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Buchpreise im Herbst: Ein Überblick

Deutscher Buchpreis 2020.

Im Herbst steht alljährlich die Vergabe einer Reihe von Buchpreisen an. Da gibt es den Wilhelm Raabe-Literaturpreis (Preisverleihung: 23. September 2020), den Deutschen Buchpreis (12. Oktober), den Österreichischen Buchpreis (9. November 2020) und die Hotlist der besten Bücher aus unabhängigen Verlagen (6. Oktober)

Am 23. September wurde bereits der mit 30.000 Euro dotierte Wilhelm Raabe-Literaturpreis, gestiftet von der Stadt Braunschweig und dem Deutschlandfunk, an Christine Wunnicke für ihren Roman Die Dame mit der bemalten Hand (Berenberg Verlag) vergeben. Die übrigen Preisverleihungen werden folgen.

Dieser Artikel möchte eine Übersicht über die Shortlist des Deutschen Buchpreises und die Hotlist bieten, indem die nominierten Werke mit Bild, Klappentext und bibliographischen Angaben vorgestellt werden. Dazu werden Rezensionen verlinkt. Zuletzt wird die Longlist des Österreichischen Buchpreises präsentiert.

Deutscher Buchpreis: Shortlist

Mit dem Deutschen Buchpreis (dbp) wird seit 2005 der beste deutsche Roman durch den Börsenverein des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Partner sind die Frankfurter Buchmesse und die Deutsche Bank Stiftung. Der Preis wird zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse verliehen, die dieses Jahr aufgrund von Corona nicht als Hallenausstellung stattfinden kann. Der Deutsche Buchpreis und der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels werden trotz allem vergeben.

Der dbp-Sieger erhält 25.000 Euro, die fünf Finalisten jeweils 2.500 Euro. Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz können sich mit je zwei Titeln aus ihrem aktuellen Programm bewerben. Eine jährlich wechselnde Jury aus Schriftstellern, Journalisten und literarischen Buchhändlern sichtet alle Einreichungen und erstellt eine Longlist aus 20 Titeln, die im August veröffentlicht wird. Im Oktober wird die Shortlist aus sechs Titeln bekannt gegeben. Diese Shortlist, aus der am 12. Oktober 2020 ein Siegertitel gekürt wird, stelle ich euch hier vor.

Bov Bjerg: Serpentinen.

Ein Vater unterwegs mit seinem Sohn. Ihre Reise führt zurück in das Hügelland, aus dem der Vater stammt, zu den Schauplätzen seiner Kindheit. Da ist das Geburtshaus, dort die elterliche Hochzeitskirche, hier der Friedhof, auf dem der Freund Frieder begraben liegt. Ständiger Reisebegleiter ist das Schicksal der männlichen Vorfahren, die sich allesamt das Leben nahmen: „Urgroßvater, Großvater, Vater. Ertränkt, erschossen, erhängt.“ Der Vater muss erkennen, dass sein Wegzug, seine Bildung und sein Aufstieg keine Erlösung gebracht haben.
Vielleicht helfen die Rückkehr und das Erinnern. Doch warum bringt er seinen Jungen in Gefahr? Warum hat er keine Antwort auf dessen bange Frage: „Um was geht es?“ Er weiß nur: Wer zurückfährt, muss alle Kurven noch einmal nehmen. Wenn er der dunklen Tradition ein Ende setzen will.

Ullstein Verlag. 272 Seiten. 22 €

Rezensionen: Kaffeehaussitzer (#Buchpreisbloggen) – SWRZEITFAZ

Dorothee Elminger: Aus der Zuckerfabrik.

Sollten die Zusammenhänge dieser Welt einmal aufgelöst sein, man wäre froh, das Buch „Aus der Zuckerfabrik“ von Dorothee Elmiger zu finden, um zu verstehen, was in der Vergangenheit vor sich ging.

