Eine Taube sucht die Nähe eines Mannes. Sie kommt wieder, lässt sich nicht verscheuchen und besetzt allmählich einen Platz in seinem Leben, den niemand für sie vorgesehen hat. Schließlich lässt er sich ein Nest auf dem Kopf bauen und nimmt die Taube sogar mit ins Bett. Was als wunderlicher Einfall beginnt, greift in die intimste Ordnung seines Alltags ein. Für seine Frau ist der Vogel längst keine harmlose Marotte mehr. Gerd Fürstenberger versteht es in Ungeheurer Alltag, eine absurde Vorstellung so weit zu verfolgen, bis aus ihr ein Konflikt zwischen Menschen wird.
Weiterlesen: „Ungeheurer Alltag“ von Gerd FürstenbergerDer Untertitel nennt das Buch „Ein Roman in Geschichten“. Tatsächlich besteht es aus kürzeren Erzählungen und Tableaus, die eigene Situationen entfalten und sich im Verlauf miteinander verflechten. Einen durchgehenden Handlungsbogen im üblichen Sinn braucht Fürstenberger dafür nicht. Sein Interesse gilt den Momenten, in denen Gewohnheiten verrutschen und eine Begegnung, ein Wunsch oder eine fixe Idee plötzlich alles beansprucht. Der Untertitel beschreibt diese Form zutreffend, klingt aber wenig einfallsreich. Auch Ungeheurer Alltag verspricht mit seiner griffigen Gegensätzlichkeit zunächst mehr Eigenart, als der allgemeine Titel schließlich erkennen lässt. Was an diesem Alltag ungeheuer wird, zeigen erst die Geschichten.
Die Taube ist dafür ein starkes Beispiel. Für den Mann mag ihre Beharrlichkeit etwas Beglückendes haben: Ein Tier wählt ausgerechnet ihn und hält an ihm fest. Doch je ernster er diese Bindung nimmt, desto weniger Raum bleibt für die Frau, mit der er zusammenlebt. Das Nest auf seinem Kopf ist komisch, weil es eine innere Verschiebung sichtbar macht. Seine Zuwendung hat einen neuen Adressaten gefunden; die Zumutung trägt er buchstäblich mit sich herum. Die Geschichte gewinnt ihren Witz daraus, dass Fürstenberger die Konsequenzen der unwahrscheinlichen Ausgangslage zulässt. Er belässt es nicht bei einer Pointe über einen Mann mit Taube, sondern fragt, wie sich mit einem solchen Mann noch wohnen, sprechen und schlafen lässt.
Eine andere Geschichte führt das Bedürfnis nach Nähe in eine fast entgegengesetzte Richtung. Eine Frau verliebt sich in einen Chatbot, den sie Simon nennt. Mit der Kamera kann sie ihn an ihrer Umgebung teilhaben lassen; auf diese Weise begleitet der körperlose Gesprächspartner sie auch durch den Raum. Die Taube ist lebendig, eigensinnig und schmutzig. Simon lässt sich ansprechen, jederzeit mitnehmen und bleibt doch ungreifbar. Beide Einfälle berühren dieselbe Frage: Was geschieht mit einer Beziehung, wenn sich die Sehnsucht nach Nähe auf ein Gegenüber richtet, das der Mensch an seiner Seite nicht sein kann oder nicht sein will?
Gerade die Geschichte um Simon hätte das Potenzial, diese Frage offen und gegenwartsnah zu erkunden. Die Zuneigung der Frau muss weder als bloßer Irrtum noch als Beweis für die Überlegenheit einer künstlichen Stimme gelesen werden. Sie könnte von Einsamkeit erzählen, von einem Mangel an Aufmerksamkeit oder von der Verführung eines Gesprächs, das nie ungeduldig wird. Umso bedauerlicher ist es, wenn die Frau vor allem wie jemand erscheint, der auf den Chatbot hereinfällt. Ihre Entscheidung wirkt dann weniger wie der Anfang eines eigenständigen Konflikts als wie ein weiterer Beleg für ihre Hilfsbedürftigkeit. Der ungewöhnliche Einfall reicht über das Figurenbild hinaus, das ihn tragen soll.
