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Buchliste

16 Romane zum Thema Rassismus

Rassismus ist ein Thema, das uns auch heute noch beschäftigt. Und deshalb wird es in der Literatur immer wieder verhandelt, egal ob in Klassikern wie „Wer die Nachtigall stört“, in den Werken der Nobelpreisträgerin Toni Morrison, des amerikanischen Autors James Baldwin oder in aktuellen deutschen Erscheinungen… Wir stellen euch 16 Romane zum Thema Rassismus vor.

Angie Thomas: The Hate U Give.

Die 16-jährige Starr lebt in zwei Welten: in dem verarmten Viertel, in dem sie wohnt, und in der Privatschule, an der sie fast die einzige Schwarze ist. Als Starrs bester Freund Khalil vor ihren Augen von einem Polizisten erschossen wird, rückt sie ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Khalil war unbewaffnet. Bald wird landesweit über seinen Tod berichtet; viele stempeln Khalil als Gangmitglied ab, andere gehen in seinem Namen auf die Straße. Die Polizei und ein Drogenboss setzen Starr und ihre Familie unter Druck. Was geschah an jenem Abend wirklich? Die Einzige, die das beantworten kann, ist Starr. Doch ihre Antwort würde ihr Leben in Gefahr bringen…

Aus dem Englischen von Henriette Zeltner-Shane. ctb Verlag. 528 Seiten. 9,99 €

Colson Whitehead: Die Nickel Boys.

Florida, Anfang der sechziger Jahre. Der sechzehnjährige Elwood lebt mit seiner Großmutter im schwarzen Ghetto von Tallahassee und ist ein Bewunderer Martin Luther Kings. Als er einen Platz am College bekommt, scheint sein Traum von gesellschaftlicher Veränderung in Erfüllung zu gehen. Doch durch einen Zufall gerät er in ein gestohlenes Auto und wird ohne gerechtes Verfahren in die Besserungsanstalt Nickel Academy gesperrt. Dort werden die Jungen missbraucht, gepeinigt und ausgenutzt. Erneut bringt Whitehead den tief verwurzelten Rassismus und das nicht enden wollende Trauma der amerikanischen Geschichte zutage. Sein neuer Roman, der auf einer wahren Geschichte beruht, ist ein Schrei gegen die Ungerechtigkeit.

Aus dem Englischen von Henning Ahrens. Hanser Verlag. 224 Seiten. 23 €

Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst.

Eine junge Frau besucht ein Theaterstück über die Wende und ist die einzige schwarze Zuschauerin im Publikum. Mit ihrem Freund sitzt sie an einem Badesee in Brandenburg und sieht vier Neonazis kommen. In New York erlebt sie den Wahlsieg Trumps in einem fremden Hotelzimmer. Wütend und leidenschaftlich schaut sie auf unsere sich rasant verändernde Zeit und erzählt dabei auch die Geschichte ihrer Familie: von ihrer Mutter, die Punkerin in der DDR war und nie die Freiheit hatte, von der sie geträumt hat. Von ihrer Großmutter, deren linientreues Leben ihr Wohlstand und Sicherheit brachte. Und von ihrem Zwillingsbruder, der mit siebzehn ums Leben kam. Herzergreifend, vielstimmig und mit Humor schreibt Olivia Wenzel über Herkunft und Verlust, über Lebensfreude und Einsamkeit und über die Rollen, die von der Gesellschaft einem zugewiesen werden.

Fischer Verlag. 352 Seiten. 21 €

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30 Jahre Deutsche Einheit: 17 Bücher zur Wiedervereinigung

Am 3. Oktober feiert Deutschland 30 Jahre Wiedervereinigung. 41 Jahre lang, von 1949 bis 1990, war das Land in die DDR und in die BRD geteilt. Und bis heute macht sich die Teilung bemerkmar. Wir stellen 17 Bücher – sowohl neue und ältere Romane als auch Sachbücher – vor, die sich mit dem Thema West und Ost und Wiedervereinigung auseinandersetzen. Viel Freude mit den Büchern!

Aktuelle Romane

Lutz Seiler: Stern 111.

