Eigentlich hatte ich mit dem Schnellzug nach Eichwehr fahren wollen. Weil ich ihn im letzten Augenblick verpasste, saß ich nun im Regionalexpress und blickte auf eine Landschaft, die mir vertraut war, obwohl ich diese Strecke seit Jahren nicht mehr gefahren war. Zwischen den Büschen und Weiden musste die Altwehr fließen. Sehen konnte ich sie kaum; ihre Anwesenheit verriet sich durch den Bewuchs an ihren Ufern. Die Disteln, die noch grünen Sträucher, die allmählich in den Herbst hinüberglitten, erinnerten mich an die Gegend, aus der ich kam.
Ich hatte ein Buch dabei und etwas zu arbeiten, ließ aber beides zunächst liegen. Es war angenehm, durch diese Landschaft gefahren zu werden. Selbst die Verzögerung, über die ich mich am Bahnsteig noch geärgert hatte, schien mir inzwischen beinahe willkommen. Nur meine Füße konnte ich nicht richtig ausstrecken.
In Ingelwehr musste ich umsteigen. Hauptbahnhof, Nordbahnhof: Ich achtete auf die Ansagen, um nicht aus Gewohnheit zu früh auszusteigen. Den letzten Teil der Strecke übernahm eine kleine Regionalbahn. Diese kurzen Züge hatten für mich immer etwas Vorläufiges, als sei ihre Verbindung zur übrigen Welt noch nicht ganz gesichert. Sie brachten einen an Orte, die man offenbar nur erreichte, wenn man es wirklich vorhatte.
Ich hatte es vor. In Eichwehr erwartete mich ein Gespräch, von dem ich mir einiges versprach.
Als ich ausstieg, fiel mein Blick zunächst auf ein modernes Gebäude, glatt und hell, mit Metall an den Fenstern. Daneben stand der alte Bahnhof, minzgrün gestrichen, mit einem Schriftzug, den ich nicht mehr richtig entziffern konnte. Dieses Grün kannte ich von Süßigkeitenverpackungen. An einem Bahnhof wirkte es eigentümlich beschwichtigend.
Nahe dem Ende des Bahnsteigs rauchte ein Mann im Anzug. Er stand leicht nach vorn gebeugt, das Gewicht auf einem Bein, und führte die Zigarette mit einer ausladenden Bewegung zum Mund. Sein gegeltes Haar und der etwas altmodische Mehrteiler erinnerten mich an einen Universitätsdozenten, der sich eine gewisse Nähe zur literarischen Bohème bewahrt hatte. Vielleicht schrieb er Gedichte. Vielleicht hatte er auch nur auf jemanden gewartet und wollte dabei in Ruhe rauchen.
Ich sah trotzdem einen Freund in ihm, der selbst dort noch rauchte, wo das Rauchverbot längst zur Selbstverständlichkeit geworden war. Und für einen kurzen Moment fragte ich mich, ob mir an diesem Mann auch deshalb etwas vertraut vorkam, weil ich mir vorstellen konnte, irgendwann selbst so dazustehen.
Er bemerkte meinen Blick und sah wenig erfreut zurück. Ich ging weiter.
Hinter der Brücke begann die Stadt, wie man sie vermutlich auf den Bildern ihrer Tourismuswerbung zeigte: pastellfarbene Fassaden, weißer Stuck, Kirchen. In Tuttling, meiner Heimatstadt, gab es ähnliche Häuser, weniger zahlreich und meist etwas bescheidener. Hier schien sich der Barock über ganze Straßenzüge erstreckt zu haben. Ich betrachtete die Fassaden mit einem Wohlgefallen, gegen das sich bereits ein leichter Widerstand regte.
Es war schön hier. Das ließ sich schwer bestreiten. Aber die Schönheit hatte etwas Geschlossenes, und ich wusste aus meiner Kindheit, wie gut man sich in einer solchen Umgebung aufgehoben fühlen konnte, solange man mit ihr übereinstimmte.
