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Lyrikkabinett

Aus dem Lyrikkabinett: „permafrost“ von Arne Rautenberg

Arne Rautenberg (Copyright: Birgit Rautenberg)

Arne Rautenberg, 1967 in Kiel geboren, lebt seit 2000 als freier Schriftsteller und Künstler in seiner Geburtsstadt. Er schreibt Gedichte, Essays, Kurzgeschichten, Romane und arbeitet für das Feuilleton. Sein literarisches Hauptbetätigungsfeld ist die Lyrik. Viele seiner Gedichte wurden in Schulbücher aufgenommen.

„permafrost“ ist ein Lyrikband, der sich irgendwo zwischen Alltäglichem, Naturbeobachtung, Abgesang auf das Religiöse und Technikkritik verortet. Der Titel „permafrost“ lässt unvermittelt an den Klimawandel denken, tauen die Permafrostböden durch die Erderwärmung doch immer häufiger auf.

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Comic & Graphic Novel Schöne Literatur

„Ausnahmezustand“ von James Sturm

James Sturm, 1965 in New York geboren, hat mit „Ausnahmezustand“ (im Original: „Off Season“) eine Graphic Novel über die persönliche Seite des Wahljahres 2016 in den USA vorgelegt. Der Comic folgt dem Schicksal des Protagonisten Mark, der gerade eine heftige private Krise durchlebt – analog zu der Krise des Landes, welches dabei ist, Donald Trump zu seinem Präsidenten zu machen.

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Interview

Im Gespräch mit unabhängigen Buchhändler*innen zur WUB: „Wir sind Kulturtankstellen“

Vom 31.Oktober bis 7. November 2020 findet die Woche der unabhängigen Buchhandlungen (WUB) statt – eine Woche nur für die die Buchhändlerinnen und -händler, die sich das ganze Jahr über vor Ort für das Buch stark machen. Inhabergeführte Buchhandlungen haben in Deutschland eine lange Tradition. Mit ihrer Arbeit leisten die Indie-Buchhandlungen einen wichtigen Beitrag zum kulturellen und gesellschaftlichen Leben ihrer Stadt und der Region.

Banner „Ich lese unabhängig“

Seit 2014 zeigen sich die unabhängigen Buchhandlungen eine Woche lang im November von ihrer schönsten Seite, führen Aktionen durch und krönen das Lieblingsbuch der Unabhängigen. Über 700 unabhängige Buchhandlungen („Indies“) in ganz Deutschland nehmen an der Initiative teil. Wir haben aus diesem Anlass einige Inhaberinnen und Inhabern interviewt.

Buchhandlung Bücherwurm, Zerzabelshof (Zabo), Nürnberg

Copyright: Manuela Mankus

Der-Leser.net: Weshalb brauchen wir die unabhängigen Buchhandlungen heute?

Inhaberin Manuela Mankus: Die unabhängigen Buchhandlungen zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie ein Sortiment haben, welches sie selbst bestimmen und sehr vieles davon selbst gelesen haben! Sie können ihre Leserschaft sehr gut beraten, weil man miteinander ins Gespräch kommt und dabei viele Dinge abklären kann, was der-/diejenige sich für ein Buch kaufen möchte. Man kann viel aktiver sein mit Veranstaltungen vor Ort, Kooperationen mit anderen Kulturaktivisten, Kitas, Schulen etc. Man kann Veranstaltungen ausprobieren, die so vielleicht nicht in den klassischen Buchhandel hineinpassen würden (Hormon- Gesundheitsvorträge, Nacht der Philosophie etc.).

Was können die unabhängigen Buchhandlungen besser als die großen Ketten und der Onlinehandel?

Sie sind auf alle Fälle viel flexibler, weil sie direkt entscheiden können. Wir haben z.B. beim Lockdown nebenan beim Dönerladen eine Abholstation gemacht, damit die Kunden an ihre bestellte Waren kommen. Das ging von heute auf morgen ganz spontan und die Menschen vor Ort waren dankbar dafür!

Wodurch zeichnet sich Ihre Buchhandlung besonders aus? Was liegt Ihnen am Herzen?

Uns zeichnet vor allem das Persönliche aus, der Humor, das Gespräch, was wir immer wieder mit den Kunden suchen. Wir kennen durch 23 Jahre Kundenbindung ganz viele Kunden, weswegen wir gute Buchtipps als Geschenke geben können, wenn z.B. Frau Meier ein Buch für Frau Müller sucht, da wir Frau Müller eben gut kennen. Und das Persönliche liegt uns auch am Herzen.
Genauso liegt uns die Leseförderung in Kitas und Schulen am Herzen. Wir laden immer wieder Schulklassen ein in den Laden, gehen in Kitas mit Buchvorstellungen und haben selbst Kreatives Schreiben für Kinder ab der 3. Klasse sowie Kinderlesungen im Angebot bei uns im Bücherwurm. Auch die Kultur vor Ort in den Stadtteil zu bringen ist uns sehr wichtig, damit die Menschen vor Ort einfach nur ein paar Straßen gehen müssen, um einen schönen Abend zu haben.

Welches Buch oder welche Bücher empfehlen Sie Ihren Kunden aktuell?

„Wo geht’s denn hier zum Glück“ von Maike van den Boom, Fischer Verlag. Das ist genau das Buch für diese triste Jahreszeit, und es setzt einen Gegenpol zu Corona, weil es einem schon beim Lesen gut tut. Die Rückmeldungen und Verkäufe sprechen dafür, denn es wird dann auch verschenkt, sobald man es gelesen hat.

Wie sind Sie bisher durch die Coronakrise gekommen?

Ich bin bisher bestens durch die Krise gekommen, da ich zu den Gewinnern gehöre. Denn seit Corona lesen die Menschen viel mehr (weil alle kulturellen Veranstaltungen weg fallen) und die Kinder und Jugendlichen brauchen auch eine Beschäftigung, um nicht nur vor den technischen Geräten zu hängen.

Buchhandlung Bücherwurm, Waldluststraße 78, 90480 Nürnberg
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag: 9:00 bis 13:30 Uhr und 15:00 bis 18:30 Uhr; Samstag: 9:00 bis 13:00 Uhr
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Buchhandlung Pelzner, Nürnberg-Eibach

Copyright: Buchhandlung Pelzner

Der-Leser.net: Welche Aktionen machen Sie zur Woche der unabhängigen Buchhandlungen?

Doris Höreth, Inhaberin mit Thomas Höreth: Wir haben in den letzten Jahren viele Aktionen gemacht. Unter anderem haben wir die fünf ausgewählten Titel, die Liehlingsbücher der unabhängigen Buchhandlungen, einzeln vorgestellt wie das literarische Quartett. Die Kunden konnten kommen und sich das anhören. Es gab die WUB-Tüten und Anstecker. Den Kunden wurden Tee, Scones und Shortbread angeboten. Aber das geht heuer alles wegen Corona nicht. Trotzdem haben wir ein Schaufenster zu den Indie-Büchern eingerichtet. Vor der Buchhandlung wird es in diesem Jahr eine Marktbude geben, wo die bestellten Bücher eingepackt werden. Aber Teatime kann es dieses Jahr nicht geben. Autoren konnten dieses Jahr leider auch nicht kommen.

Weshalb brauchen wir die unabhängigen Buchhandlungen heute?

Wir empfinden uns als Kulturtankstellen in unserer Gegend. Jetzt, wo die Theater und Kinos geschlossen sind, kommen die Leute zu uns. Literatur geht einfach immer. Buchhandlungen und Bibliotheken sind momentan kulturelle Tankstellen. Unsere Kunden, die wir gut kennen, bekommen bei uns Lesungen, einen Lesekreis und Veranstaltungen zur Leseförderung.

Was können die unabhängigen Buchhandlungen besser als die großen Ketten und der Onlinehandel?

Wir können besser beraten und kennen die Kunden besser. Außerdem können wir unsere persönlichen Leidenschaften besser austoben. Jeder unserer Buchhändler kennt sich in einem Bereich besonders gut aus. Wir können besonders gut einzelne Nischen besetzen und individuell beraten.

Wodurch zeichnet sich Ihre Buchhandlung besonders aus? Was liegt Ihnen am Herzen?

Uns liegen die individuelle Beratung sowie die Leseförderung besonders am Herzen. Meine persönliche Leidenschaft ist das Kinderbuch. Außerdem versuchen wir eine Anlaufstelle für die Kultur in unserem Stadtteil zu sein.

Welches Buch oder welche Bücher empfehlen Sie Ihren Kunden aktuell?

Mein Lieblingsbuch momentan steht auf der Shortlist der unabhängigen Buchhandlungen: „Die Unschärfe der Welt“ von Iris Wolff. Ansonsten mag ich sehr gerne „Die heilige Henni der Hinterhöfe“, außerdem zurzeit „Hamster im hinteren Stromgebiet“ von Joachim Meyerhoff. Meine absolute Leidenschaft gehört „Dachs und Stinktier“, einem Kinderbuch aus dem cbj Verlag mit großartigen Illustrationen von Jon Klassen.

Wie sind Sie bisher durch die Coronakrise gekommen?

Wir sind sehr gut durch die Coronazeit gekommen. Uns geht es wahrscheinlich wie vielen unabhängigen Buchhändlern. Wir konnten unsere Kunden gut bedienen, indem wir alles ausgeliefert haben. Wir haben Bestellungen über Whatsapp und übers Internet angekommen. Wir hatten einen Fahrradkurier und haben in den letzten Monaten Umsatzplus gemacht. Unsere Kunden waren unglaublich solidarisch. Wir profitieren davon, dass das Buch eines der wenigen kulturellen Angebote momentan ist. Wir haben aber auch einen Teil gespendet und an den Stadtteil zurückgegeben.

Buchhandlung Pelzner, Eibacher Hauptstraße 50, 90451 Nürnberg
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag: 9:00 bis 18:00 Uhr; Samstag: 9:00 bis 13:00 Uhr
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Autorenbuchhandlung, München

Copyright: Autorenbuchhandlung

Der-Leser.net: Welche Aktionen machen Sie zur Woche der unabhängigen Buchhandlungen?

Inhaberin Karin Staisch: Wir machen gerne Lesungen oder ein Schaufenster mit Büchern von besonderen Verlagen und kleinen Indie-Verlagen. Diesmal können wir aber wegen der Corona-Krise leider keine Lesungen veranstalten.

Weshalb brauchen wir die unabhängigen Buchhandlungen heute?

Die unabhängigen Buchhandlungen haben den Vorteil, dass sie eine individuelle Buchauswahl treffen können, nach den Vorlieben der Inhaber und auf die Kunden zugeschnitten. In unabhängigen Buchhandlungen werden häufiger Bücher jenseits des Mainstreams angeboten und verkauft. Die Kunden machen dort Entdeckungen, die sie woanders nicht finden können.

Was können die unabhängigen Buchhandlungen besser als die großen Ketten und der Onlinehandel?

Unabhängige Buchhandlungen sind flexibler, freier, können auf tagesaktuelle Geschehnisse reagieren, müssen keine Vorgaben einer Kette erfüllen und weniger Kompromisse machen.

Wodurch zeichnet sich Ihre Buchhandlung besonders aus? Was liegt Ihnen am Herzen?

