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Literaturwissenschaft & Literaturgeschichte

Die Novelle am Beispiel Guy de Maupassants

Der Schriftsteller Guy de Maupassant (1850-1893) hat ein beachtliches Opus hinterlassen: Etwa 300 Novellen und sechs Romane, darunter „Ein Leben“ und „Bel-Ami“, schrieb er innerhalb von zehn Jahren, in den Jahren 1880 bis 1890. In diesem Beitrag soll es um Maupassants Erzählungen, die contes oder nouvelles, gehen. Nach einer kurzen Einführung in die Gattung Novelle werden wir einige der bekannteren Kurzgeschichten Maupassants, etwa „Boule de suif“ (1880) und „La parure“ (1884), vorstellen.

Mit seiner Novelle „Boule de Suif“, die im Rahmen des Sammelbandes „Les Soirées de Médan“ mit Erzählungen junger Autoren unter dem Patronat von Émile Zola erschien, wurde Maupassant 1880 mit einem Schlag berühmt. Maupassants Novelle erwies sich als das dominierende Werk dieses Buchs. Lange zwischen Lyrik und Erzählkunst schwankend, entschied sich Maupassant schließlich auch unter dem Eindruck der sehr positiven Reaktion Flauberts für das Verfassen kürzerer und längerer Erzähltexte.

1881 erschien die erste Novellensammlung, die ausschließlich aus seinen Novellen bestand, „La maison Tellier“. Weitere folgten zwischen 1880 und 1890 jährlich: „Mademoiselle Fifi“ (1882), „Clair de lune“ (1883), „Yvette“ (1884), „Contes du jour et de la nuit“ (1885), „Le Horla“ (1887), um nur einige zu nennen. Neben der Novellistik schrieb Maupassants Romane, arbeitete gelegentlich fürs Theater und war als Kolumnist und Essayist für Pariser Zeitschriften und Zeitungen tätig. Doch es sind die Novellen, die sein Schaffen „von Anfang bis Ende“ (Lindner 2001: 324) dominieren. Als er 1892 nach einem Selbstmordversuch nicht mehr schreiben konnte, lagen beachtliche 300 Erzählungen von ihm vor.

Die Gattung ‚Novelle‘

Doch was ist eigentlich eine Novelle? Der Begriff ‚Novelle‘ leitet sich vom italienischen novella (von lat. novus ’neu‘) ab, was eine kurze Erzählung einer als „neu“ eingeordneten Begebenheit meint. (Korten 2007) Der Beginn der europäischen Novellistik wird in der Regel mit Giovanni Boccacios stilbildender Sammlung „Il Decamerone“ (entstanden 1349-1353) angesetzt, welche 100 Novellen umfasst und deren Rahmenhandlung in einem Landhaus auf den Hügeln bei Florenz spielt. Dorthin haben sich im Jahr 1348 zehn Frauen und Männer vor der Pest geflüchtet, wo sie sich innerhalb der zehn Tage ihres Aufenthalts jeweils zehn Novellen zu einem täglich bestimmten Themenkreis erzählen.

Die Novelle zeichnet sich durch eine große Nähe zu anderen kurzen Erzählformen aus, zum Beispiel der Kurzgeschichte, dem Schwank, dem Conte, dem Exempel und dem Fabliau. Zunächst etabliert sich die Novelle im Wesentlichen als romanische Prosaform. Beispiele hierfür sind das „Heptaméron“ von Marguerite de Navarre, eine Sammlung von 72 kurzen Erzählungen mit Rahmenhandlung (publiziert 1558), oder die „Novelas ejemplares“ von Miguel de Cervantes (entstanden 1597-1612, veröffentlicht 1613), wobei letzteres Werk, bestehend aus 12 Kurzgeschichten, maßgeblich für die Einführung der Novellensammlung ohne Rahmenerzählung verantwortlich ist. Eine Sonderstellung nehmen die „Canterbury Tales“ (entstanden 1388-1400) von Geoffrey Chaucer ein, die zum Großteil in Versform abgefasst sind.

Als der Begriff ‚Novelle‘ im 17. Jahrhundert in Deutschland aufkam, bezeichnete er zunächst lediglich eine journalistische Neuigkeit im Zeitschriftenwesen. Als literarische Gattungsbezeichnung findet er sich erst ab dem Ende des 18. Jahrhunderts. In der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts wird die Novelle zu „einer bestimmenden Prosaform“ (Korten 2007: 547). Beispielhaft dafür sind die Novellen von Ludwig Tieck, Heinrich von Kleist, Clemens Brentano, Franz Grillparzer, Eduard Mörike und Theodor Storm.

Theoretische Überlegungen zur Novelle finden sich bereits im 18. Jahrhundert. Christoph Martin Wieland betonte 1772 die „Simplicität des Plans und den kleinen Umfang der Fabel“ (zitiert nach Korten 2007: 547). Johann Wolfgang Goethe prägte in einem Gespräch mit Eckermann vom 29. Januar 1827 die für die Novellistik folgenträchtige Formulierung, eine Novelle sei „eine sich ereignete unerhörte Begebenheit“. Ludwig Tieck betonte mit Blick auf die Novelle die Wichtigkeit eines „Wendepunkts“, an welchem sich das Geschehen unerwartet umzukehren habe. Außerdem solle das Novellengeschehen laut Tieck „wunderbar, vielleicht einzig“ sein.

Paul Heyse begründete in der Einleitung zum „Deutschen Novellen-Schatz“ (1871) die „Falken-Theorie“, der zufolge jede Novelle einen „Falken“, d. h. ein Symbol des zentralen Konflikts am Wendepunkt der Geschichte. Die Theorie knüpft an die neunte Novelle des „Decamerone“ an, in der ein verarmter Adliger einer zurückhaltenden Geliebten seinen liebsten Jagdfalken zur Speise vorsetzt, um von ihr erhört zu werden, was letztlich gelingt.

Schwierige Kategorisierung der Novelle

Die Verschiedenheit der Ansätze zeigt: Wer die Novelle normativ definieren möchte, wird allenfalls einen Minimalkonsens aufstellen können: Es handelt sich um eine Erzählung mittlerer Länge. (Korten 2007: 548) Ein Blick auf die Novellen Maupassants zeigt aber, dass sich die Novellen in ihrer Länge und Anlage teils deutlich unterscheiden, was selbst diese behelfsmäßige Definition mangelhaft erscheinen lässt. Häufig haben Maupassants Novellen lediglich einen Umfang von fünf oder sechs Seiten, manchmal sind sie aber auch deutlich umfangreicher („Boule de suif“: 40 Seiten, „L’Héritage“: 68 Seiten, „Yvette“ 77 Seiten). (Kessler 1966: 20)

Auch wenn man versuchen würde, die Novelle über die Zahl der Handlungsorte, die Anzahl der Personen oder die Dauer des Erzählgeschehens zu bestimmen, würde man auf die Erkenntnis stoßen, dass all diese Parameter von Fall zu Fall variieren können. Keinesfalls ist es richtig, dass aufgrund des vergleichsweise geringen Umfangs der Gattung Novelle zwangsläufig nur ein Handlungsort und wenige Figuren vorkommen sowie ein Geschehen von kurzer zeitlicher Dauer abgebildet wird. (vgl. Kessler 1966: 20)

Bei Maupassant beispielsweise treten oft nur zwei oder drei Personen auf, es können aber auch beträchtlich mehr sein, z. B. in „Boule de suif“, „La Maison Tellier“ und „L’Héritage“. Die Dauer des Geschehens ist in seinen Novellen oft auf einige Stunden („Un Réveillon“, „La Patronne“) oder Tage („Boule de Suif“, „La Maison Tellier“) reduziert, gelegentlich erstreckt sie sich aber auch über wesentlich längere Zeiträume („L’Héritage“, „Monsieur Parent“). Ein Teil der Novellen hat nur einen einzigen Schauplatz („La Patrone“, „Menuet“), in anderen dagegen gibt es mehrere Handlungsorte („Boule de Suif“, „La Maison Tellier“, „L’Héritage“, „Ce Cochon de Morin“).