Ein Radfahrer schnitt mir den Weg ab. Ich wich aus und sah ihm verärgert hinterher. Für derartige Überlegungen hatte ich ohnehin wenig Zeit; mein Termin begann in zehn Minuten.
Vor einer Apotheke und einem Café standen Studierende. Dünne Metallbrillen, offene Haare, ruhige Gespräche. Sie wirkten auf eine mir vertraute Weise alternativ und zugleich recht bürgerlich. Vielleicht lag das auch an der Umgebung, die selbst einer beiläufigen Unterhaltung etwas Behütetes verlieh.
Ich fragte mich, ob ich hier leben wollte.
Die Frage war naheliegend, aber ich bemerkte, wie schnell ich begann, gegen die Menschen zu argumentieren, die mir begegneten. Ihre Ruhe kam mir wie Ahnungslosigkeit vor, ihr offenbar unangestrengtes Zusammensein wie ein Hinweis darauf, dass die Zumutungen der Gegenwart noch nicht bis zu ihnen vorgedrungen waren. Dabei hörte ich kaum, worüber sie sprachen. Ich hatte ihnen eine Haltung zugeschrieben und war schon dabei, mich davon abzugrenzen.
Vielleicht beneidete ich sie auch.
Vor einer Kirche kam mir eine Frau mit grauem, etwas ungeordnetem Haar entgegen. Ihr Blick war leicht erhoben; sie schien mit etwas beschäftigt, das außerhalb der Straße lag. Ich musste an Mariendarstellungen denken, an diese eigentümliche Mischung aus Entrücktheit und Einverständnis.
Damit war Tuttling endgültig wieder da. Die Religiosität meiner Kindheit, die Selbstverständlichkeit, mit der sie das Zusammenleben bestimmte. Auch die Heuchelei, die ich damit verband. Ich hatte mich lange genug an ihr abgearbeitet, um sie inzwischen rasch zu erkennen – oder rasch zu vermuten. An dieser Frau jedenfalls gab es außer ihrem Blick nichts, das meine Gedanken gerechtfertigt hätte.
Ich ging weiter und fühlte mich dennoch bedrängt.
Wenig später begegnete mir ein Mann mit Kinderwagen, dessen Gesicht ich zu kennen glaubte. Aus dem Studium? Aus einem der Dörfer bei Tuttling? Er hatte jene Züge, die ich einer bestimmten Gegend zuordnete, ohne sagen zu können, worin sie eigentlich bestanden. Ich suchte nach einem Namen, fand keinen und beschäftigte mich noch mit ihm, als er längst verschwunden war.
So wurde Eichwehr innerhalb weniger Minuten zu einem Ort der Wiederkehr. Menschen, die ich nicht kannte, erinnerten mich an Menschen, die ich gekannt hatte; Straßen, die ich zum ersten Mal entlangging, führten in eine Vertrautheit, von der ich nicht wusste, ob ich sie suchte oder fürchtete.
Vielleicht hatte auch der bevorstehende Termin damit zu tun. Wo eine mögliche Zukunft zur Sprache kommen soll, prüft man die Umgebung genauer. Ich wollte wissen, worauf ich mich einlassen könnte, und griff dabei auf das zurück, was ich schon kannte. Nur ließ sich auf diese Weise schwer feststellen, was an diesem Ort tatsächlich neu für mich gewesen wäre.
In einer Bäckerei lag noch ein einzelnes Vollkornbrot im Regal. Nebenan hatte eine Schneiderei Stoffstücke ins Schaufenster gelegt. Ich blieb mit den Augen daran hängen und wurde ruhiger. Es tat gut, etwas betrachten zu können, ohne gleich eine ganze Lebensform darin erkennen zu müssen.
Dann erreichte ich das Gebäude, in dem mein Gespräch stattfinden sollte. Ich suchte den Eingang, rückte den Rucksack zurecht und sah noch einmal auf die Uhr.
Ich war rechtzeitig da. Über die Stadt wusste ich bislang wenig. Darüber, was ich aus meiner Vergangenheit mitgebracht hatte, schon mehr.
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