Die Autorenbuchhandlung in München hat eine lange Geschichte und sehr viele Stammkunden. Wir kennen die meisten von Ihnen mit Namen, alle werden sehr individuell bedient und beraten. Wir machen Lesungen und haben einen Jugendlese-Club.
Unser Sortiment ist auf gute Belletristik spezialisiert, anspruchsvolle Kinder- und Jugendbücher, Lyrik und Politik, Philosophie und wichtige Sachbücher zu Natur, Umwelt, Zeitgeschehen.
Wir haben keine Ratgeber, keine Unterhaltung, nur sehr wenige Krimis.
Es liegt mir sehr am Herzen, alle meine Kunden fundiert und ausführlich zu beraten und diese kleine Buchhandlung als Begegnungsstätte und analogen Ort am Leben zu erhalten, angefüllt mit Büchern, die es verdient haben, gelesen zu werden.

Welches Buch oder welche Bücher empfehlen Sie Ihren Kunden aktuell?

Aktuell empfehlen wir zum Beispiel: Iris Wolff: „Die Unschärfe der Welt“, Pierre Jaravan: „Ein Lied für die Vermissten“, James Baldwin: „Giovannis  Zimmer“, Lea Singer: „La Fenice“, Lori Gottlieb: „Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden“.

Wie sind Sie bisher durch die Coronakrise gekommen?

Durch die Corona Krise sind wir bisher gut gekommen, dank unserer treuen Stammkunden. Wir haben im Lockdown sehr viele Bestellungen bekommen, die mit dem Fahrrad ausgeliefert wurden. Aber auch seit Ende April ist der Umsatz besser als gewöhnlich.

Autorenbuchhandlung, Wilhelmstraße 41, 80801 München
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag: 9:00 bis 19:00 Uhr; Samstag: 10:00 bis 14:00 Uhr
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Gostenhofer Buchhandlung, Nürnberg Gostenhof

Copyright: Gostenhofer Buchhandlung

Der-Leser.net: Welche Aktionen machen Sie zur Woche der unabhängigen Buchhandlungen?

Inhaberin Rosemarie Reif-Ruppert: Lesungen und Buchvorstellungen sind heuer wegen Corona ja nicht gut möglich, deshalb verzichten wir darauf und konzentrieren uns auf individuelle Gespräche mit unseren Kunden. Dazu gibt es ein kleines Give-Away.

Weshalb brauchen wir die unabhängigen Buchhandlungen heute?

Damit die Vielfalt des Buches erhalten bleibt und Leser sich ortsnah und gut beraten mit Büchern versorgen können. Damit eine wichtige Stütze unserer Lese- und Schreibkultur und die unterschiedlichsten kulturellen Angebote auch weiterhin verfügbar bleiben.

Was können die unabhängigen Buchhandlungen besser als die großen Ketten und der Onlinehandel?

Die unabhängigen Buchhandlungen haben den Vorteil, dass sie sich schnell anpassen können. Zum Beispiel können sie ihre Buchhandlung von einem Tag auf den anderen in eine Versandbuchhandlung umwandeln. Außerdem sind sie nah beim Leser, sodass eine punktgenaue Beratung möglich ist. Sie sehen den Kunden als Ganzes, nicht nur als Käufer. Die unabhängigen Buchhandlungen können außerdem eigene Bestseller kreieren, abseits der bekannten Bestseller-Listen. Sie können kreative Ideen für Marketing, Veranstaltungen und Kundenbindung umsetzen.

Wodurch zeichnet sich Ihre Buchhandlung besonders aus? Was liegt Ihnen am Herzen?

Unsere Kunden sollen Entdeckungen machen können, deshalb gibt es hier nicht (nur) Mainstream, sondern vor allem ausgesuchte Literatur auch kleiner Verlage und Backlist, d.h. „alte“, aber bewährte Titel. Wir führen unsere Kunden gerne durch den inzwischen unübersichtlichen Dschungel an Neuerscheinungen und finden für jeden das richtige Buch.

Welches Buch oder welche Bücher empfehlen Sie Ihren Kunden aktuell?

Balzano, „Ich bleibe hier“
Harper, „Fatum“
Caminito, „Ein Tag wird kommen“
Tuil, „Menschliche Dinge“
Andina, „Tage mit Felice“
Kvinikadse, „Die Nachtigallen von Isfahan“
Wilkinson, „American Spy“
Camus, „Hochzeit des Lichts“
Jarawan, „Ein Lied für die Vermissten“
Disher, „Hope Hill Drive“ und vieles, vieles mehr.

Wie  sind Sie bisher durch die Coronakrise gekommen?

Dank unserer sehr treuen Kunden sind wir einigermaßen gut durch die Zeit gekommen, obwohl durch Corona jede Menge Büchertische und Veranstaltungen weggebrochen sind.

Gostenhofer Buchhandlung, Eberhardshofstraße 17, 90429 Nürnberg
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag: 9:00 bis 18:00 Uhr; Samstag: 9:00 bis 13:00 Uhr
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Neue Collibri Buchhandlung, Bamberg

Copyright: Neue Collibri Buchhandlung

Welche Aktionen machen Sie zur Woche der unabhängigen Buchhandlungen?

Inhaber Thomas Zölch-Buba: Dieses Jahr haben wir leider keine Aktion geplant. eigentlich wollten wir unsere Aktion von 2019 wiederholen: Zur Woche der unabhängigen Buchhandlungen sind namhafte Kinder- und Jugendbuch-AutorenInnen aus Bamberg und Umgebung zu Gast im Collibri. Sie übernehmen an diesem Tag in unserer Buchhandlungen die Geschicke: Sie signieren ihre Bücher, geben Buchtipps, empfehlen Bücher der Kollegen*innen, verpacken diese als Geschenk und machen die Buchhandlung an diesem Samstag zu ihrem Lieblingsort.
Sie erzählen, welche Bücher sie besonders inspiriert haben und wie wichtig der Algorithmus der unabhängigen Buchhandlungen ist.

Weshalb brauchen wir die unabhängigen Buchhandlungen heute?
Weil die Buchhandelslandschaft sonst eintönig und langweilig wäre. Je mehr Buchhandlungen unabhängig sind, umso individueller ist die Buchhandelslandschaft. Damit hat jeder Kunde die Möglichkeit eine Buchhandlung, die zu seinen Bedürfnissen passt, zu finden.

Was können die unabhängigen Buchhandlungen besser als die großen Ketten und der Onlinehandel?
Sie können besser Kundenbindungen aufbauen und pflegen und auf Kundenbedürfnisse individuell eingehen. Das ist unser Vorteil. Das hat sích besonders in der ersten Lockdown-Periode gezeigt.

Wodurch zeichnet sich Ihre Buchhandlung besonders aus? Was liegt Ihnen am Herzen?

Wir sind eine unabhängige, inhabergeführte Buchhandlung in Bamberg und führen ein allgemeines Sortiment mit zeitgenössischer Literatur für Erwachsene, Kinder und Jugendliche und alle, die gute Literatur zu schätzen wissen.
Aus der großen Fülle der veröffentlichten Bücher versuchen wir, die interessantesten Werke für Sie auszuwählen: Titel, die uns durch ihren Inhalt, gestalterische und herstellerische Qualität überzeugen, finden bei uns eine Heimat.

 Welches Buch oder welche Bücher empfehlen Sie Ihren Kunden aktuell?

Da hat jede/r KollegIn seine eigenen Favoriten, die wir auch gezielt im Laden präsentieren. Ein aktueller Buchtipp von mir: „Amigorena, Kein Ort ist fern genug“ aus dem Aufbau-Verlag

Wie  sind Sie bisher durch die Coronakrise gekommen?

Bis jetzt, muss ich sagen, sind wir sehr gut durch diese Krise gekommen.

Collibri Buchhandlung, Austraße 12, 96047 Bamberg
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag: 10:00 bis 18 Uhr; Samstag: 10:00 bis 16 Uhr
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Buchhandlung Lentner, Marienplatz, München

Jürgen Habermas in der philosophsichen Abteilung der Buchhandlung Lentner (Copyright: Buchhandlung Lentner)

Der-Lesern.net: Welche Aktionen machen Sie zur Woche der unabhängigen Buchhandlungen?

Geschäftsführer Franz Klug: Wir stellen einen unabhängigen Verlag vor und werben mit dem Material von der WUB.

Weshalb brauchen wir die unabhängigen Buchhandlungen heute?

Damit Vielfalt und Pluralität in der Buchlandschaft erhalten bleiben und nicht nur Spiegelbestsellerlisten verkauft werden.

Was können die unabhängigen Buchhandlungen besser als die großen Ketten und der Onlinehandel?

Sie können besser beraten und auf wunderbare Buchperlen auch jenseits des Mainstreams hinweisen.

Wodurch zeichnet sich Ihre Buchhandlung besonders aus? Was liegt Ihnen am Herzen?

Wir zeichnen uns durch unser Liebe zum besonderen Buch, auch in der Ausstattung,  aus. Besonders freuen wir uns, dass unsere feine Philsophie-, Lyrik- und Klassikabteilung sehr gut angenommen wird.

 Welches Buch oder welche Bücher empfehlen Sie Ihren Kunden aktuell?

Romane: Vilas Manuel, „Reise nach Ordesa“; Schäfer Andreas, „Das Gartenzimmer“; Köpf Gerhard, „Palmengrenzen“.
Biographie: Wendt Gunna, „Henrik Ibsen und die Frauen“; Ostritsch Sebastian, „Hegel“.   
Lyrik: Celan Paul, „Gedichte“.
Sachbücher: Michael Eskin, „Schwerer werden leichter sein“; Jürgen Habermas, „Auch eine Geschichte der Philosophie“; Rancière Jacques, „In welchen Zeiten leben wir?“.

Wie  sind Sie bisher durch die Coronakrise gekommen?

Wir schaffen das. Dank unserer Stammkunden.

Buchhandlung Lentner, Marienplatz 8, 80331 München
Öffnungszeiten: Montag: 10:00 bis 19:00 Uhr; Dienstag: 10:00 bis 20:00 Uhr; Mittwoch bis Freitag: 10:00 bis 19:00 Uhr; Samstag: 10:00 bis 18:00 Uhr
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BücherInsel in Frauenaurach, Erlangen

Copyright: BücherInsel Frauenaurach

Der-Leser.net: Welche Aktionen machen Sie zur Woche der unabhängigen Buchhandlungen?

Inhaberin Beate Laufer-Johannes: Normalerweise findet in der Buchhandlung eine kostenlose Autorenlesung mit einem oder mehreren örtlichen Autoren statt. In den letzten Jahren waren in dieser Zeit bei uns Tommie Goerz, Johannes Wilkes und Katharina Drüppel und Heike Heinlein zu Gast. Dazu gibt es eine leckere kulinarische Besonderheit. In diesem Jahr ist alles anders… Wir werden daher in dieser Woche Buchempfehlungsclips online stellen.

Weshalb brauchen wir die unabhängigen Buchhandlungen heute?

Unabhängige Buchhandlungen stehen für die unendliche Vielfalt im Buchhandel, jede hat ihr eigenes, individuell zusammengestelltes Sortiment, ihre persönlichen Schwerpunkte und kann damit Kunden-Orientierung im Bücherdschungel ermöglichen, abseits der Bestsellerlisten.

Was können die unabhängigen Buchhandlungen besser als die großen Ketten und der Onlinehandel?

Wir können viel rascher auf Veränderungen reagieren, sind oftmals sehr viel flexibler. Innovative Ansätze können schnell umgesetzt werden.

Wodurch zeichnet sich Ihre Buchhandlung besonders aus? Was liegt Ihnen am Herzen?