‚My skills never end‘ steht auf dem T-Shirt eines Arbeiters, der gerade seinen Lohn ausbezahlt bekommt. Am Strand einer karibischen Insel steht der erste Lottomillionär der Schweiz und blickt aufs Meer hinaus. Nachts drängen sich Ziegen am Bett der Autorin. Dorothee Elmiger folgt den Spuren des Geldes und des Verlangens durch die Jahrhunderte und die Weltgegenden. Sie entwirft Biographien von Mystikerinnen, Unersättlichen, Spielern, Orgiastinnen und Kolonialisten, protokolliert Träume und Fälle von Ekstase und Wahnsinn. Aus der Zuckerfabrik ist die Geschichte einer Recherche, ein Journal voller Beobachtungen, Befragungen und Ermittlungen. Ein Text, der den Blick öffnet für die Komplexität dieser Welt.

Hanser. 272 Seiten. 23 €

Rezensionen: ZEITNDR

Thomas Hettche: Herzfaden.

Ein großer Roman über ein kleines Theater: die Augsburger Puppenkiste.

Ein zwölfjähriges Mädchen gerät nach einer Vorstellung der Augsburger Puppenkiste durch eine verborgene Tür auf einen märchenhaften Dachboden, auf dem viele Freunde warten: die Prinzessin Li Si, Kater Mikesch, Lukas, der Lokomotivführer. Vor allem aber die Frau, die all diese Marionetten geschnitzt hat und nun ihre Geschichte erzählt. Es ist die Geschichte eines einmaligen Theaters und der Familie, die es gegründet und berühmt gemacht hat. Sie beginnt im 2. Weltkrieg, als Walter Oehmichen, ein Schauspieler des Augsburger Stadttheaters, in der Gefangenschaft einen Puppenschnitzer kennenlernt und für die eigene Familie ein Marionettentheater baut. In der Bombennacht 1944 verbrennt es zu Schutt und Asche. »Herzfaden« erzählt von der Kraft der Fantasie in dunkler Zeit und von der Wiedergeburt dieses Theaters. Nach dem Krieg gibt Walters Tochter Hatü in der Augsburger Puppenkiste Waisenkindern wie dem Urmel und kleinen Helden wie Kalle Wirsch ein Gesicht. Generationen von Kindern sind mit ihren Marionetten aufgewachsen. Die Augsburger Puppenkiste gehört zur DNA dieses Landes, seit in der ersten TV-Serie im westdeutschen Fernsehen erstmals Jim Knopf auf den Bildschirmen erschien.

Kiepenheuer & Witsch Verlag. 288 Seiten. 24 €

Rezensionen: LiteraturReichBuch-HaltungAugsburger ZeitungFAZDeutschlandfunk Kultur

Interview mit dem Autor: Interview in der Berliner ZeitungInterview bei SWR 2

Deniz Ohde: Streulicht.

Industrieschnee markiert die Grenzen des Orts, eine feine Säure liegt in der Luft, und hinter der Werksbrücke rauschen die Fertigungshallen, wo der Vater tagein, tagaus Aluminiumbleche beizt. Hier ist die Ich-Erzählerin aufgewachsen, hierher kommt sie zurück, als ihre Kindheitsfreunde heiraten. Und während sie die alten Wege geht, erinnert sie sich: an den Vater und den erblindeten Großvater, die kaum sprachen, die keine Veränderungen wollten und nichts wegwerfen konnten, bis nicht nur der Hausrat, sondern auch die verdrängten Erinnerungen hervorquollen. An die Mutter, deren Freiheitsdrang in der Enge einer westdeutschen Arbeiterwohnung erstickte, bis sie in einem kurzen Aufbegehren die Koffer packte und die Tochter beim trinkenden Vater ließ. An den frühen Schulabbruch und die Anstrengung, im zweiten Anlauf Versäumtes nachzuholen, an die Scham und die Angst – zuerst davor, nicht zu bestehen, dann davor, als Aufsteigerin auf ihren Platz zurückverwiesen zu werden.

Wahrhaftig und einfühlsam erkundet Deniz Ohde in ihrem Debütroman die feinen Unterschiede in unserer Gesellschaft.

Suhrkamp Verlag. 284 Seiten. 22 €

Rezensionen: pinkfisch (#Buchpreisbloggen) – LiteraturleuchtetPoesierauschtazSPIEGEL

Anne Weber: Annette, ein Heldinnenepos.

