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„All das zu verlieren“ von Leïla Slimani

Leila Slimani: All das zu verlieren. München: Luchterhand 2019. 224 Seiten. 22 Euro.
(© Luchterhand)

Die französisch-marrokanische Schriftstellerin Leïla Slimani wuchs in Marokko auf. Ihre Familie gehört zur Elite Marokkos, ihr Vater war Bankier und ein hoher marokkanischer Beamter. Sie studierte an der Pariser Eliteuniversität Sciences Po und arbeitete danach für die Zeitschrift Jeune Afrique. Heute lebt Slimani mit ihrer Familie in Paris.

„All das zu verlieren“ ist ihr Debütroman. Er handelt von Adèle, einer Pariserin, der es scheinbar an nichts fehlt. Sie hat eine Familie, einen Mann, der Chirurg ist, und einen fast dreijährigen Sohn, Lucien. Sie fahren übers Wochenende ans Meer, gehen abends zu Abendessen mit anderen Familien, denen es ebenfalls gut geht, und planen ihre gemeinsame Zukunft. Und dennoch spürt Adèle, die als Journalistin für eine Pariser Tageszeitung arbeitet, eine Leere in sich, die sie ihrem Mann nicht offenbart.

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„Vater unser“ von Angela Lehner

Angela Lehner: Vater unser. Berlin: Hanser Berlin. 284 Seiten. 22 Euro. (© Hanser Berlin)

Angela Lehners Debütroman „Vater unser“ ist ein quirliger, aufgekratzter Text. Lehner schrieb ihre Bachelorarbeit über das unzuverlässige Erzählen. Und eine eben solche unzuverlässige Erzählerin, Eva Gruber, begleitet uns durch diesen Roman, der in der Psychiatrie eines alten Wiener Spitals spielt. Von Polizisten in das Spital gebracht, erzählt Eva Gruber, dem Chef der Psychiatrie, Dr. Kolb, wieso sie durch eine unglückliche Verkettung von Zufällen in die Psychiatrie gelangte.

In einem unvergleichlich frechen Tonfall und mit viel Witz blickt dieser Roman auf das Geschehen in einer Psychiatrie – und die Geschehnisse, die womöglich dorthin führten.

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„Anne-Marie die Schönheit“ von Yasmina Reza

Yasmina Reza: Anne-Marie die Schönheit. München: Hanser 2019. 79 Seiten. 16 Euro.
(© Hanser Verlag)

Yasmina Reza ist bekannt für Texte wie „Kunst“ oder „Gott des Gemetzels“, in denen eine bürgerliche Fassade zunächst starke Risse bekommt und schließlich zusammenbricht. In „Anne Marie die Schönheit“ setzt sie ihr Schreiben in diesem Stil fort, schlägt aber sanftere, wenn auch immer noch rasante Töne an.

In ihrem neuen Buch bringt die Erzählerin die Illusion eines ganzen Schauspielerinnenlebens zum bröckeln, wenn Anne-Marie, eine alternde Schauspielerin, am Ende ihrer Karriere Bilanz zieht über das, was sie zustande gebracht hat. Diese Bilanz geschieht im Vergleich mit der erfolgreicheren Kollegin Giselle, die mit ihrer lässigen Attitüde die großen Rollen abbekommen hat, während Anne-Marie nur in einem Vorstadttheater von Paris gelandet ist und sich mit Nebenrollen begnügen musste.

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„Winterbienen“ von Norbert Scheuer

Norbert Scheuer: Winterbienen. C. H. Beck 2019. (© C. H. Beck Verlag)

Norbert Scheuers „Winterbienen“ war 2019 für den Deutschen Buchpreis nominiert. Das Buch spielt in der Eifel. Im Tagebuchstil beschreibt der Protagonist Egidius Arimond die Zeit zwischen dem Winter 1944 und dem Mai 1945, also die letzten Jahre des Zweiten Weltkrieges. Sprachlich ist das Buch sehr prägnant und präzise verfasst, sodass es sich leicht lesen lässt. Es ist ein eindrückliches Lesevergnügen.

Inhaltlich geht es darum, wie der ehemalige Latein- und Geschichtslehrer Egidius Arimond die letzten Jahre des Zweiten Weltkrieges er- und überlebt. Der aus dem Dienst entlassene Lehrer schwebt aus mehreren Gründen in Gefahr: Zunächst ist er an Epilepsie erkrankt und auf die immer rarer werdenden Medikamente angewiesen, die ihm manchmal sein Bruder von der Front schickt, manchmal der Apotheker vor Ort besorgen kann. Dann lässt er sich auf verschiedene Frauengeschichten ein. Und zuletzt, die schwerwiegendeste Gefahr unter all diesen, transportiert der Imker in präparierten Bienenstöcken regelmäßig Juden an die belgische Grenze.

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„Und ich war da“ von Martin Beyer

Martin Beyer: Und ich war da. Ullstein.

Der Bamberger Autor Martin Beyer schreibt mit „Und ich war da“ einen Roman über einen Mitläufer im Zweiten Weltkrieg. Zunächst erleben wir den Alltag von August Unterseher, des Ich-Erzählers und Protagonisten, auf dem väterlichen Bauernhof. Er und sein Bruder Konrad werden vom zuerst nur tyrannischen, später auch saufenden Vater zur Arbeit getrieben und müssen sich vor seinen Ausfällen in Acht nehmen, wenn sie nicht spuren. Die Mutter ist bereits tot.

