In Ausfahrt Niemandsmeer erkunden Bettina von Minnigerode und Günter Eichberger eine spät wiederaufgenommene Beziehung
„Wer sich aufs Meer hinauswagt, kann darin untergehen, aber die am Strand zurückbleiben, sterben auch.“ Dieser Satz bezeichnet das Wagnis, das Bettina von Minnigerode und Günter Eichberger in Ausfahrt Niemandsmeer unternehmen. Zwei Menschen brechen zu einer gemeinsamen Fahrt auf, ohne dass ihnen Ziel, Route oder überhaupt die Beschaffenheit ihres Gefährts sicher wären. Ihr Boot ist die Sprache. Das Meer besteht aus Erinnerungen, politischen Überzeugungen, sexuellen Erfahrungen und den Bildern, die sie sich voneinander machen. Gerade weil diese Ausfahrt kein harmonisches Zueinanderfinden verspricht, entwickelt sie ihren besonderen Reiz.
Das Buch bezeichnet sich selbst als „Sprachspiel für zwei Mitspieler:innen“. Jasna imaginiert darin einen Korrespondenzpartner, den sie Dichterdings nennt; er wiederum nennt sie Limette, während sie ihn als Stechapfel anspricht. Die Pflanzennamen spielen auf die Namen an, welche die beiden Schreibenden im Pegnesischen Blumenorden tragen. Das ist mehr als ein privates Erkennungszeichen. Wie die Schäfernamen der barocken Sprachgesellschaft schaffen Limette und Stechapfel eine poetische Zwischenexistenz: Die Schreibenden treten zugleich als Personen, Figuren und Rollen auf. Die Limette ist sauer und erfrischend, der Stechapfel schön und giftig. Bereits diese Zuordnungen enthalten Zuneigung und Stichelei, Nähe und Abwehr.
Von Minnigerode und Eichberger fanden erst spät über die Literatur zueinander. Während ihres Studiums waren sie einander in Graz bereits begegnet, ohne damals näher in Kontakt zu treten. Das Buch holt diese versäumte Begegnung nicht einfach nach. Es untersucht vielmehr, was aus ihr im Rückblick geworden sein könnte. Schreiben erscheint dabei als nachträgliche Möglichkeit, ein ungelebtes Verhältnis zu erproben. Die beiden Stimmen bewegen sich zwischen Korrespondenz und Erzählung, autobiografischer Erinnerung und Fiktion, gedanklichem Austausch und imaginierter Liaison. Wer hier mit wem spricht, bleibt bewusst in der Schwebe.
Gerade diese Unentschiedenheit trägt das Buch. Die Beziehung zwischen Limette und Stechapfel changiert zwischen gemeinsamem Schreiben, erotischer Annäherung sowie Selbst- und Fremderkundung. Beide entwerfen nicht nur den anderen, sondern erfinden sich in dessen Blick auch selbst. Dabei entsteht keine schlichte Liebesgeschichte. Immer wieder werden Distanz, unterschiedliche Lebenswege und die Unsicherheit der eigenen Projektionen sichtbar. Der Text spricht von einer Waage, die „nicht geeicht“ sei: Auch das gemeinsame Buch verteilt Nähe, Deutungshoheit und Verletzlichkeit nicht notwendig gleichmäßig.
Hinzu kommt Undine, der beide Figuren nachtrauern und mit der sie erotische Erinnerungen verbinden. Sie bildet einen dritten Bezugspunkt, der das Verhältnis öffnet und zugleich verkompliziert. Das Begehren lässt sich nicht auf ein Paar reduzieren. Es wandert zwischen erinnerten und imaginierten Körpern, zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Die Ausfahrt ins Niemandsmeer führt daher nicht in die gesicherte Zweisamkeit, sondern in ein Beziehungsgeflecht, dessen Wirklichkeit sich nicht eindeutig bestimmen lässt.
Formal entspricht dem eine bewegliche, mitunter sprunghafte Komposition. Erzählende Passagen wechseln mit direkter Anrede, Reflexionen, Liedzeilen, Zitaten und Sprachspielen. Überschriften wie „Lug und Trug – in einem Zug“, „Iber de Brigg“ oder „Törn Törn Törn“ zeigen die Lust an Klang, Mehrdeutigkeit und überraschenden Verbindungen. Wörter sollen nicht nur etwas bezeichnen; sie sollen Brücken schlagen, Grenzen überschreiten und neue Begegnungen ermöglichen. Am stärksten ist das Buch dort, wo sich aus solchen Assoziationen tatsächlich eine zweite Bedeutungsebene ergibt: wenn die Seefahrt zugleich Aufbruch, Altersbild, Liebesversuch und poetisches Verfahren ist.
