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Die Politik der Verdrängung

Vielleicht sind die gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatten weniger Ausdruck einer gesteigerten politischen Wachheit als vielmehr Symptom einer großen Verdrängung. Es wird gesprochen, gestritten, zugespitzt, moralisiert und mobilisiert. Es werden Feinde benannt, Grenzen beschworen, Zugehörigkeiten geprüft, Identitäten sortiert. Doch gerade in dieser Überfülle an Rede zeigt sich etwas, das nicht wirklich zur Sprache kommt. Die Oberfläche ist laut. Darunter aber arbeitet eine Angst, die sich selbst nicht erkennen will.

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Denn vieles, was heute politisch verhandelt wird, ist nicht nur politisch. Es ist aufgeladen mit seelischem Material. Mit Unsicherheit, Kränkung, Kontrollverlust, Abstiegsangst, Scham, Schuld, Neid, Todesangst, Ohnmacht. Mit all dem, was in einer Gesellschaft keinen guten Ort mehr findet, weil sie sich selbst unablässig als stark, leistungsfähig, souverän und zukunftssicher erzählen muss. Was in dieses Bild nicht passt, wird nicht verstanden, sondern verschoben. Es sucht sich eine äußere Gestalt. Es braucht einen Körper, einen Namen, ein Gesicht.

So entstehen Sündenböcke.

Der Migrant. Der Muslim. Die Geflüchtete. Die queere Person. Die angeblich fremde Kultur. Die Minderheit, die plötzlich für alles stehen soll, was eine Mehrheit an sich selbst nicht aushält. Für Unordnung. Für Kontrollverlust. Für Veränderung. Für den Riss in einer Welt, die es in dieser Geschlossenheit vielleicht nie gegeben hat. Aus konkreten Menschen werden Zeichen. Aus sozialen Wirklichkeiten werden Chiffren. Aus Nachbarn, Kolleginnen, Mitschülern, Pflegekräften, Kindern und Familien werden Projektionsflächen einer Bedrohungserzählung.

Das Stereotyp ist dabei keine harmlose Vereinfachung. Es ist eine psychische Technik. Es verdichtet Angst. Es macht das Unübersichtliche handhabbar. Es behauptet, das Problem habe eine erkennbare Gestalt. Man müsse nur genauer hinsehen, härter durchgreifen, konsequenter abschieben, klarer abgrenzen, mutiger aussprechen, was angeblich alle denken. Dann, so lautet das Versprechen, werde sich die Unruhe legen. Dann werde Ordnung einkehren. Dann werde die Welt wieder lesbar.

Doch das ist der Kern der Verdrängung: Sie verwechselt Erleichterung mit Erkenntnis.

Max Czollek hat diese Diagnose der Verdrängung in besonderer Weise auf den deutschen Umgang mit Holocaust und Shoah bezogen: auf das Bedürfnis, sich nachträglich in eine Erzählung der Läuterung einzuschreiben, ohne die Unruhe der Geschichte wirklich auszuhalten. Diese Perspektive bleibt zentral. Denn auch die Gegenwart ist nicht frei von dem Wunsch, sich moralisch zu entlasten, ohne sich wirklich zu befragen. Doch die Verdrängung reicht weiter. Sie betrifft nicht nur das Verhältnis zur historischen Schuld. Sie betrifft das gesamte politische Feld.

Politik wird zunehmend zu einer Bühne, auf der unverarbeitete kollektive Ängste ausagiert werden. Es geht dann nicht mehr nur um Migration, Religion, Sicherheit, soziale Ordnung oder kulturelle Zugehörigkeit. Diese Themen werden zu Gefäßen. In sie wird hineingeschüttet, was anderswo entstanden ist: die Angst vor sozialem Abstieg, vor Bedeutungslosigkeit, vor dem Verlust vertrauter Rollen, vor der eigenen Verletzlichkeit, vor der Zukunft, vor der Endlichkeit. Und weil diese Ängste schwer auszuhalten sind, werden sie nach außen verlagert.

Was innerlich nicht geordnet werden kann, soll außen verschwinden.

Darin liegt die gefährliche Logik einer Politik der Verdrängung. Sie sagt nicht: Wir haben Angst und müssen verstehen, woher sie kommt. Sie sagt: Dort ist etwas, das uns Angst macht. Sie sagt nicht: Unsere Gesellschaft ist brüchig, ungerecht, erschöpft und orientierungslos. Sie sagt: Die anderen stören unsere Ordnung. Sie sagt nicht: Wir müssen über Arbeit, Wohnen, Bildung, Einsamkeit, Armut, Anerkennung und Zukunft sprechen. Sie sagt: Wir müssen über Grenzen sprechen. Über Leitkultur. Über Sicherheit. Über Rückführung. Über jene, die angeblich zu viel sind.