Was für ein Leben! Geboren 1923 in der Bretagne, aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, schon als Jugendliche Mitglied der kommunistischen Résistance, Retterin zweier jüdischer Jugendlicher ― wofür sie von Yad Vashem später den Ehrentitel »Gerechte unter den Völkern« erhalten wird –, nach dem Krieg Neurophysiologin in Marseille, 1959 zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt wegen ihres Engagements auf Seiten der algerischen Unabhängigkeitsbewegung… und noch heute an Schulen ein lebendiges Beispiel für die Wichtigkeit des Ungehorsams. Anne Weber erzählt das unwahrscheinliche Leben der Anne Beaumanoir in einem brillanten biografischen Heldinnenepos. Die mit großer Sprachkraft geschilderten Szenen werfen viele Fragen auf: Was treibt jemanden in den Widerstand? Was opfert er dafür? Wie weit darf er gehen? Was kann er erreichen? Annette, ein Heldinnenepos erzählt von einer wahren Heldin, die uns etwas angeht.

Matthes & Seitz. 208 Seiten 22 €

Rezensionen: Bookster HROFAZtaz

Christine Wunnicke: Die Dame mit der bemalten Hand.

Bombay, 1764. Indien stand nicht auf dem Reiseplan und Elephanta, diese struppige Insel voller ­Schlangen und Ziegen und Höhlen mit den seltsamen Figuren an den Wänden, schon gar nicht. Doch als Forschungs­reisenden in Sachen »biblischer Klarheit« zieht es einen eben an die merkwürdigsten Orte. Carsten Niebuhr aus dem Bremischen ist hier gestrandet, obwohl er doch in Arabien sein sollte. Ebenso Meis­ter Musa, persischer Astrolabienbauer aus Jaipur, obwohl er doch in Mekka sein wollte. Man spricht leidlich Arabisch miteinander, genug, um die paar Tage bis zu ihrer Rettung gemeinsam herumzubringen. Um sich öst-westlich misszuverstehen und freundlich über Sternbilder zu streiten (denn wo der eine eine Frau erkennt, sieht der andere lediglich deren bemalte Hand). Es könnte übrigens alles auch ein Fiebertraum gewesen sein. Doch das steht in den Sternen.

Berenberg Verlag. 168 Seiten. 22 €

Rezensionen: Buch-HaltungSätze & SchätzeLeseschatzFAZ

Die Kommentare der Jury zu den nominierten Werken sowie die Longlist kann auf der Homepage des Deutschen Buchpreises nachgelesen werden.

Die Jury des Deutschen Buchpreises, benannt durch die Akademie Deutscher Buchpreis, besteht 2020 aus Katharina Borchardt, Hanna Engelmeier, David Hugendick, Chris Möller, Maria-Christina Piwowarski, Felix Stephan und Denise Zumbrunnen.

Hotlist: die besten Bücher aus unabhängigen Verlagen

Der Wettbewerb um das beste deutschsprachige Buch aus unabhängigen Verlagen findet seit 2009 statt. Es können grundsätzlich Bücher aus allen Literaturgattungen eingereicht werden, seien es Romane, Lyrikbände, Graphic Novels, Sachbücher, Essays oder übersetzte Werke. Die Beschränkungen sind damit weniger stark ausgeprägt als bei anderen deutschen Literaturpreisen. Der Preis der Hotlist ist mit 5.000 Euro dotiert.

Ab März jeden Jahres reichen die teilnehmenden unabhängigen Verlage jeweils höchstens ein Buch ein, das sie in den Wettbewerb schicken wollen. Aus allen Einreichungen wählt das Kuratorium der Hotlist 30 Titel aus. Diese werden dem Publikum in den Sommermonaten im Internet zur Wahl gestellt, mit einer Leseprobe und einer Autorinnen- oder Autoreninfo.

Durch die Internetwahl schaffen es drei Titel auf die Hotlist. Zudem wählt die Jury sieben weitere Werke auf die Liste, sodass diese insgesamte zehn Bücher umfasst. Die Titel, die es 2020 in die engere Auswahl geschafft haben, stelle ich euch im Folgenden vor.

