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„Die Lehren des Schuldirektors George Harpole“ von J.L. Carr

J.L. Carr: Die Lehren des Schuldirektors George Harpole. Dumont.

J.L. Carrs „Die Lehren des Schuldirektors George Harpole“ ist in England ein Kultbuch. Ich selbst habe Französisch und Latein auf Lehramt studiert und interessiere mich deshalb für die Thematik Schule und Lehren. Unter diesen Voraussetzungen habe ich mich an die Lektüre des Buches gemacht, das die Zeit von George Harpole als Direktor an der St. Nicholas-Schule festhält.

George Harpole, Mitte dreißig, wird als Vertretung des eigentlichen Direktors Chadband für ein halbes Jahr auf den Direktorenposten befördert, während Chadband eine Fortbildung besucht. Das Buch beinhaltet eine Reihe von Dokumenten zum Treiben in einer Schule: Schreiben zwischen der Schulbehörde, Eltern und dem Direktor, Tagebucheinträge des Vertretungsdirektors und die nachträglichen Kommentare von Direktor Chadband, der mit einem Vorsprung an Amts- und Verwaltungserfahrung auf die Vorgänge in der Schule blickt.

Ich wurde damit beauftragt, diesen unabhängigen Bericht über das, was Mr G. Harpole widerfuhr, zu schreiben, und möchte betonen, dass es Mr Harpole selbst war, der mich – als älteren Kollegen und erfahreneren Schuldirektor – bat, meine Eindrücke von diesem vergangenen Schulhalbjahr zu schildern, mit dem seine Karriere endete.

Direktor Chadband

Aus diesen Bemühungen entsteht der sogenannte „Harpole Report“, eine leicht zu lesende, abwechslungsreiche und unterhaltsame Milieustudie über ein Halbjahr an der St. Nicholas-Schule. In dieser Zeit lernt man unter anderem die Verwaltungsvorgänge an der Schule kennen, die nicht immer ganz logisch ablaufen. Man erlebt einen Wandertag, einen sogenannten Bildungsausflug, mit, dessen Ereignisse die Kinder in Erlebnisaufsätzen festhalten. Im Nachgang des Bildungsausflugs erhalten einige Schüler Antworten auf die Flaschenpost, die sie im Fluss ausgesetzt haben. Man erlebt außerdem die ungewöhnlichen Methoden der engagierten Reformpädagogin Miss Foxberrow mit, die in dem Kollegium der Schule heraussticht, deren Bemühungen aber mehr als einmal mit den Mühlen der Verwaltung in Konflikt geraten. Man lernt auch die etwas verstaubten Methoden der älteren Lehrerinnen und Lehrer kennen. Und man erfährt von der Verzogenheit mancher Schüler und der Überforderung der Lehrerinnen und Lehrer.

In seiner Klasse gibt es ein kleines Monster namens Vincent Slope, ein Einzelkind, das von seinen Eltern nach Strich und Faden verzogen wird und bisland ein Stachel im Fleisch jedes Lehrers war, der es mit ihm zu tun hatte. Man erzählt sich, als einem Lehrer (in der Vorschule) einmal die Hand ausrutschte, hätten seine Eltern ein irrsinniges Tamtam veranstaltet und mit einem Prozess und was noch allem gedroht.

Emma Foxberrow an Felicity Foxberrow

Die beigebrachten Dokumente, Wordprotokolle, Briefe, Tagebucheinträge usw. lassen uns am lebhaften Schulleben der St. Nicholas-Schule teilhaben. Wir erleben die Schule aus der Sicht des vertretenden und des vertretenen Rektors, der Eltern, der Schülerinnen und Schüler und der Lehrerinnen und Lehrer, aber auch der Schulbehörde und der Administration. Und auch die Politik und die Lokalpresse treten auf den Plan. So entsteht eine umfangreiche und panoramahafte Studie des Milieus Schule, die alle Bereiche und Beteiligten und ihre nicht immer reibungslosen Interaktionen untereinander ausleuchtet.

