Verlagsvorschauen der unabhängigen Verlage im Frühjahr 2021 (Teil 2)

Im ersten Teil der Frühjahrsvorschau auf Verlagsprogramme waren die größeren Verlage an der Reihe. Nun folgen im zweiten Teil die Frühjahrsprogramme der unabhängigen und kleineren Verlage. In diesem Beitrag schenken wir den Indie-Verlagen Aufmerksamkeit.

Anne Boyer: Die Unsterblichen. Krankheit, Körper und Kapitalismus.

Für ihr Buch „Die Unsterblichen“ erhielt die Autorin, Dichterin und Essayistin Anne Boyer 2020 den renommierten Pulitzer Prize für das beste Sachbuch. In der Laudatio hieß es: „An elegant and unforgettable narrative about the brutality of illness and the capitalism of cancer care in America.“ Eine Woche vor ihrem 41. Geburtstag wird der Dichterin ein hochaggressiver Brustkrebs diagnostiziert. Für die alleinerziehende Mutter in den USA ist es schwierig, über die Runden zu kommen, dazu kommen nun noch die Arztrechnungen. Sie nimmt die Entwicklung zum Anlass, ein Buch über Krankheit, Gesundheitspolitik, Sterblichkeit und den gesellschaftlichen Umgang mit Krankheit im Kapitalismus zu schreiben.

Aus dem Englischen von Daniela Seel. Matthes & Seitz Verlag. 280 Seiten. 25 €. Erscheinungsdatum: 29.04.2021.

Viktor Jerofejew: Enzyklopädie der russischen Seele.

Viktor Jerofejew gilt als kritischer russischer Intellektueller und einer der bekanntesten Gegenwartsautoren des Landes. Durch seinen in 27 Sprachen übersetzten Roman „Die Moskauer Schönheit“ wurde er 1989 weltweit bekannt. 1979 wurde er wegen seiner Beteiligung an der Literaturanthologie „Metropol“ mit von der Zensur verbotenen Texten vom Schriftstellerverband der UdSSR ausgeschlossen. In dem Roman „Enzyklopädie der russischen Seele“ widmet sich Jerofejew der russischen Seele: „Mit welcher Seite hält es Russland – mit dem Westen oder mit dem Osten? Was sind die Besonderheiten der russischen Mentalität, der russischen Werte und des russischen Lebensstils? (…) Der Held verzweifelt an der Unmöglichkeit, in Russland ein normales Leben zu führen. Alles empört ihn: das Volk, der Kreml, die Kommunisten, die Oligarchen und Amerika sowieso.“ (Verlagstext)

Aus dem Russischen von Beate Rausch. Matthes & Seitz Verlag. 420 Seiten. 25 €. Erscheinungsdatum: 01.06.2021.

Harry Martinson: Schwärmer und Schnaken.

Harry Martinson (1904–1978) wuchs mit seinen Geschwistern ohne Eltern in Schweden auf und wurde von Bauernhof zu Bauernhof gereicht. Als 16-Jähriger heuerte er als Matrose an. Später heiratete er und ließ sich in Stockholm nieder, doch der Nomadentrieb blieb ihm erhalten. Martinson hatte mit seinen Texten – Gedichten, Romanen und Reiseberichten – vor allem bei der jüngeren Generation Erfolg. Ende der 1930er verfasst er einige Bücher mit ausführlichen Naturbeschreibungen und -bildern, darunter auch „Schwärmer und Schnaken“. „Ob Mohnkapseln, Baum-Weißlinge, Wasservögel, der Geruch der Erde oder der Winterfrost in den Fichtenwäldern – noch dem kleinsten Detail wird eine persönlich gefärbte Erkenntnis abgetrotzt. Doch er belässt es nicht bei der Beschwörung der schönen Natur: Im erfassenden Erschreiben begibt sich Martinson auf die Spur des Verhältnisses des Menschen zu seiner Umwelt.“ (Verlagstext)

Aus dem Schwedischen von Klaus-Jürgen Liedtke.
Nachwort von Fredrik Sjöberg. Guggolz Verlag. 210 Seiten. 22 €. Erscheinungsdatum: März 2021.