Meine Buchhandlung ist sehr stark im Vorort Frauenaurach verankert, aber wir haben auch viele Stammkunden aus anderen Stadtteilen. Diese schätzen die familiäre Atmosphäre und unsere persönlichen Buchempfehlungen. Mir liegt besonders am Herzen, Bücherperlen zu entdecken, abseits des Mainstream. Dabei kommt mir zugute, dass meine Mitarbeiter und ich sehr unterschiedliche Genres lesen. Das bereichert unser Sortiment ungemein.

Welches Buch oder welche Bücher empfehlen Sie Ihren Kunden aktuell?

Mein absolutes Lieblingsbuch in diesem Jahr ist „Marianengraben“ von Jasmin Schreiber, ein Buch, dessen Start durch den Lockdown im März überlagert wurde: Paula trauert um ihren kleinen Bruder, der vor zwei Jahren ertrunken ist, und kommt aus diesem Marianengraben der Trauer nicht heraus. Bis sie nachts auf dem Friedhof dem alten Helmut begegnet, der gerade dabei ist, die Urne von Helga auszugraben, um sie mit in die Berge zu nehmen. Paula fährt kurzerhand mit in einem alten Wohnmobil, mitsamt Helgas Schäferhund und einem unterwegs aufgelesenen Huhn mit gebrochenem Bein. Was für ein unglaubliches Buch! Ich habe mit Paula mitgefühlt, geweint, aber auch herzhaft gelacht über die Situationskomik, ein Roman, der mich sehr berührt hat.

Wie sind Sie bisher durch die Coronakrise gekommen?

Wir haben die Krise bisher gut überstanden, haben allerdings den ersten Lockdown ohne Mitarbeiterinnen durchgearbeitet. Lediglich mein Mann und ich haben alle Bestellungen durchgeführt, Rechnungen geschrieben und größtenteils mit Fahrrad und Dreirad ausgeliefert. Jetzt haben wir ein gut durchdachtes Hygienekonzept, so dass wir wieder mit mehreren Personen zusammenarbeiten können, das erleichtert vieles.

BücherInsel in Frauenaurach, Wallenrodstraße 1, 91056 Erlangen
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag: 9:00 bis 13:00 Uhr und 14:30 bis 18:00 Uhr; Samstag: 9:00 bis 13:00 Uhr
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Nach diesen Gesprächen über den Buchhandel und zur Woche der unabhängigen Buchhandlungen geht es zum Abschluss noch um das Buch selbst:

Die Shortlist der unabhängigen Buchhandlungen

Abschließend sollen noch die fünf Bücher vorgestellt werden, die auf der Shortlist der unabhängigen Buchhandlungen 2020 stehen. Am Samstag, den 7. November, wird das Lieblingsbuch der Unabhängigen in einem Livestream verkündet. Die Online-Preisverleihung kann über die Social-Media-Kanäle der WUB ab 11 Uhr live mitverfolgt werden.

Marco Balzano: Ich bleibe hier.

Ein idyllisches Bergdorf in Südtirol – doch die Zeiten sind hart. Von 1939 bis 1943 werden die Leute vor die Wahl gestellt: entweder nach Deutschland auszuwandern oder als Bürger zweiter Klasse in Italien zu bleiben. Trina entscheidet sich für ihr Dorf, ihr Zuhause. Als die Faschisten ihr verbieten, als Lehrerin tätig zu sein, unterrichtet sie heimlich in Kellern und Scheunen. Und als ein Energiekonzern für einen Stausee Felder und Häuser überfluten will, leistet sie Widerstand – mit Leib und Seele.

Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Diogenes Verlag. 288 Seiten. 22 €

Charlotte McConaghy: Zugvögel.

Franny hat ihr ganzes Leben am Meer verbracht, die wilden Strömungen und gefiederten Gefährten den Menschen vorgezogen. Als die Vögel zu verschwinden beginnen, beschließt die Ornithologin den letzten Küstenseeschwalben zu folgen. Inmitten der exzentrischen Crew eines der letzten Fischerboote macht sie sich auf den Weg in die Antarktis. Schutzlos ist die junge Frau den Naturgewalten des Atlantiks ausgeliefert, allein die Vögel sind ihr Kompass. Doch wohin die Tiere sie auch führen, vor ihrer Vergangenheit kann Franny nicht fliehen. Ihr folgt das Geheimnis eines Verbrechens, die Geschichte einer außergewöhnlichen Liebe. Und schon bald entwickelt sich die Reise zu einem lebensbedrohlichen Abenteuer.

Aus dem Englischen von Tanja Handels. S. Fischer Verlag. 400 Seiten. 22 €

Benjamin Myers: Offene See.

Der junge Robert weiß schon früh, dass er wie alle Männer seiner Familie Bergarbeiter sein wird. Dabei ist ihm Enge ein Graus. Er liebt Natur und Bewegung, sehnt sich nach der Weite des Meeres. Daher beschließt er kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, sich zum Ort seiner Sehnsucht, der offenen See, aufzumachen. Fast am Ziel angekommen, lernt er eine ältere Frau kennen, die ihn auf eine Tasse Tee in ihr leicht heruntergekommenes Cottage einlädt. Eine Frau wie Dulcie hat er noch nie getroffen: unverheiratet, allein lebend, unkonventionell, mit sehr klaren und für ihn unerhörten Ansichten zu Ehe, Familie und Religion. Aus dem Nachmittag wird ein längerer Aufenthalt, und Robert lernt eine ihm vollkommen unbekannte Welt kennen.

Aus dem Englischen von Ulrike Wasel. DuMont Verlag. 270 Seiten. 20 €

Jasmin Schreiber: Marianengraben.

Paula braucht nicht viel zum Leben: ihre Wohnung, ein bisschen Geld für Essen und ihren kleinen Bruder Tim, den sie mehr liebt als alles auf der Welt. Doch dann geschieht ein schrecklicher Unfall, der sie in eine tiefe Depression stürzt. Erst die Begegnung mit Helmut, einem schrulligen alten Herrn, erweckt wieder Lebenswillen in ihr. Und schließlich begibt Paula sich zusammen mit Helmut auf eine abenteuerliche Reise, die sie beide zu sich selbst zurückbringt – auf die eine oder andere Weise.

Eichborn Verlag. 256 Seiten. 20 €

Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt.

Ein Roman über Menschen aus vier Generationen, der auf berückend poetische Weise Verlust und Neuanfang miteinander in Beziehung setzt. Hätten Florentine und Hannes den beiden jungen Reisenden auch dann ihre Tür geöffnet, wenn sie geahnt hätten, welche Rolle der Besuch aus der DDR im Leben der Banater Familie noch spielen wird? Hätte Samuel seinem besten Freund Oz auch dann rückhaltlos beigestanden, wenn er das Ausmaß seiner Entscheidung überblickt hätte? In »Die Unschärfe der Welt« verbinden sich die Lebenswege von sieben Personen, sieben Wahlverwandten, die sich trotz Schicksalsschlägen und räumlichen Distanzen unaufhörlich aufeinander zubewegen. So entsteht vor dem Hintergrund des zusammenbrechenden Ostblocks und der wechselvollen Geschichte des 20. Jahrhunderts ein großer Roman über Freundschaft und das, was wir bereit sind, für das Glück eines anderen aufzugeben.

Klett-Cotta Verlag. 216 Seiten. 20 €

Viel Freude mit euren eigenen Unterhaltungen mit euren Buchhändler*innen vor Ort und mit eurer aktuellen Lektüre! Vielleicht habt ihr ja die ein oder andere Empfehlung aus dem Artikel mitgenommen.

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Buchliste

Die USA unter Trump: 12 Bücher zur Lage in den USA

Am 3. November finden die US-Präsidentschaftswahlen statt. Die Entscheidung fällt zwischen dem aktuellen republikanischen Amtsinhaber Trump und dem demokratischen Herausforderer Joe Biden. Joe Biden liegt in den Umfragen teils deutlich vorn. Das gilt sowohl für die landesweiten Umfragen als auch für den umkämpften Swing-State Florida. Sollte Biden Florida gewinnen, ist ihm der Sieg wohl kaum noch zu nehmen. Doch auch Hillary Clinton hatte bei den letzten US-Wahlen einen Vorsprung in den Umfragen.

Eine wichtige Frage ist auch, wie Trump auf eine mögliche Wahlniederlage reagieren wird. Der Präsident – so muss man ihn leider nennen – hat in den Wochen und Monaten des Wahlkampfs immer wieder seine Zweifel am Wahlprozess geäußert. Er sagte, die Briefwahl diene dazu, einen großen Wahlbetrug einzuleiten. Für den entscheidenden Battleground-State Pennsylvania, den Trump braucht, um die Mehrheit im Wahlmännerkolleg zu bekommen, hat Trump angekündigt, dass seine Anwälte übernehmen werden, „sobald diese Wahl durch ist“.

Donald Trump, offizielles Protrait des Präsidenten, 2017. (Bild: Shealah Craighead)
Offizielles Portrait des Vizepräsidenten Joe Biden, 2013. (Bild: David Lienemann)



Mit den ersten Hochrechnungen kann man bei dieser Wahl in Deutschland erst am Morgen des 4. November rechnen. Bei den früheren Wahlen stand der Wahlsieger noch in der Wahlnacht fest. Das könnte dieses Jahr anders kommen, da wegen der Coronapandemie deutlich mehr Menschen per Briefwahl abgestimmt haben. Daher wird sich die Auszählung wohl hinziehen – um einige Tage oder länger.

Diese Zeit können wir nutzen, indem wir uns über die politische und gesellschaftliche Lage in den USA mit einem gut geschriebenen Sachbuch oder einem Essayband informieren. Aus diesem Grund stelle ich euch anlässlich der Präsidentschaftswahl zwölf interessante und thematisch passende Bücher vor.

Mary L. Trump: Zu viel und nie genug. Wie meine Familie den gefährlichsten Mann der Welt erschuf.

Mary L. Trump, Nichte des US-Präsidenten und promovierte klinische Psychologin, enthüllt die dunkle Seite der Familie Trump. Einen Großteil ihrer Kindheit verbrachte Mary im Hause ihrer Großeltern in New York, wo auch Donald und seine vier Geschwister aufwuchsen. Sie schildert, wie Donald Trump in einer Atmosphäre heranwuchs, die ihn für sein Leben zeichnete und ihn letztlich zu einer Bedrohung für das Wohlergehen und die Sicherheit der ganzen Welt machte.
Als einziges Familienmitglied ist Mary Trump dazu bereit, aus eigener Anschauung die Wahrheit über eine der mächtigsten Familien der Welt zu erzählen. Ihre Insiderperspektive in Verbindung mit ihrer fachlichen Ausbildung ermöglicht einen absolut einmaligen Einblick in die Psyche des unberechenbarsten Mannes, der je an der Spitze einer Weltmacht stand.

Aus dem Englischen von Christiane Bernhardt, Pieke Biermann u. a. Heyne Verlag. 288 Seiten. 22 €

Richard Russo: Sh*tshow. Erzählung.

David und Ellie, zwei gutsituierte, in der Großstadt lebende, pensionierte Akademiker sind zufrieden mit ihrem Leben. Bis zu dem Tag, an dem Donald Trump zum Präsidenten gewählt wird. Plötzlich wird ihnen alles fremd: ihr Land, ihr Leben, sie sich selbst. Ihre Tochter, die längst im liberalen Kalifornien lebt, kann ihnen nicht helfen. Und dann ist da noch dieser Freund, von dem sie glauben, dass er nur so tut, als hätte er Hillary gewählt …
Spätestens als Ellie eines Tages Fäkalien im eigenen Pool entdeckt, findet die „Sh*tshow“ nicht mehr nur im metaphorischen Sinne statt. Aber dieser spektakulär niederträchtige Akt des Vandalismus ist nur das erste in einer Kette politischer und privater Ereignisse, die sich verheerend auf die eigentlich so behagliche Existenz des Paares auswirken.