So bleibt letztlich nur der Schluss des historischen Ansatzes übrig, welcher auf die Uneinheitlichkeit von Novellen und Novellentheorien selbst innerhalb einer einzigen Epoche verweist. Oft dient der Forschung daher als wesentliches Merkmal für die Gattung Novelle die Kategorisierung des Textes als Novelle durch den Autor oder die Autorin. (Korten 2007: 548)

Die Merkmale der Novelle

Einige charakteristische Merkmale der Gattung lassen sich dann aber doch festhalten: Die Handlung zeichnet sich durch einen „zügigen, geradlinigen Ablauf“ (Kessler 1966: 22) aus. Es tritt ein einfacher Konflikt ohne jedwede Episoden oder Nebenhandlungen auf. Im Zentrum steht ein zentrales Ereignis („trait privilégié“), das den Wendepunkt der Geschichte bildet und in dem „alle Konfliktlinien nach dem Grundsatz der Kausalität zu einem überraschenden Ende geführt werden“ (Wanning 1998: 95). Die Personen durchlaufen im Laufe des Geschehens keine Entwicklung. Die Sprache der Novelle, deren Ursprung in der Mündlichkeit liegt, ist darüber hinaus schmucklos und sachlich.

Es ergibt sich so ein Gattungsprofil, bei welchem die Realitätsnähe und Alltäglichkeit der Handlung mit dem Wendepunkt und dem Unerhörten in einem Spannungsverhältnis stehen. (Wanning 1998: 96) Diese Widersprüchlichkeit lässt sich beispielsweise auflösen, indem man typische Fälle in einer ungewöhnlichen Umgebung darstellt oder Alltagsnormalität außergewöhnlich motiviert.

Die französische Novelle im 19. Jahrhundert

Im 18. Jahrhundert trat die Gattung der Novelle in Frankreich vor allem in vier Formen auf: als Kunstmärchen oder Märchennovelle (conte de fées), als philosophische Erzählung mit dem Ziel aufklärerischer Zeitkritik (conte philosophique), z. B. bei Voltaire, als moralisch belehrende Erzählung und Charakterkritik (conte moral), z. B. bei Marmontel, und zuletzt als psychologische Novelle (histoire, anecdote, nouvelle). (Blüher 1985) Im 19. Jahrhundert erlebte die französische Novellistik schließlich ihren Höhepunkt. Sie befreite sich von dem Ruf, es handle sich um eine niedere Gattung, der ihr bis zum Ende des 18. Jahrhunderts anhing. Damals schrieben alle bedeutenden Autoren auch in der Form der Novelle, so etwa Balzac, Flaubert, Musset, Zola, Stendhal, Barbey d’Aurevilly. Nodier, Mérimée, Gautier und vor allem Maupassant haben ihren Ruhm sogar weitgehend ihrem novellistischen Schaffen zu verdanken.

Ein Grund für die Blüte der Novelle liegt in den zu jener Zeit neu aufkommenden Publikationsmöglichkeiten: Ab 1830 wuchs die Zahl der Zeitschriften, die in ihren Feuilletonteilen Novellen publizierten. Der größte Teil der Novellen wurde im 19. Jahrhundert zunächst in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht, wobei auch Novellensammlungen erschienen. Novellenautoren schrieben durch diese Entwicklung ihre Erzählungen immer häufiger aus reinem Geldinteresse und richteten ihr Schreiben am Geschmack des Publikums aus.

Um die bewusst kalkulierte Publikumswirkung zu erzielen, bildeten sich immer raffiniertere Erzählverfahren aus. Diese verfeinerten zunehmend das realistische Erzählen, welches die Wirklichkeit illusionistisch abbilden wollte: Milieubeschreibungen, szenische Darstellungen, Nachbildungen der gesprochenen Sprache (code parlé), Rahmenerzählungen, die Authentizität verleihen sollten, personale Erzählhaltungen. In Maupassants Erzählungen haben die mimetischen Erzählverfahren ihren vollendeten Ausdruck gefunden. (Blüher 1985: 140)

Mit dem Ende des 18. Jahrhunderts und der Krise der Aufklärung verloren die literarischen Formen des conte merveilleux, des conte philosophique und des conte moral rasch an Bedeutung, da ihnen ihre ideologische Grundlage entzogen wurde. Zugleich entstanden im 19. Jahrhundert neue Novellentypen, die im Folgenden vorgestellt werden sollen.

Neu erschlossen wurde die Form der phantastischen Novelle, die zusammen mit der Schauernovelle eine „beherrschende Stellung im 19. Jahrhundert einnehmen“ (Blüher 1985: 140-141) sollte. Weiterentwickelt wurde die psychologische Novelle, deren Anfänge bereits im 18. Jahrhundert zu beobachten waren. (Bühler 1985: 141) Diese wird sich als äußerst vielgestaltige Form erweisen, da in ihr zahlreiche verschiedene Charakterbilder und Motive ihren Platz finden. Zudem entstand die sozialkritische Novelle, die das Ziel verfolgte, gesellschaftliche Missstände deutlich zu kritisieren. Sie nahm das Engagement von Conte philosophique und Conte moral aus der Zeit der Aufklärung wieder auf. Schließlich trat eine veränderte Form der Schwanknovelle auf, die an Traditionen der Renaissancenovellistik anknüpfte.

„Fettklößchen“ (frz. „Boule de suif“) von Guy de Maupassant

Die Gruppe von Médan: Zola, Huysmans, Céard, Hénnique, Alexis, Maupassant

Die 1879 geschriebene Novelle „Fettklößchen“ (frz. „Boule de suif“) erschien erstmals 1880. Wie oben erwähnt, wurde sie in der Novellensammlung „Les Soirées de Médan“ veröffentlicht, zusammen mit fünf weiteren naturalistisch geprägten Erzählungen. Diese stammten von dem Chef dieser literarischen Strömung, Émile Zola (Erzählung: „L’Attaque du Moulin“), sowie von den jungen Autoren Joris-Karl Huysmans („Sac au dos“), Henry Céard („La Saignée“), Léon Hénnique („L’Affaire du Grand 7“), Paul Alexis („Après la bataille“).

Gemeinsam war den in dem Band versammelten Novellen das Thema des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 sowie ihre antimilitaristische Ausrichtung. Die Autoren bildeten die „petite bande“, die kleine Bande, die sich regelmäßig im Haus von Zola in Médan versammelte, weshalb sie „groupe de Médan“ genannt wurden und der Novellenband den Namen „Les Soirées de Médan“ trug. Die Reaktionen der Literaturkritik auf die am 17. April 1880 veröffentlichte Novellensammlung fielen scharf aus, vor allem wegen des provokanten Vorwortes, welches ein anonymer Autor dem Band voranstellte: (Troyat 1989: 89)

Nous nous attendons à toutes les attaques, à la mauvaise foi et à l’ignorance dont la critique courante nous a déjà donné tant de preuves. Notre seul souci est d’affirmer publiquement nos véritables amitiés et, en même temps, nos tendances littéraires.

Wir sind auf alle möglichen Attacken, auf Böswilligkeit und auf Ignoranz gefasst, wofür uns die gängige Kritik schon so viele Beweise gegeben hat. Unsere einzige Sorge ist es, öffentliche unsere wahren Freundschaften und zugleich unsere literarischen Tendenzen zu bekräftigen.

