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Comic & Graphic Novel Rezension

„Die Vunderwollen“ von Camille Jourdy

Camille Jourdy, 1970 in Chenôve, Frawiderstännkreich geboren, ist die Autorin der Graphic Novel „Rosalie Blum“ (Reprodukt, 2012), für deren abschließendes Kapitel sie 2010 auf dem Comicfestival in Angoulême ausgezeichnet wurde. Ihre neue Graphic Novel entführt uns in eine Welt der Wunder, Bizarrerien und Fabelwesen, in der ein tyrannischer Kater über die unterdrückten Untertanen regiert.

Ein wenig mutet „Die Vunderwollen“ wie eine moderne Umsetzung von Alice im Wunderland als Graphic Novel an. Denn los geht es damit, dass ein kleines Mädchen namens Jo sich beim Campingurlaub mit der Familie in den Wald davonstiehlt und dabei auf zwei Miniaturwesen stößt, die eine Krone tragen und auf winzigen Pferden reiten. Die beiden wollen sie zunächst abwimmeln, doch Jo bleibt ihnen hartnäckig auf den Fersen. Sie folgt ihnen durch einen dunklen Tunnel, der auf die Welt führt, wo die Fabelwesen hausen. Wer denkt bei dieser Geschichte nicht an das sprechende weiße Kaninchen, dem Alice durch einen Kaninchenbau folgt, woraufhin sie in ein Loch fällt und zum Eingang des Wunderlands gelangt?

Die Runde, auf die Jo jenseits des Tunnels trifft, ist ähnlich illuster wie die, auf die Alice im Wunderland stößt: ein Fuchs, ein Krokodil, Mischwesen, eine Fledermaus, eine junge Katze, ein Zyklop, der Miniaturkönig und seine Königin, menschenähnliche Wesen, Vögel mit Beinen, ein Hund. Jo freundet sich mit der verspielten kleinen Katze Nouk an, deren Mutter mit sechs anderen Widerständigen aus dem Wald im Kerker des Kaisers Kater eingesperrt ist:

„Er nennt sich ,Kaiser‘, dabei ist er bloß ein fieser fetter Kater. Er will immer alles bestimmen, und wer damit nicht einverstanden ist, den sperrt er ein.“

Nouk

Die Freunde aus dem Wald wollen die Gunst der Stunde nutzen, um die Eingekerkerten zu befreien. Denn wie sie herausgefunden haben, sind an diesem Tag, dem Geburtstag des Kaisers, die Tore des Schlosses für all diejenigen geöffnet, die in Verkleidung herbeikommen, da es bei Hofe ein Kostümfest gibt. Sie bereiten eine List vor: Auf dem Wagen, auf dem sie zum Schloss fahren, verstecken sie in einem riesigen Kuchen Waffen, um damit ihre Freunde freizukämpfen. Doch der Plan geht ordentlich schief. Weil Nouk und Jo nicht verkleidet sind, fliegen sie auf. Nach einem Kampf mit den Wachen des Schlosses – allesamt rosafarbene Vögel – landen auch die Befreier im Kerker.

Köstlich überzeichnet und mit viel Witz dargestellt ist die Tyrannenherrschaft des Katers, der sich seinen Launen völlig hingibt. Die Wachen und sein übriges Personal müssen ihm willfahren und machen hin und wieder eine spöttische oder frustrierte Bemerkung. Dabei merkt man: Auch die Angestellten eines Tyrannen sind nur Menschen. Allein Jo und Maurice, der Fuchs, konnten dem Griff der Wachen entkommen. Als sie sich in einer Mülltonne vor den Wachen verstecken, werden sie gewaltsam vor die Tore des Schlosses befördert.

Sie können nun nicht einfach zurück ins Schloss, um ihre Freunde zu befreien. Stattdessen gehen sie in den nahegelegenen Wald. Alles, was ihnen bleibt, ist eine Karte, die sie nicht entziffern können. Erst ein sechsbeiniger Hund, der bunte Stiefel trägt und wie alle Wesen sprechen kann, hilft ihnen, gemeinsam mit kleinen feenhaften Flügelwesen, die Karte zu entschlüsseln. Darauf sind Geheimgänge eingezeichnet, die durchs Kellergeschoss ins Schloss führen. Dass es nicht einfach ist, über die Geheimgänge ins Schloss zu gelangen, sagt der Hund namens Pompon gleich dazu.

Pompon möchte Jo für eine Weile auf ihrem Weg begleiten, mit einer Einschränkung: „Aber ich sag dir gleich: Wenn’s Ärger gibt, kannst du nicht auf mich zählen.“ Da stößt Maurice, der Fuchs, wieder zu ihnen, der sich in der Zwischenzeit an Pompons Essensvorräten zu schaffen gemacht hat. Nun kann die Reise beginnen.

Die drei Gefährten erwartet eine kleine Odyssee durch den düsteren Wald. Zunächst überqueren sie die Brücke über den Fluss, obwohl Pompons tote Großmutter, an der er immer noch hängt, ihm das verboten hat. Da kommt eine Herde von „Vunderwollen“ angesaust und zerstört durch ihr Ungestüm die Brücke. Der titelgebende Name Vunderwolle ist die Bezeichnung für bunte Pferde mit Haaren in Regenbogenfarben, die wie Einhörner ohne Horn aussehen und die in freier Wild nur noch selten vorkommen, weil Kaiser Kater sie einfängt und sammelt.