Aus dem Englischen von Monika Köpfer. DuMont Verlag. 80 Seiten. 10 €

John Bolton: Der Raum, in dem alles geschah. Aufzeichnungen des ehemaligen Sicherheitsberaters im Weißen Haus.

John Bolton diente 519 Tage als Sicherheitsberater unter Donald Trump, zumeist „in dem Raum, in dem alles geschah“. Mit beinahe täglichen Treffen zählte er zu den engsten Vertrauten des US-Präsidenten. Doch was er da sah, überraschte ihn. Er musste erfahren, dass es Trump gar nicht um das Wohl der Nation geht, sondern immer nur um Selbstinszenierung und darum, mit allen Mitteln wiedergewählt zu werden.
In seinem Buch berichtet Bolton aus erster Hand über Trumps Verfehlungen, seine rechtswidrigen Aussagen und Handlungen. Der ehemalige Nationale Sicherheitsberater des Präsidenten verfügt über exklusives Detailwissen und Insiderinformationen bezüglich der Machenschaften des mächtigsten Mannes der Welt.

Aus dem Englischen von Shaya Zarrin und Patrick Baumgärtel. Das Neue Berlin. 640 Seiten. 28 €

Bob Woodward: Wut.

Trump im Visier der Journalistenlegende Bob Woodward: Ein Präsident zwischen Corona und Wirtschaftskrise, zwischen unbeirrbaren Anhängern und neuem Widerstand

Donald Trump hat die USA in eine tiefe Krise geführt. Die Corona-Pandemie, deren Gefahr er bewusst runterspielte, legt offen, welche Wunden seine Präsidentschaft gerissen hat. Nun stehen Gesundheitssystem und Wirtschaft am Rande des Zusammenbruchs. Wie reagiert der US-Präsident auf die Krise? Bob Woodward hat in den vergangenen Monaten 18 Interviews mit dem Präsidenten geführt, mit Mitarbeitern und Opponenten gesprochen, Mails, Tagebücher und vertrauliche Briefe ausgewertet, um das Portrait eines Mannes zu zeichnen, der zwischen Verdrängung, Angriff und Momenten des Zweifels schwankt. Eine bahnbrechende, scharfsichtige, intime Reportage: das bleibende Buch über Trumps Präsidentschaft.

Aus dem Englischen von Henriette Zeltner-Shane, Thomas Gunkel u. a. Hanser Verlag. 550 Seiten. 24 €

Elmar Thevessen: Die Zerstörung Amerikas: Wie Donald Trump sein Land und die Welt für immer verändert.

Donald Trump ist der Präsident der mächtigsten Nation der Erde. Er kommandiert nicht nur die schlagkräftigsten Streitkräfte auf dem Globus, sondern steht auch an der Spitze der nach wie vor stärksten Wirtschaftsmacht. Seine Entscheidungen beeinflussen Hunderte Millionen Menschen in aller Welt, es geht um Krieg und Frieden, Leben und Tod.
Doch wie hat Trumps Präsidentschaft Amerika, die Amerikaner und die Position ihres Landes in der Welt verändert? Welche dramatischen und vielleicht unumkehrbaren Auswirkungen hat die Amtszeit eines bösartigen Narzissten, der – selbst in der größten Krise des Landes seit vielen Jahrzehnten – immer nur auf den besten Deal für sich selbst aus ist und Menschenverachtung zum politischen Prinzip erklärt?
Dieses Buch basiert auf umfangreichen Recherchen und intensiven Gesprächen mit führenden Politikern, hochrangigen Militärs, einflussreichen Wirtschaftsmanagern und herausragenden amerikanischen Journalisten. Es bietet die scharfe Analyse eines Amerikas, das nie mehr so sein wird, wie es einmal war, und zeigt, was das für uns bedeutet.

Piper Verlag. 320 Seiten. 22 €

Evan Osnos: Joe Biden: Ein Portrait.

Der Journalist Evan Osnos begleitet den Kandidaten der Demokratischen Partei seit Jahren und hat ihn immer wieder interviewt, zuletzt im Sommer 2020. Diese und weitere Gespräche mit Angehörigen und Weggefährten wie Barack Obama bilden die Grundlage dieser Nahaufnahme des 1942 geborenen Biden, in dessen Werdegang sich die Veränderungen der politischen Kultur der USA spiegeln.
Mit gerade einmal 29 Jahren wurde der Sohn eines Autohändlers in den US-Senat gewählt. Seinen Amtseid legte er ab, nachdem er nur wenige Wochen zuvor seine erste Frau und seine Tochter bei einem Autounfall verloren hatte. Nach Höhen und Tiefen führte ihn seine Karriere schließlich als Vizepräsident ins Weiße Haus. Joe Biden hat dramatische Schicksalsschläge und überraschende Wendungen erlebt. Vielleicht versetzt ihn gerade das in die Lage, eine zerrissene Nation zu einen, die Wunden der Trump-Ära zu heilen und einen neuen politischen Aufbruch zu ermöglichen.

Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff und Stephan Gebauer. Suhrkamp Verlag. 263 Seiten. 18,95 €

Stephan Bierling: America First. Donald Trump im Weißen Haus: Eine Bilanz.

Donald Trump vereinigt ein beachtliches Bündel von „Firsts“ in seiner Amtszeit. Er ist der erste Präsident der USA, der zuvor noch nie eine Funktion in Politik oder Militär innehatte. Er ist der älteste jemals neugewählte Präsident und der erste Milliardär im Weißen Haus. Er hat mehr Minister und Berater entlassen als jeder seiner Vorgänger. Und er ist der erste Präsident, der nach einem überstandenen Impeachment-Verfahren eine zweite Amtszeit anstrebt. Ein Star des Reality-TV hält im Weißen Haus die Hebel der Macht in seiner Hand. Stephan Bierling zeigt in seinem informativen Buch sachlich und mit klarem Urteil, welche erschreckenden Resultate diese Präsidentschaft hervorgebracht hat.

C.H. Beck Verlag. 271 Seiten. 16,95 €

Klaus Brinbäumer/Stephan Lamby: Im Wahn: Die amerikanische Katastrophe.

Nach vier Jahren einer fatalen Präsidentschaft sind die USA eine wütende, nur noch im Hass vereinte Nation – und erleben in der gegenwärtigen Weltkrise eine multiple Katastrophe. Der ehemalige Chefredakteur des SPIEGEL Klaus Brinkbäumer und der preisgekrönte Dokumentarfilmer Stephan Lamby berichten von den zahlreichen Fronten. Ihr Buch ist eine investigative Reportage über ein zerfallendes Land, das seinen Kompass und seine Wahrheiten verloren hat.

C.H. Beck Verlag. 391 Seiten. 22,95 €

Eliot Weinberger: Neulich in Amerika.

Eliot Weinberger ist nicht nur einer der origi­nellsten Essayisten, er ist auch einer der schärfsten politischen Kommentatoren der USA. In seinen Texten über die Politik unter den Regierungen Bush und Trump lässt er Fakten sprechen: Nachrichtendetails, Aus­sagen von Politikern, die den Wahnsinn, der in den USA zum Alltag geworden ist, in all seinen bizarren Auswüchsen präsentieren. Nichts fehlt: der Irakkrieg, fromm homophobe und rassistische Republikaner, Konzentrations­lager für geflüchtete Kinder, nicht zu vergessen Donald Trumps Empfehlungen zum Umgang mit einem Virus. Weinbergers Chroniken aus dem republikanischen Amerika sind erschütternde Bilder einer verstörten Gesellschaft.

Aus dem Englischen übersetzt und herausgegeben von Beatrice Faßbender. Berenberg Verlag. 272 Seiten. 16 €

Rebecca Solnit: Die Dinge beim Namen nennen. Essays.

Spätestens seit dem Wahlerfolg Donald Trumps erhalten wir tagtäglich Beispiele dafür, wie gespalten das Land ist und welch tiefe Gräben Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Gentrifizierung, Klassen- und eine verfehlte Umweltpolitik in die Gesellschaft schlagen. Ob die Anfeindungen Hillary Clintons im Wahlkampf, tödliche Polizeieinsätze, unterdrückte Wählerstimmen, das unsolidarische Ideal des Selfmademans oder die Leugnung des Klimawandels – in aller Deutlichkeit benennt Rebecca Solnit himmelschreiende Missstände des heutigen Amerika. Zugleich erteilt sie der Resignation eine klare Absage und ruft zum Glauben an die eigene Macht und zum Handeln auf, denn: „Hoffnung ist der Glaube daran, dass das, was wir tun, möglicherweise von Belang ist. Das Wissen, dass die Zukunft jetzt noch nicht geschrieben ist.“

Aus dem Englischen von Kirsten Riesselmann und Bettina Münch. Hoffmann und Campe Verlag. 320 Seiten. 22 €

Torben Lutjen: Amerika im Kalten Bürgerkrieg. Wie ein Land seine Mitte verliert.

Einst galten die USA als Musterbeispiel eines stabilen demokratischen Staates. Mit den Republikanern und den Demokraten gab es zwei unideologische Parteien mit moderaten Politikern. Heute gibt es Donald Trump. Warum wurde Trump gewählt? Was sind die Gründe für die tiefe Spaltung des Landes, das früher einmal als Heimat des Pragmatismus galt, und das sich, anders als Europa, stets von gefährlichen Utopien ferngehalten hat? Ist Donald Trump die Ursache oder das Symptom?

WBG Theiss. 208 Seiten. 20 €

Susan B. Glasser: Briefe aus Trumps Washington.

In ihren „Briefen aus Trumps Washington“, die Susan B. Glasser seit Ende 2017 aus der amerikanischen Hauptstadt für „The New Yorker“ schreibt, bietet die Journalistin tiefe Einblicke in die „post-faktische“ Trump-Präsidentschaft. Mit besten Verbindungen, großem Insider-Wissen und scharfer Beobachtungsgabe beschreibt sie Trumps immer radikaleren, Gesetze brechenden Kurs, der die Spaltung der US-Gesellschaft vertieft und zur Erosion der amerikanischen Vormachtstellung in der Welt führt.

Herausgegeben von Henning Hoff. Aus dem Englischen von Matthias Hempert. Weltkiosk. 208 Seiten. 20 €

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Comic & Graphic Novel Schöne Literatur

„Der Umfall“ von Mikael Ross

Der Graphic Novel „Der Umfall“ wurde 2020 mit dem Max-und-Moritz-Preis des Erlanger Comic-Salons ausgezeichnet. Mikael Ross hat für den Comic zwei Jahre vor Ort in dem inklusiven Dorf Neuerkerode in Niedersachsen recherchiert, ehe er zur Feder griff. Genau diesem Dorf nähert sich Ross in seiner Graphic Novel auf einfühlsame Weise an, indem er den Alltag der Dorfbewohnerinnen und -bewohner mit Beeinträchtigung in Episoden darstellt, die mal komisch, mal tragisch, mal skurril sind. Die also die ganze Breite des Lebens abbilden.

