die Sozialabbau und Liberalisierung – eine klassische Sozial- und Wirtschaftspolitik der traditionellen Rechten – verfolgte.

Die Arbeiterklasse, die sich im Stich gelassen fühlte, wandte sich nun der extremen Rechten zu, die sich scheinbar als einzige noch um ihre Belange sorgte. Man wählte den Front national nur verschämt und als eine Art Warnschuss, aus Notwehr. Doch damit ging einher, dass der alte Gegensatz zwischen „denen da oben“ und „denen da unten“ sich in den Gegensatz zwischen „den Ausländern“ und „denen da unten“ verwandelt hatte. Denn es waren in der öffentlichen Wahrnehmung die Eliten, die die Immigration befürworteten und durchsetzten, „deren Folgen ‚die da unten‘ angeblich jeden Tag zu ertragen haben, einer Einwanderung, die plötzlich für alle möglichen Übel verantwortlich gemacht wird“.

Diese Analyse lässt Eribon nicht darüber hinwegsehen, dass es bereits in den 60er und 70er Jahren in der Arbeiterklasse einen nicht zu übersehenden Alltagsrassismus gab, der sich allerdings nicht im Wahlverhalten widerspiegelte, da es damals zur kollektiven Identität der Arbeiter gehörte, den Parti communiste zu wählen. Es gab abschätzige Begriffe für die Immigranten aus dem Maghreb und Äußerungen wie „Sie verdrängen uns“ oder „Sie kriegen Sozialhilfe, und für uns bleibt nichts“. Ein solcher tiefsitzender Rassismus, so Eribon, hat die Eroberung der weißen Arbeiterschicht durch den Rassemblement national erst ermöglicht.

Der von den „französischen“ populären Klassen geteilte „Gemeinschaftssinn“ wandelte sich von Grund auf. Die Eigenschaft, Franzose zu sein, wurde zu seinem zentralen Element und löste als solches das Arbeitersein oder Linkssein ab.

Was Didier Eribon in „Rückkehr nach Reims“ nicht leistet, ist, einen Ausweg aus dieser Lage zu weisen, auch wenn er in einigen Ansätzen Wege andeutet, die die politische Linke gehen könnte, um Wähler aus der Arbeiterklasse zurückzugewinnen. Das ist aber auch nicht die Aufgabe eines Soziologen.

Im letzten Teil seines Werks zeichnet Eribon seinen persönlichen Bildungsweg nach, der alles andere als selbstverständlich war. Denn als einer von wenigen aus seiner Umgebung schaffte er es ans Gymnasium und an die Universität nach Reims und schließlich nach Paris. Er analysiert seinen Versuch, sich durch Bildung und Kultur Distinktion zu verschaffen, was er mitunter auf seine Homosexualität zurückführt. Dies hatte eine Art Exil zur Folge, die zum Bruch mit seiner Familie führte.

Wenn ich mich nicht selbst vom Schulsystem ausgrenzen wollte – beziehungsweise wenn ich nicht ausgegrenzt werden wollte -, musste ich mich aus meiner eigenen Familie, aus meinem eigenen Universum ausgrenzen. Diese beiden Sphären zusammenzuhalten, zu beiden Welten gleichzeitig zu gehören, war praktisch unmöglich. Über mehrere Jahre hinweg musste ich immer wieder vom einen Register ins andere wechseln, vom einen Universum ins andere.

Entlang der Betrachtung seines Bildungsweges geht Eribon auch darauf ein, wie er seine Homosexualität jeweils ausleben konnte, wie er nach und nach freier wurde. Als Jugendlicher in Reims war er es gewohnt, Beleidigungen gegenüber Schwulen zu hören – Verunglimpfungen, die ihn verfolgten. Auf die Beleidigungen geht Eribon auch in seinem Werk „Betrachtungen zur Schwulenfrage“ ein. Während seines Studiums in Reims und Paris suchte Eribon Treffpunkte für Schwule und Cruisingorte auf, machte Begegnungen und Bekanntschaften und gewöhnte sich an seine neu gewonnene Freiheit. Diesen Weg der Emanzipierung unterfüttert Eribon mit Zitaten aus Werken von Genet, Proust, Gide, Foucault und Sedgwick. Es sind die Zitate und die allgemeinen Aussagen zur Emanzipierung eines Schwulen, die in diesem Abschnitt von Interesse sind, mehr als der individuelle Bildungsweg des Autors Didier Eribon.

Die Analyse von „Rückkehr nach Reims“ lässt Eribon zu dem Schluss kommen, dass er auf seinem Lebensweg von zwei sozialen Urteilen bestimmt war – seiner sexuellen Orientierung und seiner sozialen Herkunft aus der Arbeiterschicht: „Solchen Urteilen entkommt man nicht. Diese beiden Einschreibungen trage ich in mir. Als sie in einem bestimmten Moment meines Lebens miteinander in Konflikt traten, musste ich, um mich selbst zu formen, die eine gegen die andere ausspielen.“

Eribons Beobachtungen und Analysen sind klarsichtig, scharfsinnig und aufrichtig. Ich habe diese Mischung aus autobiographischem Bericht und soziologischer Studie mit Begeisterung an einem Abend gelesen. Es ist wahrscheinlich das bekannteste Werk Eribons. Darin deckt er ein breites Spektrum von Themen ab, die bis heute aktuell sind.

Bewertung: 5/5

Bibliographische Angaben:
Autor: Didier Eribon
Titel: Rückkehr nach Reims
Übersetzung aus dem Französischen: Tobias Haberkorn
Verlag: Suhrkamp Verlag/edition suhrkamp
Seitenzahl: 240 Seiten
Erscheinungsdatum: 08.05.2016
ISBN: 9783518072523
Kaufpreis: 18 €

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