Aus dem Lyrikkabinett: „Mein Name ist Ausländer“ von Semra Ertan

Semra Ertan war eine engagierte türkische Poetin und Arbeiterin in Deutschland. Im Jahr 1982 verbrannte sich die 25-jährige Frau aus Protest gegen den Rassismus in Hamburg. Zu ihrer Lebenszeit fand sie als Tochter von Einwanderern keinen Verlag, der ihre Werke veröffentlichen wollte. Die edition assemblage widmet der Dichterin nun posthum eine eigenständige Sammlung von ca. 200 Gedichten.

„Mein Leben ist Ausländer“ stellt eine Würdigung des Lebens und des Lebenswerkes von Semra Ertan dar. Diese Hommage erfolgt zwar reichlich spät, nämlich mit 18 Jahren Verspätung. Trotzdem wiegt sie ein wenig auf, dass der technischen Bauzeichnerin, Dolmetscherin und Dichterin wohl vorwiegend aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung und Herkunft die Veröffentlichung eines eigenen Gedichtbandes verwehrt blieb.

Geboren wurde Ertan 1957 in Mersin in der Türkei. Im Alter von 14 Jahren zog sie nach Deutschland zu ihren Eltern, die kurz zuvor mit ihren Schwestern als Arbeitsmigranten nach Kiel gekommen waren, um dort ein neues Leben zu beginnen. Bald darauf begann sie zu schreiben: „[S]chon seit ich 15 bin, schreibe ich und tue es noch heute.“ (Brief vom 7. April 1982) In einem Brief an einen Verleger aus dem Frühjahr 1982 hielt sie ihre schulische und berufliche Laufbahn in Deutschland fest, die von Rückschlägen geprägt war: Nachdem Semra Ertan in der Türkei die Grund- und Realschule besucht hatte, wollte sie in Deutschland aufs Gymnasium gehen und eine akademische Laufbahn einschlagen.

„Wollte“ sage ich aus dem Grund (ohne daraus einen Vorwurf zu machen), weil es mir nicht ermöglicht wurde. Ich bin auf eine Berufsschule gegangen und wurde entlassen.

Brief vom 7. April 1982 an Kiper Bingöl

Auch die Ausbildung zur technischen Bauzeichnerin und zur Friseurin hat Ertan nur begonnen und musste dann abbrechen. Dennoch konnte sie später als technische Bauzeichnerin arbeiten. Zudem dolmetschte sie ehrenamtlich für nicht-deutschsprachige Migrantinnen und Migranten bei Behördengängen und engagierte sich – auch in ihrem Schreiben – politisch gegen Rassismus, Ausländerfeindlichkeit sowie für Geschlechtergerechtigkeit.

Als 1981 einige Gedichte von ihr in Anthologien erschienen, fasste sie den Mut, einem ihr wohlgesinnten Verleger zu schreiben, um die Veröffentlichung ihrer Gedichte in einem eigenständigen Buch zu bitten. Insgesamt hatte sie damals bereits 350 Gedichte sowie einige politische Satiren geschrieben. Das ins Auge gefasste Projekt wurde allerdings nie verwirklicht.

1982 zog sie die Konsequenzen aus der gestiegenen Ausländerfeindlichkeit in Deutschland, die für sie selbst offenbar unerträglich geworden waren. Zu nennen sind rassistische Bürgerinitiativen wie „Ausländerstopp“ oder „Kieler Liste für Ausländerbegrenzung“, aber auch Gewalttaten gegen die migrantische Bevölkerung und die Ausgrenzung ebendieser.

Zunächst trat Ertan in einen Hungerstreik, daraufhin beging sie am 24. Mai 1982 Suizid, indem sie sich an der Kreuzung Simon-von-Utrecht-Straße im Hamburger Stadtteil St. Pauli selbst verbrannte, um öffentlich sichtbar zu protestieren. Zwei Tage später starb sie an den Folgen der Verbrennungen. Die Tat kündigte sie zuvor dem NDR und ZDF in einer Erklärung an die Öffentlichkeit an. Heute erinnert eine Initiative zum Gedenken an Semra Ertan an die Tat und das Leben, die sich jährlich am Todestag, dem 24. Mai, in der Simon-von-Utrecht-Straße zu einer Gedenkveranstaltung trifft und die Benennung eines Platzes nach der Arbeiterin und Dichterin fordert.

