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„Der Umfall“ von Mikael Ross

Der Graphic Novel „Der Umfall“ wurde 2020 mit dem Max-und-Moritz-Preis des Erlanger Comic-Salons ausgezeichnet. Mikael Ross hat für den Comic zwei Jahre vor Ort in dem inklusiven Dorf Neuerkerode in Niedersachsen recherchiert, ehe er zur Feder griff. Genau diesem Dorf nähert sich Ross in seiner Graphic Novel auf einfühlsame Weise an, indem er den Alltag der Dorfbewohnerinnen und -bewohner mit Beeinträchtigung in Episoden darstellt, die mal komisch, mal tragisch, mal skurril sind. Die also die ganze Breite des Lebens abbilden.

Im Zentrum des Comic-Bandes steht der Protagonist Noël, der, wie sein Name vermuten lässt, an Weihnachten Geburtstag hat. Eigentlich kommt der junge Mann mit einer geistigen Behinderung aus Berlin. Doch als seine Mutter, liebevoll „Mumsie“ genannt, überraschend einen Schlaganfall hat („Schlag“ oder „Umfall“ genannt) und ins Koma („Koooma“) versetzt werden muss, wird ihm ein Vormund – der „Mann mit Bart“ – zugeteilt, welcher ihn in das Dorf Neuerkerode in Niedersachsen begleitet.

Dort lernt Noël nach kurzer Eingewöhnungsphase neue Freunde kennen, etwa den hilfsbereiten Betreuer Robert und den etwas kauzigen, aber wohlwollenden Asperger-Autisten Valentin, der Ordnung über alles liebt, die Geburtstage berühmter Menschen auswendig kennt und für sein Leben gern Mensch-ärgere-dich-nicht spielt. Bei einem Disco-Abend verliebt sich Noël in eine ältere Frau namens Penelope, die für ihn ab diesem Zeitpunkt nur noch „die Prinzessin“ ist. Sie hat jedoch außer ihm noch weitere Verehrer.

Mehrmals begegnen sich Penelope und Noël zufällig, im Schwimmbad, an der Bushaltestelle. Als er gerade dabei ist, seiner „Prinzessin“ mit dem Bus hinterherzufahren, stößt er auf das Mädchen Alice, die ihm zur Hilfe eilt, weil er keine Busfahrkarte hat. Sie nimmt diesen „Pummelino“, wie sie ihn nennt, zu sich nach Hause auf den Bauernhof in Sickte mit. Als sie sich darüber aufregt, dass Noël nur von der von ihm gesuchten „Prinzessin“ schwärmt, statt ihre Reize zu schätzen, – immerhin trägt auch sie ein Prinzessinnenkleid – bekommt sie einen epileptischen Anfall.

Als Noël an der Bushaltestelle des Dorfes eigentlich ein Date mit einer „Prinzessin“ hat, aber niemand erscheint, erzählt ihm eine alte Frau namens Irma, die dort gerade wartet, aus der Nazi-Vergangenheit des Ortes. Sie berichtet von der Aktion T4, bei der kranke und behinderte Kinder – abgestempelt als „lebensunwertes Leben“ – unter mithilfe der „Hornissen“ genannten Schwestern in Bussen abtransportiert wurden. Angeblich fuhren die Kinder ans Meer, doch weder durften sie Gepäck mitnehmen noch kam je eines der mitgenommenen Kinder wieder zurück, auch nicht ihr Bruder Erwin, der seine Schwester Irma ermahnte, sie solle bloß nicht in einen der Busse steigen. Indem sie sich vor den Transporten versteckte, hat Irma die Zeit bis zur Ankunft der Alliierten überlebt.

Zurück in seiner Wohngruppe berichtet Noël den anderen von der „Aal-Ektrik“, die er sich sehr bildhaft vorstellt, und meint damit seine Verliebtheit in Penelope. Immer wieder bringen einen die unverblümt-plastische Ausdrucksweise des Protagonisten, aber auch die Eigenarten seiner Freunde im Laufe des Graphic Novels zum Schmunzeln. So stellt sich etwa Valentin, als er von der Verliebtheit hört, zunächst die Unordnung vor, die dabei entstehen müsste, wenn man sich zu nahe komme.

Copyright: Mikael Ross

Bei einem Konzert im Dorf sagt eine Zufallsbekanntschaft an der Bar zu Noël, er solle sich mit der Liebe Zeit nehmen und Geduld haben. Doch das ist leichter gesagt als getan. Denn kurz darauf sieht er Penelope fröhlich tanzend mit einem anderen Mann. Er kann sich nicht zurückhalten und zieht den Kerl an den Haaren. Daraufhin bekommt er einen Schlag ins Gesicht ab. „Lass sofort meinen Kevin in Ruhe“, verteidigt Penelope ihren Macker. Noël zieht ab und hat genug von der Liebe: „Verlieben! Geduld! Alles nur Lüge!“

Copyright: Mikael Ross.

