Zwischen März und Oktober 1933 brannten in zahlreichen deutschen Städten Bücher. Organisiert und unterstützt wurden die Bücherverbrennungen von nationalsozialistischen Gruppen wie dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund, der Deutschen Studentenschaft, der Hitlerjugend, der SA und weiteren Parteiorganisationen der NSDAP. Verbrannt wurden Bücher von Autorinnen und Autoren, die den Nationalsozialisten als politisch, kulturell oder weltanschaulich unerwünscht galten: jüdische, marxistische, pazifistische, liberale und oppositionelle Stimmen sollten aus dem öffentlichen und allgemeinen Bewusstsein getilgt und damit vernichtet werden. Damit verwiesen bereits die Verbrennungen schriftlicher Werke auf die spätere Vernichtung der Juden und weiterer Opfergruppen wie der Homosexuellen, der Sinti und Roma, der sogenannten „Asozialen“ und der Zeugen Jehova.
Die Aktionen richteten sich gegen den sogenannten „undeutschen Geist“ und gegen alles, was die Nationalsozialisten als Bedrohung ihrer verqueren Ideologie betrachteten. Dafür wurden Listen erstellt, auf denen zahlreiche Schriftstellerinnen und Schriftsteller standen, deren Bücher konsequent und lückenlos aus Bibliotheken, Buchhandlungen und privaten Sammlungen entfernt werden sollten. Die Bücherverbrennungen waren damit nicht nur symbolische Gewalt gegen Papier und Druckerschwärze. Sie waren ein Angriff auf Denken, Erinnerung, Vielfalt und Freiheit.
Dieser Blogartikel stellt 13 Bücher vor, die 1933 von den Nationalsozialisten verbrannt wurden. Er erinnert an die Werke und an ihre Autorinnen und Autoren, deren Stimmen zum Schweigen gebracht werden sollten und die bis heute gelesen, diskutiert und erinnert werden müssen.
Weiterlesen: Bücherverbrennungen: 13 Bücher, die 1933 wegen der Nationalsozialisten im Feuer branntenWeitere Informationen findet man hier:
https://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%BCcherverbrennung_1933_in_Deutschland

Stefan Zweig: Sternstunden der Menschheit.
Stefan Zweig erzählt in fünf historischen Miniaturen von Augenblicken, in denen sich persönliche Schicksale und Weltgeschichte berühren: von einer folgenreichen Entscheidung bei Waterloo, Goethes Entstehung der Marienbader Elegie, dem Goldrausch in Kalifornien, der ersten telegrafischen Verbindung über den Atlantik und Robert Scotts gescheiterter Expedition zum Südpol. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die hoffen, zögern, etwas wagen oder zu spät kommen. Zweig macht aus bekannten Ereignissen spannende Geschichten, deren Ausgang beim Lesen wieder ungewiss scheint.
Der Titel verspricht Glanz, doch manche dieser „Sternstunden“ enden bitter. Gerade das macht den Reiz des Buches aus: Zweig erzählt Geschichte als etwas, das Menschen erleben und erleiden – in Momenten, die sie nicht immer überblicken können.
Stefan Zweig: Sternstunden der Menschheit. Vierzehn historische Miniaturen, hrsg. von Hans Wagener. Reclam Verlag 2021. 13 Euro.

Vicki Baum: Menschen im Hotel.
Im Berliner Grand Hotel begegnen sich Menschen, die auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben: eine alternde Tänzerin, ein verarmter Baron, ein todkranker Buchhalter, eine junge Frau auf der Suche nach Arbeit und ein Geschäftsmann unter Druck. Sie kommen und gehen, teilen für kurze Zeit denselben Ort, verlieben sich, täuschen einander und hoffen auf einen anderen Verlauf ihres Lebens. Aus ihren miteinander verflochtenen Geschichten entsteht ein lebendiges Bild des Berlins der späten 1920er-Jahre.
Vicki Baum erzählt von Glanz und Einsamkeit mit Tempo, Witz und einem genauen Blick für ihre Figuren. Hinter den Hoteltüren zeigt sie, wie nah Menschen beieinander sein können, ohne einander wirklich zu kennen.
Vicki Baum: Menschen im Hotel. Roman. Kiepenheuer & Witsch 2007. 14 Euro.