Der Text dieses Buches fesselt einen von Beginn an. Mir hat die Thematik Schule jedenfalls sehr gut gefallen. Und auch die abwechslungsreichen Beiträge, die sich abwechselnden Dokumente, tun ihr Übriges. Insgesamt ein sehr unterhaltsames, kurzweiliges Leseerlebnis. Das Buch ist in nummerierte Kapitel untergliedert, die jeweils eine thematische Einheit behandeln. So erhält der „Harpole Report“ eine Struktur, obgleich er durch die Verschiedenartigkeit der eingelegten Dokumente doch auf den ersten Blick eher unstrukturiert wirkt. Doch das täuscht.

Bewertung: 5 von 5.

ISBN: 9783832183936

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[Rezension] Das flüssige Land von Raphaela Edelbauer

„Das flüssige Land“ stand 2019 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und war für den österreichen Buchpreis nominiert. Die österreichische Autorin Raphaela Edelbauer tat sich zuvor beim Bachmann-Preis hervor. Dort erhielt sie den Publikumspreis für einen Ausschnitt aus „Das flüssige Land“. Kein Wunder, dass ich mir dieses Buch nicht entgehen lassen wollte. Es ist zweifelsohne ein Werk, das Debatten befeuern kann.

„Das flüssige Land“ erzählt von der Reise einer Physikerin in die Heimat ihrer Eltern. Diese Reise tritt sie an, nachdem beide Eltern überraschend durch einen Autounfall verstorben sind. Es gilt nun, die Beerdigung zu organsieren. Die Eltern haben durch ihren letzten Willen verfügt, dass sie in ihrem Heimatort namens Groß-Einland bestattet werden möchten, der in der österreichischen Provinz liegt.

Ruth, die Protagonistin, lebte und arbeitete die letzten Jahre in Wien. Sie war selbst noch nie in Groß-Einland, das sie nur aus den Erzählungen ihrer Eltern kennt. Um den Willen ihrer Eltern zu erfüllen, macht sie sich auf die Suche nach diesem Ort in der Provinz. Zuerst scheint es unmöglich, ihn zu finden. Also versammelt Ruth auf ihrer Suche all ihr Wissen und vernetzt es zu einem riesigen Wissensnetz. Durch einen Zufall findet sie über einen schwer befahrbaren, bewaldeten Feldweg nach Groß-Einland. Nach ihrer Ankunft ist das Auto, mit dem sie einige Tage im österreichischen Wechselgebiet unterwegs war, zerstört und muss repariert werden:

Überall in der Motorhaube hatte sich Astwerk verkeilt, und Beulen in den Türen machten mich zweifeln, ob ich überhaupt aussteigen könnte. Wie viel Zeit zwischen dem Eintauchen in den Wald und dem Erreichen der Straße vergangen war, war unmöglich zu ermitteln. Als ich endlich wieder Asphalt befuhr, sah ich ein Ortsschild vor mir wie frisch errichtet aufragen: GROSS-EINLAND.

[…]

Groß-Einland war jetzt schon einer der merkwürdigsten Orte, die ich je betreten hatte […]. […] Als ich ausstieg, sah ich den Ausmaß des Schadens an meinem Auto: Zwei der Reifen geplatzt, die Motorhaube hing seitlich perforiert nur mehr in einer Angel, drei der vier Seitenscheiben gesprungen, der Auspuff baumelte schief überm Pflaster.

Eigentlich schreibt die Physikern Ruth gerade in Wien an ihrer Habilitation in Physik über die Theorie der Zeit. Um ihr hohes Arbeitspensum erfüllen zu können, nimmt sie schon seit geraumer Zeit Medikamente, am Anfang nur Ritalin, daraufhin auch andere Präparate. Auf der Reise gehen ihr die Medikamente aus. Ihr Handy, auf dem sie Bekannte und Freunde zu erreichen versuchen, wirft sie auf der Anreise bereits weg, um sich ganz auf die Gegenwart konzentrieren zu können.

Bei der Ankunft in die Groß-Einland wirkt die Gemeinde wie ein perfektes Idyll in der Abgelegenheit der Provinz, eine moderne Enklave, in der sich, wie sich bald herausstellt, feudale Strukturen erhalten haben.