Zwei Tage nach dem Fall der Mauer verlassen Inge und Walter Bischoff ihr altes Leben – die Wohnung, den Garten, ihre Arbeit und das Land. Ihre Reise führt die beiden Fünfzigjährigen weit hinaus: Über Notaufnahmelager und Durchgangswohnheime folgen sie einem lange gehegten Traum, einem »Lebensgeheimnis«, von dem selbst ihr Sohn Carl nichts weiß. Carl wiederum, der den Auftrag verweigert, das elterliche Erbe zu übernehmen, flieht nach Berlin. Er lebt auf der Straße, bis er in den Kreis des »klugen Rudels« aufgenommen wird, einer Gruppe junger Frauen und Männer, die dunkle Geschäfte, einen Guerillakampf um leerstehende Häuser und die Kellerkneipe Assel betreibt. Im U-Boot der Assel schlingert Carl durch das archaische Chaos der Nachwendezeit, immer in der Hoffnung, Effi wiederzusehen, »die einzige Frau, in die er je verliebt gewesen war«.
Ein Panorama der ersten Nachwendejahre in Ost und West, ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse.

Suhrkamp Verlag. 528 Seiten. 24 €

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Lyrikkabinett Rezension

Aus dem Lyrikkabinett: „Brache“ von Dilek Mayatürk

Dilek Mayatürk: Brache. Gedichte. Hanser Berlin.

Dilek Mayatürk (1986 in Istanbul geboren) studierte in Istanbul und Klagenfurt Soziologie. Sie arbeitete als Dokumentarfilmerin und -produzentin unter anderem für TRT, IZ TV und die BBC. Spätestens 2010, als sie in der Türkei den Cahit Sıtkı Tarancı-Preis erhielt, war sie dort als Lyrikerin eine Größe. 2014 erschien dort ihr erster Lyrikband „Cesaret Koleksiyonu“ (deutsch: „Mutsammlung“). Für ihre Dichtung wurde sie in der Türkei mehrfach ausgezeichnet. Vor Kurzem erschien Dilek Mayatürks zweiter Lyrikband „Brache“ in einer zweisprachigen türkisch-deutschen Ausgabe bei Hanser Berlin.

Vom Lyrikband „Brache“ handelt diese Rezension. Mayatürk, die seit 2017 mit dem deutsch-türkischen Journalisten und Publizisten Deniz Yücel verheiratet ist, verfasst ihre Gedichte auf Türkisch. Dazu muss ich vorausschicken, dass ich in dieser zweisprachigen Ausgabe jeweils nur die ins Deutsche übertragene Version gelesen habe, da ich des Türkischen leider nicht mächtig bin. So geht sicher etwas verloren…

Eine Brache ist ein Stück brachliegendes, nicht bewirtschaftetes Land.

Von der Erde einer Brache erntet man zuerst Geduld,
Danach Verlangen
Und zuletzt seufzt man und flucht.

Ernte

So die Lehre in dem Gedicht „Ernte“, das zusammen mit dem Poem „Brache“ etwa in der Mitte des Bandes steht. Seufzen, aber vor allem Leiden und Schmerzempfinden sind neben der immer wieder aufscheinenden hoffnungsvollen Liebe und Sehnsucht die vorherrschenden Empfindungen in diesem etwas über 100-seitigen Gedichtband.

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Buchpreise im Herbst: Ein Überblick

Deutscher Buchpreis 2020.

Im Herbst steht alljährlich die Vergabe einer Reihe von Buchpreisen an. Da gibt es den Wilhelm Raabe-Literaturpreis (Preisverleihung: 23. September 2020), den Deutschen Buchpreis (12. Oktober), den Österreichischen Buchpreis (9. November 2020) und die Hotlist der besten Bücher aus unabhängigen Verlagen (6. Oktober)

Am 23. September wurde bereits der mit 30.000 Euro dotierte Wilhelm Raabe-Literaturpreis, gestiftet von der Stadt Braunschweig und dem Deutschlandfunk, an Christine Wunnicke für ihren Roman Die Dame mit der bemalten Hand (Berenberg Verlag) vergeben. Die übrigen Preisverleihungen werden folgen.