Heinrich Mann: Der Untertan.
Diederich Heßling lernt früh, sich vor Stärkeren zu ducken und Schwächere zu beherrschen. Als Student findet er Anschluss in einer nationalistischen Verbindung; später übernimmt er die Fabrik seines Vaters und arbeitet an seinem gesellschaftlichen Aufstieg. Er verehrt Kaiser Wilhelm II., passt seine Überzeugungen dem eigenen Vorteil an und nutzt jede Gelegenheit, Macht über andere auszuüben. Heinrich Mann verfolgt diesen Weg durch das Kaiserreich bis in die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse einer deutschen Kleinstadt.
Der Roman ist eine scharf gezeichnete Satire. Heßling wirkt oft lächerlich, doch sein Eifer, sich Autoritäten anzudienen, hat Folgen für die Menschen um ihn herum. Mann zeigt, wie aus Feigheit, Ehrgeiz und Machtlust eine gefährliche Haltung werden kann. Der Untertan gehört zu den für den 10. Mai 1933 dokumentierten verbrannten Buchtiteln.
Heinrich Mann: Der Untertan. Roman. Fischer Taschenbuch 1996. 11 Euro.

Bertolt Brecht: Die Dreigroschenoper.
Im Londoner Bettlermilieu betreibt Jonathan Peachum das Elend als Geschäft: Wer betteln will, braucht seine Erlaubnis und die passende Ausstattung. Als seine Tochter Polly heimlich den Gangster Macheath, genannt Mackie Messer, heiratet, will Peachum ihn loswerden. Dafür setzt er den korrupten Polizeichef Tiger Brown unter Druck und droht, dessen Krönungsfeierlichkeiten mit einer Demonstration der Bettler zu stören. Zwischen Peachums Geschäftssinn, Mackies Verbrechen und Browns Amt verschwimmen die Grenzen von Ansehen und Kriminalität.
Brechts Stück lebt von schnellen Szenen, bissigem Witz und Kurt Weills Musik. Seine Figuren reden von Moral, während sie ihren Vorteil berechnen. Das macht die Dreigroschenoper unterhaltsam und unangenehm zugleich: Selbst das Elend erscheint hier als Ware. An der Arbeit nach John Gays The Beggar’s Opera war auch Elisabeth Hauptmann beteiligt. Brechts Werke wurden 1933 verbrannt; für ein damals verbranntes Exemplar gerade dieses Titels liegt hier kein eigener Nachweis vor.
Bertolt Brecht: Die Dreigroschenoper. Illustriert von Katja Spitzer. Suhrkamp Verlag 2025. 34 Euro.

Alfred Döblin – Berlin Alexanderplatz.
Franz Biberkopf kommt aus dem Gefängnis frei und nimmt sich vor, in Berlin anständig zu bleiben. Doch der ehemalige Transportarbeiter findet keinen festen Halt. Er schlägt sich mit kleinen Geschäften durch, gerät an Menschen, denen er vertraut und die ihn verraten, und wird immer tiefer in Gewalt und Verbrechen hineingezogen. Seine Geschichte führt durch Kneipen, Straßen und Hinterhöfe der Stadt am Ende der 1920er-Jahre.
Döblin erzählt nicht allein, was Biberkopf widerfährt. Gespräche, Reklame, Zeitungsmeldungen und Geräusche drängen sich in die Handlung; Berlin scheint gleichzeitig mit Franz zu sprechen. Diese sprunghafte Form verlangt Aufmerksamkeit, macht aber erfahrbar, wie schwer es ihm fällt, in der Stadt einen eigenen Weg zu behaupten. Döblins Werke wurden 1933 von den Nationalsozialisten verfemt; ob gerade Berlin Alexanderplatz bei einer Bücherverbrennung ins Feuer geworfen wurde, ist damit nicht belegt.
Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf. Mit einem Nachwort von Moritz Baßler und Melanie Horn. FISCHER Taschenbuch 2013. 18 Euro.

Anna Seghers: Das siebte Kreuz.
Sieben Häftlinge fliehen aus dem Konzentrationslager Westhofen. Der Lagerkommandant lässt für sie sieben Platanen zu Kreuzen herrichten, an denen er die Geflohenen nach ihrer Rückkehr bestrafen will. Einer von ihnen, Georg Heisler, versucht durch das nationalsozialistische Deutschland zu entkommen. Er braucht Kleidung, Verstecke und Menschen, die ihm helfen. Für jede Person, der er begegnet, wird seine Flucht zur Entscheidung: wegsehen, ihn verraten oder selbst etwas riskieren.
Seghers wechselt zwischen dem Verfolgten und den Menschen in seiner Umgebung. So wird aus der spannenden Fluchtgeschichte auch ein Bild des Alltags unter der Diktatur: Angst und Misstrauen bestimmen viele Begegnungen, doch Hilfe bleibt möglich. Der Roman erschien erstmals 1942 im Exil und gehört deshalb nicht zu den Büchern, die 1933 verbrannt worden sein können.
Anna Seghers: Das siebte Kreuz. Mit einem Nachwort von Thomas von Steinaecker. Aufbau Taschenbuch 2018. 12 Euro.