Der Band „Mein Name ist Ausländer“ versammelt Texte über das Leben von Semra Ertan, Briefe, einige Fotografien der von Semra Ertan meist in türkischer Sprache handschriftlich verfassten Gedichte, schöne Fotografien von Semra Ertan sowie natürlich die zweisprachigen deutsch-türkischen Texte der über 200 Gedichte, die den Kern der Sammlung ausmachen. Die Gedichte wurden von der Familie und Freunden der Familie in einer Gemeinschaftsarbeit übersetzt und von Zühal Bilir-Meier, einer Schwester Semra Ertans und Psychotherapeutin, sowie Cana Bilir-Meier, einer Nichte Ertans, Filmemacherin und Kunstpädagogin, herausgegeben.

Das zentrale Stück ist das Gedicht „Mein Name ist Ausländer“, welches es sogar in einige Schulbücher geschafft hat und damit Teil des kollektiven Gedächtnisses geworden ist, wie es die Schwester Ertans in ihrem Nachwort ausdrückt. Darin schildert die Dichterin eindrücklich die bedrückende Situation der zwischen Deutschland und der Türkei zerrissenen Gastarbeiter und ihrer Kinder.

Das lyrische Ich klagt mit dem sich wiederholenden Vers „Mein Name ist Ausländer“ laut und plakativ den grassierenden Rassismus sowie die damit einhergehende Kategorisierung von migrantisch aussehenden Menschen an, die in die Schublade „Ausländer“ gepackt werden. Der Name wird unwichtig, stattdessen zählt nur die Kategorie, das Label „Ausländer“, mit welchem Menschen kollektiv abgestempelt und -gewertet werden.

Auch die schwere Situation der Gastarbeiter kommt zur Sprache. Die Arbeitsmigrantinnen und -migranten verrichten genau die Arbeiten, die „schwer“ und „schmutzig“ sind und die die Einheimischen nicht machen wollen: „Meine Arbeit ist schwer / Meine Arbeit ist schmutzig […] / Mein Lohn ist niedrig“. Wenn sich die Migrantinnen und Migranten allerdings beschweren, da ihnen die Arbeit nicht gefällt, werden sie zur Rückkehr in ihre Heimat aufgefordert. Obwohl man denken könnte, das lyrische Ich bleibt nach diesem Totschlagargument still, heißt es: „Ich werde es immer wieder sagen, / Wenn ich immer wieder hören muss: / ‚Suche dir eine andere Arbeit.'“ Am Ende fühlt sich das lyrische Ich von der Türkei verkauft:

Mein Name ist Ausländer

Mein Name ist Ausländer,
Ich arbeite hier,
Ich weiß, wie ich arbeite,
Ob die Deutschen es auch wissen?
Meine Arbeit ist schwer,
Meine Arbeit ist schmutzig.
Das gefällt mir nicht, sage ich.
„Wenn dir die Arbeit nicht gefällt,
geh in deine Heimat“, sagen sie.
Meine Arbeit ist schwer,
Meine Arbeit ist schmutzig,
Mein Lohn ist niedrig.
Auch ich zahle Steuern, sage ich.
Ich werde es immer wieder sagen,
Wenn ich immer wieder hören muss:
„Suche dir eine andere Arbeit.“
Aber die Schuld liegt nicht bei den Deutschen,
liegt nicht bei den Türken.
Die Türkei braucht Devisen,
Deutschland braucht Arbeitskräfte.
Mein Land hat uns nach Deutschland verkauft,
Wie Stiefkinder,
Wie unbrauchbare Menschen.
Aber dennoch braucht sie Devisen,
Braucht sie Ruhe.
Mein Land hat mich nach Deutschland verkauft.
Mein Name ist Ausländer.

