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Lyrikkabinett Rezension

Aus dem Lyrikkabinett: „Brache“ von Dilek Mayatürk

Dilek Mayatürk: Brache. Gedichte. Hanser Berlin.

Dilek Mayatürk (1986 in Istanbul geboren) studierte in Istanbul und Klagenfurt Soziologie. Sie arbeitete als Dokumentarfilmerin und -produzentin unter anderem für TRT, IZ TV und die BBC. Spätestens 2010, als sie in der Türkei den Cahit Sıtkı Tarancı-Preis erhielt, war sie dort als Lyrikerin eine Größe. 2014 erschien dort ihr erster Lyrikband „Cesaret Koleksiyonu“ (deutsch: „Mutsammlung“). Für ihre Dichtung wurde sie in der Türkei mehrfach ausgezeichnet. Vor Kurzem erschien Dilek Mayatürks zweiter Lyrikband „Brache“ in einer zweisprachigen türkisch-deutschen Ausgabe bei Hanser Berlin.

Vom Lyrikband „Brache“ handelt diese Rezension. Mayatürk, die seit 2017 mit dem deutsch-türkischen Journalisten und Publizisten Deniz Yücel verheiratet ist, verfasst ihre Gedichte auf Türkisch. Dazu muss ich vorausschicken, dass ich in dieser zweisprachigen Ausgabe jeweils nur die ins Deutsche übertragene Version gelesen habe, da ich des Türkischen leider nicht mächtig bin. So geht sicher etwas verloren…

Eine Brache ist ein Stück brachliegendes, nicht bewirtschaftetes Land.

Von der Erde einer Brache erntet man zuerst Geduld,
Danach Verlangen
Und zuletzt seufzt man und flucht.

Ernte

So die Lehre in dem Gedicht „Ernte“, das zusammen mit dem Poem „Brache“ etwa in der Mitte des Bandes steht. Seufzen, aber vor allem Leiden und Schmerzempfinden sind neben der immer wieder aufscheinenden hoffnungsvollen Liebe und Sehnsucht die vorherrschenden Empfindungen in diesem etwas über 100-seitigen Gedichtband.

Das lyrische Ich, das allem Anschein nach wie die Autorin weiblich ist, scheut sich nicht, die von ihm durchlittenen Schmerzen plastisch in Szene zu setzen – mit Blut, Plasma, zugenähten Lippen, dem Evozieren des Todes und – trauriger Höhepunkt – einer misslingenden Geburt. Der Gedichtband fokussiert immer wieder auf die spezifischen Erfahrungen von Frauen, ruft zur Emanzipation auf, etwa wenn es gleich zu Beginn heißt: „Sei keine, die ,Er meint‘ / gleichsetzt mit ,Ich meine'“.

Besonders eindringlich ist eine Reihe von Gedichten im hinteren Drittel des Bandes, in denen es um Besuchstage und Gefängniserfahrungen geht. Immerhin befand sich der Journalist Deniz Yücel von Februar 2017 bis Februar 2018 wegen angeblicher „Terrorpropaganda“ in türkischer Haft. Diese Gedichte sind sehr sensibel und liebevoll und klammern sich an den kleinsten Funken Hoffnung.

Liebe, Natur, das Meer, der Regen, der Himmel, die Erinnerungen an die Kindheit – das sind wiederkehrende Themen, die dem lyrischen Ich dabei helfen, über die jedem menschlichen Leben unumgänglichen Schmerzen und Leiden hinwegzukommen, zumindest für einen Moment. Aber auch die Verliebtheit ist ambivalent, wie das Gedicht mit dem Titel „Rote Asche“ zeigt:

Wenn man nur ein Mal verliebt sein konnte,
War ich es jetzt!
Ich öffnete meine Faust und sah
Eine Handvoll rote Asche.

Rote Asche

Die „rote Asche“ ist zweifelsohne eher negativ konnotiert: Asche erinnert an einen Brand und Zerstörung, die Farbe Rot an das immer wieder in den Gedichten auftauchende Blut, das damit mit der Liebe verknüpft wird. Auch Liebe ist somit eine Form des Leidens, das Eine geht nicht ohne das Andere.

In „Zwei Erwachsene“ wird die personalisierte Liebe gar bildlich in die Nähe des Todes gerückt:

Die Liebe ließ ich im Garten eines Hauses aus der Wurzel des Todes wachsen
In ihrer Einzigartigkeit waren sie nahe Verwandte.

Zwei Erwachsene

Die Liebe zu nahe stehenden verstorbenen Personen schwingt hier eventuell mit, aber auch die Tatsache, dass Liebe und Tod sich nicht ganz fernstehen, dass Liebe sich aus dem drohenden Todesereignis ergibt.