Wie eine alte, österreichische Stadt aussieht, war mir niemals so intensiv bewusst wie in dem Augenblick, als ich mein zuschanden gegangenes Gefährt durch die rechteckig durchbrochene Stadtmauer rollen ließ. Etwa hundert Meter nach einer kleinen Vorsiedlung überquerte ich eine Steinbrücke und war in der Innenstadt angekommen. In einer solchen Wohlgeordnetheit, wie sie nur ein mittelalterlicher Markt zustande bringen kann, trat das Epizentrum des alltäglichen Geschehens bereits vom Tor aus in Erscheinung.

Die Gemeine Groß-Einland stellt sich auf den ersten Blick als die österreichische Idylle schlechthin dar, abgekapselt vom Rest der Welt, fast surreal wirkt diese Gemeinde, die sich der übrigen Realität des Landes zu entziehen verstanden hat. Eine Gräfin regiert über die Gemeinde, die im Schloss wohnt, das über der Gemeinde thront. Ihr und dem Grafen gehört Groß-Einland de facto. Jeder ist bei der Gräfin verschuldet, so wie auch die Bewohner untereinander verschuldet sind. Einen normalen Zahlungsverkehr gibt es nicht. Das Internet wird ebenfalls von niemandem verwendet, obwohl Glasfaserkabel sich unter Groß-Einland durchziehen. Die Lebensmittel werden nicht durch Einfuhr besorgt, sondern allesamt vor Ort hergestellt. Die internationalen Markenartikel werden aus regionalen Erzeugnissen erzeugt und mit den Markennamen der globalen Produkte versehen, um die Bevölkerung darüber hinwegzutäuschen, dass sie nicht die Originalprodukte kaufen kann. Die Groß-Einländer bleiben gern unter sich, sie sind Leuten, die von auswärts kommen, sehr kritisch gegenüber.

Ruth taucht bald tief in die Struktur des Ortes ein. Sie wird zur Gräfin vorgelassen, die möchte, dass sie für sie arbeitet. Denn die Gemeinde ist durch eine Gefahr bedroht, die unter dem Erdboden lauert. Ein Loch bedroht die Statik der gesamten Innenstadt. Aufgrund eines im Grunde unbeherrschbaren Loches unter dem Erdboden der Stadt, zu dem es mehrere Zugänge gibt und das die Bewohner mit mäßigem Erfolg immer wieder zuzukippen versuchen, sinkt der Marktplatz ab und bekommen die Gebäude der Stadt wie etwa das Rathaus, das Altersheim und die Wohnhäuser Risse. Der Kirchturm der Stadt kippt. Die Renovierungen, die die Bewohner an den rissigen Gebäuden vornehmen, sind rein kosmetischer Natur. Und auch die Versuche der Bewohner, das Loch mit Beton zu füllen, schlugen in der Vergangenheit fehl. Das Loch, Zigmilliarden Kubimeter groß, ist nur schwer in den Griff zu bekommen.

„Wir hatten für viele Jahrhunderte ein äußerst lukratives Bergwerk in unserer Gemeinde, das leider über diese lange Zeit das Erdreich ein wenig aufgeweicht hat. Die Sache ist die: Die Absenkung geht momentan schneller vonstatten als angenommen. Zu weilen verzeichnen gewisse Grundstücke über dem Hauptkegel Senkungen um einen Zentimeter am Tag.“

die Gräfin

Das Loch geht auf einen jahrhundertelangen Raubbau am Berg zurück, bei dem Kalk abgebaut wurden. Im 19. Jahrhundert arbeitete eine Legion von Leiharbeitern aus dem Burgenland und dem westlichen Ungarn in dem Kalkvorkommen. Der Kalk wurde tonnenweise aus dem Berg gelöst und in die florierende Eisenindustrie der K. u. K.-Monarchie gepumpt. Nach einem Spontanverkauf stand das Bergwerk eigentlich still, doch die ansässige Bevölkerung stieg eigenmächtig mit improvisiertem Material ein. Im Zweiten Weltkrieg wurde im Loch eine Nebenstelle des Konzentrationslagers Mauthausen eingerichtet, nachdem die Wehrmacht die Schächte 1939 übernommen hatte.

Das alles war aufgearbeitet, eingearbeitet und zu Infotafeln zusammengefasst in den Boden gestemmt worden – es gab eine Gedenkstätte […]. Das Loch hatte also eine klar umrissene Biographie, an die zu rühren sich niemand scheute, nur dass das gesamte poröse, wabenartige Land unter dieser Berührung zu zerfallen drohte.