Shelagh Delaney: A Taste of Honey. Erzählungen und Stücke.

Die blutjunge Jo ist schwanger von einem Matrosen, der wieder in See sticht. Sie plant, das Kind gemeinsam mit ihrem homosexuellen Freund Geof aufzuziehen – wären da nicht ihre Mutter, eine launische Alkoholikerin und Gelegenheitsprostituierte, und die schwarze Hautfarbe des Kindsvaters …

Mit 18 Jahren schreibt die in Salford bei Manchester geborene Shelagh Delaney (1938–2011) ihr erstes Theaterstück, »A Taste of Honey«. Es wird ein Welterfolg – und revolutioniert als modernes Sozialdrama die Bühnen. 1958 hat »A Taste of Honey« in London Premiere. Es läuft u.a. am Broadway und wird 1961 verfilmt. Ein zweites Stück, »The Lion in Love« (1960), das von vermeintlich »kleinen Leuten« in einer großen Industriestadt erzählt, folgt. Schließlich publiziert die Autorin den in seiner phantastischen Bilderwucht und spröden Schönheit ans Kino der Nouvelle Vague erinnernden Prosaband »Sweetly sings the donkey« (1964), der nicht nur in den Kosmos der Erniedrigten und Beleidigten im nordenglischen Arbeitermilieu abtaucht, sondern auch in wundersame, zerbrechliche Kinderwelten.

Shelagh Delaneys Erzählungen und Stücke erscheinen nun gesammelt in der vollständigen Neu- bzw. Erstübersetzung von Tobias Schwartz.

Herausgegeben von Tobias Schwartz und André Schwarck. Aus dem Englischen übersetzt von Tobias Schwartz. AvivA Verlag. 400 Seiten. 22 €

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Young-ha Kim: Aufzeichnungen eines Serienmörders.

Tierarzt Byongsu Kim (70) ist »pensionierter« Serienmörder. Er verbringt seine Zeit damit, Klassiker zu lesen und Gedichte zu schreiben. Kurz nachdem er in seinem Viertel einem Mann begegnet, den er als seinesgleichen erkennt, wird bei ihm beginnende Demenz diagnostiziert. Um seine Tochter zu beschützen, plant der alte Mann, mit seinem schwindenden Gedächtnis kämpfend, einen letzten Mord.

Aus dem Koreanischen von Inwon Park. cass Verlag. 152 Seiten. 20 €

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Hamed Abboud: In meinem Bart versteckte Geschichten.

Erzählte Hamed Abboud in seinem letzten Prosaband noch von den Schrecken des syrischen Krieges, den Massakern und der Flucht, so konzentriert er sich nun im neuen Buch auf sein Ankommen und Leben in Europa: auf das irritierende Aufeinandertreffen der unterschiedlichen kulturellen Mentalitäten und Sichtweisen und die Suche nach dem eigenen Platz in der neuen Heimat.
Denn hier gerät sein schwarzer Bart, der Stolz der Männer, plötzlich unter Terrorverdacht, die liberale Kleiderordnung bringt ihn innerlich ordentlich zum Schwitzen – und ist das auf der Flucht verloren gegangene Schmerzempfinden nun ein Verlust oder ein Gewinn?
Satirisch konterkarierend, ironisch und humorvoll wendet und dreht Hamed Abboud die eigenen Erfahrungen durch bildstarke Assoziationen und Gedankengänge immer weiter, bis dem Schicksal doch noch ein guter Moment abgewonnen ist – und sei er auch noch so klein oder absurd.
Die 13 Prosatexte und die dazwischen ein­gestreuten »Mikrotexte« vermitteln dem Leser nicht nur, was es bedeutet, sich einen Platz in einer fremden Gesellschaft suchen zu müssen, sondern auch das Gefühl, dass die Suche selbst, trotz aller Mühsal, bereichernder sein kann, als eine unbefragte Heimat zu besitzen.

Aus dem Arabischen von Larissa Bender und Kerstin Wilsch. Zweisprachige Ausgabe. Edition Korrespondenzen. 164 Seiten. 20 €

Marco Dorati: Professorenmensa. Erzählungen.