Idyllischer geht es in den Gedichten zu, wenn sich das lyrische Ich an die Kindheit erinnert, dann „Kindheit und Jugend / … Hand in Hand / Aus dem Fenster“. Ein gewagtes Bild, das seine Wirkkraft nicht verfehlt!

„[E]ine Operation am offenen Herzen … / Vor aller Augen“ ist Dichten laut „Eingriff“, eine Öffnung des eigenen Herzens für die Leserinnen und Leser also. Diese Öffnung ist der Verfasserin eindeutig gelungen. Mayatürks Gedichte sind voller Leben, durchlittener Erfahrung und Empfindungen. Angesichts der weitgehenden Authentizität nimmt man dem lyrischen Ich die zahlreichen Klagen und die gefühlvoll-sensible Offenheit gern ab, die nur manchmal Gefahr läuft, etwas emotiv oder larmoyant zu wirken.

Die Metaphorik des Textes ist kraftvoll und einfallsreich. Wiederkehrende Motive sind das Blut, der Schmerz, das Herz, aber auch der Himmel, das Meer und der Regen. Es scheint eine Reihe eher positiv konnotierter Begriffe und eine Reihe eher negativ konnotierer Begrifflichkeiten zu geben, die sich gegenüberstehen, gegenseitig ergänzen und einen semantischen Raum eröffnen.

Mir hat der Gedichtband gefallen. Er ist in den Formen nicht übermäßig experimentell, hat einen klar abgegrenzten Inhalt, eine gewisse Botschaft und eine deutliche Bildsprache. Etwas unklar bleibt, weshalb der Titel des Bandes ausgerechnet „Brache“ lautet. Auf diese Frage konnten mir auch die beiden thematisch passenden Gedichte keine rechte Erklärung liefern. Insgesamt kann ich eine Leseempfehlung für all diejenigen Aussprechen aussprechen, die sich für zeitgenössische Lyrik interessieren.

Bewertung: 5/5

Bibliographische Angaben:
Autorin: Dilek Mayatürk
Titel: Brache. Gedichte.
Übersetzung aus dem Türkischen: Achim Wagner
Verlag: Hanser Berlin
Erscheinungsdatum: 21.09.2020
Seiten: 112
ISBN: 9783446267862
Kaufpreis: 20 €

Das Gedicht „Nach dir“ aus „Brache“ ist online auf Signaturen-Magazin.de abrufbar.

2 Antworten auf „Aus dem Lyrikkabinett: „Brache“ von Dilek Mayatürk“

dieser lyrikband scheint für mich insofern eine neugier zu wecken, als dass ich kürzlich an anderer stelle die frage aufwarf, ob es türkische autorinnen gibt, die ebenso beseelt wie nazim hikmet schreiben. ich habe von dieser autorin hier noch nie etwas gehört; insofern für mich schon mal schön.

was mich natürlich sehr interessieren würde, ist, da du davon geschrieben hast, dass es in deiner wahrnehmung so etwas wie zwei metaphrorische ebenen (= positive/negative konntoationsebenen) gibt, in welcher form diese ebenen evtl. verwoben sind oder in welcher beziehung sie zueinander stehen könnten? soll es ein art dichotomie sein? soll es eine kontrastierung sein? oder tauchen sie »lose« nebeneinander auf? oder anders gefragt: welche psychologischen motive könnten hinter der konstruktion dieses semantischen raumes stehen? zieht sich da ein roter faden des mäanderns von a nach b und b nach a, oder ist das z. b. eher assoziativ oszillierend?

„Die Liebe ließ ich im Garten eines Hauses aus der Wurzel des Todes wachsen /
In ihrer Einzigartigkeit waren sie nahe Verwandte.“

das ist ein denkanregendes metaphorisches bild, denn das symbol des gartens – gärten sind [auch ohne eingriffe] kreislaufsysteme aus leben und tod – mit dem [aktiven des] ich zu verbinden, gefällt mir. dass der garten als kontext den haus hat, könnte man ja als bezugssystem verstehen. er ist also kein wilder garten, sondern einer, dem das gedeihen durch das eingreifen (des ichs) zu neuem leben verhilft. das kann man in vielen gedanken fortspinnen.

nun denn, ich werde mal schauen, ob ich über die autorin noch etwas in erfahrung bringen kann …

viele grüße,
steffen

Hallo Steffen,

die zwei verschieden konnotierten Ebenen, negativ und positiv, bilden natürlich zuerst einen Kontrast. Sie treten immer wieder nebeinander auf und ineinander verwoben. Aber ich habe den Eindruck, dass zum Beispiel der Begriff Liebe nicht eindeutig positiv ist, sondern von beiden Seiten etwas hat.

Viele Grüße
Florian

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