Es stellt sich bald heraus, dass eine schnelle Reparatur des Autos unmöglich ist. Ruth muss länger in Groß-Einland bleiben, als sie zunächst dachte. Aus einer Woche werden zehn Tage, aus zehn Tagen schließlich Jahre. Zuerst will sie nur solange bleiben, bis die Beisetzung der Eltern geklärt ist. Doch schließlich erhält sie einen Auftrag von der Gräfin: Als Physikerin soll Ruth Schwarz ein Füllmittel entwickeln, das die Absenkungen verlangsamt und in das Loch gespritzt werden kann.

Die Gemeinde plant nämlich, das Loch zu einer Kunstattraktion zu machen, ja sogar Weltkulturerbe könnte daraus werden. Jedenfalls möchte Groß-Einland aus dem Loch, das für Absenkungen sorgt, einen Vorteil ziehen, indem es diesen scheinbaren Klotz am Bein gut vermarktet. Ruth bleibt also. Sie richtet sich häuslich ein, fernab von Wien. Das unerwartete Festsetzen an einem einzigen Ort, zumal einem so surrealen wie dem abgeschotteten Groß-Einland, erinnert freilich an Kafka.

Das Loch, das den Ort bedroht, steht in diesem groß und mutig angelegten Roman für die nicht aufgearbeitete österreichische Vergangenheit. Wo eigentlich Aufarbeitung stattfinden müsste, wird nur kosmetisch daran herumgewerkelt. Und auch zum Verschwinden versucht man es zu bringen, indem man Füllmaterial in das Loch aus der Vergangenheit gibt. Doch so richtig möchte das Loch nicht von der Bildfläche verschwinden. Ruth ist die Außenstehende, die an der üblichen Vorgehensweise mit dem Loch kratzt und nach der Nazi-Vergangenheit des Ortes sucht. Sie wühlt in der Chronik des Ortes und arbeitet die Geschichte auf. Bei ihren Nachfragen stößt sie bei den Einwohnern des Ortes auf taube Ohren.

Der Roman führt in eine fantastische, surrealistische Welt, in der es von typenhaften Figuren wie im Märchen wimmelt. So ganz wird man den Eindruck nicht los, dass Groß-Einland ein märchenhafter Ort ist, allein schon aufgrund seiner seltsamen Sozialstruktur und des wuchernden Lochs. Und auch der Ort selbst dürfte eigentlich gar nicht existieren. Denn er steht in keinem offiziellen Register in Österreich. So bewegt sich die Handlung des Romans außerhalb des gewöhnlichen Raum-Zeit-Kontinuums.

Das vielleicht Merkwürdigste war überhaupt, wie sehr der Rhythmus der Einbrüche sich auf das Zeitgefühl aller Groß-Einländer übertrug: In Wochen, in denen die Einbrüche rasch vor sich gingen, schien die Zeit zu rasen und man hatte kaum Gelegenheit, die vielen Veränderungen im Ortsbild zu bemerken […]. Blieb aber alles konstant, so nahm der Fluss der Dinge fast eine gewisse Zähigkeit an, und die Monate rollten in belangloser Indolenz über mich. […] So wie die Natur in der Taktung ihrer vier Jahreszeiten die Zeitwahrnehmung normalerweise beeinflusste, so sehr standen und flossen die Dinge hier mit den Absenkungen.

Nicht nur einmal fragt man sich beim Lesen, ob es Groß-Einland gibt oder ob es nur ein Traumland ist. Vielleicht ist es am ehesten das: eine riesige Metapher. Schließlich sagt ein Maskenhändler zu Beginn der Reise zu Ruth über die sogenannte Traumzeit:

„Somit wird die ganze Welt eigentlich Metapher. Sie sind Metapher und ich in unserer gesamten Leiblichkeit.“

der Maskenhändler

Die Protagonistin steckt damit in einer Metapher außerhalb der üblichen Zeit fest, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufeinandertreffen. Nicht umsonst sind in den Erzähltext Einlagen eingebettet, in denen, passend zum Habilitationsthema der Protagonistin Ruth Schwarz, zeittheoretische Erörterungen wiedergegeben werden. Mal handeln diese Exkurse von der Zeitlosigkeit, mal von der Relativitätstheorie, mal von Schwarzen Löchern und vom Cauchy Horizont. Ebenso eingelegt in den Erzähltext sind Ausführungen zu der Vergangenheit des Ortes Groß-Einland, die sich mit dem Loch oder der mythischen Vergangenheit der Gemeinde befassen. Der Erzähltext ist daher stark angereichert durch verschiedene Exkurse. Die Abwechslung bereichert das Leseerlebnis beim Lesen von „Das flüssige Land“, auch wenn man nicht alle zeittheoretischen Ausführungen verstehen muss.