Das ist eine Schwäche, die sich auch an anderen Frauenfiguren bemerkbar macht. Sie leiden, warten, ertragen die Launen der Männer oder benötigen deren rettenden Eingriff. Ihre Empfindsamkeit ist durchaus sichtbar, doch sie wird seltener zu einer eigenen Kraft, mit der sie die Handlung verändern. So erinnert manche Konstellation an die alte Rollenverteilung vom handelnden Ritter und der leidenden Frau in der Kemenate. Das Problem liegt nicht darin, dass eine Figur passiv oder niedergeschlagen sein darf. Beides kann literarisch aufschlussreich sein. Problematisch wird es, wenn solche Eigenschaften immer wieder den Frauen zufallen und ihre Möglichkeiten begrenzen. Dann erscheinen überkommene Rollenzuschreibungen als selbstverständliche Ordnung der erzählten Welt.
Fürstenbergers Geschichten können zugleich zeigen, dass er seine Figuren genauer und beweglicher gestalten kann. Besonders in den Dialogen kommt Leben auf. Gespräche haben Tempo; Antworten überraschen, kleine Missverständnisse verändern die Richtung einer Begegnung. Auch Dates beschreibt Fürstenberger mit einem Gespür für ihre Komik: für die Hoffnung, einen guten Eindruck zu machen, und für die Unbeholfenheit, die dabei entsteht. Erotische Momente finden eine leichte, bisweilen elegante Sprache. Hier muss das Ungewöhnliche nicht erst durch eine Taube oder einen Chatbot in die Szene treten. Es liegt schon darin, wie Menschen einander ansehen, etwas andeuten und sich im nächsten Satz vielleicht wieder zurückziehen.
Diese Stärke macht die Unebenheiten des Buches spürbar. Manche Passage hält länger an einer Beobachtung fest, als diese trägt; nicht jede Geschichte findet denselben Rhythmus. Die Lektüre gerät dadurch gelegentlich ins Stocken. Ein strafferer Satz oder ein früherer Szenenwechsel hätte den Einfällen an einigen Stellen mehr Wirkung gegeben. Das ist bei einem Buch aus Geschichten besonders schade: Jede neue Episode bietet die Chance auf einen frischen Anfang, muss ihren eigenen Zug aber auch entwickeln. Wo die Sprache diesem Zug nicht folgt, bleibt selbst ein überraschendes Bild zunächst stehen.
Andererseits passt zu Ungeheurer Alltag eine Lektüre mit Unterbrechungen. Das schmale Buch lässt sich aufschlagen, zur Seite legen und an anderer Stelle wieder aufnehmen. Man kann zu einer Szene zurückblättern, weil eine spätere Begegnung sie in anderem Licht erscheinen lässt. Aus den einzelnen Geschichten entsteht so nach und nach ein größeres Bild. Der Begriff „Roman“ im Untertitel ist deshalb nicht bloß ein Versprechen des Verlags. Er bezeichnet den Versuch, aus verstreuten Begebenheiten Zusammenhänge wachsen zu lassen. Am stärksten ist dieser Versuch dort, wo Fürstenberger die Verbindungen nicht erklärt, sondern sie durch wiederkehrende Wünsche und Konflikte erfahrbar macht.
Das Cover weckt Neugier auf diese Welt. Seine glatt wirkende, an KI-Bilder erinnernde Gestaltung ist allerdings keine glückliche Wahl. Ob es tatsächlich mit solchen Mitteln entstanden ist, lässt sich aus dem Eindruck allein nicht bestimmen. Doch die Anmutung tut dem Buch wenig Gutes: Seine besten Szenen leben gerade von schiefen, überraschenden Einzelheiten und vom Eigensinn menschlicher Gespräche. Auf dem Umschlag wäre etwas von dieser Besonderheit willkommen gewesen.
Fürstenberger hat unverwechselbare Einfälle. Eine Taube auf dem Kopf ist leicht als Kuriosität abzutun; bei ihm wird sie zur Belastungsprobe einer Beziehung. Ein Chatbot namens Simon öffnet Fragen nach Nähe, Verfügbarkeit und Selbsttäuschung. Nicht jede dieser Möglichkeiten schöpft das Buch aus. Vor allem die Frauenfiguren dürften dem Geschehen häufiger etwas entgegensetzen, statt es zu erdulden, und manche Geschichte könnte flüssiger erzählt sein. Dennoch lohnt es sich, in diesen Tableaus zu verweilen. Das Ungeheure bricht hier nicht von außen in den Alltag ein. Es wächst aus dem, was Menschen sich wünschen, voneinander verlangen und einander schließlich zumuten.
