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Film & Serie Rezension

„Ariane: Liebe am Nachmittag“ von Claude Anet

Der französische Schriftsteller Claude Anet veröffentlichte 1920 den Roman „Ariane, jeune fille russe“ über die Liebe zwischen einem jungen Mädchen und einem älteren Geschäftsmann in Russland. Die Geschichte wurde zweimal verfilmt – unter anderem mit Audrey Hepburn. Nun erscheint eine deutsche Neuübersetzung des Buches im Schweizer Dörlemann Verlag.

„Ariane: Liebe am Nachmittag“, wie das Buch in deutscher Übersetzung heißt, ist eine vielfältig rezipierte Geschichte, die nach ihrem Erscheinen für Furore sorgte. Ariane wurde nach dem Tod ihrer Mutter bei ihrer Tante Warwara, einer Ärztin, erzogen, die aus ihrer Ablehnung der Gefühle im Liebesleben keinen Hehl machte und diese Ansichten an Ariane weitergab. Über die Tante heißt es:

Es fehlte ihr an Verständnis dafür, dass man dem Sichhingeben diese große Bedeutung beimaß, wie es so viele romantische Menschen tun. Mit einem Wort, sie hatte hinsichtlich der Liebe einen männlichen Standpunkt. Sie nahm sich einen Geliebten, wenn sie das Bedürfnis dazu hatte, und sie verließ ihn, wenn sie einen anderen fand, der ihrer Laune mehr entsprach.

Warwara sieht in der Romantik die Wurzel allen Übels, wenn es um die Liebe zwischen Mann und Frau geht. Ein weiteres Prinzip von ihr besteht darin, Geld und Liebe nicht zu vermengen, um eine ehrbare Frau zu bleiben. Nach Beziehungen zu einigen Liebhabern findet Warwara die Liebe bei Wladimir Iwanowitsch.

Doch eigentlich geht es in dem Roman um die 16-jährige Ariane: Sie schneidet bei ihren Abschlussprüfungen am Gymnasium hervorragend ab, wofür sie von ihrem Umfeld bewundert wird. Ihr Vater möchte dennoch, dass sie bald heiratet, am besten einen Mann, der ihr ein gutes Leben bieten kann. Doch um Ariane schart sich eine ganze Gruppe von Bewunderern, die ihr jeden Wunsch von den Lippen ablesen. Da wäre zum Beispiel Nikolaj Iwanowa, der begehrte und angeblich wohlhabende Junggeselle des Ortes, der ihr als ihr selbsternannter Verlobter Aufmerksamkeiten zukommen lässt und sie zu Kutschfahrten mitnimmt, und selbst der ältere Liebhaber ihrer Tante kann sich ihrer Reize nicht ganz erwehren.

In ihrer Heimatstadt lässt sich Ariane mit dem belesenen Ingenieur Michail Iwanowitsch näher ein, mit dem sie ausführliche Gespräche führt, nicht ohne die Aufsicht ihrer Freundin, da der Ingenieur im Gerede der Leute mit dem Tod eines jungen Mädchens in Verbindung gebracht wird. Um trotz der Heiratspläne ihres Vaters zum Studieren in eine größere Stadt ziehen zu können, geht sie mit dem Ingenieur den Handel ein, dass er sie finanziell unterstützt, während sie ihn besuchen wird, um ihm wie eine „Königin von Saba“ zweimal die Woche eine Stunde vorzulesen oder Geschichten zu erzählen.

Als Ariane zum Studium aufbricht, informiert sie ihren „Verlobten“ Nikolaj Iwanow davon, der sogar zwei bis drei Jahre auf die Heirat warten würde. Doch nach einem halben Jahr in Moskau ändert sich der Lauf der Dinge, als die junge Frau eigentlich von ihrem Aufenthalt und Studium gerade enttäuscht ist. Sie lernt bei einer Vorstellung im Bolschoi-Theater einen Mann kennen – Konstantin Michail – , der sie zum Abendessen und zu einer weiteren Theatervorstellung einlädt. Zwischen der 16-jährigen und dem älteren Herrn entwickelt sich eine Liebesaffäre, die zwischen Abstoßung, Anziehung und – für die damalige Zeit – offener Erotik schwankt. Die Studentin und der Geschäftsmann treffen sich meist am Abend, gehen aber tagsüber ihre eigenen Wege, wobei sie nach einiger Zeit sogar einen gemeinsamen Ferienaufenthalt auf der Krim verbringen.