Vorwort von „Les Soirées de Médan“

Die Reaktion der Presse auf diese herausfordernden Zeilen, die den rebellischen Geist eines jungen Mannes erahnen lassen, ließ nicht lange auf sich warten: Den Autoren der „Soirées de Médan“ wurde im „Figaro“ bereits einen Tag nach der Veröffentlichung, am 19. April, vorgeworfen, sie versuchten mit ihrer provokanten Art auf ziemlich durchsichtige Weise Kritik hervorzurufen, um so den Verkauf ihres Buches zu fördern: „‚Les Soirées de Médan‘ sind nicht eine Zeile der Kritik würdig. Abgesehen von der Novelle von Zola, die den Band eröffnet, ist es die äußerste Mittelmäßigkeit.“ (zitiert und übersetzt nach Troyat 1989: 89-90) Von anderen Kritikern, etwa Léon Chaperon, wurde an den jungen Naturalisten ihre „Eitelkeit“ („vanité“) sowie die „Grobheit“ („grossièrté“) des Vorworts kritisiert. (Troyat 1989: 90)

Hier und da erhoben sich allerdings auch Stimmen, die die Novelle von Guy de Maupassant lobend erwähnten. Sie sei „flink und charakterisiert durch kurze Beschreibungen“, so Camille Lemonnier. Frédéric Plessis schätzte an ihr den „knappen und verdichteten Stil“ sowie den „unbestreitbaren Beobachtungsgeist“ des Autors. Plessis fügte an, es handele sich bei Maupassants Schreibstil um reinen Flaubert: „Und welches Talent man haben muss, um diesen exzellenten Prosaautor nachzuahmen!“ (zitiert und übersetzt nach Troyat 1989: 90)

Flaubert ärgerte sich über die gemischte Presse. Denn er selbst hielt „Boule de suif“ für ein Meisterwerk („chef d’œuvre“). Seiner Nichte Caroline schrieb der Schriftsteller am 1. Februar 1880 in einem Brief: „‚Boule de suif‘, die Erzählung meines Schülers, deren Korrekturbögen ich heute Morgen gelesen habe, ist ein Meisterwerk; ich behalte das Wort bei, ein Meisterwerk der Komposition, der Komik und der Beobachtung.“ (nach Troyat 1989: 85)

Am selben Tag teilte er dasselbe dem Autor der Novelle mit: „Ich kann es kaum erwarten, Ihnen zu sagen, dass ich ‚Boule de suif‘ für ein Meisterwerk halte. Ja, junger Mann, weder mehr noch weniger, das stammt von einem Meister. Es ist recht originell in der Konzeption, ganz und gar gut verstanden und in einem hervorragenden Stil geschrieben. Die Landschaft und die Personen nehmen einander wahr und die Psychologie ist stark.
Kurzum: Ich bin hingerissen. Zwei- oder dreimal habe ich laut gelacht… (…) Diese kleine Erzählung wird bleiben, seien Sie versichert. Was für schöne Köpfe sind doch Ihre Bourgeois! Nicht einer davon ist schlecht getroffen! (…) Nein, wirklich, ich bin zufrieden! Ich habe mich amüsiert und ich bin voller Bewunderung… Noch einmal bravo! Menschenskind!“ (nach Troyat 1989: 85-86) Flaubert konnte also seine Begeisterung kaum zurückhalten, als er die Erzählung gelesen hatte.

Widmen also auch wir uns dem Inhalt. „Boule de suif“ spielt während des deutsch-französischen Krieges 1870/71. Frankreich ringt mit seiner Niederlage. Die preußischen Truppen haben Rouen bereits besetzt. Die Einwohner verstecken sich in ihren Häusern vor den Siegern, die nun gemäß dem Kriegsrecht über Vermögen und Leben gebieten dürfen. In dieser verzweifelten Lage prägt Maupassant den schönen und bis heute gültigen Satz:

Car la haine de l’Étranger arme toujours quelques Intrépides prêts à mourir pour une Idée.

Denn der Hass vor dem Fremden bewaffnet stets manche Furchtlose, die bereit sind, für eine Idee zu sterben.

Während die deutschen Eroberer die Stadt Rouen unterwerfen, machen sich einige Leute mit wirtschaftlichen Interessen nach Le Havre auf, wo noch die französische Armee das Sagen hat, indem sie auf dem Landweg über Dieppe fahren. Man macht den Einfluss der deutschen Offiziere geltend, deren Bekanntschaft man geschlossen hat, und erhält so vom kommandierenden General die Erlaubnis zur Abfahrt.

So fahren eines Dienstagmorgens zehn Personen in einer Kutsche für vier Pferde von Rouen ab. Die Insassen stammen aus allen Gesellschaftsschichten. Da wären der Graf und die Gräfin de Bréville, der Fabrikant Carré-Lamadon mit seiner Gattin, das Händlerehepaar Loiseau, zwei Nonnen, der Revolutionär und Demokrat („démoc“) Cornudet sowie die Prostituierte Elisabeth Brousset, die wegen ihrer runden Formen „Boule de suif“ genannt wird. (Kessler 1966: 40-41)

Szene aus „Boule de suif“ (1880), Aquarell von Georges Scott.

Monsieur und Madame Loiseau sind Weinhändler, die durch den Verkauf schlechter Weine zu günstigen Preisen zu Geld gekommen sind. Unter seinen Freunden gilt Loiseau als verschlagen, als ein echter Normanne, voller Listen und Fröhlichkeit, der immer für einen Spaß gut ist. Seine Frau ist groß, stark, resolut, hat eine hohe Stimme und sorgt für die Ordnung in dem Handelshaus, welches er mit seiner fröhliche Tatkraft belebt.

Monsieur Carré-Lamadon, ein ansehnlicher Mann, ist der Inhaber von drei Spinnereien, Offizier der Ehrenlegion und Mitglied des Conseil général. Der Graf Hubert de Bréville und die Gräfin de Bréville tragen einen der ältesten und der vornehmsten Adelsnamen der Normandie. Der Graf hat eine nicht standesgemäße Partie gemacht, doch seine Frau sieht nach großer Gesellschaft aus und kann einen Salon führen. Diese sechs Personen – die ehrenhaften Leute („honnêtes gens“) – sitzen im hinteren Teil der Kutsche. Etwas bissig sagt Maupassant über diese Leute mit Ehre, sie hätten Religion und Prinzipien.

Neben der Gräfin sitzen zwei Nonnen, die Gebete herunterbeten und den Rosenkranz durch ihre Finger gleiten lassen. Gegenüber von den beiden Nonnen sitzen ein Mann und eine Frau, die die Blicke aller auf sich ziehen. Der Mann ist „wohl bekannt“. Es handelt sich um den Demokraten („le démoc“, wie abschätzig gesagt wird) Cornudet, den „Schrecken der ehrwürdigen Bürger“. Um für seine revolutionären Aufwendungen belohnt zu werden, sehnt er sich nach der Republik.

Die Frau, die als Kokotte, also käufliche Dame, gilt, ist klein, an allen Stellen ihres Körpers rundlich – und dennoch bleibt sie für die Männer anziehend und verführerisch. Sobald die anderen sie erkennen, beginnt das Geflüster. Die restlichen Insassen sind peinlich berührt von der Anwesenheit der Prostituierten. Wörter wie „prostituée“ und „honte publique“ („öffentliche Scham“) werden so laut geflüstert, dass sie es hören kann.

Die ehrenhaften Reisenden grenzen Boule de suif und Cornudet rasch bewusst aus ihren Reihen aus. Sowohl die drei Frauen als auch die drei Männer verbünden sich miteinander, indem sie freundschaftliche Gespräche beginnen. Die Frauen bemühen sich, sich intim zu geben, während die Männer versuchen, ihren Konservatismus durch Gespräche über das Thema Geld zur Schau zu stellen.