Dieser Artikel möchte eine Übersicht über die Shortlist des Deutschen Buchpreises und die Hotlist bieten, indem die nominierten Werke mit Bild, Klappentext und bibliographischen Angaben vorgestellt werden. Dazu werden Rezensionen verlinkt. Zuletzt wird die Longlist des Österreichischen Buchpreises präsentiert.

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Rezension

„Frausein“ von Mely Kiyak

Mely Kiyak: Frausein. Hanser.

Der Titel „Frausein“ kann einen in die Irre führen. Wer ein Sachbuch mit dem ausschließlichen Thema Frausein oder einen feministischen Essay in der Tradition von Judith Butler („Das Unbehagen der Geschlechter“) oder Margarete Stokowski („Untenrum frei“) erwartet, wird enttäuscht. Denn „Frausein“ ist vielmehr als das: ein fesselnd geschriebenes Werk über Herkunft, Krankheit, erste Liebe und Partnerschaft, Aufwachsen und Studium als Tochter kurdischer Einwanderer, gesellschaftlichen Aufstieg und den Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit den Immigranten und ihren Angehörigen.

Zugleich schreibt die Autorin und ZEIT-Online-Kolumnistin Kiyak, 1976 geboren, selbstverständlich die Episoden und Anekdoten, aus denen sich das Buch zusammensetzt, stets aus der Perspektive der Frau, die sie ist bzw. geworden ist. Zunächst wächst Kiyak als Mädchen eines türkischstämmigen Fabrikarbeiters auf, der mit seiner Frau als Gastarbeiter nach Deutschland kam.

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Rezension

[Rezension] Wie wir begehren von Carolin Emcke

Carolin Emcke: Wie wir begehren. Fischer Verlag.

Carolin Emckes „Wie wir begehren“ ist zwar bereits vor acht Jahren erschienen. Doch ich habe es in letzter Zeit ein zweites Mal gelesen, nachdem es mir bereits bei der ersten Lektüre sehr gut gefallen hatte. Diese Relektüre möchte ich zum Anlass nehmen, um das nicht mehr ganz neue Werk hier zu besprechen.

Carolin Emcke ist bekannt als Publizistin, Autorin und Kriegsreporterin. Sie studierte Philosophie, Geschichte und Politik in London, Frankfurt am Main und Harvard und promovierte in Philosophie über das Thema „Kollektive Identitäten“. Sie arbeitete für den „Spiegel“ als Auslandsreporterin in vielen Krisengebieten (1998-2006), für Die ZEIT als Autorin und internationale Reporterin (2007-2014) und ist seit 2014 freie Publizistin. Sie schreibt als Kolumnistin für die Süddeutsche Zeitung und die spanische Zeitung El Pais. Für ihre journalistische Tätigkeit erhielt Emcke zahlreiche Auszeichnungen.

Außerdem ist Emcke als Buchautorin tätig. In diesem Rahmen schrieb sie 2012 das Werk „Wie wir begehren“. Darin behandelt sie unter Anderem das Thema der kollektiven Identitäten, nämlich das der Geschlechtsidentität und der Homosexualität. Das Buch behandelt in klugen Überlegungen und Rückblicken auf die Erfahrungen von Carolin Emcke das Thema des Begehrens. Wie lernt man das eigene Begehren kennen? Wie entwickelt sich das Begehren? Was passiert, wenn das eigene Begehren nicht der Norm entspricht? Wie erkennt man die eigene Abweichung von der Norm? Ändert sich das Begehren im Lauf der Zeit?

Mich hat die Sprache begeistert, die Carolin Emcke findet, um über das Begehren zu sprechen. Es ist auch heute noch nicht selbstverständlich, sich über das Thema Sexualität mit einer solchen Lässigkeit zu äußern, wie sie das schafft. Sie sucht Parallelen zwischen der legitimen Vielfalt der sexuellen Erscheinungen und den musikalischen Variationen, die ihr ehemaliger Musiklehrer Kossarinsky ihr nähergebracht hat. Sie macht sich auf die Suche nach dem Zustand des Begehrens und der Sexualität im Gazastreifen. Bei einer ihrer Reisen in den Gazastreifen erhält sie auf den Rat einer Freundin hin einen schwulen jungen Mann als Übersetzer ins Englische, der selbst lange nicht über seine eigene sexuelle Orientierung sprechen kann, da Homosexualität dort immer noch strafbar und ein Tabuthema ist.