Vor dem Krieg erleben die beiden Brüder eine Zeit zwischen Hitlerjugend und Bauernhof. Konrad, Augusts Bruder, macht sich gut in der Hitlerjugend und wird zum Reichsarbeitsdienst (RAD) eingezogen. August lernt Paul, einen Querdenker, kennen, dessen Familie sich später ins italienische Exil zu retten versucht. Außerdem macht August die Bekanntschaft seiner ersten Liebe, der Kommunistin und Schwarzhändlerin Isa.

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„Was zu dir gehört“ von Garth Greenwell

Garth Greenwell: „Was zu dir gehört.“ Aus dem Englischen von Daniel Schreiber. Berlin: Hanser Berlin.

Der gelobte Debütroman „Was zu dir gehört“ besticht durch die Fähigkeit des Autors, die Beziehungen der Protagonisten sezierend zu analysieren. Im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen dem namenlos bleibenden Erzähler, der als Universitätsdozent für Englisch in Bulgarien arbeitet und dorthin eingewandert ist, und Mitko, einem arbeitslosen Bulgaren, der von der Hand in den Mund lebt und sich mitunter als Stricher verdingt.

Die Beziehung der beiden beginnt in einem denkbar unschönen Ort, in einer sogenannten Klappe, einer öffentlichen Toilette, von wo sie sich bis in das private Zimmer des Erzählers voranarbeitet. Das Ungleichgewicht der Kräfte in dieser gegenseitigen Abhängigkeit spielt von Beginn an eine Rolle und wird sich bis zum Abbruch der Beziehung durchziehen. Mitko ist dem Erzähler, einem finanziell sorglos in Bulgarien lebenden Eingewanderten, ökonomisch unterlegen, während der Erzähler von Mitkos verführerischem Äußeren und seinem bisweilen fast kindlichem Charme sexuell abhängt. Diese Abhängigkeit beschreibt in knapper Form die beiden Pole weiter Teile des Romans.

Der Text widmet sich den meisten Themenkomplexen, die mit schwuler Sexualität verbunden sind: Sexuelle Promiskuität ist ebenso ein zentraler Gegenstand des Romans wie der Umgang mit der sexuellen Krankheit Syphilis im Kapitel „Maladie française“ und die damit verbundene Scham und gesellschaftliche Ächtung. Zudem wird im Mittelteil des Textes, der der schwächste Teil ist, der Umgang der Familie des Erzählers mit seiner Homosexualität diskutiert.

Insgesamt handelt es sich um einen lesenswerten Roman für all diejenigen, denen es nicht zuwider ist, sich mit der nicht immer logischen Beziehung der beiden Protagonisten auseianderzusetzen. Dabei sei angemerkt, dass die Sprache und der Stil des Romans über den gesamten Umfang des Werks ausgezeichnet sind. Die Gefühle, Stimmungen und inneren Welten der Protagonisten werden in oft unerbittlicher Weise vor Augen geführt, was mir besonders gut gefällt, obwohl es auch langatmig werden kann, wenn es zu sehr eingesetzt wird.

Bewertung: 4/5

Garth Greenwell: „Was zu dir gehört.“

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David Foenkinos: „Die Frau im Musée d’Orsay“

David Foenkinos (2018): Die Frau im Musée d’Orsay. Penguin Verlag.

David Foenkinos schreibt mit seinem neuen Roman „Die Frau im Musée d’Orsay“ einen Roman der Schicksalswendungen und der schicksalhaften Verknüpfungen. Ja, wenn man das Buch weglegt, fühlt man sich fast ein wenig an die klassischen Tragödien aus französischer Feder erinnert, da hier so viele sich am Ende fatal auswirkende Begegnungen und Verfremdungen intrigenhaft ineinandergreifen.

Und doch ist dieses Buch ein Werk für sensible Seelen. Es ist spannend geschrieben und lädt doch zum Nachdenken ein. Denn es handelt von dem Professor Antoine Duris, der sein äußerlich erfolgreiches Leben an der Hochschule der Schönen Künste in Lyon zurücklässt, um nach Paris zu ziehen. Dort wird er… Saalaufsicht im Musée d’Orsay. Er erzählt niemand von seinem überraschenden Umzug nach Paris, nicht einmal seinen Verwandten. Und ebenso kann sich niemand erklären, weshalb Antoine Duris so plötzlich seine Stelle als beliebter Professor hinter sich lässt.

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Ein Monument für Mordechai

Uwe von Seltmann: Es brennt: Mordechai Gebirtig, Vater des jiddischen Liedes. homunculus 2018.

Doch der Autor beschäftigt sich auch in allgemeiner Weise mit der jüdischen Kultur, der Geschichte und der politischen Situation des Judentums zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Einen Teil seines Werks widmet der Publizist Uwe von Seltmann dem jüdischen Leben vor dem Zweiten Weltkrieg und während der Shoah. Zudem erhalten zeitgenössische Literaturkritiker und Feuilletonisten sowie Freunden und Weggefährten Gebirtigs das Wort, die die Shoah, anders als Gebirtig, überlebten.

Mit „Es brennt“ würdigt Uwe von Seltmann den bekannten jüdischen Dichter und Liedermacher Mordechai Gebirtig und dessen Lebenswerk, etwa 120 bis heute gesungene jiddische Volkslieder, in voller Breite. In 12 Kapiteln und auf insgesamt über 300 Seiten legt der Autor die Lebensumstände Gebirtigs und sein Liederwerk ausführlich dar.