Im Zentrum des Comic-Bandes steht der Protagonist Noël, der, wie sein Name vermuten lässt, an Weihnachten Geburtstag hat. Eigentlich kommt der junge Mann mit einer geistigen Behinderung aus Berlin. Doch als seine Mutter, liebevoll „Mumsie“ genannt, überraschend einen Schlaganfall hat („Schlag“ oder „Umfall“ genannt) und ins Koma („Koooma“) versetzt werden muss, wird ihm ein Vormund – der „Mann mit Bart“ – zugeteilt, welcher ihn in das Dorf Neuerkerode in Niedersachsen begleitet.

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Lyrikkabinett Rezension

Aus dem Lyrikkabinett: „Barfuß vor Penelope“ von Volker Sielaff

Volker Sielaff
(Copyright: Harald Krichel)

Volker Sielaff, 1966 in der Lausitz geboren, lebt als Lyriker und Publizist in Dresden. Seit 1990 veröffentlicht er Gedichte, Essays und Kritiken. „Barfuß vor Penelope“ ist bereits sein vierter Lyrikband.

Dieser Gedichtband lebt teilweise davon, dass er eine ganze Myriade von abendländischen philosophischen und literarischen Traditionen aufgreift – von mythologischen Figuren wie Odysseus, Kirke über die im Titel genannte Penelope bis hin zu den Figuren der Orestie – und neu verbindet. Es kommt durchaus vor, dass Hochkulturelles neben Banalem und Gewöhnlichem steht. Einen gewissen Willen, hin und wieder mit besonders innovativen Kombinationen zu provozieren kann man dem Dichter nicht absprechen.

Zu Penelope, die ihren Frust /
wegwebt. Zu ihrer Lust auf den Bogen. Liebe zu Persern, Aischylos, /

zur Orestie. Zu Hannes Hegen, dem letzten Genie. Zum Spatz /
in der Hose, zur Umkehrosmose. Liebe zu jedem Nebenarm von Elbe /
und Spree, zu deinem Slip auf dem Kanapee.

Was die Form anbelangt, bleibt die Dichtung von Volker Sielaff weitgehend traditionell. Die Gedichte bestechen durch Binnenreime oder Kreuzreime, sie sind in Strophenformen, weitgehend Quartette, gegossen. Thematisch und motivisch deckt die Dichtung von „Barfuß vor Penelope“ eine sehr weite Bandbreite ab.

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Biographie Literaturwissenschaft & Literaturgeschichte

Biographie: Guy de Maupassant

Guy de Maupassant, ca. 1888, fotografiert von Nadar.

Guy de Maupassant (mit vollem Namen: Henry René Albert Guy de  Maupassant) wurde am 5. August 1850 auf dem Schloss Miromesnil bei Dieppe in der Normandie geboren. Was seinen Geburtsort betrifft, kursierten schon kurz nach seiner Geburt zwei Versionen – der Ort Fécamp und das Schloss Miromesnil.

Nach heutigen Erkenntnissen wurde Guy de Maupassant auf dem Schloss Miromesnil in der Gemeinde Tourville-sur-Arques geboren, das die Familie angemietet hatte. Doch bald gab es Gerüchte, dass der Junge in Wahrheit in Fécamp geboren worden sei und sich seine Mutter Laure erst nach der Geburt ins Schloss begeben habe, um dieses als falschen Geburtsort anzugeben.

Auch der Bruder Maupassants, Hervé, kam sechs Jahre später auf einem gemieteten Schloss zur Welt, in Grainville-Ymauville im Arondissement Havre. Es gab also in der Familie eine gewisse Vorliebe für herrschaftliche Anwesen.

Die Eltern

Die Eltern von Guy de Maupassant, Gustave und Laure de Maupassant, führten aufgrund der Liebesaffären des Vaters eine zerrüttete Ehe. Der Vater stammte aus einer alten normannischen Adelsfamilie, ruinierte sich aber durch seinen aufwändigen Lebenswandel. Als der Vater 1859 nach Paris ging, um dort als Bankangestellter zu arbeiten, trennte sich die Mutter kurz danach von ihm, wobei eine Scheidung aufgrund der Gesetzeslage nicht möglich war.

Laure, die sich um die beiden Kinder kümmerte, zog sich mit diesen in die Normandie in die von den Eltern erworbene Villa namens „Les Verguies“ in Étretat zurück, ein großes Gebäude aus dem 18. Jahrhundert mit weitläufigem Garten voller Bäume. Sie erhielt von ihrem Mann fortan eine jährliche Pension von 1600 Francs.

Eine literarische Erziehung

Guy den Maupassant, 7 Jahre alt.

Laure vermittelte ihrem Sohn Guy eine Vorliebe für Lyrik, indem sie ihm beispielsweise laut aus „Ein Sommernachtstraum“ und „Macbeth“ von William Shakespeare vorlas. Eines Abends rezitierte sie aus „Salambo“, nachdem Gustave Flaubert ihr ein Exemplar hatte zukommen lassen.

Der damals schon bekannte Schriftsteller Flaubert (1821-1880) war ein Freund der Familie. Denn Maupassants Mutter, eine geborene Le Poittevin, war die Schwester von Flauberts Jugendfreund Alfred Le Poittevin, einem Anwalt und Dichter (1816-1848), der mit nur 31 Jahren starb. Flaubert sollte auch für Guy de Maupassant noch eine zentrale Rolle spielen.

Die literarische Erziehung wurde ergänzt durch den Unterricht des Pfarrers Aubourg aus Etretat, der Guy und seinen Bruder Hervé in den Grundlagen der Grammatik, Arithmetik, des Katechismus und etwas Latein unterwies.

Freies Leben an der Küste und auf dem Land

Wenn der Unterricht vorbei war, zog es Guy nach draußen in die Natur und an den Strand. Dort spielte sich sein eigentliches Leben ab. Meistens war er allein unterwegs. Manchmal begleitete ihn Hervé, und sonntags kam seine Mutter mit. Hin und wieder war er auch in der Begleitung seines drei Jahre älteren Cousins Louis unterwegs, der Guys Leidenschaft für Gedichte und Literatur teilte. Laure bevorzugte ihren älteren Sohn, in dem sie einen Mann nach ihrem Sinn sah: intelligent, robust und dennoch empfindsam für die Kunst.

Guy begann bei seinen Spaziergängen Gespräche mit den Fischern. Manchmal nahm ein Fischer den „kleinen Maupassant“ („le petit Maupassant“) mit aufs Wasser. Je wilder das Meer ging, desto mehr gefiel ihm die Bootsfahrt. Als Jugendlicher konnte er bereits selbst ein Boot zu lenken. Später sollte er zu diesen frühen Abenteuern auf dem Wasser sagen: „Ich spüre, dass ich das Blut von Seeräubern in meinen Adern habe.“

Auch das normannische Hinterland mit seinen Apfelbaumwiesen, Teichen und Bauernhöfen zog Maupassant an. In den umliegenden Wäldern ging er einfach querfeldein. Er hörte den Bauern aufmerksamer zu als seinem Lehrer, dem Pfarrer Aubourg. Einmal wurden seine Mutter und er bei einem Spaziergang an der Küste von der steigenden Flut überrascht und mussten sich auf einen Felsen retten, um vor den Wellen zu fliehen. Guy war seiner Mutter dankbar, dass sie ihn frei die Natur erkunden ließ – „wie ein entlaufenes Huhn“ („comme un poulain échappé“).

Auch wenn die innige Mutter-Sohn-Beziehung und das freie Vagabunden-Leben auf dem Land und am Meer ewig so hätte weiter gehen können, wollte seine Mutter ihm einen ernsthafteren Unterricht zuteilkommen lassen als den des Pfarrers.

Der katholische „petit séminaire“

Sie sandte ihn im Alter von 13 Jahren zu diesem Zweck an das katholische Seminar („petit séminaire“) der Kreisstadt Yvetot, auf die er fortan als Internatsschüler ging. Seine Mitschüler stammten allesamt aus vornehmen und wohlhabenden Elternhäusern. Maupassant wurde das Leben in der engen, religiösen Umgebung – mit verpflichtenden Gebeten, erbaulicher Lektüre bei den Mahlzeiten und Evangelienrezitation – zwar bald zum Graus und zum Quell der Langeweile, doch er bewies guten Willen.

Unter dieser oberflächlichen Unterordnung schwelte die Auflehnung gegen die herrschende Odnung. Er fühlte sich eingesperrt in den Mauern des Seminars, wie in einem Gefängnis. Nur donnerstags brachen sie zu einem Spaziergang in die Umgebung auf, der allerdings von Lehrern strikt begleitet wurde.

Er empörte sich darüber, dass im Unterricht Victor Hugo und andere Dichter nicht behandelt wurden. Er wollte nämlich seinem Onkel, Alfred Le Poittevin, ähneln, der seine ganze Existenz der Dichtung gewidmet hat. Maupassant unternahm deshalb während der Schulzeit die ersten lyrischen Versuche, die seine Mutter mit Freude beobachtete, da sie Talent vermutete. Das Schreiben von Gedichten wurde für ihn zu einer Waffe gegen die Ödnis in der Schule, in der es anscheinend nur um Religion, Unterricht und Messen ging.

Immer mehr interessierte er sich in der Pubertät auch für die Frauen. Nach den Ferien in Etretat bedichtete er mit 17 Jahren in einer Versepistel aus Achtsilblern eine seiner Cousinen:

Vous m’avez dit: „Chantez des fêtes,
Où les fleurs et les diamants
S’enlacent sur les blondes têtes,
Chantez le bonheur des amants.“
Mais dans le cloître solitaire
Où nous sommes ensevelis,
Nous ne connaissons sur la terre
Que soutanes et que surplis.

Ihr sagtet mir: „Besingt Feste,
Bei denen Blüten und Diamanten
sich auf blonden Häuptern umschlingen,
Besingt das Glück der Liebenden.“
Doch im einsamen Kloster,
in dem wir bestattet sind,
kennen wir auf Erden nur
Soutanen und Chorhemden.

Guy de Maupassant

Das freche Gedicht machte in seiner Schulklasse die Runde und landete schließlich auf dem Tisch des Direktors. Maupassant war damit zu weit gegangen. Da er sich beschwerte, von Priestern umgeben zu sein, flog er wegen des heiklen Textes von der kirchlichen Schule.

Zwei Lehrmeister in Rouen

Seine Mutter war über diesen Rauswurf nicht wütend; denn sie konnte nachvollziehen, dass ihr poetisch veranlagter Sohn es nicht in einer Schule aushielt, die überhaupt kein Verständnis für Poesie aufbrachte. An Flaubert schrieb sie, ihr „armes Kind“ („pauvre enfant“) sei hinter den hohen Mauern erstickt.

Daraufhin kam Maupassant als Internatsschüler an das Lycée Corneille in Rouen. In dem staatlichen Gymnasium herrschte ein Geist der Freiheit. Hier hatte er gute Noten, fühlte sich wohl und konnte zudem ungestört seiner dichterischen Berufung nachgehen.

Louis Bouilhet, 1864,
von Étienne Carjat
(Bibliothèque national de France).

In Rouen betreute ein Jugendfreund seiner Mutter und Flauberts, Louis Bouilhet, ein Dichter und Dramatiker, der heute vergessen ist, die literarischen Anfänge Maupassants. Dieser gab ihm für seine Dichtung Ratschläge und korrigierte ungeschickte Ausdrücke. Guy de Maupassant, der von dieser Art der Anerkennung überwältigt war, verbrachte alle seine freien Tage bei Bouilhet.