Die Reise gestaltet sich aufgrund des winterlichen Wetters schwierig. Es geht nur sehr langsam voran. Mit der Zeit bekommen die Reisenden allesamt Hunger. Am frühen Nachmittag verstummen die Gespräche aus diesem Grund. Jeder und jede stellt sich dieselbe Frage: „Warum haben sie nur keinen Proviant mitgenommen?“ Cornudet bietet eine Trinkflasche mit Rum an, die frostig abgelehnt wird. Nur Loiseau nimmt ein paar Schlucke davon. Im Scherz sagt er, etwas angetrunken, mit Blick auf Boule de suif, man könnte die dickste Mitreisende verspeisen.

Nachmittags holt Boule de suif schließlich einen großen Korb hervor, aus welchem sie nach und nach eine Speise nach der anderen herausnimmt: in Terrine eingelegtes Hühnchen, Pasteten, Früchte, Süßes und noch einiges mehr. Das Essen und Trinken könnten für drei Tage reichen. Als Boule de suif zu essen beginnt, verteilt sich der verführerische Geruch im Inneren der Kutsche. Die anderen Mitfahrerinnen und -mitfahrer halten zunächst ihre Front gegenüber der Prostituierten aufrecht, als Boule de suif ihnen etwas von ihrer Mahlzeit anbietet. Als Erster geht erneut Monsieur Loiseau auf das Angebot ein. Daraufhin folgen die Nonnen und Cornudet.

Als Monsieur seine „charmante Gefährtin“, Boule de suif, um Erlaubnis bittet, auch ein Stück seiner Frau zu geben, schließt auch diese sich an. Zuletzt nutzen der Graf und Monsieur und Madame Carré-Lamadon einen Ohnmachtsanfall der geschwächten Gräfin de Bréville als willkommenen Vorwand, um sich den übrigen Insassen nach anfänglicher Zurückhaltung mit dem Essen anzuschließen. Plötzlich hat sich die Stellung von Boule de suif geändert: „Wir akzeptieren mit Anerkennung, Madame.“, sagt der Graf zu ihr und behandelt die zuvor noch verachtete Ausgegrenzte respektvoll wie eine echte Dame.

Gemeinsam leeren die zehn Personen den Korb. Man muss sich nun aus Gründen der Höflichkeit mit Boule de suif unterhalten. Gut, dass Madame de Bréville und Carré-Lamadon gute Manieren haben. Sie reden also über die Preußen, den Krieg – und über Politik. Dabei kommen sich die Frauen unverhofft näher, als sie sich gemeinsam gegen die Republik aussprechen, welche Cornudet, ein überzeugter Napoléon-Gegner, zuvor verfochten hat.

Nachts kommt die Kutsche in Tôtes an, wo die Insassen in einem Hotel absteigen. Begrüßt werden sie von einem deutschen Offizier, der sie zum Aussteigen auffordert. Der Offizier lässt sich den unterzeichneten Passierschein zeigen, auf dem die Namen und die Berufe der Reisenden eingezeichnet sind. Als die Neuangekommenen zu Abend essen, lässt der preußische Offizier Boule de suif bzw. Elisabeth Rousset zu sich rufen. Zunächst widersetzt sich Boule de suif aus patriotischen Gefühlen, doch da ihr Widerstand zu Schwierigkeiten für die Reisegruppe führen könnte, überreden ihre Mitreisenden sie, zu dem Offizier zu gehen.

Nach zehn Minuten kommt Boule de suif erbost zurück, aber sagt ihren Mitreisenden nicht, was der Deutsche von ihr wollte. In der Nacht beobachtet Loiseau durchs Schlüsselloch eine Szene zwischen Boule de suif und Cornudet: Cornudet möchte sich ihr körperlich nähern, doch die Frau lehnt entschieden ab: „Warum? Sie verstehen nicht, warum? Wenn Preußen im Haus sind, im Zimmer nebenan vielleicht?“ Boule de suif zeichnet sich erneut durch ihre patriotische Zurückhaltung aus. Cornudet umarmt sie und zieht sich in sein Zimmer zurück.

Als die Reisegesellschaft am nächsten Morgen abreisen möchte, sind die Pferde nicht angespannt und der Fahrer ist nicht auffindbar. Sie machen sich überall auf die Suche nach ihm. Als sie ihn schließlich im Café des Dorfes finden, erklärt er ihnen, dass er über den Herbergsvater Monsieur Follenvie vom preußischen Offizier das Verbot erhalten habe, die Pferde an die Kutsche anzuspannen. Die festsitzenden Reisenden wollen also den Offizier sprechen, nachdem Monsieur Follenvie ihnen auch nur das sagen konnte, was ihnen der Kutscher bereits berichtet hatte. Der Offizier wiederholt allerdings nur sein Verbot. Verzweifelt fragt sich die Reisegesellschaft, weshalb er sie festhält – vielleicht als Geiseln oder als Gefangene?

Über Monsieur Follenvie lässt der Deutsche fragen, ob Elisabeth Rousset ihre Meinung bereits geändert habe. Boule de suif, die ohnehin bereits kränklich aussieht, wird nun bleich und daraufhin vor Wut rot: „Sagen Sie diesem Schuft, diesem Schweinehund, diesem Aas von Preußen, dass ich es nie wollen werde; Sie verstehen ganz recht, nie, nie, nie.“ Auf diese Unterhaltung hin muss sie ihren Mitreisenden verraten, was der Deutsche von ihr möchte, auch wenn Sie zuerst Widerstand leistet: „Was er will? … was er will? … Er will mit mir schlafen.“ Die übrigen Reisenden sind empört über diesen Wunsch, die Frauen bezeugen Boule de suif ihr Mitleid.

Am nächsten Tag hat sich die Lage, haben sich die Urteile geändert: Immer noch stecken die Reisenden in dem Dorf fest. Nun nehmen sie es Boule de suif fast übel, dass sie nicht eine geheime Vereinbarung mit dem preußischen Offizier getroffen hat, von der die restliche Gesellschaft nichts erfahren hätte müssen. So hätte sie den Anschein wahren können. Doch noch wagt es niemand auszusprechen.

Am Nachmittag unternehmen die Frauen und Männer einen Spaziergang, um der Langeweile zu entfliehen. Nur Cornudet bleibt in der Herberge und die Nonnen sind in der Kirche. Dabei fragt Loiseau, ob „dieses Weibsbild“ („cette garce-là“) sie noch lange in einem solchen Ort festhalten werde. Der höfliche Graf antwortet, dass man von einer Frau kein so schweres Opfer fordern könne.

Am nächsten Tag diskutieren die Damen und Herren in Abwesenheit von Boule de suif, wie es weitergehen soll. Madame Loiseau ist der Ansicht, dass „diese Hure“ („cette gueuse“) nicht einen Mann einfach so ablehnen dürfe, weil es ihr Beruf sei, es mit Männern zu tun. Sie verrät außerdem ihre kaum kaschierte Eifersucht, indem sie kundtut, dass es auch noch drei andere Frauen gab, die der Offizier auswählen hätte können: „Aber nein, er begnügt sich mit dieser vor allen anderen. Er respektiert die verheirateten Frauen.“ Schließlich entscheidet der Graf: „Man müsste sie zur Entscheidung bewegen.“ („Il faudrait la décider“) Damit beginnt der verschwörerische Zusammenschluss der Reisenden, wobei sich Cornudet ein wenig im Abseits hält.

Beim Frühstück beginnen die Reisenden ihre Überzeugungsarbeit, indem sie eine vage Konversation über die Hingabe beginnen. Sie führen biblische und antike Exempel weiblicher Tatkraft an: Judith bei Holofernes, Lucretia bei Sextus, Kleopatra. Sie zitieren Frauen, die Eroberer dadurch aufhielten, dass sie aus ihrem Körper eine Waffe und ein Schlachtfeld machten. Am Ende des Gesprächs hätte man meinen können, dass der einzige Zweck weiblichen Daseins auf der Erde wäre, die eigene Person den Launen der Soldaten zu opfern. Boule de suif sagt darauf gar nichts mehr.