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich mich beim Lesen manchmal schwertat, fortzufahren, weil ich die Handlung etwas zu überspannt fand. Auf die märchenhafte Erzählung in Groß-Einland muss man sich wirklich einlassen, um sie genießen zu können. Nicht immer und an allen Stellen gelingt das. Zurück bleibt eine Metapher, die den österreichischen Umgang mit der eigenen Vergangenheit rügt, und die Erinnerung an viele ulkige Figuren, die Groß-Einland bevölkern und einem im Lauf der Erzählung ans Herz wachsen.

Der Erzählstil ist flüssig, die Formulierungen sind meist gekonnt und gut zugespitzt. Dass Raphaela Edelbauer erzählen kann, steht nach diesem Werk zweifelsohne fest. Die Erzählung überrascht immer wieder mit unerwarteten Wendungen und Fügungen. Auch das ein märchenhaftes Element. Was genau Edelbauer mit der Erzählung um Groß-Einland aussagen möchte, muss wohl jeder Leser für sich herausfinden. Doch das ist das Spannende an diesem Werk, das auf vielfältige Weise gedeutet werden kann – und alles ist bloß nicht langweilig.

Bewertung: 4,5 von 5.

ISBN 9783608964363

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„All das zu verlieren“ von Leïla Slimani

Leila Slimani: All das zu verlieren. München: Luchterhand 2019. 224 Seiten. 22 Euro.
(© Luchterhand)

Die französisch-marrokanische Schriftstellerin Leïla Slimani wuchs in Marokko auf. Ihre Familie gehört zur Elite Marokkos, ihr Vater war Bankier und ein hoher marokkanischer Beamter. Sie studierte an der Pariser Eliteuniversität Sciences Po und arbeitete danach für die Zeitschrift Jeune Afrique. Heute lebt Slimani mit ihrer Familie in Paris.

„All das zu verlieren“ ist ihr Debütroman. Er handelt von Adèle, einer Pariserin, der es scheinbar an nichts fehlt. Sie hat eine Familie, einen Mann, der Chirurg ist, und einen fast dreijährigen Sohn, Lucien. Sie fahren übers Wochenende ans Meer, gehen abends zu Abendessen mit anderen Familien, denen es ebenfalls gut geht, und planen ihre gemeinsame Zukunft. Und dennoch spürt Adèle, die als Journalistin für eine Pariser Tageszeitung arbeitet, eine Leere in sich, die sie ihrem Mann nicht offenbart.

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„Vater unser“ von Angela Lehner

Angela Lehner: Vater unser. Berlin: Hanser Berlin. 284 Seiten. 22 Euro. (© Hanser Berlin)

Angela Lehners Debütroman „Vater unser“ ist ein quirliger, aufgekratzter Text. Lehner schrieb ihre Bachelorarbeit über das unzuverlässige Erzählen. Und eine eben solche unzuverlässige Erzählerin, Eva Gruber, begleitet uns durch diesen Roman, der in der Psychiatrie eines alten Wiener Spitals spielt. Von Polizisten in das Spital gebracht, erzählt Eva Gruber, dem Chef der Psychiatrie, Dr. Kolb, wieso sie durch eine unglückliche Verkettung von Zufällen in die Psychiatrie gelangte.

In einem unvergleichlich frechen Tonfall und mit viel Witz blickt dieser Roman auf das Geschehen in einer Psychiatrie – und die Geschehnisse, die womöglich dorthin führten.