Eines Tages lernte er über Bouilhet auch Flaubert persönlich kennen, den Autor von „Madame Bovary“ und „Salambo“. Dieser musste, weil es spät war, zurück nach Croisset, in seinen Wohnort vor Rouen. Auf dem Weg improvisierten die beiden Kameraden eine Farce im normannischen Patois, bei der Bouilhet als Ehemann witzige Kommentare mit seiner „Ehefrau“ Flaubert austauscht. Flaubert lud Guy daraufhin ein, ihn in seinem abgelegenen Heim am Seineufer zu besuchen.

Bei seinem ersten Besuch in Croisset gab Flaubert dem jungen Maupassant Ratschläge für sein literarisches Schaffen: Er wisse zwar nicht, ob er Talent habe, doch er habe eine gewisse Intelligenz. Talent erfordere jedoch Geduld: „Travaillez.“ („Arbeiten Sie.“) Offensichtlich hat ihm der Besuch gefallen. Denn er empfing Maupassant auch an weiteren Sonntagen, sodass er ihn bald seinen „Schüler“ („disciple“) nannte.

Gustave Flaubert, 1856,
von Eugène Giraud.

Von einem Besuch zum anderen wurden die Anweisungen Flauberts präziser. So führte er zum Beispiel zum Thema Originalität aus:

Wenn man Originalität hat, muss man sie vor allen anderen Dingen freilegen; wenn man keine hat, muss man sie erwerben… Es geht darum, alles, was man ausdrücken möchte, lange genug und mit ausreichend Aufmerksamkeit zu betrachten, um daran einen Aspekt zu entdecken, der von niemandem zuvor gesehen und gesagt worden ist. Die kleinste Sache beinhaltet ein wenig Unbekanntes. (…) Auf diese Weise wird man originell.

Gustave Flaubert

Was der Meister nicht sagte, war, dass er der Auffassung war, Maupassant müsse eigentlich Prosa schreiben, wenn er Talent habe. Die Poesie hielt er nur für eine Gelegenheit, den Stil zu üben. Bouilhet dagegen war Anhänger davon, Maupassant auf dem Weg der Dichtung voranschreiten zu lassen. Mutter Laure sagte über die Anfänge ihres Sohnes: „Wenn Bouilhet fortgelebt hätte, hätte er aus Guy einen Poeten gemacht.“

Guy fragte sich in dieser Zeit, welcher Weg ihn zur Berühmtheit führen könnte. Doch beide seine Lehrer, Bouilhet und Flaubert, rieten ihm vor allem zu einer Sache – zu Geduld. Das Werke eines Schriftstellers oder Dinge habe nur dann einen Wert, wenn es lange Zeit gereift sei, fernab von der Öffentlichkeit. Im Juli 1869 starb Louis Bouilhet nach einer Krankheit. Plötzlich fehlte Maupassant einer seiner Lehrer, die ihm zum Ruhm begleiten sollten. Gleichzeitig legte er Ende Juli 1869 sein Baccalauréat ès lettres ab, den Abschluss des französischen Lycée.

Der Deutsch-Französische Krieg

Im Oktober schrieb er sich für ein Jura-Studium in Paris ein. Doch die universitären Kurse interessierten ihn weniger als das politische Leben in der Hauptstadt. Die Kaiserherrschaft sah sich einer immer heftigeren republikanischen Opposition gegenübergestellt. Maupassant las mit Freude die Pamphlete in der Presse.

Im Juli 1870 forderte die öffentliche Meinung in Paris den Krieg mit Preußen. Am 16. Juli wurde der Krieg erklärt. Guy de Maupassant verpflichtete sich mit 20 Jahren freiwillig als Soldat, ohne abzuwarten, dass er eingezogen wurde.

Le siège de Paris von Ernest Meissonier.

Im Krieg erlebte er die Niederlage und die Besetzung Frankreichs durch die Deutschen mit. Am 28. Januar 1871 wurde ein Waffenstillstand unterzeichnet. Fankreich musste das Elsass und einen Teil Lothringens abtreten sowie eine Kriegsstrafe von fünf Milliarden Goldfranc bezahlen. Ab November 1871 war Maupassant kein Soldat mehr.

Die Arbeit im Marineministerium

Nach Kriegsende 1871 führte Maupassant sein Studium nicht fort, obwohl er gern weiter studiert hätte. Doch dafür reichte sein Geld nicht, eine Pension von 110 Francs, die sein Vater Gustave ihm monatlich zahlte. Stattdessen musste Maupassant einen Broterweb annehmen. Er begann Anfang 1872 auf Vermittlung seines Vaters und Gustave Flauberts, als Angestellter im Marineministerium in Paris zu arbeiten.

Nach anfänglicher Euphorie verabscheute er bald die eintönige Arbeit, bei der er sich von mittelmäßigen Bürokraten umgeben sah. Er fühlte sich intellektuell überlegen und erneut wie in einem Gefängnis, in welchem er zu ersticken drohte. Dennoch forderte er seine Vorgesetzten nicht heraus, sondern bemühte sich – wie schon in der katholischen Schule von Yvetot – gefügig zu wirken.

Niemand an seinem Arbeitsplatz in der Rue royale bemerkte, dass sich hinter dem höflichen Maupassant ein heimlicher Aufrührer versteckt. Die bürokratische Arbeit findet in einigen seiner Novellen ihren Niederschlag, etwa in „L’Héritage“ und „La Parure“.

Rudern auf der Seine und andere Vergnügungen

Neben dem Broterwerb ging Maupassant seiner liebsten Freizeitbeschäftigung nach, nämlich an Samstagen, Sonn- und Feiertagen auf der Seine Ruderboot zu fahren und im Fluss zu baden. Am Ufer der Seine fand er einige gleichgesinnte Freunde, die mit ihm die Neigung zu Wasserabenteuern, Vergnügungen neben dem Wasser und zu anzüglichen Witzen und Frauengeschichten teilten.

Bald bildeten die Freunde eine Gruppe von fünf jungen Männern, darunter Robert Pinchon und Léon Fontaine, deren einzige Regel die absolute Freiheit war und zu deren Anführer sich Maupassant aufschwang. Sie lachten, tranken, aßen, tanzten, schäkerten.

Wenn sie nicht ruderten, hielten sie sich in Schankbetrieben („cabarets“) am Flussufer auf, wobei Maupassant den Badebetrieb „La Grenouillère“ („Froschtümpel“) bevorzugte, in dem auch impressionistische Künstler verkehrten. Dieses Lokal kommt in zahlreichen seiner Novellen vor, zum Beispiel in „Yvette“, „Mouche“ sowie „La femme de Paul“.

Die Kumpanen wechselten regelmäßig die Frauen und erzählten sich hernach ihre Liebesgeschichten. Bei einer dieser Affären steckte sich Maupassant 1877 mit der Syphilis an, die damals noch nicht behandelt werden konnte. Seinem Freund Robert Pinchon gestand er eines Tages: „J’ai la vérole. – Ich habe die Syphilis, ja, die echte Syphilis, nicht den elenden Tripper, (…) nein, nein, die große Syphilis, diejenige, an der François I. gestorben ist. Und ich bin darauf stolz, verdammt, und ich verachte vor allen Dingen die Spießbürger. Halleluja, ich habe die Syphilis, folglich habe ich keine Angst mehr, sie zu bekommen.“

Die Freunde feierten ihre nicht gesellschaftskonformen Ausschweifungen regelrecht: Sie gründeten die „Société des Crépitiens“, benannt nach dem Gott Crépitus, der sich in Flauberts Roman „Die Versuchung des heiligen Antonius“ („La Tentation du saint Antoine“) durch unpassendes Verhalten auszeichnete. Daraus wurde bald die „Société des Maquereaux“ („Gesellschaft der Zuhälter“), laut Edmond de Goncourt eine Gemeinschaft „obszöner Ruderer“.

Literarische Tätigkeit

Neben seinem Beruf betätigte sich Guy de Maupassant weiterhin literarisch, jedoch lange Zeit, ohne etwas von seinen Versuchen in verschiedenen Gattungen – Erzählungen, Lyrik und Theaterstücke – zu veröffentlichen. Er probierte sich in der Dichtung, verfasste Theaterstücke, doch auf die Dauer reüssierte er vor allem mit seinen rund 260 Novellen. Seine Mutter gab ihm bisweilen die Themen für seine Geschichten vor.

Gustave Flaubert war ihm bei seiner literarischen Tätigkeit ein väterlicher Freund und Ratgeber, der seine Anfänge im Journalismus und der literarischen Welt begleitete. Er empfahl ihm Lektüren, forderte ihn dazu auf, sich der Kunst zu widmen, las und korrigierte seine Manuskripte und trug ihm sogar einige Recherchen für seinen Roman „Bouvard und Pécuchet“ auf.

Flaubert war überzeugt davon, dass der „junge Mann“ Talent besaß, aber noch mehr arbeiten musste, um eine literarische Karriere machen zu können. Er warf ihm vor, zu viel Zeit mit Bettgeschichten, Gelagen und Rudern zu vergeuden. Flaubert brachte Maupassant außerdem die genauen Anforderungen der realistischen Weltbetrachtung bei, d. h. die präzise und anspruchsvolle Beschreibung des Gesehenen und Erlebten bis in die kleinsten Details.

Durch seinen Ziehvater erhielt Maupassant Zugang zu Pariser Literatenkreisen, etwa zu dem Naturalisten Émile Zola (1840-1902), zu dem Schriftsteller Alphonse Daudet (1840-1897), zu dem russischen Schriftsteller Iwan Turgenew (1818-1883) und zu dem Schriftsteller und Kritiker Edmond de Goncourt (1822-1896). Für all die Literaten war Maupassant zunächst nicht mehr als der Schützling Flauberts, ein junger Mann aus der Normandie, der literarische Ambitionen hegte, sich aber noch nicht bewiesen hatte.

Wechsel ins Bildungsministerium

Unter dem Pseudonym Guy de Valmont publizierte Maupassant Erzählungen, Gedichte und literarische Artikel sowie Kolumnen in Zeitungen und Zeitschriften, zum Beispiel in „Le Gaulois“ und in „Gil Blas“. Vermittelt wurden ihm die Kontakte zu den Zeitungen durch Flaubert. Die Kolumnen, von denen er jeden Monate zahlreiche schrieb, behandelten die verschiedensten Themenbereiche von der Literatur über das gesellschaftliche Leben bis hin zur Politik.

Anfang der 1870er Jahre glaubte er noch, für die Poesie bestimmt zu sein. Die Gedichte, die er in dieser Zeit verfasste, erschienen gesammelt in seinem Werk „Des vers“ (1880), welches Flaubert gewidmet ist.

Der Schriftsteller und Dichter Catulle Mendès (1841-1909), der zu den Parnassiens gehörte, wollte ihn für die Freimaurerei gewinnen, da er Maupassant zunehmend schätzte. Doch dieser lehnte ab:

Aus Egoismus, Gemeinheit oder Eklektizismus möchte ich niemals an eine politische Partei welcher Art auch immer, an eine Religion, an eine Sekte, an eine Schule gebunden sein; niemals in eine Vereinigung eintreten, die bestimmte Lehren verkündet, mich nicht vor einem Dogma beugen, vor einer Gebühr und einem Prinzip, und dies einzig dafür, um mir das Recht zu bewahren, darüber Schlechtes sagen zu können. (…) Ich habe Angst vor der kleinsten Kette, ob sie nun von einer Idee oder einer Frau kommen möge.

