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Rezension

„Annette, ein Heldinnenepos“ von Anne Weber

Anne Weber: Annette, ein Heldinnenpos. Matthes & Seitz.

„Annette, ein Heldinnenepos“ von Anne Weber ist ein Werk, das ganz im Zeichen des Widerstands steht. Die 96-jährige französische Medizinerin und Résistance-Kämpferin Anne Beaumanoir, geboren 1923 in der Bretagne, ist die unangefochtene Heldin dieses mit dem Deutschen Buchpreis 2020 prämierten Versepos. Sie stellte ihr Leben in den Dienst des Kampfs gegen Besatzer, zunächst gegen die Deutschen während des Zweiten Weltkriegs, dann, ab 1954, gegen die französischen Kolonialherren im Kampf um die Unabhängigkeit Algeriens.

Zunächst scheint es heute ein kühnes Projekt, einen Roman in Versform in Angriff zu nehmen. Allein für diese formale Herausforderung gebührt der Autorin Anne Weber schon Respekt. Der Text ist in Versen von unterschiedlicher Länge gehalten; ein durchgehend gleichbleibendes Metrum wie der für das Epos typische Hexameter ist dabei nicht zu erkennen, was vielleicht manchen Formalisten enttäuschen wird.

Das Epos stellt traditionell männliche Helden in den Mittelpunkt – Achill in der „Ilias“, Odysseus in der „Odyssee“ oder Aeneas in der „Aeneis“ -, die sich im Kampf, auf Reisen und auf Irrfahrten durch Heldentaten bewähren müssen. Nicht selten dient das Genre zudem als Nationalepos der Selbstaffirmation einer ganzen Nation. Etwas anders liegt die Sache bei „Annette, ein Heldinnenepos“.

Einerseits besingt Anne Weber die heldenhaften Taten einer Frau statt eines Mannes, was man in die Tradition von Frauenfiguren wie der Amazone Penthesilea bei Kleist, der Didogestalt in Vergils „Aeneis“ oder der Walküre Brünhilde im „Hervorlied“ stellen könnte, andererseits ist Annette Beaumanoir darüber hinaus kein bisschen staatstragend, keine die Leserinnen und Leser im Sinne der nationalen Einheit versammelnde Figur, sondern im Gegenteil subversiv – eine Heldin des Widerstands, die sich gegen jegliche Form von staatlicher, politischer und militärischer Repression einsetzt.

Die Tradition des Epos wird dadurch aufgegriffen, dass mythologische Figuren wie Odysseus und Saturn im Text zitiert werden. Auch der bekannte Ausspruch „Ich heiße Niemand“, den der listige Odysseus gegenüber dem Zyklopen Polyphem äußert, als dieser ihn nach seinem Namen fragt, wird mit Blick auf Annette mehrmals gebraucht. Daraus ergibt sich ein gewitztes Spiel mit den Begriffen „Niemand“ und „Jemand“, zwischen denen Annette im Verlauf ihres Lebens oszilliert.

Ebenfalls typisch für ein Epos sind die wiederkehrenden intertextuellen Anspielungen – bei Anne Weber auf Autoren wie André Malraux, Aimé Césaire oder Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir -, wenn auch freilich im klassischen Epos eher Vorgänger wie Homer und Vergil und klassische Motive und Elemente wie der Götterapparat, die Ekphrasis, der Unterweltsgang und Heldenkataloge zitiert wurden. Es handelt sich also um ein Epos in aktualisierter Form, welches die traditionellen Form- und Motivvorgaben bewusst unterläuft.

Anne Beaumanoir, ca. 1940

Doch wer ist diese Anne Beaumanoir, genannt Annette, denn nun? Sie wächst in bescheidenen Verhältnissen in einer Stadt in der Bretagne auf. Ihre Eltern führen ein Café-Restaurant in Dinan, das ab 1936 zu einem Zufluchtsort für spanische Bürgerkriegsflüchtlinge wird. 1938 kommt auch eine erste deutsche Geflüchtete an, die berichtet, dass ihr Onkel von den Nazis gelyncht wurde. Dann beginnt der Krieg, der zunächst in Frankreich nur ein „drôle de guerre“ ist, dann aber mit der Besatzung des Landes durch die Nationalsozialisten endet.

Mit 17 Jahren wird Annette schleichend Teil der französischen Résistance gegen die Besatzer, indem sie Transportdienste für Kontakte, die sie hat, übernimmt.

Denn wie das meist
ist auch das Widerstehen anders, als man es sich
denkt, nämlich kein einmaliger Entschluss,
kein klarer, sondern ein unmerklich langsames
Hineingeraten in etwas, wovon man
keine Ahnung hat. Das Erste, dems
zu widerstehen gilt, das ist man selbst.
Der eigenen Angst.