Erich Kästner: Fabian.
Dr. Jakob Fabian arbeitet als Reklametexter und streift durch das Berlin der späten Weimarer Republik. In Bars, Ateliers und Redaktionen begegnet er Menschen, die nach Vergnügen, Geld oder einem Ausweg suchen. Er beobachtet sie mit scharfem Blick, ohne selbst einen sicheren Platz zu finden. Als er die Juristin Cornelia kennenlernt, wird aus seiner distanzierten Haltung eine Liebesgeschichte. Zugleich verschärfen sich die politischen Gegensätze, und Fabians Versuch, seine Maßstäbe zu bewahren, wird immer schwieriger.
Kästners kurze, pointierte Szenen geben dem Roman Tempo und Witz. Doch unter der Satire liegt Traurigkeit: Fabian erkennt vieles klar und kann dennoch wenig aufhalten. Gerade dieses Nebeneinander von Komik und Ohnmacht macht den Roman eindringlich. Die hier genannte Atrium-Ausgabe enthält Fabian, den 1931 veröffentlichten Roman; die später bei Atrium erschienene Urfassung trägt den Titel Der Gang vor die Hunde.
Erich Kästner: Fabian. Die Geschichte eines Moralisten. Atrium Verlag 2010. 20 Euro.

Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen.
Die achtzehnjährige Doris tippt Briefe für einen zudringlichen Rechtsanwalt. Sie träumt davon, berühmt zu werden und dem engen Leben in ihrer rheinischen Heimatstadt zu entkommen. In Berlin sucht sie den erhofften Glanz in Tanzhallen, Bars und vornehmen Lokalen. Sie lässt sich einladen, beginnt Affären und lernt, mit wenig Geld und viel Einfallsreichtum durchzukommen. Doch die Männer, von denen sie sich Aufstieg oder Nähe verspricht, bieten ihr kaum Verlässlichkeit.
Doris erzählt ihre Erlebnisse selbst, schnell, bildhaft und voller eigenwilliger Wendungen. Ihr Witz macht die Lektüre leicht; zugleich lässt Keun spüren, wie unsicher Doris’ Lage ist. Der Roman erschien 1932 und zeigt eine junge Frau, die sich ein anderes Leben erfinden will, während ihr dafür nur wenige Wege offenstehen.
Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen. Ullstein Taschenbuch 2001. 12,99 Euro.

Klaus Mann: Der fromme Tanz.
Andreas Magnus verlässt sein großbürgerliches Elternhaus und zieht nach Berlin. Er will schreiben, leben und herausfinden, wohin er gehört. In der Bohème begegnet er Künstlerinnen und Künstlern, streift durch Lokale und verliebt sich in Niels. Andreas nimmt seine Liebe zu einem Mann an, doch Niels bleibt für ihn schwer zu erreichen. Seine Suche führt ihn schließlich nach Paris.
Klaus Manns erster Roman erzählt von jugendlicher Sehnsucht mit viel Gefühl und gelegentlich viel Pathos. Andreas’ Liebe wird dabei als Teil seines Lebens geschildert, nicht als etwas, das er überwinden müsste. Das macht den 1926 erschienenen Roman bemerkenswert. Er hat auch Schwächen: Der Handlungsbogen ist ungleichmäßig, und einzelne Darstellungen reproduzieren rassistische Bilder. Beides gehört zu einer heutigen Lektüre dazu.
Klaus Mann: Der fromme Tanz. Das Abenteuerbuch einer Jugend. Rowohlt Taschenbuch 2004. 14 Euro.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues.
Paul Bäumer meldet sich, gedrängt von den patriotischen Reden seines Lehrers, mit seinen Mitschülern freiwillig zum Kriegsdienst. An der Westfront des Ersten Weltkriegs weicht die Vorstellung von Ruhm und Abenteuer schnell dem Alltag aus Beschuss, Hunger, Verwundungen und Tod. Paul hält sich an seine Kameraden; gemeinsam versuchen sie, zwischen den Einsätzen etwas Menschlichkeit und Normalität zu bewahren. Auch wenn er die Front zeitweise verlässt, ist die Welt, aus der er kam, für ihn nicht mehr dieselbe.
Remarque erzählt nah an Pauls Wahrnehmung und in einer klaren, oft nüchternen Sprache. Besonders eindringlich ist, wie viel Raum kleine Bedürfnisse und die Freundschaft der Soldaten neben dem Grauen einnehmen. Der 1929 erschienene Roman wurde 1933 von den Nationalsozialisten verbrannt. Für die Bücherliste eignet sich die KiWi-Ausgabe ohne zusätzlichen Materialteil; sie enthält ein Nachwort von Thomas F. Schneider.
Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues. Hrsg. und mit einem Nachwort von Thomas F. Schneider. KiWi-Taschenbuch 2014. 12 Euro.