Als Monsieur Follenvie im Auftrag des preußischen Offiziers fragt, ob Elisabeth Rousset bereits ihre Meinung geändert hat, antwortet diese: „Nein, Monsieur.“ Beim Abendessen haben die Reisenden Schwierigkeiten, weitere Beispiele zu finden, mit denen sie Boule de suif überzeugen können. Die Gräfin, die die Religion heranziehen möchte, fragt eine der Nonnen nach dem Leben der Heiligen. Demnach haben viele Heilige Taten begangen, die in unseren Augen Verbrechen wären; doch die Kirche spricht sie mühelos von diesen Freveln frei, wenn sie im Namen Gottes oder zum Wohle des Nächsten ausgeführt werden.

Sie fragte sie:
– „Also, meine Schwester, denken Sie, dass Gott alle Wege akzeptiert und die Tat vergibt, wenn das Motiv rein ist?“
– „Wer könnte daran zweifeln, Madame? Eine an sich tadelnswerte Handlung wird oft löblich durch den Gedanken, der ihn anregt.“

Die Unterhaltung der beiden ist verhalten, diskret, geschickt. Doch jede Äußerung der Nonne schlägt eine Bresche in den Widerstand der Kurtisane.

Am nächsten Tag stehen die Reisenden spät auf. Die Gräfin schlägt einen Spaziergang am Nachmittag vor. Dabei nimmt sich der Graf, wie mit den anderen verabredet, Boule de suif vor und bleibt mit ihr hinter der Gruppe zurück. Er spricht in einem väterlichen, etwas herablassenden Ton zu ihr, die er „mein liebes Kind“ nennt: Warum sie die Reisegruppe denn lieber an diesem Ort festhalten möchte, als in eine Gefälligkeit einzuwilligen, die sie schon so oft in ihrem Leben erteilt habe? Er rühmt den Dienst, den sie ihnen erweisen würde, und spricht von der Anerkennung, die sie erhalten würde: „Und du weißt, mein Liebes, er könnte sich rühmen, ein hübsches Mädchen geliebt zu haben, wie er nicht viele in seinem Land finden wird.“ Boule de suif antwortet nicht und schließt sich der Gruppe an. Zurück in der Herberge geht sie in ihr Zimmer und erscheint nicht zum Abendessen. Die Reisenden fragen sich, was sie wohl machen wird.

In ihrer Abwesenheit von Boule de suif macht die Neuigkeit die Runde, dass sie sich entschieden hat, dem Wunsch des Preußen nachzugeben. Eine große Erleichterung geht durch die Runde. Sie feiern mit Champagner, den Monsieur Loiseau bezahlt, und trinken auf ihre Freiheit. Nur Cornudet sagt angesichts der Nachricht kein Wort mehr, sondern ist in trübsinnige Gedanken versunken. Als ihn der betrunkene Loiseau darauf anspricht, erwidert er: „Ich sage euch allen, dass ihr gerade eine Schandtat begangen habt! (…) Eine Schandtat!“ In der Nacht können die trunkenen Reisenden nicht richtig schlafen.

Am nächsten Tag steht die Kutsche endlich angespannt vor der Tür. Alle Reisenden packen sich Proviant für die Fahrt ein, sie haben von der bisherigen Reise gelernt. Nur Boule de suif kommt verspätet. Sie scheint verstört und beschämt, als sie zu ihren Reisegefährten stößt. Und auch die übrigen Reisenden gehen plötzlich auf Abstand zu ihr und wollen nichts mehr mit ihr zu tun haben, als hätte sie eine Krankheit an sich. Von der Anerkennung, von der zuvor die Rede war, ist nun nichts mehr zu spüren.

Als die Kutsche sich in Bewegung setzt, wird nicht gesprochen. Boule de suif wagt es nicht, die anderen anzusehen. Sie fühlt sich empört wegen der Reaktion der anderen ihr gegenüber und zugleich erniedrigt, weil sie nachgegeben hat. Die anderen Reisenden verwickeln sich in Gespräche oder spielen Karten, die Nonnen beten Rosenkränze, Cornudet sitzt in Gedanken versunken da.

Nach drei Stunden Fahrt bekommen die Reisenden allmählich Hunger. Die Loiseaus, der Graf und die Gräfin, die Nonnen und Cornudet packen ihre Essensvorräte aus. Boule de suif hat in der Eile, in der sie aufgebrochen ist, nicht daran gedacht, etwas zu essen mitzunehmen. Dieses Mal ist also sie diejenige, die keinen Proviant dabei hat. Alle ehrenhaften Insassen essen ruhig und gemütlich. Doch keiner sieht Boule de suif an oder denkt auch nur daran, ihr etwas abzugeben, wie sie es auf der ersten Fahrt getan hat.

Eine heftige Wut brachte sie zunächst auf die Palme und sie machte ihren Mund auf, um ihnen ihre Tat mit einer Flut an Beleidigungen entgegenzuschreien, die ihr in den Mund kamen; doch sie konnte nicht sprechen, so sehr schnürte die Ermüdung ihr die Luft.
(…) Sie fühlte sich ertrunken in der Verachtung dieser ehrenhaften Lumpen, die sie zuerst geopfert, daraufhin zurückgewiesen hatten, wie eine unsaubere und unnütze Sache.

Überwältigt von der Ablehnung, versucht Boule de suif sich zusammenzureißen. Doch sie kann das Weinen letztlich nicht unterdrücken. Große Tränen laufen ihr über die Wangen. Madame Loiseau macht sich darüber sogar noch lustig: „Sie beweint ihre Scham.“ Cornudet wird schließlich zum Rächer der ausgegrenzten Mitreisenden, indem er beginnt, den ehrenhaften Bürgern einen Streich zu spielen. Er beginnt die Marseillaise zu pfeifen, die für die Werte der Nation und der Revolution steht. Mit dem Volkslied kann der „démoc“ Cornudet die Bürger selbstverständlich ärgern und die arme Boule de suif rächen. Damit löst sich das Versprechen des vollständigen Titels der Novelle ein, der lautet: „Boule de suif et le vengeur“, also „Fettklößchen und der Rächer“.

Alle Gesichter verfinsterten sich. Der volkstümliche Gesang gefiel seinen Nachbarn mit Sicherheit nicht. Sie wurden nervös, gereizt und sahen aus, als wären sie bereit, wie Hunde aufzuheulen, die einen Leierkasten hören.
Er [Cornudet] bemerkte es, hörte aber nicht auf. Manchmal summte er sogar den Liedtext:

Amour sacré de la patrie,
Conduis, soutiens, nos bras vengeurs,
Liberté, liberté, chérie,
Combats avec tes défenseurs!

Heilige Liebe zum Vaterland,
Führe, stütze unsere rächenden Arme.
Freiheit, geliebte Freiheit,
Kämpfe mit Deinen Verteidigern!

La Marseillaise

Die Novelle endet damit, dass die betrübten Insassen der Kutsche die gesummte Marseillaise hören müssen. Boule de suif schluchzt währenddessen weiter vor sich hin. Es ist eine Kritik an den sozialen Verhältnissen, wie sie deutlicher nicht sein könnte, die Maupassant in dieser psychologisch fein komponierten und sozialkritischen Geschichte äußert.

Während Boule de suif zunächst von den übrigen Reisenden auf alle möglichen Arten umschmeichelt wird, damit der preußische Offizier die Kutsche weiterfahren lässt, erfährt sie nach dem Vollzug des Aktes eine heftige Ablehnung, die aus der Scham herrührt. Und obwohl Boule de suif ihre Mitreisenden auf der ersten Fahrt großzügig an ihrem Proviant hat teilhaben lassen, wird sie auf der Weiterfahrt von diesen nicht einmal beachtet, geschweige denn mit Essen bedacht.