Sie nimmt während dem Krieg ein Medizinstudium in Rennes auf, dann folgt der Umzug nach Paris, wo sie gezielt andere Widerständige sucht und schließlich als ständige Kämpferin Teil des kommunistischen Untergrundes wird. Dort verliebt sie sich in einen anderen Résistance-Aktivisten namens Roland, was eigentlich laut den Vorschriften der Kommunistischen Partei nicht vorgesehen ist.

Erneut setzt sie sich über die Statuten der Partei hinweg, als sie eigenwillig jüdische Kinder vor den Deutschen rettet: Nachdem sie von Freunden die Information erhalten, dass die Deutschen am nächsten Tag Razzien im 13. Arrondissement durchführen würden, holt sie zwei jüdische Kinder und ein Baby aus ihrem dortigen Versteck. Die beiden Kinder kommen bei Annettes Eltern in Dinan unter, das Baby geben sie zu Leuten, die ihm ein Versteck gewähren.

Als Bestrafung für das eigenwillige Handeln werden Roland und Annette von der kommunistischen Partei in den Süden versetzt, wo Roland zusammen mit zwei weiteren von einer Miliz, die für die Deutschen tätig ist, misshandelt und erschossen wird, kurz bevor die Deutschen abziehen. Nach dem Krieg spioniert die nun 20-jährige Annette für den Parti communiste in gaullistischen Organisationen. Nach einigen Stationen wird sie von der Partei nach Marseille geschickt.

Dort heiratet sie mit 23 Jahren Joseph Robert – ihre zweite Heirat, bei der alles gut passt: „Jo“ war ebenfalls in der Résistance, ist Mediziner wie sie und obendrein Kommunist. Annette arbeitet nun als Ärztin und wird Mutter von zwei Söhnen. Sie führt ein gutes Leben, wobei sie weiterhin in der Politik aktiv bleibt.

1954 beginnt der Algerienkrieg, der in Frankreich bis 1999 nur euphemistisch als „die Ereignisse“ bezeichnet wurde. Die älteste Kolonie Frankreichs, in der die Franzosen seit 1830 einen „zivilisatorischen Auftrag zu erfüllen“ glauben, kämpft um die eigene Unabhängigkeit, nachdem Indochina bereits die Selbstbestimmung errang. Nach einem Urlaub bei Freunden in Algerien im selben Jahr hat Annette die Ahnung, „dass sich das was zusammenbraut und Frankreich sich demnächst noch mal um eine Kolonie verkleinern wird“.

Wieder einmal rutscht sie langsam in den Widerstand, „nur dass er diesmal nicht einem Angreifer von außen, sondern dem eigenen Land, der eigenen Regierung, quasi ihr selbst gilt“. Mittlerweile 35 Jahre alt, verrichtet sie erneut Botengänge, weil sie es für „ein Gräuel“ hält, wie die Franzosen über die Algerier herrschen. Obwohl ihr nicht alles, was die algerische Unabhängigkeitsfront FLN tut, gut vorkommt, scheint ihr der neuerliche Kampf für die Unabhängigkeit der Kolonie gerecht. Denn sie stört sich daran, dass der französische Staat nun foltert und genau das tut, was sie an den Deutschen verabscheut hat.

1958, vier Jahre, später wird sie Mitglied der Gruppe „Kofferträger“, die Geld, welches der FLN von den Algeriern in Frankreich und im Heimatland eintreibt, als Reisende in Koffern ins Ausland transportieren. In den Koffern befinden sich Millionen, mit denen der FLN sein militärisches System finanziert. Das Geld landet auf Konten in der Schweiz.

1959 schließlich passiert das, was nicht hätte passieren sollen, aber stets geschehen konnte: Georges, ihr Mitkämpfer, und Annette werden von französischen Polizisten mitten im Einsatz geschnappt. Sie kommen in Untersuchungshaft. Nur weil sie angeblich eine schwierige Schwangerschaft hat, die sie vortäuscht, kommt Annette für eine kurze Zeit aus dem Gefängnis frei. Diese Gelegenheit nutzt sie, um aus Frankreich zu fliehen, wo ihr zehn Jahre Haft dafür drohen, den FLN als Koffeträgerin unterstützt zu haben.

Ihre Kinder und ihren Mann lässt sie in Marseille zurück, um über Italien ins Exil nach Tunesien zu fliehen. Dort arbeitet sie wieder als Ärztin. Ihr Mann Jo will eigentlich mit den Kindern nachkommen, doch das tut er nicht, weil er an der Grenze von französischen Grenzbeamten aufgehalten wird. Alle Versuche, die Kinder wiederzusehen, sind nur von kurzer Dauer.