Semra Ertan, 7. November 1981

Neben diesem bekannten Gedicht zur Situation der Migrantinnen und Migranten gibt es auch noch Gedichte zur Geschlechtergerechtigkeit, der Lage der (türkischen) Frauen und dem Verhältnis zwischen Männern und Frauen in der Sammlung. Doch Semra Ertan beherrscht – zum Glück – nicht nur die politisch engagierte Tonlage; sie schreibt vielmehr auch Naturgedichte, Gedichte, die die Sehnsucht nach der Ferne zum Ausdruck bringen, Gedichte, die die alte Heimat Türkei thematisieren, und auch Liebesgedichte, sowohl glückliche als auch weniger glückliche. Es ist daher für jede Stimmungslage etwas dabei. Ein weiteres bemerkenswertes Werk aus der Sammlung, das durch seine unhinterfragte Leidenschaft heraussticht, ist „Begegnung“.

Das lyrische Ich ist erst vor kürzester Zeit, dem Text zufolge erst vor einem Tag, seinem Geliebten begegnet, zu welchem es dennoch bereits eine heftige Verliebtheit empfindet. Es handelt sich offenbar um einen klassichen Fall von Liebe auf den ersten Blick. Ob diese Liebe auch anhalten wird? Das lyrische Ich hofft es, ja es geht fest davon aus, denn es stellt sich trotz der kurzen gemeinsamen Zeit bereits die Zukunft zu zweit vor: „Und heute laufe ich Hand in Hand mit dir zusammen / Und liege in der Kneipe in deinen Armen, / Vom gleichen Glas werden wir Liebe genießen / Und zusammen glücklich sein“.

Die Liebe wird in einer typischen Metapher als das Gefühl einer „Flamme“ beschrieben, der ganze Körper entbrennt „wie eine Flamme“ bei der Berührung des geliebten Gegenüber. Die Sehnsucht ist grenzenlos, ebenso wie die Leidenschaft und die Liebe. Das wirkliche Leben des lyrischen Ichs scheint erst am vorherigen Tag begonnen zu haben, an welchem es diese neue Bekanntschaft des Geliebten gemacht hat, diese Bekanntschaft, die es fortan nicht mehr missen möchte. Auch das eigene Ich hat das lyrische Ich erst jetzt richtig erkannt: „Ich habe gestern begonnen zu leben, / Das, was ich bin, habe ich erst jetzt erfahren“.

In einer Anapher, die mit „Schön ist“ beginnt, zählt das lyrische Ich auf, dass es sich durch den Geliebten zum ersten Mal richtig gesehen und wahrgenommen fühlt. Es folgt eine Aufreihung einiger erster Male. Der eigene Name wurde erstmals richtig anerkannt, während zuvor, wie im Gedicht „Mein Name ist Ausländer“ ausgeführt, nur das Label „Ausländer“ zählte: „Schön ist, dass dein Mund gesagt hat, wie ich heiße.“ Das lyrische Ich fühlt sich erstmals einigermaßen in der Nähe zuhause: „Schön ist, dass ich nicht mehr so weit weg bin.“ Das lyrische Ich kann lieben und fühlt sich geliebt: „Schön ist, dass ich dich gesehen und geliebt habe, / Schön ist, dass ich geliebt wurde, wie man es sich erträumt.“

Das Schreiben des Gedichtes „Begegnung“ hilft dem lyrischen Ich, hilft der Autorin Semra Ertan, wie sie in einem Kommentar am Ende des Gedichts schreibt, ebenso wie die beruhigende Präsenz des Geliebten, ihre Gefühle zu bändigen und sich nicht in der Passion zu verlieren: „Wer weiß, unter der Erde könnte ich mich wie ein Fluss verlieren, / Wenn du mich nicht finden würdest / Und ich dieses Gedicht nicht schriebe.“

