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Aus dem Lyrikkabinett: „Lauschgoldfisch / Brise Âme“ von Franziska Beyer-Lallauret

Franziska Beyer-Lallauret, geboren 1977 in Sachsen, arbeitet als Deutschlehrerin für Sprache und Literatur an einem Lycée in der Region Pays de la Loire. Neben ihrer Lehrtätigkeit hat sie bislang drei Lyrikbände im dr. ziethen-Verlag veröffentlicht.

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Der erste Band, Warteschleifen auf Holz (2015), erschien mit feinen Zeichnungen von Julia Weißbach. 2022 folgte Falterfragmente / Poussière de papillon, Beyer-Lallaurets erster zweisprachiger Band in Deutsch und Französisch, den beiden Sprachen, in denen sie sich tagtäglich bewegt. Der Band ist, wie es im Begleittext heißt, ein „Buch voller Liebeserklärungen“ und wurde von acht farbigen Bildern der Malerin und Autorin Johanna Hansen illustriert.

Der aktuelle Band Lauschgoldfisch / Brise Âme (2025) kreist, wie schon der Titel andeutet, um das Meer. Die türkise Farbe des Umschlags und der aquarellierte Fisch rufen Erinnerungen an Tage an der See wach. Doch auch die Sprache selbst ist hier in Bewegung geraten: Das Titelpaar eröffnet ein vieldeutiges Spiel – man lauscht auf ein Gefühl von Meer, eingefangen im „Lauschgoldfisch“, und trifft zugleich auf eine Art „Seelenbrecher“ (Brise Âme), der die Gedichte aufschließt und auf die emotionale Komponente des Bandes anspielt.

Beyer-Lallaurets Lyrik verortet sich zwischen dem Atlantik und der Loire mit Rückbezügen ins sächsische Muldental. Die bevorzugten Dichtorte changieren, wie sie selbst sagt, zwischen diesen Landschaften, wobei die Grenze zwischen Bretagne und Loire-Tal zur neuen Heimat wurde. Es sind die Flüsse und Täler, Mulden und Flussbetten, die die Dichterin anziehen, jene Übergangszonen am Wasser, an Ufern und Küsten, wo man sich an den Rand setzen, die Zeit verfließen und die lyrische Seele treiben lassen kann:

Heuballen sind Monde
Sie scheinen
Aus Wiesen heraus
Am Nachtrand
Gerinnt das Gras
Die Abende haben Narben
In den Himmeln
Fallen trocken ins leere
Bett der Loire
Die uns einander nicht
Näherbringt
In ihrer Haut stecken
Wenige Splitter
Aus blauen Stunden

(aus: Scherben)

Die Muse des lyrischen Ichs ist ein Du, dem sich die Sprecherin mal offen, mal zögerlich zuwendet, durch direkte Anrede oder Possessivpronomen der zweiten Person. So entsteht ein Zwischenraum: ein poetisches Feld, das stets von Natur durchzogen ist. Die beiden Figuren kommunizieren über Landschaften, über Naturbeobachtungen, vor allem über das Meer, über Fische, Kiemen, Federn und Krebse. Dies bildet ihr gemeinsames Bezugssystem.

In diesem Zusammenhang entfaltet auch der Titel seine Mehrschichtigkeit: Das Spielerische, das Sprachmittelnde und das philologisch Wortversessene des Begriffs „Lauschgoldfisch“ ist programmatisch für den gesamten Band. Es zeigt sich in Neologismen wie „Einzellerphrasen“, „Tanzsand“, „Vollmondnarkose“ oder „Tintenmeer“. Auch formal wird dieses Spiel fortgeführt: in zahlreichen Enjambements („In der Kopfzeile der Fuß / Note der Nachricht“, „Wir legen jetzt Regen / Ketten um / Tag und Nacht“) und weichen Satz- und Versübergängen. Sätze gleiten ineinander, Bedeutung schimmert zwischen den Zeilen. Auffällig ist dabei der vollständige Verzicht auf Satzzeichen, bei ansonsten eher traditioneller Typografie.

Das Spielerische, manchmal auch Ziellose, ist ein prägendes Moment der Gedichte. Oft wird eine Auflösung angedeutet, aber nicht geliefert. Zwischen Ich und Du öffnet sich eine Zwischenwelt, ein entre-deux, das auf eine platonische Beziehung verweist. Männliche Muse und Dichterin begegnen sich in der Distanz, und aus dieser Spannung entsteht die Poesie des Bandes. Gefühl und Natur verschmelzen dabei zu einer Einheit.

Ob es diese Beziehung tatsächlich gegeben hat oder ob sie Erfindung ist, bleibt offen. Doch die Emotionalität wirkt echt, wie exemplarisch im folgenden Gedicht:

Ich soll mich hüten vor Atemnot
Meine Kiemen
Vor Unheil schützen

Im Fadenschein unter Neonröhren
Nimmst du mich aus
Dem Schleppnetz

Erst war ich Beifang
Jetzt bin ich Gischt
Mit einem Brennglas im Rücken

(aus: Abstand)

Beyer-Lallauret versteht es, emotionale und zugleich sprachlich präzise Gedichte zu gestalten. Ihre größte Stärke liegt in den sprachlichen Beobachtungen, den Neologismen und den sanften Übergängen – all das in einem poetischen Raum, der zusammenhält und trägt. Die Aquarelle von Friederike von Criegern übersetzen die Meeres- und Wasser-nahen Texte in eine Bildwelt, die uns zu Beginn jedes Kapitels mit einem Aquarell erfreut. Ein Band, der in die Tiefe lauscht und den Leser mitnimmt.

Bewertung: 5/5

Infos zum Buch:

Franziska Beyer-Lallauret: Lauschgoldfisch/Brise Âme. dr. ziethen Verlag. 2025. 20 Euro.
(erhältlich u. a. über den Verlag)

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