1962 kommt es zum Waffenstillstandsabkommen von Évian, das Amnestie für FLN-Kämpfer vorsieht, allerdings nicht für die französischen Aktivisten des FLN, sodass Annette weiterhin in ihrem Exil bleiben muss. Sie wird Teil der Aufbautruppe des neu entstehenden Landes, da sie Ben Bella, den ersten Präsidenten, in Tunesien kennenlernen konnte.

Inzwischen hat sie, immer noch verheiratet mit Jo, der ebenfalls von Anfang an fremdging, auch einen neuen Liebhaber gefunden, den Algerier Amara, der sie seiner Familie vorstellt. In Algerien arbeitet sie im Gesundheitsministerium und erhält von Ben Bella sogar die Staatsbürgerschaft. Am neuen Staat gefällt ihr die sozialistische Ausrichtung, die sie sich auch für das Nach-Kriegs-Frankreich gewünscht hätte. Doch die Regierung ist von Beginn an auf die Macht der Armee angewiesen, die ebenfalls nach der Herrschaft schielt, sodass der neue Staat bald zu einem Militärregime wird.

Der Text macht gegen Ende einen Sprung: 40, 50 Jahre später lebt Anne Beaumanoir im Süden Frankreich, in Dieule in der Drôme, wo sich im Zweiten Weltkrieg ein Zentrum der Résistance befand. Die 96-Jährige hat einen Zweitwohnsitz in der Bretagne, wo sie mit dem Auto hinfährt, um Kindern vom Ungehorsam zu berichten und Freunde zu besuchen. Sie engagiert sich bis heute mit Vorträgen gegen Rassismus, Nationalismus und Fanatismus.

Der Text ist ganz klar ein transnationales Projekt, welches zum Ziel hat, kulturell, politisch und sprachlich zwischen Frankreich und Deutschland zu vermitteln und so zur Verständigung zwischen den beiden befreundeten Nationen beizutragen. Denn das Epos arbeitet ein Stück französisch-deutscher Geschichte auf, die Besatzung, Kollaboration und Résistance während des Zweiten Weltkriegs, die vornehmlich aus französischer Perspektive betrachtet. Über die deutsche Offensive auf Frankreich zwischen Mai und Juni 1940 heißt es etwa:

Diese sechs Wochen
– dass es sechs Wochen sind und nicht
wenigstens Monate und dass die deutschen Truppen
statt auf Beton auf Butter stoßen – sitzen den
Franzosen achtzig Jahre später immer noch
in den Knochen.

Dazu sind immer wieder französische Begriffe in den Fortgang des Textes eingestreut, werden kulturkundliche Begriffe aus Frankreich wie Laizismus, also die Trennung von Staat und Kirche, den deutschen Leserinnen und Lesern erläutert. Man merkt daran, dass die Autorin Anne Weber, geboren 1984 in Offenbach am Main, seit 1993 in Frankreich lebt und als Übersetzerin und Schriftstellerin arbeitet.

Mit viel Hingabe, Wärme und einem hin und wieder aufscheinenden Witz erzählt Anne Weber vom Leben der Annette Beaumanoir. „Die Kraft von Anne Webers Erzählung kann sich mit der Kraft ihrer Heldin messen“, lautete die Begründung der Jury für die Vergabe des Deutschen Buchpreises 2020. Es sei „atemberaubend, wie frisch hier die alte Form des Epos klingt“.

Das Buch stützt sich auf Begegnungen mit Anne Beaumanoir und ihre Erzählungen sowie auf das Erinnerungsbuch „Le feu de la mémoire“ (Verlag Bouchène, 2000), welches auf Deutsch unter dem Titel „Wir wollten das Leben ändern“ in zwei Teilen beim Verlag Contra-Bass erschienen ist. Der erste Teil heißt „Leben für Gerechtigkeit. Erinnerungen 1923 bis 1956“ (2019, Edition Contra-Bass), der zweite Teil „Kampf für Freiheit. Algerien 1954 bis 1965“ (2020, Edition Contra-Bass).

Bewertung: 5/5

Bibliographische Angaben:
Autorin: Anne Weber
Titel: Annette, ein Heldinnenepos
Verlag: Matthes & Seitz
Erscheinungsdatum: 28.02.2020
Seiten: 208
ISBN: 9783957578457
Kaufpreis: 22 €

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Dieser Text ist auch bei TITEL Kulturmagazin erschienen.

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