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Lyrikkabinett Rezension

Aus dem Lyrikkabinett: „Kafkaeske Poesie“ von Uwe Kraus

Uwe Kraus‘ Gedichtband „Kafkaeske Poesie“ strotzt vor poetischer Kraft und Willen. Der Dichter jongliert wie ein junger dichtender Artist mit Bildern, Worten, Zusammenhängen. Dabei berührt er die verschiedensten Themen des menschlichen Lebens und spart auch schwierige Gegenstände nicht aus.

Kennzeichnend für die Lyrik von Kraus ist, dass er die verschiedensten Bildbereiche in Einklang zu bringen versucht, indem er sie auf sehr subjektive Weise zusammenspannt. So kommt es zum Beispiel zu Ausdrücken wie „hirnsilo“, „zelluloid der gedanken“ und „luziden blumen“. Der lyrische Sprecher folgt, wie er in „Große worte vom kleinen du“ bekennt, „dem lyrischen es“, seinen poetischen Trieben: „Es ist die Sprache der ungebundenen Form- / So wirst du schriftsteller- / nicht egoist“.

Kraus‘ Lyrik ist rastlos. Sie springt von sehr subjektiver, manchmal etwas verschlüsselter Metaphorik hin zu kulturellen Anspielungen. Die Referenzen der Lyrik sind sehr disparat, sie reichen vom „Fliegenden Klassenzimmer“ über die Bibel bis zu Abba, Pink Floyd und Nietzsche. Die Disparatheit steht stellvertretend für die gesamte Dichtung von Kraus.

Einige Themen wiederholen sich immer wieder in „Kafkaeske Poesie“: Das Bild des Gehirns oder Kopfes spielt für das lyrische Ich eine große Rolle, ebenso wird immer wieder über die Wörter, die Zeichen und die Sprache selbst nachgedacht. Auch das Licht, das Luzide, der Himmel mit seinen Sternkörper spielt für die Lyrik des Bandes eine herausgehobene Rolle.

Wichtige Themen für Kraus‘ Lyrik sind außerdem Freundschaft, Liebe und sein eigener Standpunkt in der Welt, den er immer wieder neu zu verhandeln scheint, mithilfe der verschiedensten Bilder, Wortketten, Fügungen, etwa in „blaue träne“:

ich schäle die stunden in apfel und birnenstücke /
norden kann man mich nicht /
bin maler und lackierer /
geweißelt das tor zu eden: /
dort schreie ich den meter im lot /

blaue träne

Tatsächlich wirkt der Gedichtband, wirkt das Dichten von Uwe Kraus manchmal wie ein poetischer Schrei, der gehört werden möchte. Er spart in diesem von Poesie getriebenem Schrei auch das Thema psychische Krankheit nicht aus, das in „DOLLY“ zu Wort kommt:

einst blau dann pink /
orange orangerie /
das orange der schizophrenie /
(…)
hitzegedanken /
ein abgeschnittenes ohr- /
cafe psychedelica /

DOLLY

Der Gedichtband verfällt immer wieder in einen nominalen Stil, der sich durch die bloße Aufreihung von Substantiven auszeichnet. Das kann als pompös und poetisch gewaltig empfunden werden, aber kann auch ein wenig ermüden.

Manche Beiträge des Bandes sind anderen Dichtern gewidmet, ein paar Texte sind Rezensionen von Gedichtbänden, die der Dichter gelesen hat. Eine Handvoll Gedichte ist auf Englisch verfasst. Formal sind die Texte größtenteils kleingeschrieben, hin und wieder ist auch ein Wort großgeschrieben. Die fast konsequente Kleinschreibung lässt alle Wörter gleich wichtig erscheinen.

Wer sich auf ein experimentelles zeitgenössisches Dichten einlassen möchte und auf etwas Sturm und Drang in der modernen Lyrik gespannt ist, kann zu „Kafkaeske Poesie“ greifen. Für alle, die klassische Formen, Ausgewogenheit, Ordnung und Struktur bevorzugen, ist dieser Gedichtband nicht geeignet.

Bibliographische Angaben:
Autor: Uwe Kraus
Titel: Kafkaeske Poesie
Verlag: Books on Demand
Erscheinungsdatum: 24.08.2020
Seitenzahl: 34
Kaufpreis: 0,99 €

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