J. J. Voskuil: Die Mutter von Colien.

Der Niederländer J. J. Voskuil (1926-2008) war Volkskundler und Romanautor. Für sein literarisches Werk erhielt Voskuil in den Niederlanden verschiedene Auszeichnungen. Berühmt ist er für sein Zyklus „Das Büro“, der den Niederlanden zu einem Sensationserfolg wurde. In dem Werk „Die Mutter von Colien“ geht es um eine Frau, die aufgrund einer Demenz allmählich vergisst. Über knapp drei Jahrzehnte wird die Entwicklung der Krankheit „in vielerlei Alltags- und Ausflugsszenen mit den schleichenden Veränderungen“ beschrieben. Der Verlag verspricht eine „wahre, ebenso traurige wie alltägliche Geschichte“.

Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. Verlag Klaus Wagenbach. 256 Seiten. 23 €. Erscheinungsdatum: März 2021.

John E. Wills: 1688.

John E. Wills (1936-2017) war Philosoph und Historiker. Von 1965 bis 2004 war er Professor für Geschichte an der University of Southern California. Er veröffentlichte zahlreiche Werke zur Kulturgeschichte. In „1688“ schreibt Wills eine Weltgeschichte des Jahres 1688, ein Tableau der frühen Neuzeit in Afrika, in Asien, in Europa, in Amerika. Damals betraten neue Mächte die Bühne der Politik und die Wissenschaften machen neue Entdeckungen. Es ist ein sinnvoller Ansatz, nicht nur europäische Geschichte zu schreiben, sondern auf Regionen überall auf der Welt zu blicken. Der Verlag beschreibt es so: „Von Jakarta über das Kap der Guten Hoffnung, Mekka und London bis nach Boston und Acapulco – was geschah 1688 rund um den Globus?“

Aus dem Englischen von Nikolaus Gatter. Unionsverlag. 512 Seiten. 16,95 €. Erscheinungsdatum: 29.03.2021.

Paavo Matsin: Gogols Disko.

Paavo Matsin ist ein estnischer Schriftsteller und Literaturkritiker mit einer gewissen Berühmtheit in seiner Heimat. 2016 erhielt er für Gogols Disko den Preis des Estnischen Kulturkapitals sowie den Literaturpreis der Europäischen Union. Im Erlanger homunculus-Verlag erscheint nun das erste ins Deutsche übersetzte Werk dieses Autors, eine Dystopie, die humorvoll die Angst der Esten vor Russland aufs Korn nimmt und mit zahlreichen popkulturellen Bezügen angereichert ist: „Europa in wenigen Jahren: Das neugegründete Zarenreich Russland hat das gesamte Baltikum gewaltsam annektiert und dabei jede Spur estnischer Kultur ausgelöscht. Viljandi, ein vormals gemächliches Städtchen im Herzen Estlands, wurde so zum Sammelbecken für allerlei Bohemiens und gescheiterte Existenzen aus dem neuen Zarenreich.“ (Verlagstext)

Aus dem Estnischen von Maximilian Murmann. homunculus Verlag. 176 Seiten. 21 €. Erschienen am 25.02.2021.

Najem Wali: Soad und das Militär.

Najem Wali hat zahlreiche Romane auf Arabisch verfasst, die in deutscher Übersetzung und in zahlreichen anderen Sprachen veröffentlicht wurden. Er erhielt unter anderem den Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch. Sein Roman „Soad und das Militär“ spielt drei Jahre nach den Protesten auf dem Tahrir-Platz. Simon kehrt nach längerer Zeit nach Kairo zurück. Er erzählt einem alten Bekannten in einer Bar von seiner großen Liebe zu Soad, mit der er bis zu ihrem Tod zusammenlebte. Sie hinterließ elf vollgeschriebene Hefte, als sie aus dem Londoner Wohnhaus stürzte. Darin rechnet sie angeblich mit dem ägyptischen Militär ab. Der Erzähler ist nun nach Kairo zurückgekehrt, um Rache zu nehmen. Najem Wali „entfaltet ein facettenreiches Bild des ägyptischen Militärs, das seit 70 Jahren das Land mit aller Härte regiert, und er entlarvt dabei die machtpolitischen Herrschaftsmechanismen. Die Grenze zwischen Gut und Böse verschwimmt in diesem Roman, denn wo Willkür und Lüge herrschen, ist es schwer, zwischen Henker und Opfer zu unterscheiden.“ (Verlagstext)

Aus dem Arabischen von Christine Battermann. Secession Verlag für Literatur. Ca. 400 Seiten. 28 €. Erscheinungsdatum: 01.04.2021.

Selbstverständlich gibt es darüber hinaus noch zahlreiche weitere Titel bei den unabhängigen Verlagen zu entdecken. Schaut dafür doch mal bei We Read Indie oder dem Hotlist Blog vorbei.

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