Woher stammt der leichte Zauber dieser frivolen Liebesgeschichte? Zunächst einmal fragt man sich von Beginn an gespannt, wie wohl die Affäre zwischen dem willensstarken Herrn Michail und der selbstbewussten Studentin enden wird: Bleibt es bei Abendessen, Ausflügen und gemeinsamen Ferien oder kommt es zum Happy-End? Also der klassische Cliff-Hanger eines jeden Liebesromans. Doch „Ariane, jeune fille russe“ schafft es, das Genre zu erneuern, indem das Werk über den klassischen Plot „Mädchen lernt attraktiven Mann kennen und verliebt sich“ hinausgeht und das Liebesspiel, Auftreten und Begehren einer für die damalige Zeit emanzipierten Frau in Szene setzt.

Die Schreibweise, der Stil und die feine Beobachtungsgabe Claude Anets, die uns zudem ins Russland der Jahrhundertwende mitnehmen, erschaffen einen Liebesroman mit einem gewissen Anspruch, dessen Inhalt dennoch Spannung und Unterhaltung verschafft. Claude Anet (bürgerlich: Jean Schopfer) schreibt diesen Text über „ein russisches Mädchen“ gewissermaßen aus erster Hand, denn er reiste selbst durch Russland, war Reisereporter und erlebte 1917 die Russische Revolution als Korrespondent in Sankt Petersburg mit. Bekannt wurde Anet durch seine Reiseliteratur, in der er etwa seine Touren durch Italien, Iran und eben Russland thematisierte. Anet sprach Russisch, Englisch, Deutsch und etwas Persisch.

Wie der Dörlemann Verlag uns wissen lässt, wird der Roman in Nabokovs „Die Späher“ von zwei weiblichen Figuren gelesen. 1957 wurde die Romanvorlage unter der Regie des Österreichers Billy Wilder mit Audrey Hepburn und Gary Cooper in einer für das Kinopublikum abgeschwächten Version verfilmt, die in Paris spielte und zu einer Liebes- und Detektivgeschichte umgestaltet wurde. Zuvor hatte bereits im Jahr 1931 der britische Regisseur Paul Czinner in einer deutsch-französischen Koproduktion den Roman „Ariane, jeune fille russe“ als filmisches Liebesdrama mit Elisabeth Bergner und Rudolf Forster in den Hauptrollen verarbeitet, wobei diese Verfilmung weniger stark von der literarischen Vorlage aus dem Jahr 1920 abwich.

Wer die Filme ansehen möchte, besonders aber die bekanntere Liebeskomödie aus dem Jahr 1957 „Love in the Afternoon“, sollte es nicht versäumen, zuvor den ursprünglichen Roman zu lesen. Denn macht es nicht Freude, literarische Vorlage und filmische Adaption miteinander zu vergleichen, um dabei Parallelen und Abweichungen aufzudecken?

Gerade bei dem US-amerikanischen Streifen „Love in the Afternoon“, der den Schauplatz nach Paris verlegt, die Namen der Personen ändert sowie der gesamten Geschichte eine andere Wendung gibt, wenn man von der grundlegenden Liebesgeschichte zwischen einem Herren und einer jüngeren Protagonistin namens Ariane absieht, ist der Vergleich zwischen Original und Verfilmung fruchtbar. Dass das Frivole, Erotische und Unkonventionelle der Romanvorlage in der Verfilmung von 1957 zugunsten braver romantisch-komödiantischer Unterhaltung verloren geht, wird bei Freunden treuer Literaturverfilmungen zu Frustration führen. Also doch lieber nur zum Buch greifen? Diese Entscheidung bleibt den Leserinnen und Lesern dieser Rezension überlassen.

Bewertung: 4/5

Trailer zu „Love in the Afternoon“ (1957)

Bibliographische Angaben:
Autor: Claude Anet
Titel: Ariane: Liebe am Nachmittag
Übersetzung aus dem Französischen: Kristian Wachinger
Verlag: Dörlemann Verlag
Erscheinungsdatum: 27.01.2021
Seitenzahl: 272 Seiten
ISBN: 9783038200789
Kaufpreis: 23 €

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Mona Lisas BlogKurier.at – zum Film: Dieter Wunderlich

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