So wird Verdrängung politisch. Sie bleibt nicht im Inneren. Sie wird Sprache. Sie wird Verwaltungsakt. Sie wird Gesetzesverschärfung. Sie wird Talkshowformel. Sie wird Schlagzeile. Sie wird Wahlplakat. Sie wird Blick im Bus, Kommentarspalte, Schulhofsatz, Polizeikontrolle, Behördenentscheidung. Eine Gesellschaft, die ihre Ängste nicht versteht, beginnt, sie zu organisieren. Und irgendwann hält sie diese Organisation für Vernunft.

Doch es ist keine Vernunft. Es ist ein Bannungsritual.

Die Minderheit soll das tragen, was die Mehrheit nicht anschauen will. Sie soll die Unruhe aufnehmen, die aus der Mitte selbst kommt. Sie soll beweisen, dass das Problem draußen liegt. Dass man nicht bei sich beginnen muss. Dass man nichts Grundsätzliches ändern muss. Dass es genügt, die Störung zu markieren, zu verwalten, zurückzudrängen. Der Sündenbock entlastet, weil er die Welt einfach macht. Er schenkt eine kurze, dunkle Klarheit. Er erlaubt es, sich als Opfer zu fühlen, während man andere ausgrenzt.

Darin liegt die Ersatzbefriedigung dieser Politik.

Sie funktioniert wie eine schlechte Gewohnheit, von der man weiß, dass sie nichts löst, und an der man trotzdem festhält. Wie Rauchen. Für einen Moment beruhigt es. Die Hand hat etwas zu tun. Der Körper bekommt ein Signal. Die Spannung sinkt. Man atmet aus und glaubt, etwas sei leichter geworden. Aber es ist keine wirkliche Befriedigung. Es ist ein Ersatz für etwas, das fehlt. Für Ruhe. Für Nähe. Für Sinn. Für Trost. Für eine Sprache, die tiefer reicht als der Reflex. Und weil es nur Ersatz ist, kehrt das Bedürfnis wieder. Stärker, ungeduldiger, gereizter.

So auch in der Politik der Verdrängung. Der Sündenbock erlöst nicht. Er beruhigt nur kurz. Die Abschottung löst die Angst nicht. Sie verschiebt sie. Die Härte heilt keine Kränkung. Sie betäubt sie. Die Parole schafft keine Ordnung. Sie erzeugt nur das Gefühl, Ordnung sei möglich, wenn man endlich rücksichtslos genug wäre. Doch nach jeder Verschärfung bleibt die Leere. Nach jeder symbolischen Grenzziehung bleibt die Unruhe. Nach jedem moralischen Triumph kehrt die Angst zurück, weil ihr Ursprung nicht berührt wurde.

Darum muss die Politik der Verdrängung immer weitergehen. Sie kann nicht aufhören. Wer sein Heil im Ersatz sucht, braucht immer neue Dosen. Immer neue Feindbilder. Immer neue Begriffe, an denen sich Erregung entzünden kann. Heute Migration, morgen Gender, übermorgen Islam, dann wieder Kriminalität, Bürgergeld, Klima, Sprache, Kunst, Universitäten, Medien. Das Objekt wechselt. Der Mechanismus bleibt. Die Angst sucht sich ihre Maske.

Und je weniger Erlösung diese Politik bringt, desto aggressiver muss sie auftreten. Denn ihr Scheitern darf nicht als Scheitern erkannt werden. Wenn die versprochene Beruhigung ausbleibt, kann das nicht bedeuten, dass die Diagnose falsch war. Also muss der Feind noch größer sein, die Gefahr noch näher, der Verrat noch umfassender. Aus Unsicherheit wird Verschwörung. Aus Sorge wird Ressentiment. Aus politischer Debatte wird ein Kampf gegen Schatten, die man selbst erzeugt hat.

Hier zeigt sich die eigentliche Erschöpfung der Gegenwart: Die Vernunft hat an Anziehungskraft verloren, weil sie keine sofortige Entlastung verspricht. Sie ist langsam. Sie unterscheidet. Sie fragt nach Ursachen. Sie verlangt Selbstkritik. Sie mutet Komplexität zu. Sie sagt nicht: Dort ist der Schuldige. Sie sagt: Schauen wir genauer hin. Sie sagt nicht: Befreit euch von den anderen. Sie sagt: Prüft, wovor ihr wirklich Angst habt.

Das ist schwerer auszuhalten als jede Parole.