Begegnung

Woher könnte ich denn wissen, dass du mich liebst,
Wenn deine Augen nicht sprechen würden?
Wie könnte ich denn sowas denken?
Bis gestern lief ich allein durch die Straßen,
Und heute laufe ich Hand in Hand mit dir zusammen
Und liege in der Kneipe in deinen Armen,
Vom gleichen Glas werden wir Liebe genießen
Und zusammen glücklich sein,
Mit manchen Nächten ohne Morgen,
Woher könnte ich denn wissen,
Dass ein Feuer entflammt,
Wenn deine Hände nicht meine Hände berührt hätten?
Wenn ich nicht hören würde, wie dein Herz schlägt,
Könnte ich dich so sehr lieben?
Könnte ich solche Sehnsucht nach dir haben?
Der ganze Körper wie eine Flamme,
Wo sind die vergangenen Jahre?
Ich habe gestern begonnen zu leben,
Das, was ich bin, habe ich erst jetzt erfahren,
Schön ist, dass dein Mund gesagt hat, wie ich heiße,
Schön ist, dass ich nicht mehr so weit weg bin,
Schön ist, dass ich dich gesehen und geliebt habe,
Schön ist, dass ich geliebt wurde, wie man es sich erträumt.
Wer weiß, unter der Erde könnte ich mich wie ein Fluss verlieren,
Wenn du mich nicht finden würdest
Und ich dieses Gedicht nicht schriebe.

Semra Ertan, 1979

Die Leidenschaft wird in Vers 24 von „Begegnung“ mit einem mitreißenden Fluss verglichen, den es zu zähmen gilt. Am Ende hat der Fluss Semra Ertan 1982 mitgerissen. Das Andenken und die Würde dieser engagierten und vielfältigen Dichterin und Arbeiterin zu wahren, darum haben sich der Verlag edition assemblage sowie die Herausgeberinnen und die am Projekt beteiligten Personen verdient gemacht.

An mehreren Stellen in dem Gedichtband thematisiert das lyrische Ich die eigene Unerfahrenheit als Dichterin, z. B. „Ich schrieb… / Obwohl ich keine Dichterin war“ oder

Ich bin eine unerfahrene Dichterin,
Mein Stift ist unerfahren,
Mein Blatt ist unerfahren,
Niemand kennt mich,
Ich kenne niemanden,
Niemanden interessiert es, was ich schreibe;
Aber mich.

Semra Ertan, Kiel, den 8. Februar 1977

Ertan mag vielleicht mit ihrer geringen Erfahrung kokettieren, um am Ende zu der widerständigen Haltung zu gelangen, zu der auch auch ihre eigene Rebellion und Wut passt, nämlich: „Niemanden interessiert es, was ich schreibe; / Aber mich.“ Mit dem Erscheinen von „Mein Name ist Ausländer“ kann und wird sich nun auch ein breiteres Publikum für ihre Dichtung interessieren, die besticht, weil sie konkret, verständlich, voller intratextueller Bezüge, vielfältig, politisch engagiert, bisweilen gefühlvoll, eindringlich, hin und wieder wütend oder leidenschaftlich ist.

Bewertung: 5/5

Bibliographische Angaben:
Autorin: Semra Ertan; Herausgeberinnen: Zühal Bilir-Meier/Cana Bilir-Meier
Titel: Mein Name ist Ausländer / Benim Adım Yabancı – Gedichte / Şiirler
Übersetzung aus dem Türkischen: Zühal Bilir-Meier/Cana Bilir-Meier/Familie und Freunde
Verlag: edition assemblage
Seitenzahl: 240 Seiten
Erscheinungsdatum: Dezember 2020
ISBN: 9783960420958
Kaufpreis: 18 €

Weitere Rezensionen:
Süddeutsche ZeitungZEIT

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Die Tatsache, dass es sich um ein Leseexemplar vom Verlag handelt, beeinflusst meine Meinung nicht.

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2 Gedanken zu „Aus dem Lyrikkabinett: „Mein Name ist Ausländer“ von Semra Ertan“

  1. Danke für diese Rezension.
    Es ist heftig, dass Semra Ertan so verzweifelt war, dass sie sich das Leben genommen hat. Das Thema Rassismus in DE ist ja leider immernoch sehr aktuell.
    Deshalb ist es gut, dass auf diese Literatur aufmerksam gemacht wird.

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