Nicht zu Unrecht bezeichnete Flaubert die Novelle als ein Meisterwerk. Es ist ein psychologisch durchkomponierter Text, der von dem Zusammenspiel der zwischenmenschlichen und emotionalen Entwicklungen lebt: die Trennlinien innerhalb der Gruppe, die soziale Abgrenzung der ehrbaren Bürger gegenüber Boule de suif, ihre Annäherung an die Kokotte, wenn sie etwas von ihr wollen, die sprachlich und in der Verhaltensbeobachtung gelungene Darstellung der Adligen, der Kaufleute, der Nonnen, des Demokraten und von Boule de suif. „Boule de suif“ ist deshalb eine durchweg lesenswerte Lektüre.

Die sozialkritische Novelle

Wenn man „Boule de suif“ einordnen möchte, dann gehört sie innerhalb der Novellenformen des 19. Jahrhunderts zur Kategorie der sozialkritischen Novelle. Die Thematik dieser Novellen zeichnete sich dadurch aus, dass sie im Protest zu den vorherrschenden Missständen der zeitgenössischen Gesellschaft stand. (Blüher 1985: 195)

Dieser Novellentyp setzt „unter den veränderten Bedingungen des nachrevolutionären Frankreichs die soziale Anklage der Aufklärungsnovelle, insbesondere der frührealistischen Problemnovelle Diderots und des Conte moral“ (Blüher 1985: 195) fort. Während in den Contes moraux die missbräuchlichen Taten des Ancien Régime kritisiert wurden, richtet sich die Kritik der sozialkritischen Novelle im 19. Jahrhundert gegen ein politisches System, das nunmehr vor allem von der Bourgeoisie getragen wird.

Die sozialkritische Novelle begnügt sich meist damit, die negativen Seiten zu beschreiben. Nach den Erfahrungen der Revolutionszeit, der napoleonischen Ära, vor allem aber der Restaurationszeit, des Julikönigtums und des zweiten Königreichs hatten die meisten Novellenautoren den Optimismus verloren, der noch die Autoren der Zeit der Aufklärung ausgezeichnet hatte. Maupassants Novellen sind von einem Pessimismus geprägt, der der ernüchterten Weltsicht entspricht, wie sie auch Flaubert teilte.

Ein herausragender Repräsentant dieses Novellentyps ist Victor Hugo, dessen beide Erzählungen „Le dernier jour d’un comdamné“ (1829; 1832 mit Vorwort) und „Claude Gueux“ (1834) zwei besonders eindrucksvolle Beispiele der Gattung sind. Balzacs sozialkritische Novellen beschränken sich zumeist auf die kritische Beschreibung der Missstände in der Bourgeoisie und der Aristokratie, ohne zu einer Veränderung der Verhältnisse aufzufordern. Auch die arme Landbevölkerung berücksichtigt er, wie auch in seinen Romanen „Le médecin de campagne“ (1833), „Le curé de village“ (1839) und „Les paysans“ (1844).

Ungleich härter und anklagender sind Maupassants Novellen. Er stellt das Schicksal sozial ausgestoßener, geächteter Menschen dar. In „L’Odyssée d’une fille“ (1883) lässt er eine junge Prostituierte berichten, wie sie als Waisenkind in Not zu ihrem Gewerbe gezwungen wurde. Auch zahlreiche weitere Themen nehmen Maupassants sozialkritische Novellen auf. In „Le Papa de Simon“ (1879) greift der Autor die Diskriminierung eines unehelichen Kindes auf. „Un Million“ (1882) und „L’Héritage“ (1884) befassen sich schwankhaft mit den niedrigen ökonomischen Zielen bürgerlicher Existenz.

In einer weiteren Gruppe sozialkritischer Novellen thematisiert Maupassant die Lebensschicksale während des deutsch-französischen Krieges 1870/71. Zum Beispiel geht es in „Deux Amis“ (1883), „Saint Antoine“ (1883), „Le Père Milon“ (1883), „Walter Schnaffs“ (1883), „La Mère sauvage“ (1884), „L’Horrible“ (1884) und „Les Prisonniers“ (1884) um die Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Krieges. Weitere Novellen dieses Typs sind die „Contes du lundi“ (1873) von Alphonse Daudet und die Novellen der Sammlung „Les Soirées de Médan“ (1880), zu der auch „Boule de suif“ gehört.


Guy de Maupassant: Boule de suif. Reclam Fremdsprachentexte.

Die Geschichte der kleinen, „Boule de suif“ genannten Kurtisane, die in den Wirren des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 in einen unlösbaren Konflikt zwischen Moral und Patriotismus gestürzt wird. Die Novelle begründet Maupassants literarischen Ruhm und zählt noch heute zu seinen beliebtesten Werken.

Ungekürzte und unbearbeitete Textausgabe in der Originalsprache, mit Übersetzungen schwieriger Wörter am Fuß jeder Seite, Nachwort und Literaturhinweisen.

Sprache: Französisch. Reclam. 96 Seiten. 3,60 €

Maupassant: Boule de suif. Textes et documents.

Maupassant enthüllt in schonungsloser Weise die Verlogenheit der bürgerlichen Gesellschaft.

Mit den thematischen Wortschätzen L’armée / la guerre, Voyager en diligence, Manger et boire und La religion.

Sprache: Französisch, Deutsch. Éditions Klett Sprachen. 63 Seiten. 8,60 €


„Der Schmuck“ (frz. „La Parure“) von Guy de Maupassant

Titelseite zu „La Parure“ in der Zeitschrift „Gil Blas“, 8. Oktober 1893.

Die Novelle „Der Schmuck“ (frz. „La Parure“) erschien erstmals am 17. Februar 1884 in der Zeitschrift „Le Gaulois“.

Die Protagonistin, Madame Loisel, eine einfache Beamtengattin, ist mit ihrer Lebensführung und der Eintönigkeit ihres Alltags unzufrieden. Ihr Mann arbeitet als Angestellter im Bildungsministerium – wie übrigens Maupassant selbst eine Zeitlang, ehe er sich ganz der Literatur widmete -, doch sie leidet an der Armut ihrer Behausung und träumt von aufwändigen Abendessen, eleganten Kleidern, teurem Schmuck.

In ihrer Tagträumerei erinnert sie an Flauberts Emma Bovary, die sich ebenfalls mit ihrer sozialen Stellung als Gattin eines einfachen Landarztes nicht begnügen kann – und sich, angetrieben durch ihren Ennui, in unwahrscheinliche Liebesabenteuer und kostspielige Ausschweifungen flüchtet.

Allerdings belässt es Madame Loisel zunächst nur bei den Träumereien. Als ihr Gatte eines Tages eine Einladung zu einem offiziellen Ball im Ministerium mit nach Hause bringt, ist sie zunächst – entgegen der Erwartung ihres Mannes – gar nicht glücklich über diese unerwartete Abwechslung. Denn sie besitzt keine angemessene Kleidung für dieses Ereignis. Also gibt ihr ihr wohlwollender Mann 400 Francs für die Ausstattung, Geld, das er eigentlich für eine Jagdpartie mit Freunden aufwenden wollte.

Ein Abendkleid ist besorgt, doch als der Ball näher kommt, wird die Dame des Hauses immer unruhiger und nervöser. Schließlich gibt sie zu, dass sie noch gern einen „bijou“ oder eine „pierre“ hätte, also ein schönes Schmuckstück. Doch dafür reicht das Geld nicht. Also schlägt ihr Mann vor, sie könnte sich für die Dauer des Abends Schmuck von ihrer wohlhabenden Freundin Madame Forestier leihen. Die Freundin stimmt zu. Madame Loisel wählt ein wunderschönes Diamantcollier aus.