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„Anne-Marie die Schönheit“ von Yasmina Reza

Yasmina Reza: Anne-Marie die Schönheit. München: Hanser 2019. 79 Seiten. 16 Euro.
(© Hanser Verlag)

Yasmina Reza ist bekannt für Texte wie „Kunst“ oder „Gott des Gemetzels“, in denen eine bürgerliche Fassade zunächst starke Risse bekommt und schließlich zusammenbricht. In „Anne Marie die Schönheit“ setzt sie ihr Schreiben in diesem Stil fort, schlägt aber sanftere, wenn auch immer noch rasante Töne an.

In ihrem neuen Buch bringt die Erzählerin die Illusion eines ganzen Schauspielerinnenlebens zum bröckeln, wenn Anne-Marie, eine alternde Schauspielerin, am Ende ihrer Karriere Bilanz zieht über das, was sie zustande gebracht hat. Diese Bilanz geschieht im Vergleich mit der erfolgreicheren Kollegin Giselle, die mit ihrer lässigen Attitüde die großen Rollen abbekommen hat, während Anne-Marie nur in einem Vorstadttheater von Paris gelandet ist und sich mit Nebenrollen begnügen musste.

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„Winterbienen“ von Norbert Scheuer

Norbert Scheuer: Winterbienen. C. H. Beck 2019. (© C. H. Beck Verlag)

Norbert Scheuers „Winterbienen“ war 2019 für den Deutschen Buchpreis nominiert. Das Buch spielt in der Eifel. Im Tagebuchstil beschreibt der Protagonist Egidius Arimond die Zeit zwischen dem Winter 1944 und dem Mai 1945, also die letzten Jahre des Zweiten Weltkrieges. Sprachlich ist das Buch sehr prägnant und präzise verfasst, sodass es sich leicht lesen lässt. Es ist ein eindrückliches Lesevergnügen.

Inhaltlich geht es darum, wie der ehemalige Latein- und Geschichtslehrer Egidius Arimond die letzten Jahre des Zweiten Weltkrieges er- und überlebt. Der aus dem Dienst entlassene Lehrer schwebt aus mehreren Gründen in Gefahr: Zunächst ist er an Epilepsie erkrankt und auf die immer rarer werdenden Medikamente angewiesen, die ihm manchmal sein Bruder von der Front schickt, manchmal der Apotheker vor Ort besorgen kann. Dann lässt er sich auf verschiedene Frauengeschichten ein. Und zuletzt, die schwerwiegendeste Gefahr unter all diesen, transportiert der Imker in präparierten Bienenstöcken regelmäßig Juden an die belgische Grenze.

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„Und ich war da“ von Martin Beyer

Martin Beyer: Und ich war da. Ullstein.

Der Bamberger Autor Martin Beyer schreibt mit „Und ich war da“ einen Roman über einen Mitläufer im Zweiten Weltkrieg. Zunächst erleben wir den Alltag von August Unterseher, des Ich-Erzählers und Protagonisten, auf dem väterlichen Bauernhof. Er und sein Bruder Konrad werden vom zuerst nur tyrannischen, später auch saufenden Vater zur Arbeit getrieben und müssen sich vor seinen Ausfällen in Acht nehmen, wenn sie nicht spuren. Die Mutter ist bereits tot.

Vor dem Krieg erleben die beiden Brüder eine Zeit zwischen Hitlerjugend und Bauernhof. Konrad, Augusts Bruder, macht sich gut in der Hitlerjugend und wird zum Reichsarbeitsdienst (RAD) eingezogen. August lernt Paul, einen Querdenker, kennen, dessen Familie sich später ins italienische Exil zu retten versucht. Außerdem macht August die Bekanntschaft seiner ersten Liebe, der Kommunistin und Schwarzhändlerin Isa.

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„Was zu dir gehört“ von Garth Greenwell

Garth Greenwell: „Was zu dir gehört.“ Aus dem Englischen von Daniel Schreiber. Berlin: Hanser Berlin.

Der gelobte Debütroman „Was zu dir gehört“ besticht durch die Fähigkeit des Autors, die Beziehungen der Protagonisten sezierend zu analysieren. Im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen dem namenlos bleibenden Erzähler, der als Universitätsdozent für Englisch in Bulgarien arbeitet und dorthin eingewandert ist, und Mitko, einem arbeitslosen Bulgaren, der von der Hand in den Mund lebt und sich mitunter als Stricher verdingt.

