Als Jugendlicher habe ich mit Verve Nietzsche gelesen. Das war die Phase, in der ich auch „Spieltrieb“ las. Und danach war ich ein anderer. Zuerst der „Antichrist“, dann „Zarathustra“ und schließlich „Spieltrieb“ von Juli Zeh – was für eine Kombi. Andere stellten ihre Möbel um. Ich verabschiedete die abendländische Ordnung.
Zunächst allerdings veränderte sich vor allem meine Frisur. Ich ließ die Haare wild wuchern, schulterlang, ein bisschen wie ein besserer und vermeintlich edler Eremit. Sie lagen nach dem Aufstehen, wie sie lagen: eigentlich gar nicht. Darin erkannte ich eine gewisse Ursprünglichkeit. Man kann sich die Weigerung, einen Kamm zu benutzen, durchaus als philosophische Entscheidung zurechtlegen.
Meine Kant-Phase hatte ich bereits hinter mir. Aufklärung, Vernunft, „sapere aude!“, alles schon einmal gehört und also, wie ich meinte, erledigt. Auch Lessings „Nathan der Weise“ hatte ich durchgenommen. Wie öde war Rationalität jetzt für mich! Wie spießbürgerlich schienen mir die vernünftigen Menschen, die morgens aufstanden und sich offenbar ohne größere weltanschauliche Erschütterungen auf den Weg machten.
Ich hingegen war unterwegs zu mir selbst. Dass dieser Weg auffällig oft ans Fenster eines Klassenzimmers führte, an dem ich gelangweilt hinausschaute, störte mich nicht. Innerlich geschah ja etwas. Innerlich ging es um alles.
Die anderen machten mit, lächelten, schwätzten, hoben die Hände. Kamele, dachte ich. Lauter Kamele. Ich hatte bei Nietzsche gelesen und sah nun überall Bestätigungen. Im Schulbus, auf dem Flur, im Unterricht: eine ganze Karawane. Mich selbst nahm ich selbstverständlich aus. Ich trug zwar ebenfalls einen Rucksack, aber auf eine grundsätzlich andere Weise.
Solche Lektüren besitzen eine ungeheure Anziehungskraft, wenn man jung ist. Sie stellen Wörter bereit, mit denen sich das eigene Unbehagen plötzlich gewaltig ausnimmt. Gestern war man noch schlecht gelaunt. Heute litt man an einer ganzen Kultur. Das hat etwas Entlastendes. Es hat auch etwas Komisches, nur bemerkt man das gewöhnlich erst später.
Ich fühlte mich unverstanden und machte daraus eine Weltanschauung. Die anderen würden einmal brave Bürger werden, sich in Raster fügen und nie wieder ausscheren. Ich sah ihre Zukunft bereits vorgezeichnet. Meine eigene war vollkommen unklar, aber das hielt ich für einen Beweis meiner Freiheit. Bei den anderen hieß Ungewissheit vermutlich Orientierungslosigkeit. Bei mir hieß sie Möglichkeit.
Das ist eine der angenehmen Eigenschaften eines selbst gebauten Gedankensystems: Man kann die Begriffe nach Bedarf vergeben.
Natürlich las ich Nietzsche nicht voraussetzungslos. Wer tut das schon? Ich las mit meinem Alter, meinem Trotz, meinen Erwartungen. Mit dem Wunsch, mich von etwas zu lösen, das ich noch gar nicht genau benennen konnte. Ich las auch in einer schwierigen Zeit. Wie viel davon in die Bücher wanderte und wie viel aus ihnen zu mir zurückkam, lässt sich heute kaum auseinanderhalten. Damals hielt ich alles für Erkenntnis.
Die Kirche hatte ich innerlich verabschiedet, Gott gleich mit. Ich war fest entschlossen, frei zu sein. Frei von Einbildungen, Unterwerfungen und fremden Maßstäben. Dass ich mir für diese Freiheit gerade mit großem Eifer die Sätze eines anderen aneignete, fiel mir nicht weiter auf. Ich war unabhängig. Ich hatte es gelesen.
Hier beginnt für mich heute das eigentlich Interessante an dieser Erinnerung. Wie wir lesen. Was wir aus einem Buch machen, sobald wir es zuklappen. Welche Sätze wir mitnehmen und welche wir überlesen, weil sie die schöne Entschiedenheit stören würden. Ein Buch kann den Blick weiten. Es kann aber auch vorzüglich dabei helfen, die eigene Enge großzügig auszustatten.