Brief von Maupassant an Catulle Mendès

Dieser Freiheitsdrang bezog sich auch auf literarische Schulen. Maupassant weigerte sich, sich den Naturalisten anzuschließen. Dennoch wurde er Teil der Entourage von Émile Zola. Immerhin versprach die Nähe zu dem Erfolgsautor und der naturalistischen Bewegung, die en vogue war, willkommene Aufmerksamkeit.

Am 16. April 1877 fand ein Diner von jungen Autoren statt – Paul Alexis, Henry Céard, Léon Hennique, J.-K. Huysmans, Octave Mirabeau und Guy de Maupassant -, bei dem Flaubert, Zola und Goncourt eingeladen waren.

Das literarische Abendessen fand Widerhall in der Presse und die bislang unbekannten Autoren galten durch ihre Zusammenkunft mit den Meistern des Realismus und des Naturalismus plötzlich als Namen, die man sich merken musste. Ein erfolgreicher Abend also!

Auch das Ministierum wusste inzwischen, dass der dort Angestellte Maupassant sich hinter dem Journalisten-Pseudonym Guy de Valmont verbarg und dass er zudem in seiner freien Zeit mit Naturalisten verkehrte. Weil diese aber als politisch links angesehen wurden, sah man die literarischen Umtriebe Maupassants im traditionell konservativen Marineministerium mit Unbehagen, auch wenn Maupassant selbst sich eigentlich weder als links noch als rechts eingeordnet hätte.

Auch die Qualität der Arbeit von Maupassant im Ministerium ließ nach, weshalb sein Arbeitsumfeld zunehmend feinselig wurde. Und so ergriff der Schriftsteller die Gelegenheit, als sie sich nach einem Regierungswechsel bot, ins Bildungsministerium („ministère de l’Instruction publique“) zu wechseln, wo er seiner Meinung nach mehr in seinem Element sein würde. Flaubert half ihm dabei, den Posten in der Rue de Grenelle zu bekommen.

Seine Gesundheit verschlechterte sich in dieser Zeit zunehmend: 1877 klagte er über Kopfschmerzen und Schwindel, weshalb er einige Monate in der Schweiz verbrachte, um sich zu erholen. Die Ärzte diagnostizierten ein Rheuma, das seinen Bauch, sein Herz und seine Haut angreife. Laut den Medizinern hatten seine Gesundheitsprobleme nichts mit der Syphilis-Infektion zu tun.

An den Sonntagen ging er weiter auf der Seine rudern, wobei jeder Ausflug mit einer Frauengeschichte endete. Doch die Begeisterung für das Rudern ließ nun etwas nach. Seine freie Zeit widmete er stattdessen dem Schreiben.

Unter verschiedenen Pseudonymen (Guy de Valmont, Maufrigneuse, Joseph Prunier) veröffentlichte er Beiträge, Kolumnen und Gedichte in diversen Zeitungen und Zeitschriften, zu denen er dank Flaubert Zugang erhalten hatte. Als Dank für diese Zuwendung widmete Maupassant seinem Lehrer und Meister am 22. Oktober 1876 in der „République des lettres“ eine ausführliche Studie, die den Gewürdigten wirklich berührte: „Sie haben mich mit einer kindlichen Zartheit behandelt.“

Verletzung der Sitten

Als in der „Revue moderne et naturaliste“ eines seiner Gedichte mit dem Titel „Une fille“ erschien, welches drei Jahres zuvor unter dem Titel „Au bord de l’eau“ in „La République des lettres“ von Catulle Mendès publiziert worden war, kam es zu einem kleinen Skandal. Der Unterpräfekt von Etampes, wo die Zeitschrift „La Revue moderne et naturaliste“ gedruckt wurde, war der Ansicht, es handele sich um ein Gedicht, welches die guten Sitten verletze, und verständigte die Justizbehörden.

Maupassant wurde also 1880 wegen des „Verstoßes gegen die öffentliche und religiöse Moral und gegen die guten Sitten“ („outrage à la moralité publique et religieuse et aux bonnes mœurs“) angeklagt und verhört – wie 1857 Gustave Flaubert wegen der Veröffentlichung des Romans „Madame Bovary“. Flaubert wurde damals durch den Prozess erst richtig bekannt. Doch Maupassant sorgte sich vor allem um seinen Arbeitsplatz im Ministerium und seinen Ruf. Er ersuchte Flaubert, ihm bei der Abwehr der Anklage zu helfen.

Und tatsächlich: Eine Woche nachdem sich der berühmte Schriftsteller aus Croisset in der Causa für seinen Schüler öffentlich in „Le Gaulois“ stark gemacht hatte, wurde die Anklage fallengelassen und das Verfahren eingestellt. Glück gehabt! Die Aufregung brachte Maupassant Bekanntheit und Renommee. Doch zugleich machte seine Gesundheit Maupassant sorgen: Er littt an einer Nervenkrankheit im Rückenmark, die zu einer Lähmung im Auge, Herzproblemen und Haarausfall führte. Manchmal hatte er Halluzinationen.

„Boule de suif“ und der literarische Durchbruch

1880 erlebte Guy de Maupassant seinen literarischen Durchbruch, als er die psychologische und sozialkritische Novelle „Boule de suif“, zu Deutsch „Fettklößchen“, veröffentlichte, die während dem Französisch-Preußischen Krieg spielt und ihm einen sofortigen und herausragenden Erfolg bescherte.

Sein Förderer Gustave Flaubert nannte Maupassants Novelle ein „Meisterwerk der Komposition, der Komik und der Beobachtung“, außerdem lobte er die originelle Konzeption und den hervorragenden Stil. Die Novelle erschien in dem Sammelband antimilitaristischer Erzählungen mit dem Titel „Les soirées de Médan“. Den Band versammelte Erzählungen der fünf jungen Schriftsteller Maupassant, Huysmans, Céard, Alexis und Hennique, dazu kam ein Beitrag des gewichtigen Naturalisten Zola.

„Boule de suif“ spielt nach der Niederlage der französischen Truppe gegenüber der preußischen Armee in der Normandie. Eine Reisegesellschaft, bestehend aus allen Schichten, Adligen, Bürgern, Kaufleuten, zwei Nonnen, einer Prostituierten – wegen ihrer rundlichen Formen „Boule de suif“, Fettklößchen, genannt – und einem Demokraten, macht sich in einer Kutsche auf die Reise nach Rouen. In Tôtes übernachten sie.

Ein deutscher Offizier, der in derselben Unterkunft nächtigt, untersagt den Reisenden die Weiterfahrt, solange bis die Dirne mit ihm geschlafen hat. Zunächst weigert sich Boule de suif, doch die Bourgeois der Reisegesellschaft reden ihr mit allen Mitteln ins Gewissen. Sie sind der Ansicht, dass sie, die es auch mit anderen Männern treibt, nun nicht die Vorsichtige, Patriotische spielen könne.

Mit historischen und religiösen Beispielen weiblicher Tapferkeit überreden sie Boule de suif, dem Wunsch des deutschen Offiziers nachzukommen. Als die Kutsche am nächsten Tag abfahren kann, da Boule de suif ihrer Pflicht nachgekommen ist, grenzt die Reisegesellschaft sie aus ihren Reihen aus. Nur der Demokrat stimmt, um sie zu rächen, in der Kutsche die Marseillaise an, die die Bürger und die Adligen verstimmt.

Flaubert war der Ansicht, dass „Boule de suif“ die übrigen Erzählungen des Sammelbandes „Les Soirées de Médan“ bei weitem übertraf. Die Literaturkritik war geteilter Auffassung über den Band, doch beim Publikum reüssierte er. Nach dem Erfolg von „Boule de suif“ widmete sich Guy de Maupassant ganz der erzählerischen Gattung.

Tod von Gustave Flaubert

Am 8. Mai 1880 erhielt Guy de Maupassant eine Depesche von Caroline Commanville: „Flaubert hatte Schlaganfall. Hoffnungslos. Fahren um sechs Uhr los. Kommen Sie, wenn möglich.“ Zwei weitere Telegramme aus Rouen bestätigten die Nachricht. Erschüttert von der Nachricht, machte sich Maupassant zum Zug auf, wo er das Paar Commanville traf. In Croisset fanden sie nur noch die Leiche Flauberts vor. Alles hatte sich sehr schnell abgespielt.

Maupassant stellte sich nun die Frage, wer ihm von nun an helfen würde, wo Flaubert nicht mehr da war. Er fühlte sich, wie er einigen Zeitgenossen, etwa Iwan Turgenew, gestand, nach dessen Tod von Flaubert wie verfolgt: „Seine Stimme verfolgt mich, Sätze kommen wir wieder in Erinnerung, seine verschwundene Zuneigung scheint mir die Welt um mich herum leer gemacht zu haben.“

Nach dem Tod von Flaubert nahm er drei Monate Urlaub von seinem Beruf im Bildungsministerium. Immer wieder hatten ihm zuvor bereits die Zeitschriften und Zeitungen angeboten, dass er bei ihnen arbeiten könnte. Doch aus der Überlegung heraus, dass er finanzielle Sicherheit wollte, lehnte Maupassant diese Angebote ab. Nach den drei Monaten Urlaub mochte er seine neu gewonnene Freiheit allerdings nicht mehr gegen die bürokratische Papierarbeit eintauschen.

Er entschied sich, das Risiko einzugehen und die Arbeitsstelle im Ministerium zu kündigen. Von nun an lebte er ganz vom Schreiben. Zu dieser Zeit plagten ihn Augenprobleme, Migräne und von Zeit zu Zeit Herzbeschwerden. Doch Maupassant arbeitete wie ein Verrückter. Er überschwemmte die Zeitungen und Zeitschriften mit seinen Beiträgen und Kolumnen. Daneben schrieb er an seinen Erzählungen und Romanen. Die Novelle „La Maison Tellier“ etwa war ein riesiger Erfolg, wodurch er ermutigt wurde, seinen Arbeitseifer noch zu steigern.

Die Erzählung handelt von einer Gruppe von Prostituierten und einer Zuhälterin aus der Stadt, die zu einer Erstkommunion aufs Land fahren, wo sie die als fromme Gäste an der religiösen Feier teilnehmen. Die Landbewohner ahnen nichts von der wirklichen Berufung der sechs fein herausgeputzten Städterinnen. Als sich einer Schreier nach der kirchlichen Zeremonie über die Frauen hermachen will, gibt sich die Zuhälterin entrüstet und drängt zum Aufbruch. Zurück in der Stadt empfangen die Damen wieder Freier, ehrbare Bürger aus Fécamp, die bereits auf ihre Rückkehr gewartet haben.

Romane, Motive und Ästhetik

In den Jahren 1880 bis 1890 schrieb er sechs Romane, die vom Publikum mehrheitlich positiv aufgenommen wurden. Seine bekanntesten Romane sind seine ersten beiden Romane, nämlich „Ein Leben“ bzw. „Ein Menschenleben“ (frz. „Une vie“, 1883) und „Bel-Ami“ (1885). Die weiteren Romane heißen „Mont-Oriol“ (1887), „Pierre et Jean“ (1888), „Stark wie der Tod“ („Fort comme la mort“, 1889) und „Unser Herz“ („Notre coeur“; 1890). Ab Mitte der 80er-Jahre ergänzte Maupassant seinen Gegenwartsstoffen durch phantastische Motive.