Wie gelangt Rudolf Virchows Zwicker auf die Nase eines auf dem Dach der Humboldt-Universität erforenen Professors? Wohin verschwindet Knorp an einem Sonntagmorgen aus seinem Swimmingpool? Welches Geheimnis verbirgt sich im Schreibtisch des Jakob-Gottlieb-Humm-Hauses in Rudolstadt?

Von wahrhaft ‚unerhörten Begebenheiten‘ berichtet Marco Dorati in seinen zwischen Novelle, Groteske, Anekdote und Kriminalerzählung schillernden Prosastücken. Sie verhandeln zugleich so zentrale Fragen wie die der Identität und der Autorschaft, des Bewusstseins und der menschlichen Grenzen. Es sind „Ermittlungen des als Wissenschaftler auftretenden Menschen gegen sich selbst“, wie Thomas Poiss in seinem Nachwort schreibt.

Marco Doratis Texte sind präzise wie ein Filmskript. Und sie sind nicht zuletzt ein großes sprachliches Vergnügen. Der italienische Autor beherrscht in seinen auf Deutsch verfassten Erzählungen den nüchternen Chronikton ebenso wie eine virtuose Syntax aus dem Geist Thomas Bernhards.

Mit einem Nachwort von Thomas Poiss. Edition Monhardt. 148 Seiten. 22 €

Rezension: Dieter Wunderlich

Helena Adler: Die Infantin trägt den Scheitel links.

Dass sie, die jüngste Tochter, das zarte Kind, den Bauernhof ihrer Eltern abfackelt, ist nicht nur ein Versehen, es ist auch Notwehr. Ein Akt der Selbstbehauptung gegen die Zumutungen des Heranwachsens unter dem Regime der Eltern, einer frömmelnden, bigotten Mutter und eines Vaters mit einem fatalen Hang zu Alkohol, Pyrotechnik und Esoterik. Von den älteren Zwillingsschwestern nicht zu reden, zwei Eisprinzessinnen, die einem bösen Märchen entsprungen sind und ihr, der Infantin in Stallstiefeln, übel mitspielen, wo sie nur können. Und natürlich fehlen auch Jäger, Pfarrer und Bürgermeister nicht in dieser Heuboden- und Heimatidylle, die in den schönsten Höllenfarben gemalt ist und in der es so handfest und herzhaft zugeht wie lange nicht. Dieses Buch ist ein Fanal, ein Feuerwerk nach dem Jüngsten Gericht unter dem Watschenbaum. Es erzählt von Dingen, als gingen sie auf keine Kuhhaut. Schrill, derb, ungeschminkt, rotzfrech und hart wie das Landleben nach dem Zeltfest und vor der Morgenmesse. Eine sehr ernste Angelegenheit, ein sehr großer Spaß!

Jung und Jung. 192 Seiten. 20 €

Rezensionen: Mikka liestMissmesmerizedStandard.atWDRDeutschlandfunk Kultur – Literaturkritk.de

Michael Palin: Erebus. Ein Schiff, zwei Fahrten und das weltweit größte Rätsel auf See.

19. Mai 1845, Greenhithe, England: Sir John Franklin macht sich mit 134 Männern und zwei Schiffen, der Terror und der Erebus, auf den Weg ins arktische Eis, um den letzten weißen Fleck der Nordwestpassage zu kartieren. Drei Jahre später verschwinden die Schiffe, ihr Schicksal und das ihrer Crews bleibt mehr als anderthalb Jahrhunderte lang ein Rätsel – bis 2014 vor der Nordküste Kanadas ein wahrhaftiger Schatz gefunden wird: das Wrack der HMS Erebus.
Michael Palin – Monty-Python-Star, Weltenbummler und begnadeter Erzähler – entfaltet in seinem lebendigen und atmosphärischen Bestseller die so glanzvolle wie tragische Geschichte der Erebus; von ihrem Stapellauf über zahlreiche Fahrten auf allen Weltmeeren und die legendäre Reise in die Antarktis, die ihr und den vom Forschungsgeist getriebenen Entdeckern Ruhm brachte, bis hin zu der verhängnisvollen Expedition in die Arktis, die in einer Katastrophe endete.

