Blog Details

  • Home
  • „Beim Anschüren des Eisvogels“ von Leonhard F. Seidl

„Beim Anschüren des Eisvogels“ von Leonhard F. Seidl

Von Leonhard F. Seidl erschien vor Kurzem gemeinsam mit anderen renommierten Autorinnen und Autoren, darunter Friedrich Ani, Lucas Fassnacht, Philip Krömer und Leonhard M. Seidl, die Kriminalgeschichtensammlung Tatort Alpen bei ars vivendi. Elf Kriminalgeschichten versammelt dieser Band, der bereits durch seine Namen neugierig macht. Doch nicht um dieses neue Buch soll es hier gehen, sondern um einen anderen, leiseren, vielleicht überraschenderen Band Seidls: Beim Anschüren des Eisvogels, erschienen bei Killroy media, mit dem Untertitel Nature Writing oder vom Schreiben aus dem Gelände.

Weiterlesen: „Beim Anschüren des Eisvogels“ von Leonhard F. Seidl

Leonhard F. Seidl, 1976 in München geboren, ist seit den 2010er Jahren literarisch in verschiedenen Feldern präsent. Veröffentlichungen, Anthologien, Zeitschriftenbeiträge und Auszeichnungen haben sich in dieser Zeit verdichtet. Seidl schreibt Krimis und Kriminalgeschichten, oft mit fränkisch-regionaler Färbung, aber auch Essays, satirische Texte und politisch engagierte Literatur. Zuletzt hat er sich verstärkt dem Nature Writing zugewandt. Gerade diese Vielseitigkeit macht seinen Band interessant: Er kommt nicht aus einer rein kontemplativen Naturprosa, sondern aus einem literarischen Werk, das Gesellschaft, Gewalt, Alltag, Politik und Landschaft zusammendenkt.

Mehrere Schreibstipendien führten Seidl in die Natur, in Nationalparks und abgelegene Landschaftsräume. Im Nationalpark Gesäuse lebte und schrieb er zwei Wochen lang in einer Selbstversorgerhütte ohne Strom. 2021 erhielt er das Waldzeit-Nature-Writing-Stipendium Thoreau 2.2 sowie das Hermann-Kesten-Stipendium. Auch als Vortragender hat er sich mit Nature Writing beschäftigt. Von 2007 bis 2010 und erneut ab 2019 war er Vorsitzender des Schriftstellerverbands Mittelfranken, seit 2026 ist er Vorsitzender des VS Bayern. Die in diesem Zusammenhang entstandenen Texte wurden 2025 in Beim Anschüren des Eisvogels versammelt.

Dass Seidl auch im Nature-Writing-Heft 03/2025 der Literaturzeitschrift Akzente, herausgegeben von Marietta Thien, vertreten ist, darf man als besondere Anerkennung verstehen. Zugleich stellt sich die Frage, was dieser vielbemühte Anglizismus eigentlich bezeichnet. Nature Writing meint mehr als bloße Naturbeschreibung. Es ist ein Schreiben, das Natur nicht als Kulisse begreift, sondern als Erfahrungsraum, als Gegenüber, als bedrohte Mitwelt. Es fragt nach dem Verhältnis des Menschen zur Natur, nach Wahrnehmung, Verantwortung und Einbindung. Ein klassisches Bezugswerk ist Henry David Thoreaus Walden, an das Seidls Aufenthalte in Nationalparks in Deutschland, Österreich und Tschechien zumindest entfernt erinnern.

Als „Nature Writer in Residence“, wie es der Klappentext formuliert, ist Seidl in diesen Landschaften zugleich Besucher, Beobachter, Schriftsteller und Mensch unter anderen Lebewesen. Diese mehrfache Rolle prägt den Band. Er schreibt nicht aus einer souveränen Distanz heraus, sondern aus dem Gelände: tastend, wahrnehmend, manchmal irritiert, manchmal politisch, immer wieder auch selbstbefragend. Natur erscheint dabei nicht als unberührtes Idyll. Sie ist beschädigt, genutzt, bewirtschaftet, bedroht und dennoch voller Schönheit.

Schon der Titel Beim Anschüren des Eisvogels irritiert. Der Eisvogel steht für das Leuchtende, Seltene, Schutzbedürftige. Er ist ein Symbol der Schönheit, aber auch ihrer Gefährdung. Das Anschüren dagegen verweist auf Feuer, Nutzung, Eingriff, vielleicht sogar Zerstörung. In dieser Spannung bewegt sich der Band: zwischen Bewunderung und Verbrauch, zwischen Schutz und Zugriff, zwischen Naturerfahrung und Naturbewirtschaftung. Seidls Texte lassen sich deshalb auch politisch lesen, ohne in bloße Programmatik zu kippen. Sie erinnern daran, dass Natur nicht nur betrachtet, sondern auch behandelt wird.

Der Band ist eine Sammlung unterschiedlicher Texte, Eindrücke und Aufenthalte. Gerade aus dieser Disparatheit entsteht ein Gesamtbild. Verschiedene Orte, Stimmen und Begegnungen fügen sich zu einem Mosaik. Man begegnet Menschen, Landschaften, Tieren, Stimmungen, aber auch Erschöpfung, Corona, Rückzug und der Sehnsucht nach einer Welt, in der die Anforderungen des modernen Lebens für einen Moment verstummen. Die Natur wird zum Erholungsraum, aber auch zur Projektionsfläche. Sie kann Zuflucht sein, Fluchtpunkt, Gegenbild zur Technik, aber nie ganz außerhalb der Gegenwart.

Etwas überraschend beginnt der Band mit einem kleinen Krimi. Danach folgen stärker essayistisch-beobachtende Texte, meist knapp, konzentriert und gut lesbar. Seidl schreibt präzise, ohne die Natur zu verklären. Seine Texte sind kurzweilig, aber nicht leichtfertig. Sie registrieren genau, was geschieht, und lassen zugleich Raum für das, was sich nicht vollständig erklären lässt: das Rascheln, das Verschwinden, das Aufscheinen eines Tiers, die Müdigkeit des Menschen, die Verletzlichkeit eines Landschaftsraums.

Vielleicht liegt darin die Stärke dieses Bandes. Beim Anschüren des Eisvogels zeigt Nature Writing nicht als bloße Flucht aus der Moderne, sondern als eine Form der Rückkehr zur Wahrnehmung. Die Natur ist nicht einfach das Andere der Zivilisation. Sie ist von ihr durchdrungen, bedroht, berührt. Wer in sie hinausgeht, nimmt sich selbst mit: seine Erschöpfung, seine Geschichte, seine politischen Fragen, seine Sprache.

Seidls Band lädt dazu ein, langsamer zu schauen. Nicht alles an ihm ist homogen, nicht jeder Text wirkt gleich stark, aber gerade die Mischung aus Kriminalistischem, Essayistischem, Beobachtendem und Politischem macht seinen Reiz aus. Beim Anschüren des Eisvogels ist ein Buch über Natur, aber ebenso eines über das Schreiben, über Aufmerksamkeit und über die schwierige Frage, wie man von einer Schönheit erzählen kann, die längst gefährdet ist.

Einen Kommentar hinterlassen