Als Schüler Flauberts teilte Maupassant dessen abgründigen Pessimismus. In seinem Wirken konfrontiert er immer wieder verschiedene soziale Milieus miteinander. Auch sexuelles Begehren und Eifersucht sowie der Widerspruch von moralischem Sein und Schein spielen eine wiederkehrende Rolle. Darüberhinaus thematisiert er immer wieder Angstgefühle und Depressionen. Der Preussisch-Französische Krieg, in dem er selbst gekämpft hat, wird ebenfalls immer wieder zum Gegenstand seiner Literatur gemacht.

Maupassant hat kein zusammenhängendes Programm und auch keine Ästhetik veröffentlicht, sodass seine literarischen Überzeugungen aus Voworten gewonnen werden müssen. (Wanning 1998) Für Maupassant soll der Künstler die Wirklichkeit manipulieren, indem er aus einer großen Menge Details aus der Realität ein neues Wirklichkeitsmodell erstellt, das den Anschein vollständiger Wirklichkeit erweckt und die Realität sogar noch übertrifft. Maupassant bezeichnete diese Vorgehensweise als „wahr machen“: „Faire vrai consiste donc à donner l’illusion complète du vrai…“ (Maupassant, Le Roman, zitiert nach Wanning 1998, 95).

Im Vorwort zu „Pierre et Jean“ unterscheidet Maupassant den klassischen „roman d’analyse“ von dem modernen „roman objectif“. Letzteren möchte er selbst schreiben. (Wanning 1998) Der „roman d’analyse“ soll gefallen und bewegen, der „roman objectif“ zum Denken anregen. Der „roman d’analyse“ stellt Ausnahmeerscheinungen dar und zeichnet sich durch Höhe- und Wendepunkte sowie Effekte und Krisen aus. Der „roman objectif“ hingegen stellt die Wahrheit und alltägliche Ereignisse dar. Er wählt natürliche Übergänge und den Normalzustand.

„Bel-Ami“

Louis Pascal, inspiriert von Bel-Ami, gemalt von Henri de Toulouse-Lautrec. (1891)

Beispielhaft soll hier der Roman „Bel-Ami“ vorgestellt werden, der nach seiner Veröffentlichung im Jahr 1885 einen außergewöhnlichen Erfolg erlebte und von dem innerhalb von zwei Jahren 50 Auflagen erschienen sind.

Der Roman handelt vom gesellschaftlichen Aufstieg des Georges Duroy im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Duroy, ein ehemaliger Unteroffizier, inzwischen mittelos geworden, macht sich nach Paris auf und trifft dort auf seinen früheren Kameraden Forestier.

Forestier, der mittlerweile für die Zeitung „La vie française“ arbeitet, verschafft Duroy eine Stelle als Journalist, doch dieser merkt bald, dass ihm das Talent zum Schreiben fehlt. Forestier führt seinen Freund in die Gesellschaft von Paris ein. Trotz dessen mangelhaften geistigen Gaben sind die Damen der höheren Gesellschaft von Duroys Charme entzückt – und so wird er unter dem Spitznamen Bel-Ami bekannt.

Mit seinen Verführungskünsten, der Unterstützung der Gesellschaftsfrauen und Intrigen gelingt es es Duroy, sozial aufzusteigen. Er verführt die Tochter des Zeitungsherausgebers Walter, eines der reichsten Männer von Paris. Durch die Ehe mit ihr wird er zum geachteten Mann und bekommt einen Posten als Chefredakteur einer angesehenen Pariser Zeitung.

Krankheit und Ende

Nach dem Jahr 1890 holten Maupassant seine gesundheitlichen Probleme ein. Er hatte im Jahr 1891 Zahnschmerzen, die Grippe und Migräne, seine Augen funktionierten ebenfalls nicht, wie sie sollten. Außerdem hatte er Halluzinationen. Der Doktor meinte zu ihm, er habe in den vergangenen zehn Jahren zu viel gearbeitet.

Seine schriftstellerische Tätigkeit kam nicht mehr voran, auch lesen kann er nicht mehr. „Gott, was habe ich das Leben satt“, schrieb er zu dieser Zeit. Seine Beschwerden wie gelähmte Augen, Sehstörungen, Schwindel, Nervenschäden waren wohl auch die Folgen seiner Syphiliserkrankung.

Sein begonnener Roman „L’Angélus“ sollte unvollendet bleiben. Zu einem befreundeten Dichter sagte er bei einem Besuch, er werde sich umbringen, wenn der Roman nicht in einigen Monaten abgeschlossen sei. Auch das erste Kapitel des Romans „L’Âme étrangère“ hat er verfasst. Zur Erholung machte er Kuren, fuhr in Frankreich herum und verbrachte Zeit in Cannes. Auch mit Frauengeschichten und Dorgen, Äther und Morphium, versuchte er, seine Leiden zu lindern.

Doch all diese Versuche, den Schmerzen zu entkommen, führten nicht ans Ziel. Er hatte dem Schriftsteller und Journalisten Hughes Le Roux gesagt: „Ich denke mit an den Suizid (…).“ Die behandelnden Ärzte waren nun der Auffassung, er habe eine Meningoenzephalytis, deren Ursprung in der Sypilis läge, nachdem sie lange zwischen einer Geschlechtskrankheit und einer Neurose gezögert hatte.

Die Krankengeschichte der Familie Maupassant liest sich schwerwiegend: Seine Mutter hatte eine Nervenschwäche, sein Bruder Hervé war einer allgemeine Lähmung zum Opfer gefallen, sein Onkel Alfred Le Poittevin war im Alter von 32 Jahren gestorben.

Am 14. Dezember 1891 verfasste Guy de Maupassant sein Testament. Nachdem er Weihnachten noch einmal mit seiner Mutter verbracht hatte, unternahm er einen – gescheiterten – Selbstmordversuch. Danach galt er wegen seiner geistigen Umnachtung als Gefahr für sich selbst und für andere.

Er wurde in die Pariser Klinik des Doktors Blanche eingewiesen, in dessen Behandlung sich prominente Personen mit psychischen Problemen begaben. In der Klinik nahmen die Halluzinationen und die wahnhaften Zustände zu. Obwohl alles unternommen wurde, um den Medienrummel gering zu halten, bekam die Presse Wind vom Zustand Maupassants. Im Juni 1893 hatte er Krampfanfälle, woraufhin die Ärzte bereits sein Ende vermuteten. Der athletische Frauenheld und geniale Schriftsteller von einst war nur noch ein Schatten seiner selbst. Er fiel ins Koma, wachte wieder daraus aus.

Am 6. Juli 1893 starb Maupassant im Alter von 42 Jahren. Sein umfangreiches Werk war innerhalb von nur zehn Jahren zu Papier gebracht worden, während der Autor ein Leben zwischen Frauen, Bootsfahrt, Reisen und Krankheit führte. Überraschenderweise fand seine Beerdigung am 8. Juli sehr konventionell in einer Kirche statt, zu der seine Freunde in großen Zahlen kamen. Seine Mutter und sein Vater nahmen an der Bestattungszeremonie nicht teil.

Literatur/Bibliographie

  • „Guy de Maupassant.“ In: Kindlers Literatur Lexikon Online. [Zugriff am 21.10.2020]
    „Guy de Maupassant.“ In: La République des Lettres. [Zugriff am 29.10.2020]
  • Maupassant, Guy de (1994): Boule de suif. (Reclam Fremdsprachentexte), hrsg. von Helmut Keil. Stuttgart/Ditzingen: Reclam Verlag.
  • Kessler, Helmut (1966): Maupassants Novellen: Typen und Themen. (Archiv für das Studium der Neueren Sprachen und Literaturen, Beiheft 2) Braunschweig: Georg Westermann Verlag.
  • Troyat, Henri (1989): Maupassant. (Grandes Biographies Flammarion) Paris: Flammarion.
  • Ulbricht, Arne ( 2017): Maupassant: Biografischer Roman. Berlin: Klak Verlag.
  • Wanning, Frank (1998): Französische Literatur des 19. Jahrhunderts. (Uni Wissen) Stuttgart/Düsseldorf/Leipzig: Ernst Klett Verlag.
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Comic & Graphic Novel

„Die Ratten im Mäuseberg“ von Léo Malet, Emmanuel Moynot und François Ravard

Léo Malet/Emmanuel Moynot/François Ravard: Die Ratten im Mäuseberg. Schreiber und Leser.

Nach einem 1955 erstmals erschienenen Krimi des Schriftstellers Léo Malet haben der Zeichner François Ravard und der Szenarist Emmanuel Moynot den Comic „Die Ratten im Mäuseberg“ aus der Reihe um den Privatdetektiv Nestor Burma als Comic umgesetzt. Heraus kommt der neunte Fall des Schnüfflers Burma – ein kurzweiliger und unterhaltsamer Band mit überaus überraschendem Ende.

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Interview

Interview: „Ich schätze Maupassants Wildheit“ – 8 Fragen an Arne Ulbricht

In der nächsten Zeit wird auf meinem Blog ein kleiner Schwerpunkt auf dem französischen Schriftsteller Guy de Maupassant (1850-1893) liegen. Eingeläutet wird dieser durch ein Interview mit dem Maupassant-Freund und -Kenner Arne Ulbricht, der einen biographischen Roman über dessen Leben verfasst hat.

In seinem sehr gut recherchierten Roman erzählt Arne Ulbricht, der in Teilzeit als Lehrer für Französisch und Geschichte arbeitet und nebenbei seit 1997 Bücher schreibt, wie Maupassant zum Schriftsteller wurde. Er berichtet in unterhaltsamer Weise, mit viel wörtlicher Rede, aus dem Leben des jungen Mannes bis ins Jahr 1880, als die Novelle „Boule de suif“ erschien und sein Lehrer und literarischer Patron Gustave Flaubert starb.

Der Roman ist auf Deutsch („Maupassant: Biografischer Roman“, Klak Verlag, 2017) und auf Französisch („Cette petite crapule de Maupassant“, Les Éditions du Sonneur, 2019) erschienen.


Promenades littéraires: Lieber Herr Ulbricht, Sie haben einen biographischen Roman über Guy de Maupassant verfasst. Wie kamen Sie zu diesem Thema?

Arne Ulbricht: Dank meines Französischlehrers. Das war noch ein wahrer Überzeugungstäter, der uns wirklich begeistert hat. Die Novelle „Le Vagabond“ hat mich damals – ich war 18 – tief bewegt. Während meines Studiums habe ich dann einen Maupassant-Band nach dem anderen verschlungen und irgendwann eine Biografie gelesen. Ich staunte, was ich alles nicht über Maupassant wusste, und dachte: Über diesen fulminanten Autor schreibe ich einen Roman!

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Rezension Schöne Literatur

„Loving: Männer, die sich lieben – Fotografien von 1850-1950“ von Neal Treadwell und Hugh Nini (Herausgeber)

Neal Treadwell/Hugh Nini (Herausgeber): Loving: Männer die sich lieben. Fotografien aus den Jahren 1850-1950. Elisabeth Sandmann Verlag.

Dieser Tage ist im Elisabeth Sandmann Verlag ein außergewöhnlicher Bildband erschienen, dessen Anliegen es ist, die Universalität der Liebeserfahrung über die Zeit, den Raum und soziale Grenzen hinweg abzubilden. Das Besondere an diesem Werk: Die Herausgeber Neal Treadwell und Hugh Nini, die die Bilder auf ihren jährlichen Reisen durch verschiedene Länder in Europa, Kanada und quer durch die USA sammelten, haben 350 Bilder von ausschließlich Männerpaaren zusammengetragen. Insgesamt besitzen sie über 2800 Originalfotos liebender Männer.