Aus dem Englischen von Rudolf Mast. Mit zahlreichen Abbildungen. mare Verlag. 400 Seiten. 28 €

Rezensionen: Deutschlandfunk KulturNDRDruckfrisch

Desmond Morris: Das Leben der Surrealisten.

Der Surrealismus begann als gemeinsame Rebellion gegen all jene Mächte, die die Welt in den Krieg geführt hatten. Ein Aufstand auch gegen verlogene Religion, Demagogie, Prüderie und usurpierte Autoritäten.

Wie lebten sie wirklich, diese inzwischen so berühmten Künstlerinnen und Künstler? Desmond Morris, selbst surrealistischer Künstler, kann davon berichten wie kein Zweiter. Er gehörte zu ihrem Kreis und kannte sie alle. Ihre Vorlieben und Macken. Ihre Arbeitsweisen und ihre Geheimnisse. Ihre Freundschaften, Feindschaften, Liebschaften, Frivolitäten und dramatischen Zerwürfnisse. Er porträtiert einsame Wölfe, rebellische Vorkämpferinnen, brillante Exzentriker.

Geistreich und unterhaltsam erzählt Desmond Morris von den wirklichen Menschen, die Kunstgeschichte schrieben. Seine zweiunddreißig Lebensbilder der Surrealisten sind selbst Geschichte.

Aus dem Englischen von Willi Winkler. Unionsverlag. 352 Seiten. 26 €

Rezensionen: Sounds & BooksLiteraturzeitschriftDeutschlandfunk KulturWDR

X Schneeberger: Neon Pink & Blue.

In „Neon Pink & Blue“ findet sich eine Drag Queen  in einem Klimasommer obdach- und papierlos am Zürisee wieder. Ohne Garderobe out the closet, ohne Badezimmerspiegel und Kostüme ergreift X ein Gefühl der Nacktheit. 

Geschichten zu in Frage gestellter Identität und schwer belegbarer Herkunft drängen sich ins untergehende Postkartenbild des Alpenpanoramas.

„… ein wunderbares Machwerk, gemacht von Menschenhand.“ (Annina Haab)

„Es geht um ein Dirigieren von verschwundenen oder verdunkelten Körpern, um einen Kutscher der Schatten des Körpers.“ (Stefan Humbe)

Verlag die Brotsuppe. 272 Seiten. 28 €

Rezension: FAZ

Nora Gomringer: Gottesanbieterin.

Immer öfter lässt sich Nora Gomringer die Gretchen-Frage stellen, sie antwortet in Essays, Reden, Geschichten und natürlich: in Gedichten. Das geschieht oft komisch und mit einem Augenzwinkern, ihr und jedes Gläubigsein ist persönlich. Die Lyrikerin hat sich zuletzt mit irdischen Ängsten, Krankheiten und Phänomenen des Oberflächlichen beschäftigt, doch das Metaphysische wohnte dem schon immer inne – und denken wir an Gomringers Wanderung mit einem lispelnden, über die Einsamkeit des Menschen sprechenden Hermelin, so wundert es kaum, dass erneut eine tierische Begegnung Auslöser für die in diesem Band versammelten Gedichte ist: Schon vor vielen Jahren traf die Dichterin auf eine riesige Heuschrecke im US-amerikanischen Hinterhof ihrer damaligen Gastfamilie: die Gottesanbeterin. Es war diese einstündige Begegnung des Schweigens, die Gomringer zur Hinterfragung des irdischen Seins und der Vielgestaltigkeit von Religion gebracht hat, jenem „geschmacksverstärkenden, mal verträglichen, mal unverträglichen Glutamat des Seins“.
Der vorliegende Gedichtband versammelt eine Auswahl der von Gomringer seither unternommenen Betrachtungen des Dies- und Jenseitigen.

Mit zahlreichen Illustartionen von Zara Teller. Voland & Quist. 96 Seiten. 20 €

Rezensionen: SignaturenLiteraturkritik.de

Interview: Interview auf BR

Christoph Höhtker: Schlachthof und Ordnung.

