„Die fünfundsiebzig Blätter“ von Marcel Proust

„Die fünfundsiebzig Blätter“ (frz. „Les soixante-quinze feuillets“) stellen eine frühe Vorstufe des Jahrhundertwerk und Opus magnum „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust dar. Aus dem Nachlass des Proust-Forschers Bernhard de Fallois bei Gallimard veröffentlicht, lösten sie 2021 in Frankreich eine kleine literarische Sensation aus. Nun sind die frühen Manuskripte auch in deutscher Übersetzung bei Suhrkamp erschienen.

Ich habe die fünfundsiebzig Blätter zunächst in der französischen Version des Gallimard-Verlags gelesen. Ab 16. Januar ist die deutsche Übersetzung von Andrea Springler und Jürgen Ritte erhältlich. Ich rezensiere hier meine Lektüre der französischen Ausgabe.

Das Buch besteht aus mehreren Teilen: einer Einleitung des Proust-Spezialisten Jean-Yves Tadié sowie Bemerkungen zur Edition, den Blättern selbst, die den wichtigsten Teil bilden, sowie weiteren Manuskripten aus den Notizheften (cahiers), die allerdings nicht so zusammenhängend erzählen wie die vorangestellten Blätter, einem Nachwort und Anmerkungen zur Chronologie und last but not least einem ausführlichen Kommentar, der viele erhellende Einzelheiten enthält und Parallelen zu anderen Manuskripten sowie Ähnlichkeiten und Unterschiede zur späteren „Suche nach der verlorenen Zeit“ aufzeigt.

In der deutschen Ausgabe ist der Kommentar leider weggelassen worden, am Ende der Blätter und der Manuskripte findet sich in der Suhrkamp-Ausgabe das ausführliche Nachwort der französischen Herausgeberin Nathalie Mauriac Dyer, sowie Hinweise zur Chronologie der Blätter und der Manuskripte. Da der kritische Kommentar fehlt, kommt die deutsche Ausgabe auf 297 Seiten, während die französische Version sich auf 380 Seiten beläuft.

Ähnlich wie „Guerre“ und „Londres“, zwei in Frankreich erst kürzlich erschienene Romane des für „Reise ans Ende der Nacht“ (frz. „Voyage au bout de la nuit“) bekannten Autors Céline, die sich in das restliche Schaffen des Autors fügen, lassen sich auch bei Prousts „Fünfundsiebzig Blättern“, die er wohl zwischen 1907 und 1908 verfasste, zahlreiche Parallelen, aber auch Differenzen zu seinem Hauptwerk ausfindig machen. In der Suche nach den frühen Anzeichen der „Recherche“, im Text- und Versions-Vergleich liegt der Reiz der Lektüre dieser frühen Manuskripte, die sich sowohl für Proust-Einsteiger (aufgrund der Kürze der Szenen) als auch insbesondere für Proust-Liebhaber anbietet.

So bemerkt man bei der Lektüre der fünfundsiebzig Blätter rasch, dass Proust in diesen Manuskripten viel näher an der Realität bleibt als in der späteren „Recherche“, wo er die Realität in Literatur transponiert und reale Ereignisse bzw. Personen als Vorlage für literarische Erzählungsituationen oder Figuren nimmt. In den „Fünfundsiebzig Blättern“ kommt etwa noch der Bruder Marcel Prousts bzw. des Erzählers vor, der in der „Suche nach der verlorenen Zeit“ keinen Platz mehr hat. (Warum der Erzähler der „Recherche“ keinen Bruder mehr hat, dazu gibt es verschiedene Hypothesen, u. a. die Hypothese der Eifersucht, doch viel wahrscheinlicher ist, dass der Erzähler deshalb Einzelkind ist, damit er sich in subjektiven Gedankengängen und Gefühlsreflektionen ohne störende Einflüsse flüchten und ergehen kann.)

Ein weiterer wichtiger Unterschied findet sich in der in Combray situierten Szene an der Stelle, wo der Erzähler darauf eingeht, dass die Familie es gewohnt war, zwei verschiedene Wege zu nehmen, wenn sie sich zu einem nachmittäglichen Spaziergang entschied, nämlich den Weg zur Seite von Méséglise oder den Weg zur Seite von Guermantes. Doch diese Version, die jede/r kennt, der den ersten Teil der „Recherche“ gelesen hat, variiert in den „Fünfundsiebzig Blättern“ insofern, als hier von der Seite von Villebon und der Seite von Méséglise die Rede ist. Wie merkwürdig mutet es an, an dieser Stelle nicht die bekannten Namen zu lesen!