Für meine jugendliche Lektüre war Nietzsche zeitweise ein Lieferant solcher Ausstattung. Große Wörter, hohe Decken, ein weiter Blick über die vermeintliche Kleinheit der anderen. Dass sich unter diesem Blick auch Unsicherheit verbarg, wäre mir als Erklärung viel zu dürftig erschienen. Unsicherheit hatte schließlich jeder. Ich wollte etwas Besonderes haben.
Ich wollte vermutlich auch dazugehören. Nur bitte so, dass meine Unabhängigkeit dabei keinen Schaden nahm. Eine anspruchsvolle Bedingung für jeden, der neben mir im Schulbus saß und einfach nur den Morgen überstehen wollte.
Heute kann ich über diese Widersprüche lachen. Ich möchte den Jugendlichen, der ich war, trotzdem nicht vorführen. Seine großen Gesten hatten einen Grund. Wer sich klein fühlt, greift mitunter nach besonders großen Sätzen. Wer wenig über sich bestimmen kann, erklärt sich gern zum eigenen Gesetzgeber. Das macht die Urteile über andere nicht gerechter. Aber es macht verständlich, weshalb man sie damals so dringend brauchte.
Auch die Autorität hatte in dieser Zeit eine eigentümliche Wirkung auf mich. Gedruckt durfte sie gewaltig auftreten. Sobald sie mir in einem Zimmer gegenübersaß, wurde sie verdächtig. Vor allem, wenn hinter ihr Fachbücher standen.
Ich erinnere mich an große Schreibtische, Glas und Stahl, Lampen mit gebogenen Schirmen. Besucherstühle, auf denen man unweigerlich ein wenig gerader saß. Gab es dafür eine geheime Vereinbarung? Wurde irgendwo festgelegt, wie ein Regal aussehen musste, damit ein Jugendlicher beim Eintreten vorübergehend aufhörte, die Weltordnung zu verwerfen?
Ich hatte gerade gelernt, mit dem Hammer zu philosophieren. Gegen solche Möbel kam ich trotzdem nicht an.
Vielleicht war das ganz gut. Es gab Gespräche, in denen mein sorgfältig gepflegter Widerstand allmählich nachließ. Nicht, weil jemand die besseren großen Wörter hatte. Eher, weil jemand zuhörte und die nächsten Schritte überschaubar machte. Das war weniger spektakulär als ein geistiger Umsturz, half mir aber an einem gewöhnlichen Nachmittag erstaunlich viel weiter.
Draußen war Frühling. Bäume an einem Parkplatz, Krokusse am Rand, dahinter ein Betonklotz aus den Siebzigern. Die Erinnerung hat das aufbewahrt. Keine entscheidende Sentenz, keine endgültige Antwort. Ein paar Blumen an einer Stelle, an der sie architektonisch wenig Unterstützung erhielten.
Auf der Heimfahrt lief das Radio. Ich schaute aus dem Fenster. Das hatte ich vorher auch getan, mit demonstrativer Langeweile und dem Gefühl, über allem zu stehen. Diesmal gab es einfach etwas zu sehen.
Meine Nietzsche-Phase war damit nicht schlagartig vorbei. So ordentlich hält sich kein Leben an seine Kapitel. Auch habe ich die Bücher später nicht zu den Irrtümern meiner Jugend gestellt. Dafür wäre es zu bequem, die Verantwortung für die eigene Lektüre an den Autor zurückzugeben. Was ich damals aus Nietzsche machte, gehörte auch zu mir.
Geändert hat sich eher die Erwartung. Ein Buch muss mir heute nicht mehr bescheinigen, dass ich die Welt durchschaut habe. Ich lese lieber weiter, wenn es mich an einer Stelle unsicher macht, an der ich mir schon besonders sicher war. Das gelingt nicht immer. Auch erwachsen lässt man sich gern bestätigen. Nur die Frisuren werden meist unauffälliger.
Manchmal denke ich an den Jungen zurück, der im Schulbus saß und die anderen für Kamele hielt. Ich würde ihm gern sagen, dass er ruhig weiterlesen soll. Auch die Stellen, die ihm nicht sofort recht geben. Und dass die anderen vielleicht etwas erleben, wovon er noch nichts weiß.
Ob er mir zuhören würde? Vermutlich sähe er gelangweilt aus dem Fenster.
Ich könnte es verstehen. Immerhin weiß ich noch, wie überzeugend sich das damals anfühlte. Und wie erleichternd es später war, nicht mehr jeden Gedanken zu Ende donnern zu müssen.
Die Haare blieben übrigens noch eine Weile wild. Man musste ja nicht gleich alles aufgeben.
