Der Aufbau-Verlag hat in den vergangenen Jahren das erstaunlich umfangreiche Werk der dänischen Autorin Tove Ditlevsen für den deutschsprachigen Raum neu erschlossen. Ditlevsen, 1917 in Kopenhagen geboren, schrieb autofiktionale Romane über ihre Herkunft aus der Arbeiterschicht, über ihre Kindheit im Kopenhagener Arbeiterviertel Vesterbro, aber auch über Medikamentensucht, psychische Krankheit und weibliche Selbstbehauptung. Besonders erfolgreich war ihre sogenannte Kopenhagen-Trilogie, bestehend aus den Bänden „Kindheit“, „Jugend“ und „Abhängigkeit“, die in über dreißig Sprachen übersetzt wurde und beinahe fünfzig Jahre nach Ditlevsens Tod im Jahr 1976 eine literarische Wiederentdeckung einleitete.
Weiterlesen: „Da wohnt ein junges Mädchen in mir“ von Tove DitlevsenDitlevsen gilt heute häufig als Vorläuferin autofiktionaler und autosoziobiographischer Autorinnen wie Annie Ernaux oder Rachel Cusk. Neben ihren Prosawerken veröffentlichte sie jedoch auch Gedichte, die in der deutschsprachigen Rezeption bislang weniger im Mittelpunkt standen. Nach der Kopenhagen-Trilogie, die 2021 in der Übersetzung von Ursel Allenstein erschien, folgten weitere Bücher: der Roman „Gesichter“ (2022), die Kurzgeschichtensammlung „Böses Glück“ (2024), Ditlevsens letzter Roman „Vilhelms Zimmer“ von 1975 (2024) und zuletzt der Gedichtband „Da wohnt ein junges Mädchen in mir“ (2026).
Ein wenig gewinnt man den Eindruck, als solle der Hype um Ditlevsen mit jeder weiteren Veröffentlichung aufrechterhalten werden. Die zuletzt erschienenen Bücher lösten, trotz wiederholter Vergleiche mit der Kopenhagen-Trilogie, nicht mehr denselben Begeisterungswirbel im Feuilleton und in den sozialen Medien aus wie jene drei Bände, die wohl als Ditlevsens Hauptwerk und zentrale literarische Leistung gelten dürfen. Und doch lohnt es sich, auch die vermeintlich kleineren Werke genauer zu betrachten. In den Gedichten von „Da wohnt ein junges Mädchen in mir“ kehrt, wie der Titel bereits andeutet, die Stimme des jungen Mädchens aus Vesterbro wieder: eine Stimme, die Eindrücke von Kindheit und Jugend in einem rauen, belebten, aber zugleich eigentümlich vertrauten Viertel im Dänemark der 1920er Jahre sammelt.
Meistens lungerten wir im Hauseingang
denn in der Wohnung gab es nichts zu erleben
doch hier schlenderten halbstarke Jungs vorbei,
um feixend die Mützen zum Gruß zu heben.Dann kreischten wir auf, unsere Zigaretten
brannten roten Löcher ins schummrige Licht…
(„Straße der Kindheit“)
Auch dieser Band wurde von Ursel Allenstein übersetzt und mit einem kenntnisreichen Nachwort versehen. In den Gedichten laufen mehrere Stränge aus Ditlevsens Werk zusammen: Kopenhagen als sozialer und poetischer Erfahrungsraum, die Kindheit in einer belebten Straße, das tastende Bewusstsein eines lyrischen Ichs, das wahrscheinlich als junges Mädchen zu lesen ist, und die erste Wahrnehmung des anderen Geschlechts an der Schwelle zur Pubertät. Dieses Mädchen wagt sich noch nicht ganz in die Welt hinaus. Es beobachtet, horcht, lässt sich von Freundinnen aufklären, die gewiefter wirken und scheinbar mehr wissen. Eine dieser Freundinnen gibt dem lyrischen Ich Sätze mit, die dieses wiederum an die Leser weiterreicht:
Der Gestank
vom Abdecker
war nicht so schlimm
wie tagsüber.
Betrunkene Männer
tun nichts
sagte meine
Freundin
(„Regen“)
Ob die Ratschläge der Freundin verlässlich sind, bleibt offen. Gerade in solchen Momenten entsteht die Spannung dieser Gedichte: Zwischen kindlicher Naivität und sozialer Härte, zwischen Unwissen und früher Erfahrung, zwischen Schutzbedürfnis und der Ahnung, dass die Welt nicht harmlos ist. Ditlevsen lässt das lyrische Ich mit einem staunenden, manchmal naiven, manchmal versonnenen Blick auf die Umgebung schauen. Dieser Blick ist poetisch, aber nicht immer frei von Sentimentalität. Immer wieder treten Naturvergleiche und Bilder auf, die aus heutiger Perspektive konventionell, bisweilen sogar etwas altmodisch wirken. Man denkt an eine traditionelle Vorstellung von Lyrik, an Natur- und Empfindungslyrik, an eine romantische Bildsprache, die auf Innerlichkeit und Verklärung zielt.
Es regnete immer
in der Istedgade.
Das Laternenlicht
entfaltete sich
wie große Sonnenblumen
in der herabsinkenden
Dunkelheit.
(„Regen“)
Doch bei Ditlevsen verbindet sich diese romantisierende Bildlichkeit mit der Rauheit der Großstadt. Die Istedgade ist kein idyllischer Erinnerungsort, sondern eine Straße der Armut, der Enge, der Gerüche, der Männerblicke und der kindlichen Selbstbehauptung. Gerade daraus entsteht der eigentümliche Reiz der Gedichte: Das lyrische Ich begegnet der sozialen Wirklichkeit nicht mit soziologischer Analyse, sondern mit Bildern, die diese Wirklichkeit zugleich abmildern und sichtbar machen. Die Poesie ist hier Schutz, aber auch Erkenntnismittel.
Die Gedichte sind, wie die Jahreszahlen nahelegen, nicht aus der unmittelbaren Perspektive des Kindes heraus entstanden, sondern im Rückblick. Ditlevsen schreibt nicht als junges Mädchen, sondern über die Erinnerung an dieses Mädchen. Das erklärt die Spannung zwischen kindlichem Ton und formaler Ordnung. Die Gedichte wirken schlicht, sind aber bewusst gebaut. Sie stellen eine Stimme her, die naiv erscheinen darf, ohne tatsächlich naiv komponiert zu sein.
Dennoch bleibt der Eindruck ambivalent. Ditlevsens große Stärke liegt im Erzählen, in der Prosa, in der genauen Selbstbeobachtung und in der schonungslosen Darstellung sozialer und psychischer Abhängigkeiten. In der Lyrik dagegen neigt sie gelegentlich zum Kitsch, zur glatten Symbolik, zum allzu vertrauten Bild. „Da wohnt ein junges Mädchen in mir“ ist deshalb nicht der stärkste Einstieg in ihr Werk. Wer Ditlevsen verstehen will, wird weiterhin zur Kopenhagen-Trilogie greifen müssen. Wer ihr Werk jedoch weiter erkunden möchte, findet in diesen Gedichten ein zartes, manchmal sprödes, manchmal sentimentales Nebenstück: eine poetische Rückkehr nach Vesterbro, in der das Mädchen von damals noch einmal zu sprechen beginnt.
