„Vivre vite“ von Brigitte Giraud

Für den Roman „Vivre vite“ wurde Brigitte Giraud mit dem Prix Goncourt 2022 ausgezeichnet. Sie begibt sich darin auf eine Zeitreise 20 Jahre zurück, um jenem tragischen Tag auf den Grund zu gehen, an dem ihr Mann durch einen Motorradunfall verstarb. Jener 22. Juni 1999 wird von allen Seiten und unter Berücksichtigung jeder denkbaren Hypothese ausgeleuchtet. Ein reizvolles und ungewöhnliches Gedankenexperiment beginnt.

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„Vom Glück des poetischen Lebens“ von Wolfgang Matz

Erst dieses Jahr bin ich auf das unbedingt lesenswerte Alterswerk des französischen Dichters Philippe Jaccottet (Clarté Notre Dame, 2021, Wallstein Verlag, aus dem Französischen von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz) gestoßen, der 2021 verstorben ist. Nun folgte Vom Glück des poetischen Lebens des zwischen den Kulturen Frankreichs und Deutschlands vermittelnden Literaturwissenschaftlers und Übersetzers Wolfgang Matz, ein literarisch anspruchsvoller Band über die letzten Begegnungen des Autors mit den inzwischen verstorbenen französischen Dichtern André du Bouchet, Yves Bonnefoy und Philippe Jaccottet, die alle miteinander befreundet waren und die Poesie als eine Lebensart ansahen.

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„Über die See“ von Mariette Navarro

Mariette Navarro schreibt mit „Über die See“ ein Buch über die Seefahrt, das einen nach einiger Zeit ganz in seinen Bann zieht. Eine Meditation auf die See, geschrieben aus der Perspektive der Seefahrer und vor allem einer Kapitänin, die eigentlich keine Abweichungen von den Regeln duldet, aber ein einziges Mal nur auf der Reise von den Azoren auf die Antillen den Ausbruch aus allen vorgegebenen Normen wagt – mit weitreichenden Konsequenzen.

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„Ich verliebe mich so leicht“ von Hervé Le Tellier

Hervé Le Tellier, der Autor des Bestsellers Die Anomalie, veröffentlicht nun, ein Jahr später, eine Liebesgeschichte zwischen einem 50jährigen Mann aus Paris und einer 20 Jahre jüngeren hübschen Frau aus Schottland, die bereits einen anderen Mann hat. Eine Geschichte, die eigentlich interessant sein könnte, doch leider misslingt das Vorhaben auf den lediglich 110 Seiten, und schafft es nicht, zu überzeugen.

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Meine Lieblingsbücher der rentrée littéraire 2021

Es ist inzwischen ein Jahr her, und doch denke ich, dass es für einige interessant sein könnte, einen kleinen Überblick über die rentrée littéraire 2021 in Frankreich zu bekommen. In nächster Zeit werde ich ausprobieren, ob es auch für manche interessant ist, Rezensionen französischsprachiger Bücher zu erhalten – und dies ist der bescheidene Auftakt-Beitrag dafür.

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Literarische Neuerscheinungen für Proust-Liebhaber/innen

2021 feierten wir das 150. Geburtstagsjubiläum des Ausnahmeschriftstellers Marcel Proust, am 18. November 2022 erinnern wir uns an seinen 100. Todestag. Dieses zweifache Jubiläum nehmen wir zum Anlass, um auf die Neuerscheinungen rund um Marcel Proust und sein Werk hinzuweisen, in deren Genuss Proust-Liebhaber*innen und solche, die es werden wollen, kommen können. Wir wollen dabei auch einige französischsprachige Hinweise unterbringen, da Proust vor allem eins ist: ein unumgängliches Monument in der französischsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts.

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„Das andere Mädchen“ von Annie Ernaux

Im Jahr 2011 erschien im Verlag Nil in Frankreich der kurze Brief der Schriftstellerin Annie Ernaux an ihre verstorbene Schwester. Er reiht sich ein in die Reihe von Briefen an Personen, an die man schon immer einen Brief schreiben wollte, die man bislang aber nicht verfasst hatte. In diesem Herbst, kurz nachdem Annie Ernaux den Literaturnobelpreis für ihr autobiographisches Werk als „Ethnologin ihrer selbst“ erhalten hat, ist der Roman nun bei Suhrkamp erschienen. Eine Bilanz.