Ein revolutionärer Wirkstoff erobert den europäischen Markt: Marazepam, Markenname Marom. Offiziell ein Angstlöser, in Wirklichkeit ein hochintelligentes Psychopharmakon. Die Lösung für alles, gegen alles. Endgültige, allmächtige, Glück verheißende Arznei.

Von der als Prostituierte getarnten Anhängerin einer feministischen Terrorgruppe bis hin zu den erfolgsgierigen Managern multinationaler Konzerne, alle sind der Glücksdroge verfallen.

Mittendrin Joachim A. Gerke, ein Sozialhilfeempfänger mit literarischen Ambitionen – und einem Problem hinsichtlich der täglichen Zufuhr des Medikaments, das ihm sein Hausarzt plötzlich verweigert. Ein Medikament, das inzwischen eine Gesellschaft steuert, die beunruhigend genau nach der unseren klingt. Eine Gesellschaft am Rande des Nervenzusammenbruchs.

weissbooks.w. 416 Seiten. 24 €

Rezensionen: intellecturestazZEIT

Bis zum 20. August 2020 konnten alle über die Hotlist mitentscheiden: Die drei Bücher mit den meisten Stimmen bei der Wahl auf dieser Website erhielten einen garantierten Platz auf der diesjährigen Liste der zehn Bücher des Jahres. 30 Kandidaten aus 170 Einsendungen standen zur Wahl. Hier könnt ihr die 30 Kandidaten einsehen. In der Internetwahl wurden der AvivA-Verlag (Platz 3, 182 Stimmen), die Edition Korrespondenzen (Platz 2, 186 Stimmen) und, mit großem Vorsprung, die Edition Monhardt (Platz 1, 864 Stimmen) gewählt.

Österreichischer Buchpreis: Longlist

Der Österreichische Buchpreis wird seit 2016 vergeben. Es handelt sich um einen Staatspreis, verliehen vom österreichischen Bundeskanzleramt. Partner des Buchpreises sind der Hauptverband des Österreichischen Buchhandels sowie die Kammer für Arbeiter und Angestellte Wien.

Jeder Verlag kann pro Jahr zwei Titel ins Rennen schicken. Eine jährlich wechselnde Fachjury sichtet alle Titel und stellt daraus eine Longlist aus zehn Werken sowie, für den Debütpreis, eine Shortlist aus drei Werken zusammen, die im September bekanntgegeben werden. Im Oktober wird die Longlist zu einer Shortlist, die nur noch fünf Titel umfasst.

An dieser Stelle veröffentliche ich die Longlist sowie die Shortlist des Debütpreises.

Longlist des Österreichischen Buchpreises

Helena Adler – Die Infantin trägt den Scheitel links (Jung und Jung)
Xaver Bayer – Geschichten mit Marianne (Jung und Jung)
Melitta Breznik – Mutter. Chronik eines Abschieds (Luchterhand)
Ludwig Fels – Mondbeben (Jung und Jung)
Monika Helfer – Die Bagage (Carl Hanser)
Karin Peschka – Putzt euch, tanzt, lacht (Otto Müller Verlag)
Verena Stauffer – Ousia (kookbooks)
Michael Stavarič – Fremdes Licht (Luchterhand)
Cornelia Travnicek – Feenstaub (Picus)
Ilija Trojanow – Doppelte Spur (S. Fischer)

Shortlist des Debütpreises

Leander Fischer – Die Forelle (Wallstein Verlag)
Gunther Neumann – Über allem und nichts (Residenz)
Mercedes Spannagel – Das Palais muss brennen (Kiepenheuer & Witsch)

Die Jury des Österreichischen Buchpreises besteht 2020 aus Sebastian Fasthuber, Nicole Henneberg, Klaus Seufer-Wasserthal und Ulrike Tanzer. Am 8. Oktober wird die Shortlist bekanntgegeben, am 9. November der Preis verliehen.

Ich hoffe, euch mit dieser Liste ein paar neue Lesetipps verschafft haben zu können.

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