Mit ihrem eleganten Kleid und dem Schmuckstück kann Madame Loisel auf dem Ball glänzen:

Alle Männer betrachteten sie, fragten nach ihrem Namen, versuchten, ihr vorgestellt zu werden. Alle Ministerialbeamten der Kanzlei wollten mit ihr Walzer tanzen. Der Minister bemerkte sie.

Um vier Uhr früh brechen Monsieur und Madame Loisel von der Feier auf. Während die anderen Gäste des Abends beim Aufbrechen teure gefütterte Kleidung überwerfen, beeilen sich die beiden davonzukommen, um nicht von der restlichen Gesellschaft dabei gesehen zu werden, wie sie ihre nur bescheidene Übergarderobe anlegen. Denn diese steht in scharfem Kontrast zu ihrer edlen Ballkleidung.

Plötzlich stößt Madame Loisel auf dem Nachhauseweg einen Schrei aus: Das Diamantcollier von Madame Forestier hängt nicht länger um ihren Hals. Sie hat es in der Eile verloren! Ihr Ehemann sucht den ganzen Weg ab, den sie bereits gegangen sind. Erst um sieben Uhr kehrt er nach Hause zurück, allerdings ohne das Schmuckstück.

Sie gehen alle Möglichkeiten durch, gelangen jedoch zu dem Schluss, dass sie der Freundin den Verlust des teuren Gegenstands auf keinen Fall beichten dürfen. Stattdessen ziehen sie los, um bei einem Schmuckhändler der Stadt ein möglichst identisches Collier zu erwerben. Um Zeit zu gewinnen, schreiben sie der Freundin, dass das Schmuckstück repariert werden muss. In einem Geschäft am Palais-Royal finden sie ein ähnlich aussehendes Collier, welches ihnen für 36.000 Franc überlassen wird. Sie reservieren das Stück und bitten um drei Tage Aufschub.

Da er so viel Geld nicht besitzt, leiht sich Monsieur Loisel hier und dort ein paar Tausend Franc. Er geht Zahlungsverpflichtungen ein und unterschreibt Schuldscheine. Er sucht Geldverleiher und Wucherer auf. Kurzum: Er muss sich hoch verschulden. Ohne zu wissen, welche Zukunft auf ihn wartet, legt er schließlich die 36.000 Franc auf den Ladentisch und kauft das teure Schmuckstück. Als Madame Loisel ihrer Freundin das Schmuckstück zurückbringt, schaut diese nicht in die Schachtel, in der es aufbewahrt ist, sondern sagt nur, dass sie es hätte früher zurückbringen können.

Um die ruinösen Schulden zu begleichen, die sie für den Kauf eingegangen sind, müssen sie jahrelang hart arbeiten. Sie müssen das Dienstmädchen entlassen und in eine schlechtere Wohnung, eine Mansardenwohnung, umziehen. Von nun an muss Madame Loisel die Hausarbeiten selbst erledigen. Sie ist jetzt angezogen wie eine Frau aus dem Volk. Der Ehemann arbeitet auch am Abend und in der Nacht. Zehn Jahre dauert dieses entbehrungsreiche Leben an.

Nach zehn Jahren hatten sie alles zurückgezahlt, alles samt dem Wucherzins und der Anhäufung des Zinseszins.
Madame Loisel schien nun alt. Sie war eine starke Frau geworden und hart und grob und ärmlich. (…) Aber manchmal, wenn ihr Mann im Büro war, setzt sie sich ans Fenster und dachte an diesen Abend von einst, an diesen Ball, wo sie so schön gewesen und gefeiert worden war.
Was wäre geschehen, wenn sie dieses Schmuckstück nicht verloren hätte? Wer weiß? Wer weiß? Wie eigenartig das Leben doch ist, wie sprunghaft! Wie wenig es braucht, um einen zu verderben oder einen zu retten!

Eines Sonntags trifft Madame Loisel auf den Champs-Élyssées ihre alte Freundin Madame Forestier, die immer noch jung und schön ist. Nun da alles abbezahlt ist, kann sie ihr davon erzählen, was damals passiert ist. Als sie ihre Freundin auf der Straße anspricht, hält diese sie für eine Fremde, weil sie so verändert aussehe. Madame Loisel erzählt ihr die ganze Geschichte vom verlorenen Schmuckstück und vom Kauf eines neuen. Sie berichtet ihrer Freundin auch, dass sie dafür hohe Schulden aufnehmen mussten und diese zehn Jahre lang abbezahlt haben. Da kommt schließlich die Auflösung:

– „Du sagst, dass du ein Diamantcollier gekauft hast, um das meine zu ersetzen?“
– „Ja. Du hast es nicht bemerkt, was? Sie sich waren ziemlich ähnlich.“
Und sie lachte mit einer stolzen und naiven Freude. Sehr gerührt nahm Madame Forestier ihre beiden Hände.
_ „O, meine arme Mathilde! Meines war doch ein falsches. Es war höchstens 500 Franc wert.“

Kessler (1966: 90) rechnet die Novelle „Der Schmuck“ (frz. („La Parure“) zu den Charakternovellen, wobei er noch präziser wird und sie dabei in die Kategorie der Beamtennovellen einordnet. Ihm zufolge ist das Fazit der Novelle folgendes: Der Beamte darf „die vorgeschriebenen Bahnen seines Lebenslaufes (…) nicht einmal für wenige Stunden ungestraft verlassen“ (Kessler 1966: 90).

Wenn er dies doch tut, wie Monsieur Loisel und seine Gattin in „La Parure“, als sie den Ball aufsuchen, mag dies zwar für einen kurzen Moment ein Gefühl des höchsten Glücks erzeugen, doch es wird auch in eine Katastrophe enden. Besonders grausam wirkt in „La Parure“ das Geschehen in seiner doppelten Tragik: Dort geht es nicht nur um den Verlust des geliehenen Schmuckstücks, sondern auch um die zu spät erfahrene Enthüllung, dass es sich um ein Imitat handele, wodurch „die arbeits- und entbehrungsreichen Jahre nicht nur, wie in A Cheval, eine harte Buße sind, sondern sich als sinnlos und unnötig herausstellen“ (Kessler 1966: 90).

Ein Anzeichen der Novellengattung in „La Parure“ ist das Schmuckstück. Im Rückgriff auf die „Falken-Theorie“ könnte man das Leitmotiv des Schmuckstücks in dieser Novelle als den „Falken“ identifizieren. Zudem lässt sich der Verlust des Schmuckstücks als der entscheidende und überraschende Wendepunkt der Novelle ausmachen, an dem sich das Schicksal der Protagonisten, Madame und Monsieur Loisel, dreht. Waren sie gerade noch in Feierlaune, werden sie daraufhin verdammt, sich zu verschulden, um das vermeintlich wertvolle Diamantcollier zu ersetzen. Der Wendepunkt ist damit auch eine Entzauberung und eine Zurückholung in die Realität des Alltags.

Es fällt auf, dass die Novelle mit dem Kontrast zwischen Glück und Unglück, Reichtum und Armut, äußerer Schönheit und äußerem Elend arbeitet. (Wanning 1998: 97-98) Zu Beginn des Textes wird die Armut der Lebensbedingungen von Madame Loisel beschrieben („pauvreté“, „misère“, „usure“, „laideur“), aus denen sie gerne entfliehen würde. Wie Emma Bovary träumt sie von Luxus, Eleganz und Feinheit und leidet an ihrer gesellschaftlichen Lage („malheur“, „souffrance“, „torture“). Doch ihr Mann kann sich mit seinem Gehalt nichts Besseres leisten. Das Thema Armut und Reichtum klingt also zu Beginn des Textes an, nämlich bei der Vorstellung der Hauptfigur Madame Loisel.