Joseph Roth: Hiob.
Mendel Singer lebt mit seiner Frau Deborah und den vier Kindern in bescheidenen Verhältnissen in einem russischen Dorf. Er unterrichtet die Kinder der jüdischen Gemeinde und vertraut auf Gott. Doch seine Familie gerät auseinander: Ein Sohn wird Soldat, ein anderer wandert nach Amerika aus, die Tochter beunruhigt die Eltern mit ihren Beziehungen zu Kosaken. Der jüngste Sohn Menuchim ist schwer krank. Als Mendel und Deborah ebenfalls nach New York aufbrechen, müssen sie ihn zurücklassen. Auch in der neuen Heimat hören Mendels Verluste nicht auf.
Roth erzählt diese Familiengeschichte in einer schlichten, eindringlichen Sprache. Wie der biblische Hiob fragt Mendel schließlich, wie viel Leid ein gläubiger Mensch ertragen kann. Besonders bewegend ist dabei, dass seine Not nicht abstrakt bleibt: Sie hängt an jedem Menschen, den er liebt, und an dem Kind, das er verlassen hat.
Joseph Roth: Hiob. Roman eines einfachen Mannes. Diogenes Verlag 2010. 11 Euro.

Upton Sinclair: The Jungle / Der Dschungel.
Um 1900 kommt der litauische Einwanderer Jurgis Rudkus mit seiner Verlobten nach Chicago. Er hofft, in Amerika genug zu verdienen, um mit ihr und der Familie ein sicheres Leben aufzubauen. Arbeit findet er in den Schlachthöfen. Dort bestimmen Akkord, niedrige Löhne und gefährliche Arbeitsbedingungen den Alltag. Krankheit oder der Verlust einer Stelle können die Existenz der ganzen Familie bedrohen. Jurgis versucht, sie durch immer neue Arbeit über Wasser zu halten, während die Hoffnung auf einen Neuanfang schwindet.
Sinclair verbindet Jurgis’ Familiengeschichte mit einer schonungslosen Schilderung der Fleischindustrie. Der Roman ist stellenweise drastisch und verfolgt seine politische Absicht sehr deutlich. Seine stärksten Passagen zeigen, wie Menschen selbst dann in Not geraten, wenn sie unablässig arbeiten. Die Unionsverlag-Ausgabe bietet den 1906 erschienenen Roman in der Übersetzung von Ingeborg Gronke.
Upton Sinclair: Der Dschungel, übers. von Ingeborg Gronke. Unionsverlag 2014. 19 Euro.

Kurt Tucholsky: Schloss Gripsholm.
Peter und seine Freundin, die er „Prinzessin“ nennt, verbringen fünf Sommerwochen in Schweden. Sie wohnen im Schloss Gripsholm, baden, gehen spazieren und genießen ihre Gespräche. Karlchen und Billie kommen zu Besuch und bringen neue Nähe und kleine Verwicklungen in die Urlaubstage. Dann begegnen Peter und die Prinzessin einem Mädchen, das aus einem Kinderheim geflohen ist. Mit dessen Geschichte dringt etwas Bedrückendes in ihren unbeschwerten Sommer ein.
Tucholsky schreibt verspielt, zärtlich und mit Freude an Dialogen. Der leichte Ton lässt die Ferien lebendig werden, ohne das Leid des Kindes zu überdecken. Gerade weil Peter und die Prinzessin zuvor so frei über ihre Zeit verfügen konnten, fällt der Gegensatz zu dessen Leben auf. Die Sommergeschichte erschien erstmals 1931; Reclam bietet sie in einer von Sabina Becker herausgegebenen Ausgabe an.
Kurt Tucholsky: Schloss Gripsholm. Eine Sommergeschichte, hrsg. von Sabina Becker. Reclam Verlag 2020. 10 Euro.