Es ist auch durchaus eine etwas merkwürdige und doch zugleich bereichernde Erfahrung, in das frühe Stadium der „Suche nach der verlorenen Zeit“ Einblick zu erhalten und den Anfängen des Schriftstellers Marcel Proust quasi beiwohnen zu können. Bernhard de Fallois, aus dessen Nachlass die Manuskripte veröffentlicht wurden, erhielt diese von Suzy Mante-Proust, die es wiederum von ihrem Vater Robert Proust, Marcels Bruder, geerbt hatte. Fallois stellte daraus die Werke „Jean Santeuil“ (1952) und „Gegen Sainte-Beuve“ (1954) zusammen, er arbeitete außerdem an einer Doktorarbeit, die er allerdings nicht abschloss. Die jetzt veröffentlichten Manuskripte, die die ältesten sind, stammen aus dem Fallois-Archiv, zu dem man nach dem Tod Bernhard de Fallois‘ Zugang erhielt.

1899 gab Proust sein Romanprojekt „Jean Santeuil“ auf, das posthum als unvollendetes Werk veröffentlicht wurde. Danach arbeitete er bis ca. 1908 an keinen weiteren Projekten, außer an zwei Ruskin-Übersetzungen, Übersetzungen jenes Schriftstellers, Künstlers und Kritikers also, den Proust sehr verehrte. Ende 1907, Anfang 1908 öffnete sich dann ein Weg hin zu den Themen, die er später in seinem Hauptwerk wieder aufgreifen sollte: das abendliche Zu-Bett-Gehen, die Kussszene, das Porträt Swanns, die Lehre der „beiden Seiten“, die Aufenthalte am Meer, die Schar junger Mädchen, die Tage in Combray, der Tod der Großmutter, Venedig etc. Noch benutzt Proust die echten Vornamen der Familienmitglieder und blickt durch das Visier der Autobiographie auf das Geschehen. Warum fährt er nach der Abfassung der „Fünfundsiebzig Blätter“ fort? Was bringt ihn dazu, das Projekt vorerst ruhen zu lassen?

Tadié ist in seinem Vorwort zu dem Manuskript-Band der Ansicht, dass es das fehlende Konzept für einen Roman ist, das Proust davon abhält, die Erzählungen fortzusetzen. Denn noch fehlt das entscheidende Element, das die spätere „Suche nach der verlorenen Zeit“ als Ganzes wie eine Klammer zusammenhalten wird: die mémoire involontaire. Aus einer Teetasse, die der Erzähler trinkt, steigt das ganze Combray auf. Und auch andere Szenen lassen die Leser/innen Zeugen der mémoire involontaire werden: die Kirchtürme von Martinville, die drei Bäume von Hudimesnil, das Milchmädchen von Balbec. Da die unwillkürliche Erinnerung als wesentliches Organisationsprinzip seines Schreibens noch fehlte, konnte Proust 1907/08 seine Erzählungen nur bruchstückhaft, als einzelne Szenen ohne größeren Zusammenhang entwerfen.

Auch ist das Thema der Homosexualität in dieser „Suche“ avant la lettre, wie Nathalie Mauriac Dyer sie nennt, noch nicht anwesend: Es fehlen Charlus und Albertine, Sodom und Gomorrha. Die „Fünfundsiebzig Blätter“ wurden 1954 erstmals im Vorwort zu Fallois‘ Ausgabe von „Contre Sainte-Beuve“ erwähnt, darin widmete er den „Blättern“ eine ganze Seite und druckte außerdem einen etwa 15-seitigen Auszug daraus in seiner Edition von „Gegen Sainte-Beuve“ ab. Acht Jahre später gelangte ein Teil der „Fünfundsiebzig Blätter“ in den Besitz der Bibliothèque nationale de France, wo sie sich auch heute in Gänze befinden. Dies stellte laut Mauriac Dyer die „Geburtsstunde“ des Mythos um die „Fünfundsiebzig Blätter“ dar.

Die Lektüre dieser „Blätter“ lohnt sich für jeden, der Proust gerne liest oder gelesen hat, egal ob man bereits die gesamte „Suche nach der verlorenen Zeit“ kennt oder nicht. Etwas Besonderes ist dieser Band selbstverständlich für Proust-Kenner und -Liebhaber, denn ihnen erlaubt er den Vergleich der „Suche“ selbst sowie mit weiteren früheren Texten Marcel Prousts wie „Contre Sainte-Beuve“ oder „Freuden und Tage“, die noch nicht die Reife der „Suche nach der verlorenen Zeit“ erlangt hatten.

Die „Fünfundsiebzig Blätter“ sind ein früher und nicht ganz vollkommener Schatz, den es zu heben galt – und dies ist gelungen.

Bewertung: ⭐⭐⭐⭐⭐ 5/5

Marcel Proust: Die fünfundsiebzig Blätter und andere Manuskripte aus dem Nachlass, hrsg. von Nathalie Mauriac Dyer. Vorwort von Jean-Yves Tadié. Aus dem Französischen von Andrea Springler und Jürgen Ritte. Suhrkamp Verlag. 28 €.

Marcel Proust: Les soixante-quinze feuillets: Et autres manuscrits inédits, hrsg. von Nathalie Mauriac Dyer. Vorwort von Jean-Yves Tadié. Gallimard Verlag. 21 €.

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