In einer etwas unglaubwürdigen, aber durchaus unterhaltsamen Episode wird daraufhin der Betreuer Robert vom Blitz getroffen, weshalb er ins Krankenhaus kommt. Auch Noël hat von dem Blitzschlag eine Glatze davongetragen. Um seine Aggressionen in den Griff zu bekommen, soll der junge Protagonist von nun an ins Judo gehen, wo er Alice wiedertrifft.

Mittlerweile ist es Sommer. Noch immer wartet Noël darauf, die AC/DC-Tickets einzulösen, die er von seiner „Mumsie“ zum letzten Geburtstag bekommen hat, bevor sie umfiel. Schließlich ist der große Tag da. Er fährt mit dem Zug nach Berlin, wo das Konzert stattfinden soll, – und Alice kommt durch einen Zufall mit. Gemeinsam gehen sie erst zu Noëls alter Wohnung, doch dort lebt inzwischen eine andere Familie, die sie nicht bei sich im Haus haben möchte und die Polizei verständigt. So fällt das Konzert für die beiden aus und die Ausreißer landen zuletzt wieder in Neuerkerode.

„Der Umfall“ behandelt die Themen Behinderung und Krankheit mit einer erfreulichen Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit. So wie Neuerkerode ein inklusives Dorf ist, in dem Menschen mit und ohne Behinderung zusammenleben, ist „Der Umfall“ ein inklusives Buch. Es zeigt, dass zu einem Leben mit Behinderung mehr gehört als die Behinderung selbst und die Betreuung der Betroffenen, dass auch Liebe, Wärme, Freundschaft und die Sorgen des Alltags für die Menschen mit Beeinträchtigung von Bedeutung sind.

Das Buch enthält eine gezeichnete Karte des Dorfes Neuerkerode (siehe Beitragsbild oben) und schließt mit einem Nachwort des Direktors der Evangelischen Stiftung Neuerkerode, Rüdiger Becker, ab. Becker sagt über das Dorf:

Es gibt wohl nicht viele Orte auf der Welt, die ein so breites Spektrum an Individualität, Selbstbewusstsein und/oder Kauzigkeit bieten. Die Menschen sind immer auf der Suche nach Beziehungen und Gesprächen, egal, ob sie in Kontakt zu bekannten oder unbekannten Gesichtern kommen. (…) Diesem Dorf muss man sich aussetzen. Hier kann man nicht Distanz wahren.

Rüdiger Becker

Die Evangelische Stiftung Neuerkerode geht auf eine Initiative des Pastors Gustavs Stutzer aus dem September 1868 zusammen mit Dr. Oswald Berkhan und der Bankierstochter Luise Löbbecke zurück, die Fürsorge für hilfsbedürftige Menschen übernehmen wollten. Damals kümmerte sich der Pastor zunächst um fünf Jungen mit Behinderung, heute ermöglicht das Dorf 800 Bürgerinnen und Bürgern mit Behinderung ein Leben, „individuell angepasst an ihre Fähigkeiten“.

Für den Mut, zum 150. Geburtstag einen Comic in Auftrag zu geben, muss man die Evangelische Stiftung Neuerkerode loben und beglückwünschen. Denn das preisgekrönte Ergebnis kann sich sehen lassen.

Bewertung: 4/5

Bibliographische Angaben:
Autor: Mikael Ross
Titel: Der Umfall
Verlag: avant-verlag
Erscheinungsdatum: 01.09.2018
Seitenzahl: 128
ISBN: 978-3945034941
Kaufpreis: 28 €

Weitere Rezensionen:
SPIEGELComic.de

Interview mit dem Tagesspiegel


Mikael Ross war bereits als Kind ein begeisterter Comic-Leser und -Zeichner. Von 2004 bis 2007 ließ sich Ross zunächst an der Bayerischen Staatsoper zum Theaterschneider ausbilden. Während seines Studiums an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, das er 2013 abschloss, entstand sein erster Comic „Herrengedeck“ (2008), herausgegeben im Selbstverlag.

Bei einem Studienaufenthalt an der École Supérieure des Arts Saint-Luc in Brüssel lernte Ross den Belgier Nicolas Woulters kennen, der sich ebenso für Punk und Subkultur interessierte wie er. Mit diesem als Autor zeichnete Ross die Graphic Novels „Lauter Leben“ (avant-verlag, 2014) und „Totem“ (avant-verlag, 2016).

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