Auf dem Ball hat sich die Lage von Grund auf verändert: Der Erzähler beschreibt die Lage von Madame Loisel als Erfolg, Sieg und Triumph („succès“, „victoire“, „triomphe“, „gloire“), plötzlich befindet sie sich in einer gefühlsmäßigen Hochstimmung („folle de joie“, „ivresse“, „emportement“, „plaisir“). Nach den zehn Jahren harter Arbeit schließlich hat sich die ursprüngliche Armut noch verschärft, was am Aussehen von Madame Loisel ersichtlich wird („forte“, „dure“, „rude“, „mal peignée“, „mains rouges“).

Die Novelle „La Parure“ ist bekannt für die überraschende Wende am Ende der Geschichte. Es handelt sich um eine realistische Novelle, in der die These des sozialen Determinismus verhandelt wird, d. h. des soziologischen Konzepts, dass die Gedanken und Verhaltensweisen der Menschen sich aus ihrer Position in der Gesellschaft herleiten lassen, meist ohne dass es ihnen bewusst ist. Der Versuch der Madame Loisel, sich in eine höhere Gesellschaftsschicht zu erheben, scheint zunächst zu gelingen, doch letztlich scheitert er kläglich. Denn er führt dazu, dass sie zehn Jahre lang in Entsagung und im Elend leben muss, ehe sie erfährt, dass diese zehn Jahre der harten Arbeit umsonst gewesen sind.

Das Ende macht deutlich, dass Schein und Sein nah beieinander liegen. Hätte die reichere Freundin von Beginn an ehrlich gesagt, dass das Diamantcollier nicht echt sei, wären Monsieur und Madame Loisel nicht in die missliche Lage geraten, ein echtes Collier als Ersatz kaufen und sich dafür hoch verschulden zu müssen.

Die Novelle weist damit auch auf die sich verfestigenden Klassenunterschiede in der französischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts hin. Einerseits gab es infolge der Industrialisierung ein städtisches Proletariat, die Menschen flohen vom Land in die Stadt und fristeten dort ihr Leben. Andererseits entwickelte sich eine reiche Bourgeoisie, die durch wirtschaftliche Aktivitäten Vermögen anhäufte und sehr rasch zur herrschenden Klasse des Landes avancierte.

Das Kleinbürgertum, zu dem auch die Familie Loisel aus „La parure“ gehört, lässt sich zwischen dem Proletariat und dem Großbürgertum verorten. Der Verdienst der Kleinbürger war sehr niedrig und reichte gerade dafür, um die Grundbedürfnisse wie Nahrung, Kleidung und Miete zu bezahlen. Das ist der Grund, weshalb Monsieur Loisel zusätzliche Arbeiten erledigt, um die Schulden abzubezahlen, die sie angehäuft haben.

Realistische Autoren wie Maupassant stellen diese sozialen Verhältnisse in ihren Romanen und Erzählungen deutlich dar: die Arroganz, den Zynismus und den fehlenden Respekt der Vermögenden gegenüber denen, die nichts oder weniger haben, sowie das Elend der Ärmeren und der Verarmten.


Guy de Maupassant: La Parure. Reclam Fremdsprachentexte.

La Parure („Der Schmuck“), 1884 erschienen, ist eine von Maupassants bekanntesten Novellen. Kurz, gut lesbar und mit einem Spannungsbogen, der erst ganz am Schluss, im letzten Satz, auf dramatische Weise gelöst wird. Als herausragendes Beispiel Maupassantscher Novellenkunst wird sie gern im Französischunterricht behandelt.
Diese Ausgabe kombiniert den Text der Novelle – wie immer begleitet von allen notwendigen sprachlichen Erläuterungen – mit einem Ausschnitt aus der berühmten Ballszene in Flauberts Madame Bovary (zu der die Novelle Parallelen aufweist) und einem Dossier, das über den Autor und die Gattung der Novelle informiert.

Sprache: Französisch. Reclam. 62 Seiten. 3,80 €

Guy de Maupassant: Six contes. Textes et documents.

Die sechs berühmten contesLa parure, Le gueux, La ficelle, L’aventure de Walter Schnaffs, La folle, Le Horla – vermitteln einen Einblick in die Erzählkunst Maupassants, der vor allem wegen seiner Milieu-Schilderungen zu den größten Schriftstellern seiner Zeit zählt.

Sprachen: Französisch, Deutsch. Éditions Klett. 95 Seiten. 8,99 €


Rezeption Maupassants

Guy de Maupassant hatte nicht immer einen einfachen Stand, weder bei der Literaturkritik noch in der Literaturgeschichte, und folglich auch nicht in der Forschung. Der renommierte Kritiker Jules Lemaître sagte über ihn 1888, er sei ein „untadeliger Schriftsteller in einer Gattung, die keine ist“ (übersetzt und zitiert nach Lindner 2001: 324). Ihm wurde vorgeworfen, er stehe in einem zu engen Epigonen-Verhältnis zu seinem Lehrer Flaubert: „Es gibt zu viel Flaubert bei ihm“ (zitiert nach Lindner 2001: 324), warf ihm der Literaturpapst Brunetière vor.

Von der konservativen Presse wurde ihm als Mitautor des Bandes „Les Soirées de Médan“ die Nähe zum als links geltenden Zola zur Last gelegt. Und auch Lemaître, der ihn eigentlich lobte, leistete dem Vorurteil Vorschub, es handele sich um einen Vielschreiber aus der Normandie: Maupassant, sagte er, habe Meisterwerke produziert „wie die Apfelbäume seiner Region Äpfel machen“ (zitiert nach Lindner 2001: 324).

So wurde Maupassant in die Nähe zur aufkommenden Kategorie der Trivialliteratur gerückt und aus dem Kreis der forschungswürdigen Realisten ausgeschlossen, was bis ins 20. Jahrhundert nachwirkte. Ihm wurde von Julien Gracq die Einfachheit der Sprache bescheinigt, Roland Barthes bezeichnete ihn zusammen mit Zola und Daudet als „auteurs sans styles“. Unter solchen Vorzeichen konnte sich eine Maupassant-Forschung nur recht langsam herausbilden.

Literatur

  • “Guy de Maupassant.” In: Kindlers Literatur Lexikon Online. [Zugriff am 21.10.2020]
  • Blüher, Karl Alfred (1985): Die französische Novelle. (UTB für Wissenschaft; Uni Taschenbücher 49) Tübingen: Francke.
  • Kessler, Helmut (1966): Maupassants Novellen: Typen und Themen. (Archiv für das Studium der Neueren Sprachen und Literaturen, Beiheft 2) Braunschweig: Georg Westermann Verlag.
  • Korten, Lars (³2007): „Novelle.“ In: Metzler Lexikon Literatur: Begriffe und Definitionen, hrsg. von Dieter Burdorf/Christoph Fasbender, Burkhard Moenninghoff. Stuttgart: Metzler Verlag.
  • Lindner, Hermann (2001): „Guy de Maupassant, Contes et nouvelles.“ In: Friedrich Wolfzettel (Hrsg.): 19. Jahrhundert: Drama und Novelle. (Stauffenburg Interpretation: Französische Literatur). Tübingen: Stauffenburg Verlag, 323-349.
  • Maupassant, Guy de (1994): Boule de suif. Reclam Fremdsprachentexte Französisch. Hrsg. von Helmut Keil. Ditzingen: Reclam Verlag.
  • Maupassant, Guy de (2018): La Parure. Reclam Fremdsprachentexte Französisch. Ditzingen: Reclam Verlag.
  • Maupassant, Guy de (2019): Six contes. Textes et documents. Stuttgart: Ernst Klett Verlag.
  • Wanning, Frank (1998): Französische Literatur des 19. Jahrhunderts. (Uni Wissen) Stuttgart/Düsseldorf/Leipzig: Ernst Klett Verlag.

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