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„Starman“ von Reinhard Kleist

David Bowie ist als Pop- und Rockstar eine Legende, mit seinem androgynen Look und seinen psychedelisch anmutenden Liedern hat er sich einen festen Platz im Pophimmel und in den Herzen seiner Fans erspielt. Der Auftritt mit schrillen Haaren und den bunt schillernden Kostümen des aus dem All auf der Erde gelandeten Ziggy Stardust machte Bowie bekannt – und verlieh ihm eine Bekanntheit, die bis heute anhält. Reinhard Kleist zeichnet in seiner Graphic Novel „Starman“ die frühen Jahre David Bowies in London nach. In bunten, an Popart erinnernden Comicstrips zeichnet Kleist die ersten Jahre, den Aufstieg David Bowies nach.

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„Eine Liebe in Pjöngjang“ von Andreas Stichmann

Nordkorea ist die letzte Diktatur, die sich vor Einflüssen von außen abschirmt, auch wenn westliche Touristen geduldet werden. Reist man als Tourist in dieses Land, bekommt man nur das zu sehen, was man auch sehen darf und wird von einem Touristenführer oder einer Touristenführerin begleitet. Der mehrfach preisgekrönte Autor Andreas Stichmann reiste 2017 in das Land und machte aus dieser Reise nicht etwa ein Sachbuch oder eine Reisereportage, sondern einen lesenswerten Roman über zwei ungleiche Frauen, die für einen Augenblick in Berührung treten. Bereits mit „Das große Leuchten“ legte Stichmann einen Roman über eine Reise vor, damals über den Iran.

Im Mittelpunkt des Romans steht zunächst die deutsche Kulturattachée Claudia Aebischer, die an der Spitze einer Delegation junger Journalisten und Journalistinnen nach Nordkorea reist, nämlich ein allerletztes Mal, wie nur sie selbst bereits zu Beginn der Reise weiß. Die 50-Jährige erzählt niemandem davon, dass sie ihr Amt nach der Erfüllung dieser letzten Pflicht, nämlich der Rundreise mit den Journalist*innen und der Eröffnung einer Deutschen Bibliothek in Pjöngjang, aufgeben möchte, da sie erschöpft ist.

Sie möchte in ihrem Alter noch einmal neu starten, vielleicht ein Buch schreiben, jenes Buch, das sie im Grunde bereits seit Jahren schreiben wollte und immer wieder aufgeschoben hat. In dieser Phase der Krise lernt Claudia Aebischer die Touristenführerin Sunmi kennen: Diese Begegnung wird zu einer Art Schlüsselereignis, denn danach ist nichts mehr so wie vorher, kein Stein mehr auf dem anderen.

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„Das Gutachten“ von Jennifer Daniel

Die Grafikerin und Illustratorin Jennifer Daniel hat mit „Das Gutachten“ eine Graphic Novel vorgelegt, in der die Gesellschaft der 70er Jahre anhand einer Kriminalgeschichte porträtiert wird. Im Zentrum steht Herr Martin, der in der Nacht des 1. Juli 1977, als in Bonn zum Kanzlerfest geladen wurde, in einen Autounfall verwickelt wird, bei dem eine junge Frau und ihr Sohn starb.

Die Graphic Novel basiert, wie die Leser*innen am Ende erfahren, lose auf einer wahren Geschichte: Zwar will Jennifer Daniel in „Das Gutachten“ keine Familiengeschichte erzählen, doch die Fotosammlung ihres Großvaters diente als Vorlage für die Zeichnungen ihres Comics, und die Hauptfigur Herr Martin ähnelt in manchen Punkten dem Opa der Autorin, auch wenn die (Kriminal-)Geschichte des Buches um den Unfall frei erfunden ist.

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