Tuttling lag im Ries, zwischen Feldern und roten Dächern. Zuerst sah man den Kirchturm, dann die Wallfahrtskirche auf ihrer Anhöhe. Die Stadt war kaum größer als ein Dorf, besaß aber genügend Vergangenheit, um auf den Unterschied Wert zu legen.
In der Innenstadt stand nichts zufällig herum. Geranien vor den Fenstern, gekehrte Hauseingänge, Fahrräder an frisch gestrichenen Wänden. Wenn Tobias über den Marktplatz fuhr, kam es ihm vor, als sei hier alles längst fertig. Nur er noch nicht.
Am Brunnen saßen zwei Jungen aus seiner Parallelklasse. Einer hob den Kopf. Tobias sah auf die Pflastersteine.
Hinter ihm lachte jemand.
Er wusste nicht, worüber. Gerade das machte es schwierig.
Hier kannte jeder seine Eltern. Manche wussten sogar, wo seine Großmutter früher gearbeitet hatte. Tobias gehörte zu einem Haus, einer Familie, einer Schulklasse. Für alles gab es eine Auskunft.
Nur bei sich selbst geriet er ins Stocken.
In letzter Zeit dachte er oft an Milan. Beim Zähneputzen fiel ihm ein Satz von ihm ein, im Unterricht die Bewegung, mit der er seinen Stift zwischen den Fingern drehte. Tobias versuchte, an etwas anderes zu denken. Bis er bemerkte, dass er darauf wartete, wieder an Milan denken zu dürfen.
Er schob sein Rad zur Wallfahrtskirche hinauf. Oben saß eine Frau auf der Mauer und zog einen Stein aus ihrem Schuh.
„So“, sagte sie zu ihrem Fuß.
Tobias lächelte.
Von hier sah er die Rückseiten der Häuser. Getränkekisten auf einem Balkon, eine fleckige Markise, Wäsche im Wind. Hinter dem Rathaus stand ein blauer Plastikpool, obwohl es längst zu kalt zum Baden war.
Sein Handy vibrierte.
Milan: „Bist du noch unterwegs?“
„Bei der Kirche.“
„Warte. Bin gleich da.“
Tobias steckte das Handy ein. Er überlegte, wie er ihn begrüßen sollte. Ob er stehen bleiben oder sich setzen sollte. Schließlich setzte er sich.
Milan kam im Stehen die Anhöhe heraufgeradelt. Die letzten Meter musste er schieben.
„Du suchst dir auch immer die besten Stellen aus“, sagte er außer Atem.
Tobias lachte und rückte ein Stück zur Seite.