Es war wunderbar, mit Ibrahim zu arbeiten, er war ein einfühlsamer Mensch und feiner Übersetzer, mit großem Gespür für die verschiedenen Sprachen und Ausdrucksformen unserer Gegenüber […]. Tag und Nacht begleitete uns Ibrahim, und wie er sich so zwischen allen sozialen Gruppen und Konfliktlinien seiner Gesellschaft bewergte, wie er sie uns erläuterte, immer ein bisschen zu aufgeregt, da klang es, als gehörte er nicht dazu zu dieser Gesellschaft.

Wie sollten wir ihn ansprechen? Wie ihn fragen? Alles an ihm musste Aufsehen erregen in dieser Gegend: seine Kleidung, seine Gesten, seine Sanftheit. […] Vielleicht wusste Ibrahim nicht, wie er wirkte? Woher sollte er das auch wissen? […] Wusste er nicht, wie schwul er sich gab? War er überhaupt schwul?

Auf der ersten Reise in Gaza spricht Emcke ihren Übersetzer nicht auf die Fragen an, die sie sich stellt. Sie möchte ihn nicht irritieren. Bei der zweiten Reise nach Gaza kommen dieselben Fragen wieder auf. Emcke erwähnt dabei ihre eigene Homosexualität. Auch eine Szene mit jungen Frauen gibt Aufschluss darauf, dass Ibrahim von anderen als nicht heterosexuell wahrgenommen wird. Erst bei der dritten Reise outet sich Ibrahim als schwul.

Carolin Emcke widmet sich dabei in „Wie wir begehren“ der Frage, wie Geschlecht abhängig von der Kultur unterschiedlich wahrgenommen wird, wie bestimmte Praktiken je nach Kultur Grenzen setzen und Grenzüberschreitungen sofort wahrgenommen werden. So will eine kichernde Gruppe Frauen in Gaza über Emcke wissen, ob sie ein Mädchen oder ein Junge sei:

„Frag sie wonach ich denn aussehe.“ Ich beoabchtete, wie Hala meine Worte ins Arabische übertrug, dann sprachens ie alle durcheinander, und Hala musste warten, bis sie sich geeinigt hatten, dann übersetzte sie: „Du trägst eine Hose, und hast kurze Haare, und das sieht aus wie ein Junge, aber wenn du lachst und wenn du sprichst, dann bis du eindeutig ein Mädchen.“ Ich musste lachen. Nicht nur, um sie zu vergewissern, dass ich ihnen ihre Zweifel nicht übelnahm, sondern weil das eine schöne Beschreibung war und ich mich darin wiedererkennen konnte.

Emcke macht sich in diesem Werk auf einen Weg, der das Unsichtbare, das nicht Gesehene in den Blick nimmt, es benennt und es sichtbar macht. So wird zum Beispiel beschrieben, wie die Homosexualität in ihrer Kindheit in den 80er Jahren unsichtbar gemacht wurde, während anderswo, in Berlin, New York und San Francisco bereits Aktivisten für die Rechte der Homosexuellen kämpften und aufbegehrten:

[E]s gab nicht nur l#ngst in Deutschland eine lebendige, politische homosexuelle Szene, die sich gegen Diskriminierung zur Wehr setzte, […] aber davon wussten wir nichts. Es drang zu uns nicht durch. Für uns blieb Homosexualität etwas Irreales, Unwirkliches, Heimliches. Das Schweigen über Homosexualität tarnte sich bestenfalls als Mitgefühl. Über diese Menschen wurde nicht gesprochen, sie wurden bedauert, als litten sie an einer tödlichen Krankheit […]. Es gab natürlich Homosexuelle, irgendwo, aber jeder, den es wirklich gab in unserer Welt, der in der Nähe war, […], dem wurden alle Zeichen der Homosexualität entzogen, alle eindeutigen Hinweise wurden bereinigt.