Die Beziehung der beiden beginnt in einem denkbar unschönen Ort, in einer sogenannten Klappe, einer öffentlichen Toilette, von wo sie sich bis in das private Zimmer des Erzählers voranarbeitet. Das Ungleichgewicht der Kräfte in dieser gegenseitigen Abhängigkeit spielt von Beginn an eine Rolle und wird sich bis zum Abbruch der Beziehung durchziehen. Mitko ist dem Erzähler, einem finanziell sorglos in Bulgarien lebenden Eingewanderten, ökonomisch unterlegen, während der Erzähler von Mitkos verführerischem Äußeren und seinem bisweilen fast kindlichem Charme sexuell abhängt. Diese Abhängigkeit beschreibt in knapper Form die beiden Pole weiter Teile des Romans.

Der Text widmet sich den meisten Themenkomplexen, die mit schwuler Sexualität verbunden sind: Sexuelle Promiskuität ist ebenso ein zentraler Gegenstand des Romans wie der Umgang mit der sexuellen Krankheit Syphilis im Kapitel „Maladie française“ und die damit verbundene Scham und gesellschaftliche Ächtung. Zudem wird im Mittelteil des Textes, der der schwächste Teil ist, der Umgang der Familie des Erzählers mit seiner Homosexualität diskutiert.

Insgesamt handelt es sich um einen lesenswerten Roman für all diejenigen, denen es nicht zuwider ist, sich mit der nicht immer logischen Beziehung der beiden Protagonisten auseianderzusetzen. Dabei sei angemerkt, dass die Sprache und der Stil des Romans über den gesamten Umfang des Werks ausgezeichnet sind. Die Gefühle, Stimmungen und inneren Welten der Protagonisten werden in oft unerbittlicher Weise vor Augen geführt, was mir besonders gut gefällt, obwohl es auch langatmig werden kann, wenn es zu sehr eingesetzt wird.

Bewertung: 4/5

Garth Greenwell: „Was zu dir gehört.“

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David Foenkinos: „Die Frau im Musée d’Orsay“

David Foenkinos (2018): Die Frau im Musée d’Orsay. Penguin Verlag.

David Foenkinos schreibt mit seinem neuen Roman „Die Frau im Musée d’Orsay“ einen Roman der Schicksalswendungen und der schicksalhaften Verknüpfungen. Ja, wenn man das Buch weglegt, fühlt man sich fast ein wenig an die klassischen Tragödien aus französischer Feder erinnert, da hier so viele sich am Ende fatal auswirkende Begegnungen und Verfremdungen intrigenhaft ineinandergreifen.

Und doch ist dieses Buch ein Werk für sensible Seelen. Es ist spannend geschrieben und lädt doch zum Nachdenken ein. Denn es handelt von dem Professor Antoine Duris, der sein äußerlich erfolgreiches Leben an der Hochschule der Schönen Künste in Lyon zurücklässt, um nach Paris zu ziehen. Dort wird er… Saalaufsicht im Musée d’Orsay. Er erzählt niemand von seinem überraschenden Umzug nach Paris, nicht einmal seinen Verwandten. Und ebenso kann sich niemand erklären, weshalb Antoine Duris so plötzlich seine Stelle als beliebter Professor hinter sich lässt.

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Ein Monument für Mordechai

Uwe von Seltmann: Es brennt: Mordechai Gebirtig, Vater des jiddischen Liedes. homunculus 2018.

Doch der Autor beschäftigt sich auch in allgemeiner Weise mit der jüdischen Kultur, der Geschichte und der politischen Situation des Judentums zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Einen Teil seines Werks widmet der Publizist Uwe von Seltmann dem jüdischen Leben vor dem Zweiten Weltkrieg und während der Shoah. Zudem erhalten zeitgenössische Literaturkritiker und Feuilletonisten sowie Freunden und Weggefährten Gebirtigs das Wort, die die Shoah, anders als Gebirtig, überlebten.

Mit „Es brennt“ würdigt Uwe von Seltmann den bekannten jüdischen Dichter und Liedermacher Mordechai Gebirtig und dessen Lebenswerk, etwa 120 bis heute gesungene jiddische Volkslieder, in voller Breite. In 12 Kapiteln und auf insgesamt über 300 Seiten legt der Autor die Lebensumstände Gebirtigs und sein Liederwerk ausführlich dar.