Da die Brücke nun kaputt ist, müssen die drei einen Umweg um den Berg zur anderen Brücke machen. Dieser Weg ist gesäumt von so manchem Abenteuer und einigen Gefahren: zunächst krokodilartige Killerfische, dann die Ebene des Vergessens, in der man durch Süßigkeiten und einlullende Lieder in den Zustand eines Kleinkindes versetzt werden soll, wenn man sich nicht rechtzeitig von der Verführung befreit, schließlich eine Hexenhütte mit giftigen Äpfeln, drei zankenden Hexen und einer verliebten alten Hexe.

Nach diesen Prüfungen gelangen die drei Gefährten endlich zur Brücke und daraufhin durch einen Geheimgang ins Schloss. Ihre eingesperrten Freunde haben unterdessen ein Loch im Boden des Kerkergefängnisses gefunden, durch das sie nach draußen zu kommen versuchen. Einige von ihnen wurden allerdings abkommandiert, um den König bei einem Hoppe-hoppe-ärgere-dich-nicht-Spiel in Lebensgröße zu unterhalten, das zum Anlass seines Geburtstages vor dem höfischen Publikum veranstaltet wird. Das Spiel hat erstaunliche Ähnlichkeiten mit Mensch-ärgere-dich-nicht.

Während der König sich noch mit Musik, Kuchen und Tanz unterhalten lässt, treffen die Freunde zusammen und bewaffnen sich.

Der Hofstaat versammelt sich nichtsahnend zum Hoppe-hoppe-ärgere-dich-nicht-Turnier im Park des Schlosses. Das Spiel ist an Absurdität und Willkür kaum zu überbieten. Unterdessen hecken die Freunde einen Plan aus. Es kommt schließlich zum Showdown, bei dem auch die zuvor gedemütigten Vunderwollen eine entscheidende Rolle übernehmen.

„Die Vunderwollen“ ist ein liebevoll gestaltete Graphic Novel mit vielen Details. Die Hauptfigur Jo und ihre beiden Freunde Maurice und Pompon sind auf Anhieb sympathisch. Die übrigen Freunde aus dem Wald, die allerdings die meiste Zeit eingesperrt sind, überzeugen durch ihren Widerstand gegen den Tyrannen sowie ihren Zusammenhalt in der Gruppe. Obwohl es einmal zu Streit kommt, raffen sie sich am Ende wieder zusammen, um den Kaiser zu besiegen. Man gewinnt die kleinen Details und Absurditäten dieses wundervollen (richtig geschrieben!) Reiches mit seinen eigentümlichen, aber liebenswerten Einwohnern im Laufe der Lektüre sehr lieb.

Camilly Jourdy hat die Reise ihrer kleinen Helden mit einigen witzigen und interessanten Ideen versüßt. So sprechen die Vunderwollen, die bunten Pferdewesen, zum Beispiel meist in Alliterationen. Sie lästern an einer Stelle folgendermaßen über den herrschsüchtigen Kater: „Lass uns lieber lustig lästern. Kaiser Kater kotzt uns an. Verwöhnt, verrückt, verkalkt.“ Der Kaiser selbst hat dieselben unerträglichen, aber mitunter auch unterhaltsamen Launen wie die rote Königin in Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“. Dazu zählt vor allem seine tyrannische Wesensart, mit der teilweise menschliche Züge wie seine Vorliebe für Bananen und kalte Milch verknüpft sind. Der Kaiser lässt die eigentlich bunten Pferde, die er gefangen hält, immer wieder bunt anmalen, da sie in Gefangenschaft ihre bunte Färbung verlieren. Er zeigt also die typischen launischen Auswüchse eines Alleinherrschers ohne Maß.

Ein weiteres Schmankerl ist der Zahlencode, der eingegeben werden muss, als Jo, Maurice und Pompon den geheimen Eingang zum Schloss finden. Dieser Code entspricht dem Jahr der Französischen Revolution – 1789 – , welches, wie Jo von ihrer Mutter weiß, angeblich fast überall als Code hergenommen wird.

„Die Vunderwollen“ ist eine fantasiereiche Lektüre, die die Wunder im Kleinen findet. Man geht damit auf ein Abenteuer durch einen verzauberten Wald, der voller verrückter Ideen steckt, angenehme Gefährten, ein kämpferischer Widerstand und ein tyrannischer Herrscher eingeschlossen. Die bunten Aquarellzeichnungen sind sehr gelungen und bis ins Kleinste arrangiert. Am Ende heißt es wie bei jedem guten Märchen: Ende gut, alles gut.

Bewertung: 4/5

Bibliographische Angaben:
Zeichnerin/Autorin: Camille Jourdy
Lettering: Olav Korth; Redaktion: Wiebke Helmchen
Titel: Die Vunderwollen
Übersetzung aus dem Französischen: Annette von der Weppen
Verlag: Reprodukt
Erscheinungsdatum: 06.10.2020
Seitenzahl: 160
ISBN: 9783956402357
Kaufpreis: 24 €

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar, welches ich im Rahmen meiner Tätigkeit für TITEL Kulturmagazin erhielt. Die Tatsache, dass es sich um Leseexemplar vom Verlag handelt, beeinflusst meine Meinung nicht.

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