Denn Vernunft nimmt einem nicht die Angst. Sie verwandelt sie nicht sofort in Handlung. Sie erlaubt nicht die schnelle Geste der Überlegenheit. Sie verlangt, dass man sich selbst in das Bild hineinzeichnet. Dass man fragt, welchen Anteil die eigene Gesellschaft, die eigenen Institutionen, die eigenen Fantasien, die eigenen Versäumnisse an der Lage haben. Das ist mühsam. Es ist weniger berauschend als Empörung. Weniger tröstlich als Feindbilder. Weniger spektakulär als der Ruf nach Härte.

Aber nur dort beginnt Demokratie.

Nicht dort, wo Angst geleugnet wird. Auch nicht dort, wo sie regiert. Sondern dort, wo sie übersetzt wird in Sprache, Analyse und Gestaltung. Eine demokratische Kultur müsste deshalb nicht nur fragen, welche Positionen vertreten werden, sondern welche Affekte sie tragen. Sie müsste unterscheiden zwischen berechtigter Sorge und politisch bewirtschafteter Angst, zwischen Kritik und Ressentiment, zwischen notwendiger Ordnung und autoritärer Abwehr. Sie müsste erkennen, dass Minderheiten nicht deshalb gefährlich werden, weil sie etwas zerstören, sondern weil sie etwas sichtbar machen: die Brüchigkeit der Mehrheitserzählung.

Eine Gesellschaft, die sich selbst für selbstverständlich hält, empfindet jede Abweichung als Angriff. Eine Gesellschaft, die ihre Ordnung nicht begründen kann, verteidigt sie umso wütender. Eine Gesellschaft, die ihre Ängste nicht versteht, sucht nach Menschen, an denen sie diese Ängste festmachen kann. Und eine Gesellschaft, die das Eigene nicht befragen will, beginnt irgendwann, das Andere zu verdrängen.

Die Politik der Verdrängung verspricht Erlösung durch Ausschluss. Genau darin liegt ihre Lüge. Sie sagt: Wenn die anderen weg sind, wird es uns besser gehen. Wenn die Störung verschwindet, wird die Ordnung zurückkehren. Wenn die Minderheit schweigt, wird die Mehrheit wieder ruhig schlafen. Doch diese Ruhe wird nicht kommen. Denn die Angst, die nach außen verlagert wurde, bleibt innen bestehen. Sie wechselt nur ihre Adresse.

Vielleicht ist das die bitterste Einsicht: Man kann Sündenböcke vertreiben, aber nicht die eigene Leere. Man kann Grenzen schließen, aber nicht die eigene Endlichkeit. Man kann Minderheiten beschuldigen, aber nicht die eigene Verletzlichkeit abschaffen. Man kann sich politisch berauschen, aber irgendwann wird man wieder nüchtern.

Und dann steht man vor derselben Unruhe wie zuvor.

Eine demokratische Antwort müsste deshalb tiefer ansetzen. Sie müsste die Ersatzbefriedigungen der politischen Erregung als das benennen, was sie sind: kurzfristige Betäubungen, die keine Heilung bringen. Sie müsste fragen, warum so viele Menschen bereit sind, ihre Ängste in Ressentiment zu verwandeln. Warum die Sehnsucht nach Zugehörigkeit so leicht in Ausschluss kippt. Warum das Bedürfnis nach Ordnung so schnell autoritär wird. Warum sich manche erst dann handlungsfähig fühlen, wenn sie andere herabsetzen können.

Denn eine Politik, die Verdrängung mit Gestaltung verwechselt, wird nicht ruhiger, je erfolgreicher sie wird. Sie wird hungriger. Sie braucht immer neue Opfer, weil sie ihr eigentliches Problem nie berührt. Sie bekämpft nicht die Angst, sondern ihre Stellvertreter. Sie heilt nicht die Gesellschaft, sondern organisiert ihre Symptome.

Das Gemeinsame aber lässt sich nicht retten, indem man immer mehr von ihm ausschließt. Eine Demokratie, die sich selbst ernst nimmt, darf ihre Konflikte nicht auf Minderheiten abladen. Sie muss aushalten, dass die Angst nicht von außen kommt, nur weil sie dort am leichtesten zu sehen ist. Sie muss lernen, dass politische Reife nicht darin besteht, endlich härter zu werden, sondern genauer. Nicht darin, das Störende zu bannen, sondern zu verstehen, warum es als Störung erscheint.

Denn eine Gesellschaft, die ihre Ängste nicht versteht, wird sie irgendwann für Erkenntnisse halten. Und dann beginnt die eigentliche Gefahr: nicht dort, wo gestritten wird, sondern dort, wo der Sündenbock die Analyse ersetzt. Dort, wo Ersatzbefriedigung für Politik gehalten wird. Dort, wo Verdrängung als Klarheit auftritt. Dort, wo man glaubt, sich zu befreien, indem man andere loswerden will.

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