Homosexualität behandelt Carolin Emcke als ein Thema, das ihr persönlich sehr nahe geht. Das wird immer wieder sehr deutlich. Selbstverständlich ist das. Denn Emcke ist ja selbst lesbisch. Sie setzt sich also in diesem Werk auch mit ihrer eigenen Sexualität auseinander, dem Weg dorthin. Wie hat sie sich gefunden? Welche Pfade und Irrwege musste sie beschreiten, ehe sie wusste, dass sie lesbisch ist? Wie kann sie sich heute annehmen? Konnte sie ihre Sexualität schon immer akzeptieren?

Noch leichter wäre es gewesen, wenn ich eine lesbische Frau gekannt hätte, eine, die mit meiner Sehnsucht etwas hätte anfangen können. Ich schrieb und warb, ahnungslos und verschwenderisch, um Mädchen und Frauen, aber ich verliebte mich in Jungs und Männer, die durchaus damit etwas anzufangen wussten. […]

Es ist nicht „gut“ oder „schlecht“, homosexuell zu sein, es ist. So wie es auch kein moralisches Vergehen ist, heterosexuell, transsexuell oder bisexuell zu sein, sondern es ist. Es ist eine Form des Liebens, angeboren oder erworben, angenommen oder gewählt, wechselnd oder beständig, das spielt überhaupt keine Rolle, weil die vielfältigen Arten des Begehrens für normative Fragen keine Rolle spielen.

Ich bin glücklich in meinem Leben, wie ich es mir nie hätte vorstellen können, ich möchte nichts anderes sein, nicht anders begehren, als ich begehre, ich freue mich an dieser Art zu lieben – aber nicht, weil sie moralisch besser oder schlechter wäre als etwas anderes.

Ein weiteres Thema des Bandes ist die Entwicklung von Daniel. Daniel ist ein ehemaliger Mitschüler von Carolin Emcke, der sich selbst das Leben genommen hat. Im Lauf des Bandes verfolgen wir, wie Daniel von seinen Mitschülerinnen und Mitschülern immer mehr ausgegrenzt wird. Zumindest ansatzweise vermutet Emcke, dass Daniel mit seiner eigenen Homosexualität nicht zurechtgekommen sein könnte, falls er denn schwul gewesen ist.

So sind es immer wieder das Anderssein, das Aus-dem-Raster-Fallen, die Existenz jenseits der Grenzen, der normierten Praktiken und die Grenzüberschreitungen, denen sich Carolin Emcke in ihrem Band „Wie wir begehren“ zuwendet. Sie untersucht, wie Identitäten konstruiert werden, mit einer Geschichte der Kriminalisierung, mit Denunziation und Vernachlässigung, gekoppelt mit Ressentiments, Unwissen, Überzeugungen.

Ich kann das ablehnen, kann es lächerlich finden, ich kann meine Homosexualität für so bedeutungsvoll halten wie meine Rechtshändigkeit, aber es ändert nichts an der sozialen Wirklichkeit um mich herum. Ich kann versuchen, es zu sabotieren, es zu unterwandern, ich kann versuchen, diese Wirklichkeit zu ändern, aber bis ich sie geändert habe, gehört sie zu mir.

Was noch schlimmer ist: Die Etiketten, die doch so gern alles erfassen und sortieren wollen, die Differenzen erfinden und einziehen wollen, verwischen andere Differenzen, sie sind zu groß, zu abstrakt, sie erklären bestimmte Eigenschaften für relevant und vergessen andere.

Sie legt mit diesem Band ein Werk über die Lust, das Begehren, das Verlangen und das Geschlecht vor, das die Grenzen und die Überschreitungen der Grenzen genauestens betrachtet, Parallelen zieht, Beispiele liefert, sei es in der Musik oder auf Reisen, aus ihrer eigenen Lebensgeschichte oder ihrer Berufserfahrung. Die ausgeklügelten Reflektionen laden dazu ein, ihnen zu folgen und sich von ihnen fesseln zu lassen.

ISBN 9783596187195

Bewertung: 4/5