Ausfahrt Niemandsmeer lässt sich als Alterswerk lesen, allerdings nicht im Sinne eines abgeklärten Spätwerks. Das Buch blickt zurück auf versäumte Begegnungen, frühere Liebesverhältnisse, politische Kämpfe, Verwundungen und die Veränderungen des Körpers. Seine Stimmen wissen um Endlichkeit und Tod. Gerade daraus entsteht jedoch kein Rückzug. Die späte Begegnung wird vielmehr zum Anlass, noch einmal aufzubrechen und das Gewesene anders zu erzählen. Alter bedeutet hier nicht Ruhe, sondern eine gesteigerte Dringlichkeit: Was noch gesagt, begehrt und bestritten werden soll, muss jetzt geschehen.
Diese Dringlichkeit bestimmt auch die politischen Passagen. Das Buch bezieht Position gegen Faschismus, gesellschaftliche Normierung, Umweltzerstörung und die Ausgrenzung jener, die sich in einer vorgegebenen Welt nicht zurechtfinden. Das Niemandsmeer erscheint als Raum für „seltsame Geschöpfe“, die Weglosigkeit benötigen, um überleben zu können. Darin liegt eine überzeugende poetische Vorstellung von Freiheit: Nicht die vorgeschriebene Route, sondern der eigene, schwankende Kompass weist den Weg.
Allerdings gerät die politische Entschiedenheit stellenweise in Aufgebrachtheit. Wo Beobachtungen, Anklagen und Bekenntnisse zu rasch aufeinanderfolgen, wird aus dem offenen Sprachraum eine Ansammlung bereits feststehender Urteile. Die Metaphern dürfen dann weniger entdecken, als dass sie politische Positionen illustrieren müssen. Das Engagement ist nachvollziehbar und gehört untrennbar zum Buch; ästhetisch überzeugender wirkt es jedoch dort, wo Widersprüche, Figuren und Bilder selbst sprechen. Das Niemandsmeer verliert an Weite, wenn jede Boje schon mit einer eindeutigen Botschaft versehen ist.
Besonders konsequent nimmt das Buch den Grundsatz ernst, dass das Sexuelle politisch ist. Körper und Sexualität erscheinen nicht als altersloses romantisches Dekor. Weibliches Begehren, sexuelle Arbeit, Verletzbarkeit und Machtverhältnisse werden ausdrücklich thematisiert. Bemerkenswert sind vor allem die Passagen über den weiblichen Genitalbereich und die Vulva. Sie vermitteln Körperwissen, das in der Literatur noch immer erstaunlich selten vorkommt, und widersetzen sich jener sprachlichen Scham, durch die weibliche Anatomie entweder verschwiegen oder erotisch zugerichtet wird. Das Buch macht den Körper zu einem Ort von Erfahrung und Erkenntnis.
Nicht jede dieser Erkundungen fügt sich bruchlos in den Textfluss. Doch der Bruch gehört zum Programm: Eine Literatur, die andere Körper und Lebensalter sichtbar machen will, muss auch gegen tradierte Formen des Sagbaren verstoßen. Zugleich setzt sich der männliche Blick mit Erinnerungen an Frauen, Sexarbeit und frühere Begegnungen auseinander. Gerade im Wechsel der Stimmen treten die Unterschiede zwischen Selbstbild, Fremdwahrnehmung und Begehren hervor.
Ausfahrt Niemandsmeer ist deshalb weniger ein Roman mit geschlossenem Handlungsbogen als eine literarische Versuchsanordnung. Das Buch fragt, was zwischen zwei Menschen entstehen kann, die einander spät wiederfinden und sich schreibend näherkommen, ohne ihre Verschiedenheit aufzugeben. Seine Überfülle, seine Abschweifungen und seine politische Erregung machen die Lektüre gelegentlich anstrengend. Doch sie gehören auch zum Mut dieses ungewöhnlichen Gemeinschaftswerks. Limette und Stechapfel erreichen kein sicheres Ufer. Entscheidend ist, dass sie die Fahrt überhaupt wagen.
Ausfahrt Niemandsmeer ist ein eigenwilliges Gemeinschaftswerk zweier spätberufener Literaten mit unverkennbarem Schreibtalent. Seine Stärke liegt in der ungewöhnlichen Beziehungskonstellation, der Offenheit gegenüber Alter und Sexualität sowie seinem politischen Widerspruchsgeist. Seine Schwäche besteht darin, dass es diesem Reichtum zu wenig formale Strenge entgegensetzt. Zu vieles bleibt kursorisch, zu manches wirkt willkürlich aneinandergereiht, manches hätte stärker geschliffen und gefeilt werden müssen. Limette und Stechapfel erreichen deshalb nicht immer die literarische Tiefe, zu der ihre gemeinsame Versuchsanordnung fähig wäre. Dennoch lohnt ihre Ausfahrt: weniger als vollkommen gelungenes Buch denn als mutiges, widersprüchliches Dokument einer späten Begegnung, die sich schreibend noch einmal ins Offene wagt.
